Serhij Zhadan

Mesopotamien

Roman
Cover: Mesopotamien
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
ISBN 9783518425046
Gebunden, 362 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr. In "Mesopotamien" porträtiert Serhij Zhadan ein modernes Babylon, seine Heimatstadt Charkiw, indem er von Menschen erzählt, die im 'Zweistromland' leben: zwischen dem ukrainischen Dnjepr im Westen und dem russischen Don im Osten. Rebellen der Existenz, kämpfen Zhadans Helden, Marat, Romeo, Sonja, Ivan, Bob und wie sie alle heißen, gegen die drohende Verfinsterung ihres Lebens. Vor dem Hintergrund des Krieges, der bereits begonnen hat, ringen sie um den Sinn ihres Lebens, um ihre Liebe, um ein mutiges, freies Verhältnis zueinander, dem auch der Tod nichts anhaben soll.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2016

Rezensentin Nicole Henneberg erkennt den Reifeprozess des Autors Serhij Zhadan. Im Vergleich zu Zhadans erfolgreichem Reiseroman von 2012 scheint ihr der neue Roman raffinierter gebaut, mit Bewusstseinsströmen und Tagträumen und einer Menge poetischer Energie. Dass der Autor kraftvoll und episodisch in starken Bildern von verkrachten Existenzen in der ukrainischen Punkszene erzählt, von Trinkern und Prostituierten, ist für Henneberg das eine. Auf der anderen Seite aber vermittelt ihr der Text eine intensive Atmosphäre, prophetisch mitunter, zart und liebevoll und die Grenze zur Lyrik auflösend.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.11.2015

Den renommierten polnischen Angelus-Preis hat der ukrainische Autor Serhij Zhadan zu Recht erhalten, jubiliert Ilma Rakusa in ihrer Hymne auf den Roman "Mesopotamien". Rakusa findet  nicht nur Zhadans schräge Protagonisten großartig, die besinungslos lieben, glauben und verzweifeln, alles auf eine Karte setzen und von Neuem beginnen müssen, wenn sie alles verloren haben. Schlichtweg sensationell findet Rakusa die Wucht und Rasanz, mit der Zhadan erzählt, die Fähigkeit, alle Register zu ziehen, vom Ordinären zum Sublimen, vom Saloppen zum Emphatischen. Dabei überlagern sich nicht nur die Töne, das Poetische und Logische, sondern auch die Zeiten, das reale Charkiw wird zur sinnbildhaften Metropole zwischen zwei Flüssen; Frauenklöster, Mohnfelder, Baumärkte und Hexengalgen fügen sich zu visionären Bildern, wie die Rezensentin voller Bewunderung schreibt: "Halb Ikonenmalerei, halb Computersimulation".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.10.2015

Ein ganz anderes Charkiw als erwartet, erlebt Rezensent Harald Jähner in Serhij Zhadans liebevollem Porträt seiner ostukrainischen Heimatstadt. Fast wie ein Wunschtraum des Autors erscheint ihm der unter dem Titel "Mesopotamien" erschienene Roman, der in lebendig-feuriger Sprache und neun brillant verknüpften Episoden von der Lebens- und Liebesgier der Bewohner erzählt, Trunkenbolde, Prostituierte, Boxer, Fantasten und Lebenskünstler versammelt und die Stadt in ein poetisches, geradezu "pasolinihaftes" Bild taucht. Erstaunt stellt der Kritiker darüber hinaus fest, wie unpolitisch -zumindest vordergründig - Zhadan das Leben in seiner Heimatstadt schildert, auch wenn Jähner während der Lektüre ein wenig mehr versteht, wie es zu der aktuellen "explosiven" Situation in der Ukraine kommen konnte.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.10.2015

Die ukrainische Sprache, in der Serhij Zhadan seine neun Geschichten in "Mesopotamien" verfasst hat, mutet Rezensentin Katharina Döbler gleichermaßen poetisch wie kräftig an: "Zarte, schmerzlich süße, schnoddrige" Worte hört die Rezensentin in einer Sprachmelodie verwoben, die den perfekten Ton für diese Geschichten setze. Denn Zhadan erzählt zwar von Liebe, Trunk und Weinranken, aber auch von Banden, Prostituierten, folgenlosen Morden, kurz: die Liebe findet hier immer vor dem "Dauergeräusch latenter Bedrohung" statt, fasst Döbler zusammen. Die vertrauten Erzählmuster aus der englischsprachigen Literatur helfen hier nicht viel, verrät die Rezensentin. Für sie steht Zhadan in der Tradition von Autoren wie Isaak Babel und Gogol: Groteske statt Logik, Überraschung statt Auflösung erwarte den Leser.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.08.2015

Nicht einfach als Meisterwerk, sondern schlichtweg als "Wucht" erscheint Rezensent Volker Breidecker das neue Buch des ukrainischen Autors, Lyrikers und Rockstars Serhij Zhadan. Am liebsten möchte der Kritiker diese rhythmischen, energiegeladenen, kraftvollen und zugleich poetischen neun Erzählungen laut lesen, um dem wagemutigen, als "Rimbaud von Charkiw" gefeierten Autor gerecht zu werden. Auch wenn der Krieg im Donbass hier noch nicht thematisiert wird, spürt der Rezensent während der Lektüre der in Charkiw spielenden Erzählungen die Anspannung, Angst und Bedrückung der Bevölkerung. Insbesondere aber bewundert Breidecker den "grotesken", schwarzen Humor, mit dem der in der Tradition Gogols schreibende Autor seine melancholischen, verrückten, liebestollen, oft kranken und erschöpften Protagonisten skizziert. Nicht zuletzt erscheint ihm dieses bisweilen filmische, über herrliche innere Monologe verfügende Buch als großes Werk über die Liebe.
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