Efeu - Die Kulturrundschau

Polnisch müsste man können!

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24.08.2015. In der taz erzählt Mohammad Rasoulof, wie man im Iran einen Film dreht. Die SZ lernt in der New Yorker Sneakers-Ausstellung, wie sich der Turnschuh im Lauf der Zeit in einen Schwellkörper verwandelte. Rue89 geiert das kooperative Potenzial der Soundcloud, das von der Musikindustrie bedroht wird. Krzysztof Warlikowskis Stück "Die Franzosen", eine Bearbeitung von Prousts "Recherche", riss die Theaterkritiker vom Stuhl.

Bühne


Krzysztof Warlikowski, Die Franzosen. Ruhrtriennale 2015. Foto
© Tal Bitton


Tief beeindruckt berichtet Regine Müller in der taz von Krzysztof Warlikowskis "Die Franzosen", einer verschlungenen, fünfstündigen Bearbeitung von Prousts "Recherche" bei der Ruhrtriennale: Der Regisseur "sieht fatale Parallelen zwischen Prousts dekadenter Fin-de-­siècle-­Gesellschaft und dem heutigen Hedonismus. Er präpariert die antisemitischen Passagen zur Dreyfus-Affäre aus dem Roman heraus und deutet die Abgrenzungsstrategien gegenüber unliebsamen Minderheiten (damals wie heute) als untrügliche Vorzeichen kommender elementarer Umwälzungen. ... Trotz Längen ein starker Abend und grandioses Schauspielertheater." Auch Egbert Tholl (SZ) hat sich von der Inszenierung hinreißen lassen: "Hier erlebt man nicht die Imagination einer Welt, sondern diese Welt selbst, als monströse, überbordende, krass durchgeformte Reportage."

Andreas Rossmann streckt in der FAZ unterdessen, überfordert, dem polnischen Dialog mittels deutscher Untertitel folgen zu müssen, die Waffen: "Polnisch müsste man können! ... Ohne Verständnis der Sprache muss der Eindruck der Inszenierung unvollständig und vorläufig bleiben. Mit den "Franzosen" führt die Ruhrtriennale das Publikum über Grenzen, die es sprachlos zurücklassen." Wenig begeistert ist auch Martin Krumbholz in der nachtkritik.

Wenig Begeisterung löste Susanne Kennedys Operninstalltion "Orfeo" (mehr dazu hier) aus: Großer konzeptueller Aufwand, mit recht schmaler Pointe, kritisiert Wolfgang Behrens in der nachtkritik, "eine irritierende Selbstbegegnung (...), aber keineswegs eine Transzendenzerfahrung", notiert Regine Müller in der taz.

Weitere Artikel: Für die Zeit sichtet Christine Lemke-Matwey die von Hans-Jürgen Syberberg bewahrten Stills aus Wolfgang Wagners ansonsten verschollenen Filmaufnahmen von Hitlers Besuch in Bayreuth. Christine Wahl (Tagesspiegel) und Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) gratulieren der Schauspielerin Carmen-Maja Antoni zum 70. Geburtstag. Außerdem kann man beim Deutschlandfunk Jenny Hochs Feature über den wachsenden Einfluss von Frauen und Migranten im Gegenwartstheater nachhören.

Besprochen werden Aufführungen beim Berliner "Tanz im August" (taz, Tagesspiegel), Aufführungen beim Franz-Lehár-Festival in Bad Ischl (darunter die Nico-Dostal-Operette "Ungarische Hochzeit" mit einer sensationellen Regina Riel als Bauernmaid Janka, meldet Jörn Florian Fuchs im Standard), Jean-Baptiste Lullys "Armide" bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (Presse), Alice Ripolls Choreografie "Passinho" beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ) und die Uraufführung von Jürg Wyttenbachs Madrigalspiel "Der Unfall" beim Lucerne Festival (NZZ).
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Kunst

Michael Wurmitzer besucht für den Standard eine Ausstellung zum 150. Todestag von Ferdinand Georg Waldmüller im Wiener Belvedere und lernt einen Maler kennen, der keine Lust mehr hatte auf die "geschönten Bilder von matronenhaften Damen, Familienglück auf Sommerfrische und Comtessen mit rosigen Backen". (Bild: Ferdinand Georg Waldmüller, Die Tochter des Ehepaars Johann und Magdalena Werner, 1835. Belvedere, Wien.)

