Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst und Quatsch

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26.08.2015. In der Welt dichtet Peter Wawerzinek schon mal vorausschauend letzte Gedichte von Günter Grass. Der Freitag würde Aischylos' Drama "Die Schutzflehenden" gern mal wieder im Urtext hören. Tiefe und Witz findet die SZ in Banksys Freizeitpark "Dismaland". Die Berliner Zeitung beobachtet die Entpolitisierung des HipHop im Biopic "Straight Outta Compton". Und: Benedict Cumberbatch kann Hamlet, melden NZZ und Welt.

Literatur

Am Freitag erscheint bei Steidl "Vonne Endlichkait", ein Band mit nachgelassenen Texten von Günter Grass. In Göttingen wurde das Buch bereits vorgestellt, berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Peter Wawerzinek hat für die Welt die letzten Gedichte von Grass "vorausschauend niedergeschrieben". Hier eine Kostprobe:

Letzte Weisheit

Mit Willi Brandt, Amundsen
und Scott habe ich eins gemein:
Wir brachen auf zu den Polen.

Weitere Artikel: Indonesien, Gastland der Frankfurter Buchmesse, ist als Literaturkontinent bei uns wenig bekannt. Auf Qantara stellt Monika Griebeler zehn Autorinnen und Autoren vor, die man kennenlernen sollte. (Der Perlentaucher empfiehlt außerdem die im Horlemann Verlag erschienene Anthologie moderner indonesischer Lyrik "Gebt mir Indonesien zurück!") Helmut Schödel (SZ) besucht den Tiroler Dichter Hans Haid im Ötztal.

Besprochen werden Tom Schulz" Gedichtband "Lichtveränderung" (NZZ), Jon Mathieus Kulturgeschichte des Alpenraums (NZZ), Rudolf Langthalers Streitschrift gegen Richard Dawkins (NZZ), die von Clara Paul herausgegebene Anthologie "Überraschung!" (taz), Mira Gonzalez" Gedichtband "ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können" (ZeitOnline), Rebecca Solnits Essayband "Wenn Männer mir die Welt erklären" (FR), Alfred Neven DuMonts Memoiren (Berliner Zeitung) und Stephan Wackwitz" "Bilder meiner Mutter" (FAZ).
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Kunst

Angesichts der demonstrativ zynischen Attraktionen in Banksys tristem Freizeitpark "Dismaland" amüsiert sich Christian Zaschke (SZ) ganz königlich: "Selbstverständlich ist das alles nicht nur lustig. Große Teile des Parks sind subversiv oder zynisch oder politisch. In der Guerilla-Ecke geht es um Polizeigewalt, im Kasperletheater um den Kinderschänder Jimmy Savile, und im Inneren des Schlosses liegt Cinderella tot, sie hatte einen Kutschenunfall, ihre Leiche wird unablässig von Paparazzi geknipst. ... Das Besondere an diesem Park ist, dass aus dem Nebeneinander von Anarchie und Ernst, von Kunst und Quatsch, von trostloser Schönheit und sanfter Depression ein größeres Doppel entsteht: Tiefe und Witz." Dieses Video bietet einige Eindrücke:



Weiteres: Die Stiftung Gustav Seitz zieht samt Nachlass des Bildhauers ins Märkische Oderland, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Besprochen wird die Ausstellung "Miró - Malerei als Poesie" im K20 in Düsseldorf (FAZ).
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Film



In seinem in enger Absprache mit der Band entstandenen Hiphop-Biopic "Straight Outta Compton" beleuchtet Regisseur F. Gary Gray die Frühphase der GangstaRap-Pioniere N.W.A. aus L.A.-Stadtteil Compton um 1990. Dass der Film bis zum Anschlag frauenfeindlich ist und Hispanics nicht mal vorkommen, hat vor einer Woche Florian Werner auf Zeit online dem Film zum Vorwurf gemacht. Heute winkt Gerrit Bartels dagegen im Tagesspiegel gemütlich ab, der Film lasse Zwischentöne doch zu: "Der Goldkettenschwachsinn, die Waffennarreteien, das Gangster-Getue, alles drin. Und dass seine Protagonisten keine Feministen sind, wer hätte das gedacht?, wird auch deutlich."

In der Berliner Zeitung findet Jens Balzer die demütigende Behandlung Schwarzer durch die Polizei eindrucksvoll dargestellt. Aber war die Musik von N.W.A. wirklich Protest gegen die Verhältnisse, fragt er sich. "Man kann den GangstaRap mit guten Gründen auch als wesentlichen Schritt zur Entpolitisierung des HipHop ansehen: Anders als bei anderen Rappern der Zeit wie Ice-T und KRS-One stand hier ja gerade nicht die Kritik der rassistischen Verhältnisse im Zentrum, sondern vielmehr deren obszöne Affirmation; es ging nicht mehr um die Veränderung der Verhältnisse, sondern darum, härter, männlicher und erfolgreicher zu sein als der Rest und auf diese Weise den Verhältnissen zu entkommen." In der SZ packt Jan Kedves das kalte Grausen angesichts der deutschen Synchronisation.

