Efeu - Die Kulturrundschau

Kein Rauchwölkchen von Nihilismus

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07.10.2015. Die Welt betrachtet die Abhörwanzen in Ai Weiweis Studio. Auf ZeitOnline erklärt Matthias Lilienthal, was er sich von seinem Schlepperkongress erhofft: mehr Flüchtlinge, weniger Schlepper. Die NZZ bewegt sich vorsichtig durch die scharfkantigen Bilder El Frauenfelders. Der Merkur hört Knausgard, wie er in Berlin den Knausgard gibt. Die SZ empfiehlt Ridley Scotts "Der Marsianer" allen, die sich für interplanetarische Agrokultur interessieren. Die FAZ hätte Matt Damon gern häufiger beim Denken zugesehen. Die SZ lobt das Leipziger Stadttheater für seine intelligente Jelinek-Inszenierung: Handwerk statt Stacheldraht.

Kunst


El Frauenfelder, Landschaft mit Gebäude und Baum, 2015, courtesy die Künstlerin und Galerie Brigitte Weiss, Zürich

Philipp Meier unterhält sich für die NZZ mit der Manor-Kunstpreisträgerin El Frauenfelder, während sie durch ihre Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur gehen. Ziemlich scharfkantig, ruppig, geradezu bedrohlich findet Meier ihre Bilder. Es geht ihr, sagt sie, ums Sehen als dynamischer Prozess. "Da gibt es ein Bild im Kunstmuseum, auf dem eine Art dunkelbraune Blockhütte zu sehen ist, im Vordergrund eine Raststätte-Situation mit Beton-Tisch und Sitzbank - ein fürchterliches und fürchterlich ehrliches Bild, das sich durch scharfe und diffuse Bereiche auszeichnet. Der waldige Hintergrund zum Beispiel versinkt in Unbestimmtheit, während eine Nummer am Haus, "200", ganz klar zu lesen ist. Da tritt diese Begrifflichkeit hervor, von der die Künstlerin gesprochen hat. Verloren fröstelnd auf dieser Sitzbank sitzend irgendwo im herbstlichen Forst, klammert man sich regelrecht an diese Zahl. Wie da die Eingeweide mit-sehen!"

Ai Weiwei konnte ungehindert in China wieder einreisen, musste dann aber erfahren, dass sein Studio verwanzt war, berichtet Jonny Erling in der Welt. "Während seiner Auslandsreise hatte er die Renovierung von Studio und Wohnung in Auftrag gegeben, nun kam an den Tag, wie intensiv er überwacht wurde. Unmittelbar vor seiner Ankunft hatten die Handwerker die Steckdosen modernisiert. Den ersten Abhörchip, der in der Buchse versteckt und verkabelt war, fanden sie im Büro. Sie zeigten ihn Ai. Nebenan und in seinen privaten Räumen entdeckten sie weitere Wanzen. Als Happening ließ Eventkünstler Ai einen Eimer holen und zündete vor einer der Horchanlagen einen Chinakracher."

Besprochen werden die Städel-Jubiläumsausstellung "Dialog der Meisterwerke" (FAZ), eine Ausstellung in Mailand über den Maler Giotto (SZ) und das zwischen Kunst und Wissenschaft oszillierende Projekt "Sense of Doubt - Wider das Vergessen" am MAK Frankfurt (SZ).
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Musik

In der Jungle World unterhält sich Klaus Walter mit Mark Polizzotti über Bob Dylan. John Doran (The Quietus) spricht mit New Order.

Besprochen werden "Unbreakable" von Janet Jackson (Pitchfork), das neue Album von John Grant (Berliner Zeitung), ein Konzert von Antoine Tamestit und der Jungen Deutschen Philharmonie (Tagesspiegel) und ein von Kirill Petrenko dirigiertes Sibelius-Konzert in München (SZ).
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Film


Übt sich im interplanetarischen Ackerbau: Marsianer Matt Damon

Robinson Crusoe im All - und nach "Der Soldat James Ryan" und "Interstellar" einmal mehr ein zu rettender Matt Damon: Diese Woche zu sehen in Ridley Scotts neuem Blockbuster "Der Marsianer" nach Andy Weirs gleichnamigem Science-Fiction-Bestseller. Die Kritik reagierte recht garstig: David Hugendick (ZeitOnline) hatte sich ein "unheimliches Kammerspiel", ein "existenzielles Daseinskino" erhofft, "aber das wird es nicht. ... Weil es im Film keine Melancholie gibt, keine Verzweiflung, keine Unruhe, keinen Wahnsinn, kein Rauchwölkchen von Nihilismus und all diese Dinge, von denen man metaphysische Frostbeulen bekommt. In dieser Leere gilt nur die praktische Vernunft und ungebrochen gute Laune."

Wenig gute Laune auch beim allerdings recht ulkfreudigen Alex Rühle von der SZ: "Wer sich für eine Einführung in Astrophysik und interplanetarische Agrokultur interessiert - unbedingt reingehen. ... Wer das Weltall aber als Ort der existenziellen Extreme liebt, sollte sich lieber zu Hause "Gravity" und "Interstellar" ansehen. Oder einfach mal wieder abends in die Sterne schauen. Da spürt man mehr vom All als in 135 Minuten Sendung mit dem Mars." Verena Lueken (FAZ) vermisst eine "packende Geschichte" und hätte sich überhaupt gewünscht, Matt Damon häufiger beim Nachdenken beobachten zu können. Etwas lieblos findet in der Welt Harald Peters die Figuren gezeichnet.