Weiteres: In der NZZ stellt Eva Dietrich das Linzer Kunstprojekt "Höhenrausch" vor. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Frauensache" im Schloss Charlottenburg in Berlin (Tagesspiegel).
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Film

Im taz-Gespräch mit Andreas Busche berichtet der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof, der wie Jafar Panahi Repressalien des iranischen Regimes ausgesetzt ist, unter anderem auch von den beschwerlichen bis haarsträubenden Dreharbeiten zu seinem Film "Manuscripts Don"t Burn" (unsere Besprechung hier): "Die Zensurauflagen haben dazu geführt, dass iranische Filmemacher meist in Innenräumen drehen mussten. Das reichte mir irgendwann, ich wollte einen neuen Weg finden. ... Darum habe ich "Manuscripts Don"t Burn" als eine Art Roadmovie entwickelt, denn auf dem Land ist die Gefahr, entdeckt zu werden, geringer als in der Stadt. ... Die Innenaufnahmen wurden in Hamburg gefilmt. ... [Eine] Szene (...) mussten wir zum Beispiel tagsüber ohne Darsteller drehen. Die Schauspieler wurden später vor einem Blue Screen gefilmt und nachträglich in die Szene eingefügt."

Nadine Lange berichtet im Tagesspiegel vom Filmfest in Sarajevo. Schauspieler Frederick Lau träumt im ZeitMagazin. Besprochen wird die Ausstellung "Film und Games: Ein Wechselspiel" im Filmmuseum Frankfurt (FAZ)
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Design



Peter Richter berichtet in der SZ von seinem Besuch der großen Sneakers-Ausstellung im Brooklyn Museum. Dass diese sich von einem üblichen Sneaker-Store kaum unterscheidet - immerhin will ihm das anwesende Sicherheitspersonal nichts andrehen - nimmt er ihr kaum krumm, schließlich kommen ihm hier prächtige Gedanken über das Verhältnis zwischen Sportschuh-Design und zeitgenössischer Architektur: "High-Tops aus den Achtzigerjahren und Erich Mendelsohns Einsteinturm in Potsdam beispielsweise sind Verwandte, die nur nichts von einander wissen. Bei Reebok wachsen eine Zeitlang Oscar Niemeyer"sche Piloti aus den Sohlen, die den Schuh luftig nach oben bocken. Und was in den Neunzigern bei den Air Jordans von Nike los war, lässt sich nur mit der Entfesselung der "Cad Cam"-Architektur vergleichen, als alles irgendwie baubar wurde, was man am Computer zusammenmalte. Sneakers begannen den Bauten mal von Frank Gehry, mal von Zaha Hadid zu gleichen; sie wurden zu dröhnenden Superzeichen voller Schwellkörper, Materialkontraste und schlingernder Schlieren."

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Stichwörter: Zaha Hadid, Schuhmode, Sneaker

Literatur

Der Standard bringt einen Auszug aus Karl-Markus Gauß" neuem Buch "Der Alltag der Welt". Der WDR hat am vergangenen Samstag ein ausführliches Gespräch mit dem longlist-nominierten Schriftsteller Ilija Trojanow geführt - hier kann man es nachhören. Thomas David (FAZ) besucht die Schriftstellerin Helen Macdonald. Die FAZ hat Leif Brandts Reisebericht aus Indonesien online nachgereicht. Außerdem zum Nachhören beim Deutschlandfunk: Christoph Vormwegs Feature über die Gleischaltung des französischen Literaturbetriebs unter der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs.

Besprochen werden Juerg Albrechts Essayband "Kunstgeschichten" (NZZ) und Henning Ahrens" "Glantz und Gloria" (SZ).
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Architektur

Deprimiert kommt Till Briegleb von einer Reise zu neuen Universitätsgebäuden in Kassel und Osnabrück zurück. "Die Frage, was eine spezielle Architektur des Lernens und Forschens sei, also wie ein Gebäude inspirierend wirken könnte auf eine junge Kundschaft, für die es keinerlei zwingenden Zusammenhang zwischen Würfelarchitektur und aufklärerischer Gesinnung mehr gibt, wird von den meisten dieser Kisten weder gestellt, geschweige denn beantwortet", gibt er in der SZ zu Protokoll.

