Efeu - Die Kulturrundschau

Aufstand des Lebens gegen die Kunst

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17.10.2015. Auf Zeit Online erklärt der Medienaktivist Caram Kapp, was er an "Homeland" rassistisch findet. Die Zeit diskutiert auch, ob Karl Ove Knausgards "Mein-Kampf"-Reihe wirklich Literatur ist. Ist es vielleicht Punk?, fragt die SZ. Die Welt fragt, wie deutsche Kunst eigentlich aussehen soll, Jonathan Franzen trifft auf Baudrillard in der Serengeti. artechock verfolgt erbost die neueste Wendung im Streit um die dffb-Leitung. Die SZ schwenkt ihr Muscle-Shirt zu Michael Wollnys "Hammer"-Jazz.

Literatur

Wo endet der dokumentarische Bericht, wo beginnt die Literatur? In der Zeit diskutieren Ijoma Mangold und Iris Radisch in zwei Beiträgen über Karl Ove Knausgård und dessen minutiöse Alltagsliteratur. "Die Kategorie der Authentizität hilft nicht wirklich weiter", meint Mangold, der unterstreicht, dass Knausgårds "Min Kamp"-Reihe keineswegs das Leben des Autors bloß protokolliere. "'Min Kamp' ist kein Tagebuch, ist nicht der Abdruck der Seele des gerade durchlebten Augenblicks, sondern symphonische Darstellung eines Lebens, die sehr bewusst mit Leitmotiven und deren Durchführung arbeitet." Radisch vermisst unterdessen den Aspekt der literarischen Fremderfahrung, schließlich sei Knausgårds Leben so langweilig wie ihr eigenes: Der Autor "hat sein literarisches Scheitern zum Prinzip erhoben. ... Am Ende funktioniert dieses Werk wie eine Lebendfalle, in der man festsitzt und gezwungen ist, neben dem eigenen banalen Leben noch ein Parallelleben zu führen, das dem eigenen verblüffend gleicht. Das Geheimnis dieser süchtig machenden Antiliteratur ist die Ähnlichkeit des Immergleichen."

In der SZ befasst sich Lother Müller eingehender mit dem Phänomen Knausgård, den er in "Min Kamp" als Literatur-Maniac mit enormen Ambitionen kennenlernt. Und er schlägt eine verblüffende Interpretation des Zyklus vor, nämlich "als Übertragung der Energien des musikalischen Punk in die Literatur ... War nicht Punk die Rebellion der elementaren Akkorde, der dreckigen Stimmen, des selbstbewussten Dilettantismus gegen den pompös gewordenen Pop, gegen das virtuose Gitarren-Solo? Hat nicht der britische Punk das höhnische Zitat von NS-Titeln und NS-Gesten in die Popkultur geholt? Und ist nicht das Projekt eines radikalen, kunstlosen autobiografischen Schreibens ein vergleichbarer Aufstand des Lebens gegen die Kunst?"

In der Berliner Zeitung spricht Martin Walser über Nietzsche, das Lesen und die Flüchtlingskrise als große Prüfung: "Das alles hier wirkt so, als würde jetzt Europa geprüft auf seine Gültigkeit als humaner Kontinent."
 
Jonathan Franzen erzählt in der Welt, aber nicht online von seiner Reise nach Kenia, wo er in der Serengeti ein echtes Baudrillard-Erlebnis hatte: "Die Parks erfüllen die Funktion von Simulakren, in denen Touristen, meistens weiß, immer wohlhabend, ein 'Afrika' 'erleben' können, dessen Darstellung von ihrem Geld abhängt."

Im taz-Gespräch mit Ulrich Gutmair ärgert sich die Schriftstellerin Mirna Funk über ihre Zeitgenossen: "Warum behauptet in Deutschland jeder, der antisemitische Äußerungen macht, kein Antisemit zu sein? Warum möchte jeder Hanswurst eine Meinung zu Israel haben?"

Weitere Artikel: Er ist "ein Segen für die deutsche Gesellschaft", schreibt Philipp Gessler in der taz über Navid Kermani, der am Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird (beim Bayerischen Rundfunk gibt es derzeit eine Lesung aus dessen letzten Buch "Ungläubiges Staunen"). Thomas Leuchtenmüller huldigt in der NZZ dem vor hundert Jahren geborenen Arthur Miller. Susanne Messmer von der taz spricht mit der Berliner Autorin Anke Stelling. Clara Ott interviewt in der Welt Tomte-Frontmann Thees Uhlmann zu seinem Romandebüt "Sophie, der Tod und ich". Stefan Hochgesand stellt in der taz die syrische Autorin Luna Al-Mousli vor.

