Efeu - Die Kulturrundschau

Rot und heiß wie Eichhörnchen

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24.11.2015. Benedikt von Peters "Aida" über die Liebe in Zeiten des Terrors bringt die Berliner Theaterkritiker auf die Palme, die Münchner geraten ins Nachdenken. Die NZZ liebt das Rasante in Serhij Zhadans Beschreibungskunst. Der Tagesspiegel stellt das internationale Online-Literaturmagazin Asymptote Journal vor. Der Guardian betrachtet die schönsten Ladenfronten New Yorks.

Bühne


"Aida" in der Inszenierung Benedikt von Peters an der Deutschen Oper Berlin 2015, Foto © Marcus Lieberenz

Ganz ohne exotische Deko, eingedampft aufs wesentliche - in diesem Fall: die Liebe zur Tochter eines Staatsfeindes in Zeiten der Diktatur - hat Benedikt von Peter Verdis "Aida" an der Deutschen Oper Berlin auf die Bühne gebracht. In der Welt wendet sich Manuel Brug grausend ab: "Sesselfurzer Radames faselt von einer fremden Prinzessin im fernen Postkartenland, während seine Freundin Amneris, mit der es offenbar nicht mehr so doll läuft, mit dem dämonischen Hausfrauenfuror einer Kathy Bates in 'Misery' die Frühstücksreste vom Tisch räumt. Mittags serviert sie dann Knackwurst zum Triumphmarsch. Das passiert in einer angestaubten Probenbühnenästhetik zwischen Fernsehern mit Big-Brother-Köpfen auf dem überdeckten Graben, von dem ein Steg in den Zuschauerraum führt." Niklaus Hablützels Reaktion in der taz ist nicht besser: Verdi verkomme hier zu "Muzak", der Dirigent sei "dämlich" und der Versuch, das Stück zu aktualisieren, ruiniere es.

In der SZ findet Wolfgang Schreiber die Inszenierung dagegen schlüssig: Benedikt von Peters "verdichtet die Flucht zweier Menschen aus einem diktatorischen, jede Individualität erstickenden Kollektiv. Er nennt das ganze Verdis 'Requiem auf die Utopie'. Die Inszenierung verweigert eigensinnig zwar die dafür gewichtigen Bilder, die sie auf Monitoren verfremdet gleichsam nachliefert, aber sie wird dafür getragen von hautnaher Präsenz der Musik, der Stimmen, der Fühlbarkeit tieferer Schichten der Musik." In der Berliner Zeitung lobt Clemens Haustein das "großartige Figurenspiel", das sich eingekeilt zwischen Publikum und dem Orchester und gesäumt von Videobildschirmen entfalte: "Aida zum Anfassen."

In Polen wurde die Journalistin Karoline Lewicka vom öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders TVP Info suspendiert, weil sie dem polnischen Vizepremier und Kulturminister Piotr Glinski kritische Fragen zur geforderten Absetzung von Elfriede Jelineks Stück "Der Tod und das Mädchen" am Breslauer Teatr Polski gestellt hat, meldet die Presse. "Da nach Glinskis Informationen in 'Der Tod und das Mädchen' ein sexueller Akt durch Pornodarsteller ausgeführt werden sollte, forderte er in einem Brief an den Vorsitzenden des niederschlesischen Landtages eine sofortiges Ende der Proben. Trotz massiver Proteste konservativer Kreise fand die Premiere dann jedoch am Samstag statt."

Weitere Artikel: Kirill Serebrennikovs Versuch an der Oper Stuttgart, mit Strauss' "Salome" auf den IS-Terror zu blicken, verliert sich im Ungefähren, meint Judith von Sternburg in der FR: Die Inszenierung biete lediglich "ein Wabern, ein Spekulieren, Assoziieren und Insinuieren." Für die Nachtkritik berichtet Jan Fischer von Fast Forward, dem fünften europäischen Festival für junge Regie in Braunschweig. Bei den auf Raritäten spezialisierten Opernfestspielen in Wexford gab es in diesem Jahr Pietro Mascagnis "Guglielmo Ratcliff", Frederick Delius' "Koanga" und Ferdinand Hérolds "Le pré aux clercs" zu entdecken, berichtet Gina Thomas in der FAZ.

