Efeu - Die Kulturrundschau

Frühstück mit tibetischem Porridge

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28.01.2016. Der FAZ rauschen die Ohren von Fortegewitter und Lamentolyrik in Wolfgang Rihms "Hamletmaschine". Die Filmkritiker feiern den scheuen Garrel'schen Touch. Rettet den Brutalismus in der Architektur, ruft der Freitag. Zeit online rümpft die Nase über den neuen Schmusekurs des Rappers Kendrick Lamar. Die NZZ legt sich unter einem Buddha-Kopf schlafen. Die Berliner Zeitung liest mit Abbas Khiders "Ohrfeige" das Buch der Stunde.

Architektur


City Planning Department Sheffield / Peter Womersley / Jack Lynn / Ivor Smith / Frederick Nicklin: Park Hill, 1957?-1961. Foto: Paolo Margari 2007

Rettet den Brutalismus, ruft Lennart Laberenz im Freitag. Die Aktion SOS Brutalism des Deutschen Architekturmuseums kommt ihm da gerade recht: Denn "mit der seltenen Ausnahme von Monografien über einzelne Architekten bestätigt der Überblick die ungute Ahnung: Während die Gegner des Brutalismus über die Form die sozialstaatliche Idee attackierten, ergötzten sich viele Freunde am Grusel der Ästhetik und neutralisierten die Ethik mittels tumblr-gerechten Architekturpornos."
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Stichwörter: Brutalismus

Literatur

Für die Berliner Zeitung unterhält sich Cornelia Geißler mit mit dem deutsch-irakischen Schriftsteller Abbas Khider über dessen neuen Roman "Ohrfeige": "'Stumm und starr vor Angst hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt', lautet der erste Satz. Der Iraker Karim Mensy zwingt seine Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde, sich einmal seine Geschichte anzuhören. Er ist es leid, immer nur als unvollständige Akte behandelt zu werden. In Rückblenden, die mal kurz zurückgehen, mal viele Jahre überspringen, erzählt er, wie es ihm unter den Deutschen ergangen ist. Die 'Ohrfeige' kann als Diskussionsbeitrag zu Flüchtlings-Obergrenzen und Abschiebung gelesen werden: Es ist das Buch der Stunde!"

Weitere Artikel: In der Wiener Zeitung entschuldigt sich Klaus Kastberger bei Daniel Kehlmann für seine Plagiatsvorwürfe. "Die Wirklichkeit kommt zurück", stellt Zeit-Autorin Elisabeth von Thadden beim Blick ins literarische Frühjahrsprogramm fest. In der NZZ würdigt Roman Bucheli die großartige Arbeit Schweizer Verlage (oft Kleinstverlage) auf dem Gebiet des literarischen Übersetzens. FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg wird Verlegerin bei Piper, meldet die Welt. Karl-Markus Gauß (SZ) und Lorenz Jäger (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Ismail Kadare zum Achtzigsten.

Besprochen werden Ana Langs Roman "Fische im Mond" (NZZ), Dietmar Daths neuer Roman "Leider bin ich tot" ("Ein geiles Buch", verspricht Florian Schmid im Freitag), die als Buch erschienenen Twitter-Aphorismen von Eric Jaronsinski alias @NeinQuarterly (Berliner Zeitung) sowie F. Scott Fitzgeralds "Die Straße der Pfirsiche" (FAZ). Und im Freitag empfiehlt Erhard Schütz neue Bücher.

Mehr in Lit21, unserem fortlaufend aktualisiertem Wegweiser durchs literarische Leben im Netz.
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Bühne


"Die Hamletmaschine" in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten. Bild: Opernhaus Zürich

Viel zu lange, nämlich 26 Jahre lang hat man Wolfgang Rihms Musiktheater "Die Hamletmaschine" nicht mehr gespielt, schreibt Eleonore Büning in der FAZ, die es dem Zürcher Opernhaus sehr dankt, dass es das als unaufführbar geltende Stück wieder auf die Bühne geholt und damit, "unter Anspannung aller Kräfte, den Beweis geführt [hat], dass dieses Stück, gut hundert Minuten lang, glänzend machbar ist; dass die beiden großen Gesangspartien durchaus singbar und die von sechs Schlagzeugern entfesselten Fortegewitter ebenso leicht durchhörbar sind wie die im Glissando verebbende Lamentolyrik und überhaupt die komplexe Polyphonie der musikalisierten Zustände; und dass diese 'Hamletmaschine', trotz etlicher Staubspuren enigmatischer Gestrigkeit, einen Kraftstrom entfesselt, der jeden Hörer in den Sitz drücken kann."