Christiane Müller-Lobeck berichtet in der taz von den politischen Buchmesse-Veranstaltungen. Auch Christopher Schmidt konstatiert in der SZ, dass es auf der Buchmesse bemerkenswert oft um "die befreite Zunge der Meinungsäußerung" ging. Im Buchmesse-Blog der FAZ berichtet Fridtjof Küchemann von der Verleihung der E-Book-Awards (dazu passend hat die FAZ Elke Heinemanns letzte Kolumne aus ihrer Reihe "E-Lektüren" online nachgereicht). Für NDR Kultur hat sich Joachim Dicks ausführlich mit Buchpreis-Gewinner Frank Witzel unterhalten. In der SZ stellt Martina Knoben Thomas von Steinaeckers und Barbara Yelins Webcomic "Der Sommer ihres Lebens" vor, der bei Hundertvierzehn in 15 Episoden erscheinen soll - hier die erste Folge. Außerdem hat die FAZ Ian McEwans Erinnerungen an seine Anfänge als Schriftsteller online gestellt.

Besprochen werden Nadars Comic "Wie zerknülltes Papier" (Jungle World), Maarten't Harts "Magdalena" (Freitag), Matthias Nawrats "Die vielen Tode unseres Opas Jurek" (taz, FR), neue FJS-Biografien (Freitag), Michael Rutschkys "Mitgeschrieben" (FR), Patrick Brosis Krimi "Der Blogger" (taz) und Arthur Millers gesammelte Erzählungen (FAZ).
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Musik

Alex Rühle schäumt in der SZ über vor Begeisterung für den Jazzpianisten Michael Wollny, den er spätestens nach dessen improvisierter Begleitung zu Murnaus "Nosferatu" in Leipzig für den größten "unserer Zeit" hält. Glücklicherweise kommt er jetzt auf Tournee: "Hingehen! Hammer! Wenn Wollny live loslegt, wirkt es oft, als würden die Stücke, die man von der CD her kennt, aufreißen und unterm bekannten Gewebe platzt ein Muscle-Shirt hervor. In Leipzig bebte beim Schlussapplaus nach der 'Symphonie des Grauens' das ganze Kino." Wer es nicht zum Konzert schafft, tröstet sich einfach mit diesem Mitschnitt, den Rühle wärmstens ans Herz legt:



Weitere Artikel: In der taz porträtiert Julian Weber die Cellistin Anja Lechner. Für den Spanien-Schwerpunkt der Jungle World hat Oliver Koch eine Synthesizer-Werkstatt in Barcelona besucht. Im Kaput-Mag erkundet Mesut Gürsoy mit John Joseph von den Cro-Mags die Geschichte des New York Hardcore.

Besprochen werden ein Konzert von John Lydons PiL (taz), ein Benefizalbum zugunsten von "Kein Mensch ist illegal" (taz) und diverse neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Jean-Michel Jarre (ZeitOnline).
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Bühne

Für seinerseits ziemlich schäbig findet Gerhard Matzig in der SZ Antonia Goldhammers br-Radiobeitrag, der Matthias Lilienthal bei seiner Münchner ShabbyShabby-Aktion Ausbeutung der Künstler vorwirft: Der Kritik wirft er vor, lediglich "die virtuelle Empörungsbereitschaft und Prangerkultur der Gegenwart" zu bedienen. "Tatsache ist: Lilienthal arbeitet schon lange mit einem partizipativen, öffentlichen Format, dessen ausdrückliche Lowbudgethaftigkeit konstitutiv ist."

Weiteres: In einem Deutschlandfunk-Feature erinnert Marianne Weil an die Kontroversen um Peter Weiss' Collagen-Stück "Die Ermittlung" im Jahr 1965. Besprochen werden eine choreografische Bespielung durch William Forsythe des MMK in Frankfurt (FR, FAZ) und Martin Schläpfers historischer Ballettabend in Düsseldorf ("wunderbar, wie sich an diesem Abend Ballettgeschichte studieren lässt", jubelt Alexandra Albrecht in der FAZ)
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Kunst

Was soll das sein, deutsche Kunst?, fragt Kunstkritiker Hans Joachim Müller in der Welt an die Adresse von Botho Strauß gerichtet: "Macht Jonathan Meese, wenn er den Crazy-Hitler mimt, deutsche Kunst? Oder Neo Rauch, der nicht davon lassen kann, in den verblassten Farben der DDR zu fantasieren? Wohl gibt es deutsche Themen. Gerhard Richters RAF-Zyklus gehört zu den eindrucksvollsten Auseinandersetzungen mit bundesdeutscher Vergangenheit. Die Bilder hängen im New Yorker Museum of Modern Art. Aus guten Gründen kommt in Botho Strauß' Ahnengalerie kein Zeitgenosse vor. Es gibt diese Nationalliteratur oder Nationalkunst nur als vage überlieferte, ferne Referenz." Und er endet bei einer missglückten Schau wie "De l'Allemagne" im Louvre, die in "ranziger Völkerpsychologie dilettierte".

