Efeu - Die Kulturrundschau

Das Ohr ist ein islamisches Organ

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06.08.2015. Die Musikkritiker halten den Atem an, wenn Jonas Kaufmanns Schrei "Gott, welch Dunkel hier!" ertönt. Autorin Ursula Le Guin verteidigt in ihrem Blog Atticus Finch gegen Vorwürfe, er sei zum Rassisten mutiert. Autor Amit Chaudhuri feiert im Guardian den Kritiker James Wood als Enthusiasten. In der New York Times fordert David Byrne mehr Transparenz bei der Verteilung der Erlöse aus Musikverkäufen. In Bayreuth zwingt Wagner Peter Sloterdijks Ohr in die Knie.

Bühne

Peter Sloterdijk bringt den Zeit-Lesern von seiner Reise zu den Bayreuther Festspielen unter anderem folgende Erkenntnis mit: "Das Ohr ist ein islamisches Organ. Wagners Musik macht die Unterwerfung explizit. Sie zwingt das Ohr in die Knie - wenn es denn wirklich knien kann. Sie liefert dem Knien-Dürfen, Knien-Wollen Form und Fassung." (War er also der naseschnäuzende Philosoph, von dem Eleonore Büning am 30. Juli in der FAZ berichtete?)


Fidelio 2015. Paul Lorenger (Pizarro Schatten), Adrianne Pieczonka (Leonore), Jonas Kaufmann (Florestan). Foto: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

In Salzburg feierte Claus Guths Inszenierung von Beethovens "Fidelio" Premiere: Die Dialoge wurden, zum Missfallen der Kritik, gestrichen, das Bühnenbild blieb auf eine Bürgerwohnung begrenzt und Florestan wird am Ende keineswegs erlöst. Den regen Andrang verdankt die Aufführung vor allem "Superstar" Jonas Kaufmann, der den Florestan singt, erklärt Frederik Hanssen im Tagesspiegel: Dessen Auftritt sei denn auch "das absolute Highlight" des Abends gewesen: "Der Saal hält den Atem an, bevor die Kerkerszene mit dem berühmten "Gott, welch dunkel hier!" beginnt. Der Schrei aus der Finsternis, als Stöhnen erst, dann auf dem "O"-Vokal anschwellend, eine gefühlte Ewigkeit lang, dieser Schrei wird drängender und drängender, bis er den gesamten Raum erfüllt."

Auch Wilhelm Sinkovicz (Presse) und Ljubiša Tošić (Standard) können mit der Inszenierung nichts anfangen, sind aber voll des Lobs für das Orchester unter Franz Welser-Möst und die Sänger, allen voran Jonas Kaufmann. Regine Müller von der taz hörte hingegen nur "gesangliches Mittelmaß". Wolfgang Schreiber (SZ) findet Guths Inszenierung mitunter "sehr problematisch". Da liegt er wohl auf einer Linie mit dem Salzburger Premierenpubikum, dessen Reaktionen "ungewöhnlich wütend" ausgefallen sind, wie ein um versöhnlichen Ausgleich bemühter Jan Brachmann in der FAZ berichtet: Die Regie "ist gewiss nicht völlig geglückt. Aber sie hat Verstörendes in diesem Stück aufgespürt".

Das wiedereröffnete Richard-Wagner-Museum in der Villa Wahnfried ist nicht nur akurat auf den Stand des 19. Jahrhunderts zurückgebaut worden, freut sich Eleonore Büning in der FAZ, sondern stelle sich auch erstmal der Verstrickungen des Wagner-Universums mit dem Nationalsozialismus: "Das war schon lange überfällig. Endlich!"

Besprochen werden Mozarts "Figaro" bei den Salzburger Festspielen (NZZ), Euripides" "Bakchen" in London (NZZ) und Mette Ingvartsens in München aufgeführte Choreografie "69 Positions" (SZ)
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Literatur

Die britische Autorin Ursula Le Guin verteidigt in ihrem Blog Harper Lees Helden Atticus Finch gegen alle Vorwürfe, er sei plötzlich zum Rassisten mutiert: "Der "Wächter" hat sicher auch kindliche Züge - die Autorin war schließlich ziemlich jung - aber ihre Ziele sind die einer Erwachsenen: zu zeigen, wie schwer es für eine Tochter ist, ihren Vater als Mitmenschen zu sehen, und wie schwer es ist, vollständig gegen die Untergerechtigkeiten der eigenen Leute zu rebellieren. Etwas weniger rassistisch zu sein als die Menschen um die herum kann auch schon eine ganz schöne Leistung sein. Ich denke, wenn wir Atticus erst als Heiligen und jetzt als Dämon sehen, dann weigern wir uns einfach, ihn als Mann zu sehen. Und wir weigern uns zu hören, was die Autorin uns über Südstaatler erzählen will."