Besprochen wird Anna-Sophie Mahlers Inszenierung von Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich" an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik, Deutschlandradio Kultur, SZ). Außerdem hat die FAZ Josef Oehrleins Besprechung dreier aktueller Inszenierungen von Hector Berlioz' "Benvenuto Cellini" online nachgereicht.
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Kunst

Für die SZ hat Thomas Steinfeld das neue Dommuseum in Florenz besucht: "So vollständig war die große Sammlung des 'Museo dell' Opera del Duomo' noch nie zu sehen."

Besprochen wird die Klee- und Kandinsky-Schau im Lenbachhaus in München (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Florenz, Lenbachhaus

Film



Lässig: Befriedigung oraler Bedürfnisse in Raoul Walshs "Regeneration". Bild: ZDF/Lobster Films.

Wärmstens empfiehlt Bert Rebhandl auf Cargo die restaurierte Fassung von Raoul Walshs Stummfilm-Klassiker "Regeneration" aus dem Jahr 1915, der gestern Abend auf arte lief und jetzt in der Mediathek zu sehen ist: Der Regisseur "inszenierte einige packende Massenszenen, vor allem, als das Schiff in Brand gerät und Panik ausbricht - die Massen quellen aus einer engen Luke nach oben, der Überlebensinstinkt bricht sich chaotisch Bahn. Interessant auch einige 'sozialtheoretische' Bildfolgen, vor allem deutet er an, dass die oralen Bedürfnisse des Kleinkinds sich das ganze Leben hindurch rücksichtslos durchsetzen."

Weitere Artikel: Die FAS hat Peter Körtes Gespräch mit Steven Spielberg online gestellt, dessen neuen Film "Bridge of Spies" die Zeit besprechen lässt. In seinem Blog gratuliert Christoph Hochhäusler dem Theater- und Filmregisseur Tankred Dorst zum 90. Geburtstag. Die Filmzeitschrift Revolver hat aus diesem Anlass ein 2008 geführtes Interview mit Dorst online gestellt. In der NZZ erinnert Patrick Straumann an die Uraufführung von David Wark Griffiths Bürgerkriegsdrama "The Birth of a Nation" vor 100 Jahren.

Und noch ein Mediathekentipp: Beim Ersten kann man derzeit Laura Poitras' hervorragenden Porträtfilm "Citizenfour" über die ersten Tage der NSA-Affäre rund um Edward Snowdens Leaks online sehen. Hier unsere Kritik zum Kinostart im vergangenen Jahr.
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Literatur

Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel staunt Bauklötze über das von dem taiwanesischen Künstler Lee Yew Leong geleitete internationale Online-Literaturmagazin Asymptote Journal und dessen "einzigartige Vielfalt" samt Nutzbarmachung "digitaler Segnungen": "Wo europäische Leser in der aktuellen Ausgabe von einem Hongkong Poetry Feature profitieren, mit dem japanischen Science-Fiction-Autor Yasutaka Tsutsui - 1974 erschien ein einziges Buch von ihm auf Deutsch - oder mit der jungen vietnamesischen Dichterin Nhã Thuyên bekannt gemacht werden, kann man sich am anderen Ende des Globus auf den Franzosen Yves Bonnefoy oder den Österreicher Thomas Stangl stürzen. Und um das nicht geringste Wunder zu erwähnen: Das Ganze, nur über Leserspenden und die Crowdfunding-Site Indiegogo finanziert, ist gratis und werbefrei."

