Efeu - Die Kulturrundschau

Fit gegen den Wurmfraß

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25.11.2015. Steven Spielbergs Spionagedrama "Bridge of Spies" zeigt eine Welt im Kalten Krieg, in der rationales Handeln noch möglich war, meint die Welt. Im Blog der NYRB überlegt Tim Parks, ob Literatur weniger verbindet als gegenseitige Fremdheit aufzeigt. Die FAZ besucht das Museum unter Tage in Bochum. Hat die Abstraktion eine Vorgeschichte in Mexiko, fragt die Welt mit Anni und Josef Albers.

Film


Echter Berliner Winter in Steven Spielbergs "Bridge of Spies"

Fast wehmütig bespricht Eckhard Fuhr in der Welt Steven Spielbergs teils in Berlin und Brandenburg gedrehtes Spionagedrama "Bridge of Spies" aus der Hochzeit des Kalten Kriegs. Tom Hanks spielt darin (nach realer Vorlage) einen Anwalt, der einen sowjetischen Spion erst verteidigt und dann seinen Austausch organisiert. Dass hier ohne alle Genreklischees erzählt wird, ist wohl vor allem dem Drehbuch von Ethan und Joel Coen zu verdanken, meint Fuhr. "Der Blick auf den Kalten Krieg, den Spielberg eröffnet, erzeugt widersprüchliche Empfindungen. Einerseits ruft er in Erinnerung, was leicht vergessen wird, wie sehr nämlich die Gesellschaften im Westen und im Osten durch Propaganda hysterisiert waren. Die Angst vor der wechselseitigen nuklearen Vernichtung war real. Andererseits sieht man, dass die antagonistischen Akteure immer auch zu ergebnisorientierten Verhandlungen und also rationalem Handeln fähig waren."

Auch FAZler Dietmar Dath hat es der Film angetan. Mit Tom Hanks' Rotznase sei Spielberg sogar eines der kräftigsten Symbolbilder seines bisherigen Schaffens gelungen: Denn "dieser Schnupfen ist der Kalte Krieg". Für die SZ spricht Peter Richter mit dem post-kalter-kriegs-grippalen Tom Hanks. Außerdem besprechen Susan Vahabzadeh (SZ) und Anke Westphal (Berliner Zeitung) den Film.

Weiteres: In der taz schreibt Barbara Wurm über die Russische Filmwoche in Berlin, die sich im "Minenfeld kulturpolitischer Diplomatie bewegt." Besprochen werden Paolo Sorrentinos "Ewige Jugend" (taz), Francesco Munzis "Anime nere" (taz),die neue Amazon -Serie "The Man in the High Castle" nach dem gleichnamigen Roman von Philip K. Dick (Berliner Zeitung) und die neuen Superheldinnen-Serien "Supergirl" und "Jessica Jones", über die Nina Rehfeld in der FAZ nur staunen kann.
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Design

Im Blog der NYRB singt Martin Filler ein Loblied auf den Designer Peter Müller-Munk, dem das Carnegie Museum of Art in Pittsburgh derzeit eine Ausstellung widmet. Müller-Munk war 1904 in Deutschland geboren worden und emigrierte 1926 in die USA: "Confidently presenting himself at Tiffany & Co. in New York, Muller-Munk was hired for the firm's silver workshop on the spot, but grew bored with routine tasks and quit within a year. His father's backing allowed him to open an atelier in Greenwich Village, where he designed and executed hand-wrought silver bowls, boxes, coffee services, and the like. The New York Times praised them as 'highly individual and, while modern, not extreme or…bizarre,' while The New Yorker mentioned him in the same breath with the renowned Georg Jensen (nearly four decades his senior) as 'two silversmiths worth remembering.'" (Bild: Kanne Normandy, entworfen von Peter Müller-Munk für Revere Copper and Brass, 1935; Carnegie Museum of Art)

In der Apéritif-Ausstellung des Max Museo in Chiasso lernt Roman Hollenstein (NZZ), warum man heute kaum noch Campari zum Apero trinkt: "Ein Grund für das schleichende Verschwinden von Bittergetränken wie Averna, Cynar, Fernet-Branca oder Ramazzotti aus unserem Gedächtnis mag sein, dass für sie nicht mehr wie einst mit elektrisierenden Plakaten, sondern höchstens noch mit knallig-platten Fotos oder Firmenkalendern Werbung gemacht wird."
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Architektur

In Bochum wurde das Museum unter Tage eröffnet, das seinem Namen alle Ehre macht, wie wir in der FAZ von Andreas Rossmann erfahren: "Eine Installation von Erwin Reusch steckt die Maße des neuen Ausstellungsortes ab. Fünf Säulen, zwei rote, zwei schwarze und eine blaue, ragen wie die Schornsteine eines abgesoffenen Ozeandampfers aus einer mit Basaltsplit gedeckten Fläche, drei der vier Ecken sind mit würfelförmigen Gehäusen besetzt. Mehr ist nicht zu sehen. Die Schätze sind, konservatorisch und sicherheitstechnisch auf dem neuesten Stand, im Rumpf verwahrt, der Abstieg beträgt sieben Meter. Diskret bis zur Selbstverleugnung hat sich die Architektur, die Herbert Pfeiffer konzipiert hat und Vervoorts & Schindler Architekten (Bochum) ausgeführt haben, in den Dienst der Kunst gestellt."
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Bühne

Am Montag stellte der Dramaturg Michael Eberth am Deutschen Theater Berlin seine Tagebücher vor, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Der Tagesspiegel dokumentiert Harald Martensteins Laudatio auf Maren Kroymann, die den Curt-Goetz-Ring erhalten hat.