Susanne Kübler ist in der Welt nicht so begeistert: Regisseur "Sebastian Baumgarten scheint bei alldem nicht allzu genau hingehört zu haben. Er hat Müllers Text inszeniert, nicht Rihms Musiktheater ... es bleibt zu abstrakt, zu verkopft, zu tot, zu ausschließlich deutsch in seinen Referenzen."

"Ist das Stück, ist die Musik überhaupt erotisch?", fragt Regisseur Claus Guth an der Deutschen Oper Berlin mit seiner "Salome"-Inszenierung, was Martin Wilkening von der FAZ ganz hervorragend findet: "Guths Inszenierung ist deswegen so stark, weil sie unzweifelhaft deutlich macht, dass es alles andere als eine Befreiungsgeschichte ist, die hier erzählt wird, sondern die Geschichte einer Traumatisierung, die ebendeswegen, weil ein Trauma das sprunghafte Handeln bestimmt, neue Opfer erzeugt."

Reichlich genervt kehrt Martin Eich vom Freitag aus Mannheim zurück, wo es Roland Schimmelpfennigs Fukushima-Stück "An und Aus" gab: "Bloß vage bleiben, dröhnte es in Roland Schimmelpfennig", mutmaßt der Kritiker: "Viel wird deklamiert, wenig agiert. Figurentheater. Hunde, wollt ihr ewig an der Rampe stehen? Die Sprache verschleiert, was deutlich sein müsste. Die Bilder sind Nebelwände, weißlich-wabernd wie der Dampf aus Kühltürmen und theorieschwer. 'Theatertreffen, hier bin ich', säuselt die Inszenierung fortwährend."

Weiteres: Für den Tagesspiegel unterhält sich Frederik Hanssen mit Barrie Kosky, dem Intendanten der Komischen Oper Berlin. An den Münchner Kammerspielen lasen Schauspieler aus den NSU-Prozessprotokollen, berichtet Tim Neshitov. Besprochen wird Roland Schimmelpfennigs an der Neuköllner Oper aufgeführtes Migrantenstück "Das Schwarze Wasser" ("Bildungs- und Chancenungleichheit in schönster Drastik", meint Clemens Haustein in der Berliner Zeitung).
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Kunst

Andrea Köhler träumt für die NZZ eine Nacht im New Yorker Rubin-Museum für tibetische Kunst, direkt unter einem riesigen Buddha-Kopf aus dem 2. Jahrhundert: "Der rührige Leiter dieser Begleitveranstaltungen, Tim McHenry, hat auch das Konzept des 'Dream over' aufgebracht. Es ist die 120 Dollar, die man für eine Einführung in die west-östliche Traumdeutung, die Gruppensitzung mit einem Traum-Therapeuten sowie ein Frühstück mit tibetischem Porridge bezahlt, unbedingt wert. Eine Stunde bei einem Psychoanalytiker würde das Dreifache kosten."

Nur neun, überdies noch hinlänglich bekannte Bilder zeigt eine aktuelle Ausstellung in der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen- und dann auch ohne ihre wuchtigen Rahmungen. Doch das minimalistische Konzept geht wunderbar auf, meint Bernhard Schulz im Tagesspiegel: Denn "ohne Rahmen erzählen die Arbeiten von ihrer Entstehung mehr, als man sich je vorstellen konnte. Es ist nichts an der Malfläche verändert, nur die Ränder und schmalen Seiten des Bildträgers sind erstmals zu sehen - und doch entsteht ein völlig neues 'Bild' vom Bild."

Besprochen werden die Ausstellung "Max Pechstein - Pionier der Moderne" im Brücke-Museum in Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung "Kunst aus dem Holocaust" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (FAZ, mehr dazu hier) und die Holbein-Ausstellung im Berliner Bode Museum (Zeit).
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Stichwörter: Dreamer, Minimalistisch

Film



Mit "Im Schatten der Frauen" kommt erstmals ein Film von Philippe Garrel in die deutschen Kinos. Zu sehen gibt es ein Drama zwischen Mann und Frau auf schwarz-weißem 16mm-Material. Schon deshalb gerät Patrick Holzapfel auf kino-zeit.de ins Schwärmen: Die "behutsame Geschichte um Liebe und Untreue" lädt dazu ein, "sich einmal mehr in diesem offenen Kino [zu verlieren], das den Geist des vergangenen französischen Kinos in seinen ästhetischen und moralischen Vorstellungen atmet." Auch Frédéric Jaeger von critic.de feiert den "Garrel'schen Touch. Diese Staffelungen der Blicke sind auf seine ganz eigene Weise scheu: Die Körper und die Leidenschaft, sie sind da und haben nichts zu verbergen; sie müssen aber auch nichts beweisen und erst recht nichts einander entreißen." Jan-Schulz Ojala vom Tagesspiegel ist hypnotisiert davon, "wie wunderbar wahnsinnig altmodisch das alles" ist.