Carolin Weidner (taz), Daniel Kothenschulte (FR), Nadine Lange (Tagesspiegel), Verena Lueken (FAZ) und Fritz Göttler (SZ) schreiben zum Tod der Regisseurin Chantal Akerman.

Besprochen werden weiter Stephen Frears" Biopic über den Radrennfahrer Lance Armstrong "The Program" (NZZ) und Denis Villeneuves "Sicario" (NZZ).
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Literatur

Im Blog des Merkur berichtet Hanna Engelmeier schön gallig vom großen Karl-Ove-Knausgård-Event in Berlin, wo es unter anderem auch zu Diaabend-artigen Anwandlungen mit Postkartenmotiven von "Träumen"-Schausplätzen kam. Doch "die Ruhmkontrolle funktioniert nur über Präsenz, weshalb als dramaturgischer Höhepunkt des Abends Knausgård selbst einen Textausschnitt vorträgt, auf Norwegisch. Das dürfte die Mehrzahl der Zuhörenden nicht verstehen, aber er stützt sich leicht gebückt auf dem Pult ab, gestikuliert mit der rechten Hand im Rhythmus seines dringlich klingenden Vortrags und performiert so insgesamt sehr schön Knausgård, aus dem Knausgård-Text rauskommt."

Weitere Artikel: Die argentinische Schriftstellerin María Sonia Cristoff erzählt im Gespräch mit der taz von Patagonien in den 70ern, vom Schreiben und von ihrem neuen Buch, den Roman "Lasst mich da raus", der in einem Provinzmuseum in der Pampa spielt. Das literarische Polen steht Kopf, berichtet Marta Kijowska in der FAZ: Vor wenigen Tagen ist das erst kürzlich entdeckte, zuvor völlig unbekannte Debüt des 1969 gestorbenen, polnischen Literaturstars Marek Hłasko veröffentlicht worden. Die FAS hat Andreas Bernards Gespräch mit dem Schweizer Historiker David Gugerli online gestellt, der gerade Max Frischs letzten literarischen Text, seine Überwachungsempörung "Ignoranz als Staatsschutz?", herausgegeben hat.

Besprochen werden u.a. Heinz Helles Postapokalyspe "Eigentlich müssten wir tanzen" (FR), Ralph Dohrmanns "Eine Art Paradies" (Tagesspiegel), Vladimir Sorokins "Telluria" (ZeitOnline), Ralf Nestmeyers Band "Hotelwelten" (NZZ), Armin Greders Bilderbuch "Die Insel" (NZZ), Ursula Poznanskis Thriller "Layers" (NZZ) und Michael Morpurgos Roman "Nur Meer und Himmel" (NZZ).
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Architektur

Bettina Maria Brosowsky besichtigt für die NZZ ausgiebig den neuen Anbau des Sprengel Museums in Hannover.
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Stichwörter: Sprengel Museum

Bühne


Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen. Foto © Bettina Stöß

Enrico Lübbes Leipziger Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Die Schutzflehenden", das der Regisseur stärker noch mit dem Originaltext von Aischylos kontextualisiert, ist gelungen, freut sich Helmut Schödel in der SZ: "Wie man jetzt sieht, braucht man zur Verdeutlichung des politischen Konflikts nicht unbedingt Stacheldraht oder teilnehmende Original-Asylbewerber. Das Stadttheater hat durchaus die Fähigkeit, drastisch zu argumentieren, wenn die Theaterleute ihr Handwerk beherrschen. So schlug die Leipziger Aufführung den Bogen vom antiken Ritus zum heutigen Chaos, von der göttlichen Regel zur politischen Improvisation, von einer wertebewussten Gesellschaft zur Modernisierung eines Dilemmas."

Mit bewährtem Berliner Kulturguerilla-Anarchismus hält Matthias Lilienthal München auf Trab: Mit der Ankündigung einer Internationalen Schlepper- und Schleusertagung an den Münchner Kammerspielen hat er ordentlich Staub aufgewirbelt. Von Zynismus will er in einem Gespräch mit ZeitOnline aber nichts wissen, schließlich sollen auf dem Kongress auch ganz konkrete Vorschläge gemacht werden: "Zum Beispiel soll es eine App geben, die Flüchtlinge von den Schleusern unabhängiger macht." Und: "Wir plädieren mit der Aktion für eine Legalisierung. "Schafft legale Einreisemöglichkeiten von Damaskus nach München" - so lautet im Kern unsere Forderung. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass die Bundesrepublik die jetzt gezeigte Willkommenskultur langfristig übersetzt. Man sollte den Flüchtlingen sagen: "Kommt und bleibt, solange ihr wollt." Es sollte keine Abschiebungen geben, wenn sich etwa die Lage in Syrien irgendwann wieder verbessert hat. Wer Jahrzehnte hier war, sollte bleiben dürfen."

Besprochen werden eine Aufführung von "Monty Python"s Spamalot" in Mainz (FR), der Premieren-Marathon an den drei Berliner Opernhäusern (NZZ) und Ron Harwoods am Berliner Renaissancetheater uraufgeführtes Stück "Entartete Kunst" über den Gurlitt-Fall (Tagesspiegel, mehr dazu hier).
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