Besprochen werden Benedikt von Peters "Aida"-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin (Tagesspiegel, mehr hier) und Anna-Sophie Mahlers Inszenierung von Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik, Annette Walter lobt in der taz die "solide und bodenständige Inszenierung" und das "exzellente Ensemble").
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Literatur

Literatur, heißt es immer, bringt Menschen zusammen. Tim Parks erhebt Einspruch im Blog der NYRB. Viele Menschen lieben Bücher, die er uninteressant findet: von Knausgard, Murakami, Ferrante. Das deckt doch gerade das Unverständnis zwischen Menschen auf, meint er. "I have often argued not just over whether 'Disgrace' is a good novel, but over what it means. How can you suppose (I grow heated) that Coetzee is too austere, that he lacks a sense of humor? How can you imagine that he is claiming a direct moral equivalence between a professor sleeping with one of his students and a band of young men raping a woman in her isolated farmhouse? Yet people do suppose Coetzee has no humor and they do imagine he means that equivalence. And perhaps he does. Certainly I have no way of proving he doesn't. Could this be the function, then, or at least one important function of fiction: to make us aware of our differences?"

Weitere Artikel: Der irakische Schriftsteller Najem Wali feiert in der NZZ die Macht des Geschichtenerzählens. Für die taz umkreist Markus Joch die Frage nach den Gründen für Thomas Manns und Robert Musils Kriegsbegeisterung von hundert Jahren. Der Romancier und Dramatiker Jonas Hassen Khemiri erhält für seinen Roman "Alles, woran ich mich nicht erinnere" den schwedischen Augustpreis, meldet Aldo Keel in der NZZ. In der FAZ gratuliert Jochen Hieber der Autorin Connie Palmen zum Sechzigsten. Außerdem zum Nachhören beim SWR: Millay Hyatts Radioessay über Spaziergangsliteratur. Und: Spiegel online und viele weitere Medien informieren uns, dass Andreas Platthaus neuer Literaturchef der FAZ wird.

Besprochen werden Meja Mwangis "Tanz der Kakerlaken" (FR), Joseph Kanons "Leaving Berlin" (Berliner Zeitung), Viktor Pelewins "Snuff" (FAZ), das philosophische Hauptwerk Isaac von Sinclairs, "Wahrheit und Gewissheit" (FR), ein Band mit frühen Schriften Friedrich Kittlers (NZZ), Tito Topins Krimi "Exodus aus Libyen" (Welt) und Martin Tschanz' Band über die Zürcher Architekturlehre zur Zeit von Gottfried Semper (NZZ).

Mehr zur Literatur im Netz in unserem fortlaufend aktualisierten Meta-Blog Lit21.
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Musik

Besprochen werden ein Klavierkonzert Radu Lupus in Luzern (NZZ), das neue Album von Beat Happening (Spex) und ein Konzert der Country-Sängerin Kacey Musgraves (FAZ).
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Stichwörter: Country

Kunst



Hans-Joachim Müller besucht für die Welt im Mailänder Mudec die schöne Ausstellung "A Beautiful Confluence" über die Reisen der Bauhaus-Künstler Anni and Josef Albers nach Mexiko. Hier fanden sie das "gelobte Land der Abstraktion", wie Albers in einem Brief schrieb: "Berührend nicht zuletzt an dieser Faszinationsgeschichte, wie den Mexiko-Pilgern irgendwann aufgefallen sein muss, dass die Abstände zwischen Kunst und Leben nicht wirklich schwinden, wenn Dekorelemente einer unverstandenen Figurine aus zapotekischer Vorzeit auf einem Wollschal in Mexiko-Stadt wiederkehren. Vielleicht haben Anni und Josef Albers darüber gesprochen, sich gelegentlich ihre Aporien eingestanden, ihre Zweifel geteilt, ob die Abstraktion, diese auftrumpfende Erfindung der Moderne, tatsächlich eine Geschichte gehabt haben kann. Ob sie wahr sein kann, die Frühgeschichte der ungegenständlichen Kunst, die hier an den Kultzentren von Mitla und am Monte Albán begonnen haben soll. Geschrieben, hinterlassen jedenfalls haben sie nichts."

Entgeistert verlässt FAZ-Kritiker Andreas Platthaus die Tomi-Ungerer-Ausstellung des Kunsthaus Zürich: "Nur bei Einzelobjekten [spürt man], worin der Zauber Tomi Ungerers liegt." Rolf Brockschmidt wirft für den Tagesspiegel einen Blick über die Schulter der Berliner Botticelli-Restauratoren, die zwei Bilder des Florentiner Meisters für die aktuelle Ausstellung in der Gemäldegalerie wieder fit gegen den Wurmfraß gemacht haben. Sieglinde Geisel stellt in der NZZ die Aktionskunst des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) und dessen Leiter Philipp Ruch vor.

Besprochen werden eine Ausstellung des Malers Willy Fries im Zürcher Atelier Righini Fries (NZZ), Silvia Bovenschens Biografie über die Künstlerin Sarah Schumann (Freitag) und eine Ausstellung über Marguerite Yourcena in Lille (SZ).

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