Im Guardian beugt sich Autor Amit Chaudhuri über "The Nearest Thing to Life", den neuen Band des Literaturkritikers James Wood: "Hier ist ein Mann, der eine erfolgreiche Karriere als Enthusiast gemacht hat, in einer Zeit, in der Literatur von der Wissenschaft hauptsächlich mit Skepsis betrachtet wird. Er wird gelesen, man vertraut ihm und widerspricht ihm in einer Zeit, in der der Kritiker als redundant ist."

Es "herrschen derzeit merkwürdige Zeiten für die deutsche Lyrik", meint Uwe Schütte im Freitag: Wer den Ertrag der Lyrik derzeit für mager halte, solle sich mal im deutschen Indiepop und hier vor allem bei Tocotronic und Andreas Spechtl umsehen, rät er. Insbesondere das Stück "DMD KIU LIDT" von Spechtls Band Ja Panik will Schütte empfehlen:



Weitere Artikel: Die Complete Review notiert den jüngsten Skandal in der Pariser "rentrée littéraire": Simon Liberatis biografischer Roman über seine Frau Eva Ionesco, Vorbild für Louis Malles "Pretty Baby" und Modell für ein Spiegel-Cover von 1977, das heute wohl justitiabel wäre. Sabine Vogel empfiehlt in der FR neue Reisebücher. In der Welt stellt Gerhard Gnauck den Schriftsteller J. M. Rymkiewicz vor, die "intellektuelle Galionsfigur" der Rechten in Polen. Autor Clemens Setz, nie um ein interessantes Thema verlegen, stellt sich in der Zeit den "ungeheuerlichsten Texten, die man sich vorstellen kann: Anne-Frank-Fanfiction, oder abgekürzt AFFF". Hier seine zwei ausgesuchten Beispiele. Ebenfalls in der Zeit porträtiert Andrea Böhm den libanesischen Comiczeichner Suleiman Bakhit (dem auch schon die New York Times und Vice Porträts widmeten).

Besprochen werden Franzobels neuer Krimi "Groschens Grab" (Standard), Maylis de Kerangals Roman "Die Lebenden reparieren" (NZZ), der Roman "54" des Kollektivs Wu Ming (Freitag, unsere Besprechung hier), Saphia Azzeddines "Mein Vater ist Putzfrau" (Freitag), Jens Steiners "Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit" (Tagesspiegel) und Andrea Grills "Das Paradies des Doktor Caspari" (FAZ).
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Kunst


Danh Võ, Shove it up your ass, you faggot, 2013, 2 Äste mit mehrfarbigen Holzschnitzereien, Charlotte Feng Ford Collection, New York, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier, © Danh Võ

Etwas ratlos berichtet Julia Voss in der FAZ von ihrem Besuch der Kölner Ausstellung "Ydob eht ni mraw si ti" des derzeit angesagten Künstlers Danh Vo, der darin allerlei Artefakte seiner eigenen Familiengeschichte, die eine Flüchtlingsgeschichte ist, aufbereitet hat: "Positiv ausgedrückt: Die Schau im Museum Ludwig könnte das Manuskript zu einem noch ungeschriebenen Flüchtlingsroman sein. Jedes Kunstwerk eignet sich als Requisit oder Akteur. ... Negativ formuliert: Wie beim Tetris-Spielen kommt es sehr auf die Geschicklichkeit des Betrachters an, alle diese disparaten Elemente zusammenzufügen. ... Die Kombinationsmöglichkeiten sind geradezu unendlich - und auf Dauer ermüdend, auch beliebig."

Besprochen werden die Ausstellung "Im Inneren der Stadt - Öffentlicher Raum und Frei-Raum" in Bremen (Freitag), die Ausstellung über das Black Mountain College im Hamburger Bahnhof in Berlin (NZZund die Ausstellung "Paperworlds: Kinder- und Jugendzeichnungen zeitgenössischer Künstler" im Buchheim Museum in Bernried (SZ).
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Film

"Die interessanteste Serie der Saison" ist gefunden, zumindest wenn es nach Felix Stephan von ZeitOnline geht: Die Hacker-Serie "Mr. Robot" sehe "über weite Strecken (...) aus wie David Cronenbergs Verfilmung von William S. Borroughs" psychedelischem Roman "Naked Lunch", also großartig."