Außerdem: Wojciech Czaja und Maik Novotny liefern sich im Standard ein Pro und Contra zum Schaffen Le Corbusiers. In der Welt feiert Dankwart Guratzsch die Wiederentdeckung des Architekten Otto Kohtz.
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Musik

Soundcloud ist gefährdet, weil die Musikkonzerne Druck auf den Dienst machen, um höhere Tantiemen zu bekommen, schreibt Brice Bossavie in Rue89 und macht auf die riesige Bedeutung von Soundcloud in allen Sparten des Pop aufmerksam: "Das Geheimnis von Soundcloud liegt darin, dass es verstanden hat, wie Musik im Internet heute funktioniert: Es privilegiert die Entdeckung und die Mund-zu-Mund-Propaganda. So sagt es in New York auch der Rapper Rome Fortune: "Soundcloud bietet alle Musik der Welt auf nur einer Website, von den bekanntesten bis zu den obskursten Künstlern. Wenn ein berühmter Musiker einen Unbekannten weiterempfiehlt, wird der von Hunderderttausenden Followern gehört werden, die ihn ihrerseits weiterempfehlen." Dieser junge Rapper aus Atlanta machte in der Fachpresse von sich reden, weil er mit Elektroproduzenten zusammenarbeitete. Soundcloud macht es ihm möglich, mit Musikern aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen in Kontakt zu treten."

In der Presse amüsiert sich Samir H. Köck über den Ostberliner Fritz Kalkbrenner, der beim Frequency-Festival in St. Pölten hinter seinem Pult frenetisch nicht vorhandene Knöpfchen drehte: "Dieses Vorschwindeln permanenter Beschäftigung - Beamte kennen es aus ihrem Alltag, Langzeitarbeitslose aus ihren AMS-Kursen - bewies den hohen Ethos Kalkbrenners: Er will sich seine Gage mit ein wenig Schweiß verdienen. Seine Musik strahlt derart sündige Entspanntheit aus, dass er glaubt, er müsse sie mit einer Dauerchoreografie erden. Und so wackelte Kalkbrenner permanent, selbst da, wo seine Sounds eine Relaxtheit abstrahlten, zu der man Herzkatheter setzen hätte können."

Die Jungle World bringt den fünften Teil aus Uli Krugs toller Reihe über die Geschichte der Mods. Darin klärt er unter anderem, warum diese Jugendkultur bis heute so sehnsuchtsvoll besetzt ist: "Zum einen war es eine bewusst zivilisationsbejahende Jugendkultur, die den Gebrauchswert des Fortschritts radikal in Anspruch nahm und ganz ohne die Schlacken von Jugendbewegung und Wandervogel auskam. Zum anderen bedeutete Mod Protest durch Stil: ein Sich-Verwahren dagegen, das einem die Überflüssigkeit im kapitalen Verwertungsprozess auch noch auf den Leib geschrieben wird, ein Sich-Verwahren dagegen, dass die Dinge - inklusive des eigenen Lebens - sich in Müll verwandeln, lange bevor sie auf diesem landen."

Weitere Artikel: Die SZ hat Christoph Giesens lesenswerte Reportage über Laibachs Nordkorea-Besuch online nachgereicht. Im Standard resümiert Ljubiša Tošić die Salzburger Festspiele unter Interimsintendant Sven-Eric Bechtolf und kommt zu dem Schluss: "Noch mehr Schrumpfung wäre jedoch mittelfristig fatal. Ein schlanker, kompetenter Aufsichtsrat statt eines aufgeblähten Kuratoriums - das wäre hingegen ein Anfang von Strukturbereinigung!" In der NZZ berichtet Christian Wildhagen über den Young Conductors Award bei den Salzburger Festspielen.

Besprochen werden eine neue Einspielung von Leonardo Vincis "Catone in Utica" (FAZ) sowie die Konzerte von Wanda (taz), den Maccabees (Tagesspiegel), des I, Culture Orchestras bei Young Euro Classic in Berlin (Tagesspiegel), Christiane Kargs (FR) und des Borodin-Quartetts beim Rheingau Musik Festival (FR), Kendrick Lamars beim Frequency-Festival (Standard), Pippo Pollinas in Zürich (NZZ) und Al Bano und Romina Powers in Berlin (Welt).
Archiv: Musik