Sanfte Vorbehalte bei Lukas Foerster in der taz: Auf ihn wirkt der "aus bedingungslos männlicher Perspektive" erzählte Film mitunter "unangenehm kalkuliert - vorderhand wird Pierres Machismo nach allen Regeln der Kunst dekonstruiert, aber am Ende geht es allen Beteiligten doch nur darum, den Trübling endlich einmal zum Lachen zu bringen." Und auch Friederike Horstmann ist im Perlentaucher nur halb begeistert: "Mise-en-Scène, Montage, Licht - auf all diesen Ebenen ist der Film interessant. Das breite CinemaScope-Format zeigt Bilder von bestürzender Schönheit. ... Doch all diese präzisen Bildkompositionen wirken penetrant poetisch und plüschig - gerade weil Garrel alles ins Feld der Ästhetik verschiebt und in der inhaltlichen Inszenierung den männlichen Narzissmus mit dessen Sexualität verschränkt."

Weitere Artikel: Latinos und Asian Americans hätten mehr Grund die Oscars zu boykottieren als Schwarze, meint Uwe Schmitt in der Welt. Für die SZ trifft sich David Steinitz zum Interview mit Quentin Tarantino, dessen neuer Western "The Hateful Eight" (mehr dazu im gestrigen Efeu) heute auch von Michael Kienzl auf critic.de besprochen wird. Der stellt fest: Taratinos "Sehnsucht nach einem Kino der Vergangenheit, das noch ordentlich Haare am Sack hatte, ist geblieben."

Besprochen werden eine Ausstellung in Bremen über den Niederschlag von Alain Resnais' Klassikers "Letztes Jahr in Marienbad" in den Künsten (Freitag), Henri Steinmetz Rüpelfilm "Uns geht es gut" mit Franz Rogowski als Herumtreiber (FAZ, SZ, Berliner Zeitung, wo ihn Frédéric Jaeger als einziger Kritiker mochte: ), Christian Züberts Finanzkrisen-Kino "Ein Atem" (Welt), Gerardo Olivares' und Otmar Penkers Adlerfilm "Wie Brüder im Wind" (den Eckhard Fuhr in der Welt als ausgezeichneten Naturfilm für Kindern empfiehlt: "Die Regisseure brechen mit der Gewohnheit, Kindern ein weich gezeichnetes Bild der Natur zu zeigen.", NZZ), Stefan Jägers Film "Der große Sommer" mit Mathias Gnädinger in seiner letzten Rolle (NZZ), die Netflix-True-Crime-Serie "Making a Murderer" (Welt), Rick Famuyiwas Komödie "Dope"(Tagesspiegel), Christiane Büchners Dokumentarfilm "Family Business" (taz) und Choi Dong-hoons auf DVD veröffentlicher "Asssassination" (taz).
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Musik

Überall wird Rapper Kendrick Lamar als Protestmusiker gefeiert, seine Alben führte sämtliche wichtigen Jahresbestenlisten an vorderster Stelle an, sogar Barack Obama lobt den Mann. Der will wohl der neue Bono Vox werden, rümpft Nicklas Baschek auf ZeitOnline die Nase. Eckte Lamar früher tatsächlich noch an, sei er nun auf ekletischen Schmusekurs umgestiegen: "Lamars aktuelle Platte ist also das Album der Konsolidierung. Sehr bürgerlich, im Bestehenden verharrend."

Weiteres: Das neue Album "This Is Acting" von Sia ist beinahe schon passgenau nach dem Handbuch der Hitproduktion komponiert, bemerkt SZler Jan Kedves, der sich nach einem ausführlichen Exkurs der Mechanismen, die jeder potenzielle Hit triggern muss, fragt, ob das Album wohl tatsächlich in den Charts durchstarten wird. Anlässlich einer nach langen Rechte-Streitigkeiten nun vorliegenden Diskografie erinnert sich taz-Mitgründer Michael Sontheimer an die Ton Steine Scherben. Zumindest im Westen der Republik wachsen die Orchester, verzeichnet Frederik Hanssen im Tagesspiegel.

Besprochen werden das neue Album der Tindersticks (The Quietus), Theresa Beyers Popreader "Seismographic Sounds" (Freitag), das Berliner Konzert von Michael Rother (Spex), ein Auftritt von Anja Silja in der Oper Frankfurt (FR), ein Beethovenkonzert des Orchestre de Chambre de Lausanne (NZZ), ein Konzert von Daniil Trifonov (Tagesspiegel) und ein Konzert von Lucinda Williams (Tagesspiegel).
Archiv: Musik