Irene Bazinger freut sich in der Berliner Zeitung über die Wiederentdeckung der Fotografin Germaine Krull, deren Bilder im Berliner Gropius-Bau zu sehen sind: "Rund 130 kleinformatige Originalabzüge werden jetzt im Martin-Gropius-Bau gezeigt (die meisten Negative gelten als verloren). Sie zwingen zu hochkonzentrierter Wahrnehmung und verlangen eine ganz andere sensuelle Hingabe als die meist angeberischen bis nichtssagenden Leuchtkästen heutiger Fotoausstellungen." (Bild: Germaine Krull: Selbstportrait, Paris, 1927. © Estate Germaine Krull, Museum Folkwang, Essen)

Weiteres: Georges Waser verliert in der NZZ bei der überbordenen Frieze Art Fair in London ein wenig den Überblick: "Man vermisst Zusammenhänge und verlässt die Messe mit dem Eindruck, eine Unzahl verschiedener Objekte - was davon Kunst? - gesehen zu haben." Bei einem kritischen Blick auf die Wiener Messeszene warnt Olga Kronsteiner im Standard davor, die Vielzahl der Kunstmessen als Zeichen des Aufschwung misszuverstehn. Im Tagespiegel hält Nicola Kuhn Rückschau auf vier Jahre Humboldt Lab in Berlin. Catrin Lorch von der SZ sieht sich auf der Frieze in London von "hochpreisiger Gediegenheit " umgeben.

Besprochen wird die Ausstellung "Divine Beauty" im Palazzo Strozzi in Florenz (FAZ) und und die Schau der Fotografin Germaine Krull im Berliner Gropius-Bau.
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Film







Fillstill aus "Homeland": Links auf der Mauer steht laut Zeit Online auf Arabisch: Homeland ist rassistisch.

Der Medienaktivist Caram Kapp, der sich sozuagen mit arabischen Graffiti in "Homeland" einhackte, erklärt im Interview mit Zeit Online, warum er die Serie für rassistisch hält: "Die Figuren haben zwar damit zu kämpfen, dass sie so viele ethische und völkerrechtliche Grenzen übertreten und natürlich lastet das auf ihrem Gewissen. Aber letztlich ist es im Angesicht der Bedrohung doch immer annehmbar."

Nach monatelangen Kontroversen soll nun laut einer Pressemmitteilung der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) Ben Gibson die Filmhochschule leiten, meldet Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel. Rüdiger Suchsland hält diese vorpreschende Verkündigung unterdessen für ein ziemlich starkes Stück, wie er auf artechock schreibt: "Na Servus! Ohne Vertrag und ohne Berufung durch das Kura­to­rium, ist diese Mittei­lung schon deshalb ein gewagter Schritt, weil hier einem nötigen Beschluss des Kura­to­riums vorge­griffen wird." Der Kritiker hegt auch weiterhin den Verdacht, dem Berliner Senat "gehe es darum, die DFFB über einen der Politik und der Stadt­re­gie­rung gefäl­ligen Direktor zu instal­lieren, und aus der DFFB eine strom­li­ni­en­för­mige 08/15-Hoch­schule zu machen. Hätte sich die Politik in den letzten Jahren nämlich aus der DFFB heraus­ge­halten, wäre dort schon lange Ruhe."

Matthias Heine bemerkt in der Welt, dass in Fernsehserien der Nerd nicht mehr übersetzt wird und schon gar nicht als Trottel, Versager oder Idiot.

Besprochen werden die br-Filmreihe "Bosnien - 20 Jahre nach dem Krieg" (NZZ), Scott Coopers "Black Mass" (Standard) Guillermo del Toros Gothic-Horrordrama "Crimson Peak" (Tagesspiegel), Cary Fukunagas Direct-to-Netflix-Kriegsdrama "Beasts of No Nation" (ZeitOnline) und Nima Nourizadehs "American Ultra" (critic.de, SZ).
Archiv: Film