Das Filmfestival in Toronto macht Venedig immer stärker Konkurrenz, berichtet Josef Nagel in der NZZ. "Die Eröffnung der Jagdsaison an der kanadischen "Börse" für neue Filmprojekte fungiert immer stärker als Vorspiel auf den Anfang November im kalifornischen Santa Monica terminierten American Film Market - neben dem Marché du Film an der Côte d"Azur im Mai wichtigster Umschlagplatz für das globale Filmbusiness. Wenn die Marketingleute der Hollywoodstudios und ihrer Tochterfirmen die Bewerbung eines Films quasi als Heimspiel ausrichten können, dann ist die Frage, ob Venedig oder das "Cannes Nordamerikas" logistisch einfacher und effizienter arbeitet, rasch beantwortet."

Weiteres: Torsten Wahl (Berliner Zeitung) führt durch die Serienoffensive des ZDF. Besprochen werden Jonathan Demmes Familien-Tragikomödie "Ricki and the Flash" mit Meryl Streep als alternder Rocklady (NZZ), die im Max-Ernst-Museum in Brühl gastierende Tim-Burton-Ausstellung (Welt), der Musikfilm "Frank" mit Michael Fassbender (FAZ) und die WDR-Serie "Meuchelbeck" (FR).
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Bühne

Auch wenn Sebastian Nübling ankündigt, seine im November am Berliner Gorki-Theater aufgeführte Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" mit Aischylos" Flüchtlingstragödie "Die Schutzflehenden" zu verquicken, fragt sich Michael Jäger im Freitag, ob es nicht sogar wünschenswert wäre, angesichts der hitzigen Debatten zum Thema einmal ganz zum Urtext zurückzukehren: Schließlich sei Jelineks Text geradezu kühl rational. "Zu betonen, dass die Flüchtlinge gleichberechtigte Vernunftwesen sind, ist gut. Mit ihren Affekten, ihrer Todesangst konfrontiert zu sein, sollte aber nicht versäumt werden. Man würde sich dadurch, der Forderung des Philosophen Emmanuel Lévinas gemäß, ihrem "Antlitz" stellen, will sagen der Erfahrung ihrer Verwundbarkeit, und so dem ethischen Anspruch, den ihre Existenz für uns bedeutet." Als Aufführungsort wünscht sich Jäger im übrigen Dresden.

In London spielt der Film- und Fernsehstar Benedict Cumberbatch den Hamlet und die ganze Stadt steht Kopf, sodass die großen Blätter sogar die Sperrfristen für Premieren brechen, berichtet Gina Thomas in der FAZ. Marion Löhndorf findet die Inszenierung eher schmalspurig. Allerdings sei Cumberbatch nicht nur Fernsehstar, sondern auch ein wirklich guter Schauspieler, der als Hamlet zeige, was er könne, schreibt sie in der NZZ: "Er verfügt über eine ausgedehnte Bandbreite an emotionaler und intellektueller Ausdrucksfähigkeit, das Charisma eines Schauspielers, der weiß, wie gut und erfolgreich er ist, und vor allem über eine trag- und modulationsfähige Stimme. Er gilt zu Recht als einer der besten Schauspieler seiner Generation." Thomas Kielinger sieht es in der Welt genauso.

Außerdem: Manuel Brug langweilt sich beim Berliner Tanz im August: Zuviel Retro, kritisiert er in der Welt.
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Musik

Läuft gut bei Patti Smith, stellt Stephan Porombka im Freitag fest: Neben aktuellen Touren steht demnächst der zweite Teil ihrer Autobiografie an - sowie eine Verfilmung derselben in Form einer TV-Miniserie. Aber passt das überhaupt zusammen - hier die warmherzige, all die Künstler, die ihren Lebensweg gekreuzt habem, so innig liebende Musikerin, dort das schnelle, kalte Medium? Durchaus, meint Porombka: Denn "es [ist] die Faszination am Fabulieren, von der auch dieses Projekt angetrieben wird. Die Kunst der Patti Smith ist im Kern narrativ. ... Wenn man in der ersten Hälfte der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts in einem großen Rahmen komplexe Geschichten erzählen will, die eng verwoben sind, aber nicht ineinander aufgehen, sondern sich bloß gegenseitig dynamisieren, dann bietet sich nämlich die Serie an."

Jan Brachmann berichtet in der FAZ vom Festival "Raritäten der Klaviermusik" in Husum, für das er nur lobende Worte findet: "Hier wird eine Korrektur an der bedenklichen Verengung des offiziellen Klavierkanons vorgenommen, an der Monokultur der Beethoven-, Chopin- und Schubert-Abende, aber auch an der Musikpolitik der ästhetischen Säuberungen im zwanzigsten Jahrhundert, welcher ideologischen Motivation auch immer."

Weitere Artikel: Marianne Zelger-Vogt hört für die NZZ neue Sänger bei der Schubertiade. Im Tagesspiegel resümiert Udo Badelt das Berliner Festival Young Euro Classic. Andreas Hartmann stellt die Indieband Isolation Berlin vor. Und Christian Schröder erkundigt sich bei Dieter Gorny nach den Ursachen für die Provinzialisierung der hiesigen Musikcharts, in denen fast nur noch einheimische Produktionen auftauchen.

Besprochen werden Ballettmusiken mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Daniele Gatti beim Lucerne Festival (NZZ), ein Auftritt von Shamir (taz, Berliner Zeitung), Olli Banjos Album "Wunderkynd" (FR), das neue Album von Eleventh Dream Day (FAZ) und ein Konzert zu Ehren des Komponisten Mikis Theodorakis (Tagesspiegel).
Archiv: Musik