In der Ukraine ist der verschiedene Milieus und Einzelschicksale beschreibende, schließlich in Gedichte mündende Roman "Mesopotamien" des Charkower Dichters Serhij Zhadan ein Bestseller - verdientermaßen, findet Ilma Rakusa in der NZZ. "Zhadan liebt das Rasante und Jähe, so wie er in seiner Beschreibungskunst auch gerne mal (satirisch) überzeichnet. Drei Striche - und wir sehen Onkel Grischa auf dem Klappbett, sehen den feisten Neffen, 'eingeklemmt wie ein Bobfahrer', zwischen drei Männern auf dem Sofa, sehen Frauen, 'rot und heiß wie Eichhörnchen' oder 'blasshäutig wie Quallen'. Der Autor zoomt uns ganz nahe an die Dinge heran, um handkehrum ein betörendes, mitunter verstörendes Panoramabild zu liefern."

Weitere Artikel: Brigitte Kramer unterhält sich für die NZZ mit dem spanische Verleger Jorge Herralde über dessen seit 1969 die spanische Literaturwelt prägenden Verlag Anagrama. In der SZ informiert die Historikerin Anna Hájková über neue Erkennntnisse über Otilie Davidová, die jüngste Schwester Franz Kafkas. Tobias Zick (SZ) und Sabine Berking (FAZ) gratulieren dem Autor Nuruddin Farah zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Najem Walis Buch über Bagdad (NZZ), Michael Krügers "Der Gott hinter dem Fenster" (SZ), Roger Willemsens und Anke Engelkes Hörbuch "Habe Häuschen. Da würden wir leben." (online nachgereicht von der FAZ) und Alaa al-Aswanis "Der Automobilclub von Kairo" (FAZ).
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Architektur


Lismore Hosiery Co., New York. 2001-2007. Foto: James und Karla Murray

Im Guardian stellt Sarah Moroz ein Projekt der New Yorker Fotografen James und Karla Murray vor: Die beiden dokumentieren seit 2001 die schönsten Ladenfronten in New York mit einer 35 mm Kamera. Die meisten dieser Geschäfte sind inzwischen verschwunden. "When the owners don't possess the entire building they are located in, Karla says, 'that's already the death knell.' Astronomical rents are unmanageable for stores with a small profit margin. There are generational issues too: either children not wanting to take over the family business, or their parents, having experienced how hard it is, discouraging them from doing so. The subtitle 'the disappearing face of New York' doesn't simply refer to the waning of small-scale commerce, but also the vanishing of the businesses' idiosyncratic visual imprint."
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Stichwörter: Rente

Musik

Der Berliner Auftritt von Kamasi Washington, seit geraumer Zeit Liebling aller Feuilletons und Jazz-Überstar der laufenden Saison, spaltet die Kritik. Auf der einen Seite steht Kai Müller, der im Tagesspiegel müde abwinkt: Den Exzess, den Washington auf dem Album zelebriert, habe er mit seinem geschrumpften Ensemble auf der Bühne lediglich in Wucht übersetzt: "Der melodische Kern der Musik [ging] mehr und mehr in deftigen Trommelgewittern verloren. Am Ende setzten die Bläser kaum mehr als Akkordtupfer in den Raum. ... Gegen Party ist nichts zu sagen. Doch die brachiale, streckenweise stumpfe Funk-Motorik von Doppelschlagzeug und Keyboard ermüdet auf eine Weise, die Washington nicht gemeint haben kann mit seinem Postulat musikalischer Überforderung." Und dann ist da Markus Schneider von der Berliner Zeitung, dem "das sagenhaft sichere Zusammenspiel" und die "virtuose Freiheit des Zugriffs" sichtlich imponierte.

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer zum Auftakt des Jazzkorea-Festivals in Berlin.

Besprochen werden "Mutant" von Arca (The Quietus), das neue Album "Shape Shift" von Zombi (The Quietus), eine Diskografie der "Krautrock-Supergroup" Harmonia (taz), Richard Hawleys "Hollow Meadows" (taz), das neue Album von CeeLo Green (FAZ.net) und das Kölner Konzert von The Pop Group (FAZ).
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