Weitere Artikel: Im Freitag empfiehlt Simon Rothöhler eine DVD-Box mit Peter Nestlers Dokumentarfilmen als Antidot wider die Trübsal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. In der NZZ berichtet Susanne Ostwald über Schwierigkeiten, die Bestände der Cinematheque Suisse zu digitalisieren. Für die SZ unterhält sich Tobias Kniebe mit "Mission Impossible"-Regisseur Christopher McQuarrie, der sich gut damit arrangieren kann, der Schoßhund von Tom Cruise zu sein.

Besprochen werden das Tom-Cruise-Vehikel "Mission: Impossible - Rogue Nation" (Welt), Mark Monheims Coming-of-Age-Film "About a Girl" (), Mark Monheims "About A Girl" (Freitag, Welt), Kornél Mundruczós Film "White God" (NZZ) und Cameron Crowes "Aloha" (Tagesspiegel, FAZ).
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Musik

Musiker, von einigen Superstars abgesehen, verdienen immer weniger mit dem Verkauf ihrer Musik. Und das liegt unter anderem daran, dass die Verteilung der Verkaufserlöse vollkommen untransparent ist, erklärt David Byrne in einem hochinteressanten Artikel der New York Times: "Es ist leicht, die neuen Streamingdienste für die drastische Reduzierung von Musikereinkommen verantwortlich zu machen. Aber bei näherer Betrachtung ist die Sache etwas komplizierter. Obwohl das Musikpublikum gewachsen ist, wurden Wege gefunden, einen noch größeren Anteil als zuvor von dem Geld abzuzweigen, das Kunden und Musikfans für Musikaufnahmen zahlen. Viele Streamingdienste sind von der Gnade der Plattenlabels (vor allem der großen drei: Sony, Universal und Warner) abhängig und Schweigeklauseln halten alle Parteien davon ab, transparenter zu sein. ... Bevor Musiker und ihre Anwälte für ein faireres Bezahlsystem streiten können, müssen wir genau wissen, was vor sich geht. Wir müssen wissen, wie genau Labels und Streamingdienste das Geld verteilen, das mit Musik eingenommen wird."

Für Pitchfork porträtiert Stuart Berman die kanadische Punk- und Hardcoreband Fucked Up, die das Ethos des "Do it Yourself"-Underground mit einer Genregrenzen sprengenen Experimentierlust verbindet und ihre immense Popularität als sozialen Auftrag versteht: "What"s not so visible to fans outside Toronto is that Fucked Up are not simply a band-they"re more like a community cooperative, events-production team, charity organization, and mentorship program all rolled into one. The more their profile abroad has risen, the more committed they"ve become to improving the quality of life in their hometown, by reinvesting their rewards back into the city"s cultural stream. While most bands strive to leave behind a musical legacy, Fucked Up are just as busy building a social one." Auch vor Geigen schreckt die Band nicht zurück, wie man dieser Aufnahme entnehmen kann:



Weiteres: Michelle Ziegler berichtet in der NZZ vom 30. Davos-Festival "Young Artists in Concert". Besprochen werden neue Jazzveröffentlichungen (The Quietus) und das Boxset der "unsichtbaren LP" der Tödlichen Doris (Freitag).
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Architektur


(Screenshot von der Website von Architecture Studio)

Nachdem Dankwart Guratzsch gestern in der Welt sehr auf eine neue Kirche in Leipzig schimpfte (unser Resümee), stellt Bernadette Sauvaget heute in Libération eine blitzneue Kathedrale in der Pariser Vorstadt Créteil vor: "Vom Himmel aus gesehen ist der Kontrast frappierend. Von Beton eingekreist zieht Notre-Dame-de-Créteil, die künftige Kathedrale des Val de Marne, die Blicke auf sich. Das Holz der der beiden Hälften des muschelförmigen, in den Ausmaßen aber eher bescheidenen Kirchenschiffs fällt auf. Der Kirchturm, ebenfalls aus Holz, erhebt sich stolz auf vierzig Meter. Aber er überragt auf Forderung des Rathauses nicht die Hochhäuser mit ihren 18 Etagen, die das Viertel Montaigut aus den siebziger Jahren dominieren." Entworfen wurde der Bau vom Büro Architecture Studio in Paris.
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