Efeu - Die Kulturrundschau

Der Panther der Erkenntnis

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.05.2015. Weiter geht's in Cannes: László Nemes' Auschwitz-Drama "Son of Saul" verstört die Kritiker. Nach Yorgos Lanthimos' Groteske "Lobster" erklärt die SZ Kargheit, Bosheit und surrealen Humor zur griechischen Staatsräson. Die NZZ entdeckt auf der Expo in Mailand, dass sich in Containern auch Ideen transportieren lassen. Die taz bewundert den neuen Military-Look bei der Fashion Week in Moskau. In der Welt lässt Haruki Murakami Geld vom Himmel regnen. Und aus allen Zeitungen erklingt noch einmal die bezaubernde und kapriziöse Lucille.

Film





Filmstill aus Laszlo Nemes" "Son of Saul"

Das im Wettbewerb gezeigte Debüt "Son of Saul" des Ungarn László Nemes spaltet die Kritik: Das Auschwitz-Drama, das über weite Strecken nur das Gesicht des Protagonisten fokussiert und das eigentliche Geschehen im Unschärfebereich belässt, lässt sich vielseitig deuten. Einen Fürsprecher findet es in Daniel Kothenschulte in der FR: "Wo man nichts sehen kann, da muss man hören - etwa die von den Nazis bei der Ankunft der Häftlinge perfide eingesetzte Musik. Sie macht die Eröffnungsszene der Vorbereitung und Ausführung einer Massenvergasung in ihrer Wirkung einzigartig in der Geschichte des Holocaustfilms."

In der Welt ist Hanns-Georg Rodek erschüttert von der Radikalität des Debüts: ""Saul Fia" ist die erste ernstzunehmende Neuerfindung des Holocaust-Films seit "Schindlers Liste". Große Worte. Und Fallstricke überall." In der NZZ erklärt sich Susanne Ostwald den ausbleibenden Applaus am Ende der Vorstellung als gelähmtes Ensetzen: "Jedenfalls ist dem Geschehen des Holocaust, der eigentlichen Tötungsmaschinerie spielfilmisch wohl noch niemand so nahe gekommen." Anke Westphal hält den Film in der Berliner Zeitung zwar für einen "tapferen Versuch, erst recht aus der innerungarischen Perspektive", aber dennoch auch für mitunter "schrecklich misslungen." Mehr auf Indiewire, bei Variety und beim Guardian.


Filmstill aus Yorgos Lanthimos" "The Lobster"

Mit seiner ersten internationalen Produktion "The Lobster" erzählt der griechische Auteur Yorgos Lanthimos eine bizarre Groteske, in der Singles unter Androhung, sich ansonsten in Tiere zu verwandeln, zur Paarbildung gezwungen werden. Im Standard feiert Dominik Kamalzadeh den Film als erstes Highlight: "Gerade dort, wo es verboten ist, erzählt er mit Zärtlichkeit von einer im Stillen, mit viel Erfindungsgeist wachsenden Liebe." Und Tobias Kniebe nennt den Regisseur in der SZ "das Mastermind des neuen griechischen Kinos": "Die Griechen verblüffen die Welt der Filmkunst schon seit ein paar Jahren mit Kargheit, Bosheit, Surrealismus und Humor - alles Eigenschaften, die inzwischen offiziell zur griechischen Staatsräson erklärt wurden." In den Augen Frédéric Jaegers (critic.de) verpuffe das satirische Potenzial allerdings: "Lanthimos überführt sein Kino der Verstörung ins High Concept von Hollywood, bei dem es dann trotz extravagantem Plot doch nur um ein "Kriegen sie sich?" für die beiden Hauptdarsteller geht." Wenke Husmann fragt sich auf ZeitOnline nach diesem Film, "was unerträglicher ist: mit jemandem zusammenbleiben zu müssen - oder nicht lieben zu dürfen."

Woody Allens
"Irrational Man" ist Lukas Stern (critic.de) schwer auf die Nerven gegangen: "Dieses Dauergequassel ist leider kein Leerlauf, irgendwas will doch gesagt werden, auf irgendwas steuert dieser filmische Klops dann doch zu, und sei es nur die klamaukige Pointe." Au contraire, meint Verena Lueken in der FAZ: Allen fahre hier endlich mal wieder zu Höchstform auf. Auch Katrin Doerksen (kino-zeit.de) ist sehr zufrieden: "Sein Gespür für intelligente, schwarzhumorige Komik hat Woody Allen nicht verloren."

Weiteres: Die starke Präsenz französischer Produktionen im Wettbewerb lässt Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel aufmerken: "Prominente Autoren wie Apichatpong Weerasethakul aus Thailand, Brillante Mendoza von den Philippinen und die Rumänen Corneliu Porumboiu und Radu Muntean [finden sich] in der Nebenreihe "Un certain regard" wieder. An deren Ausdruckskraft wird sich die französische Übermacht im Wettbewerb besonders kritisch messen lassen müssen." In der taz berichtet Cristina Nord. Indiewire bringt fast 15 Minuten aus Miguel Gomes" im Wettbewerb gezeigtem Film "Arabian Nights". Und Katrin Doerksen versorgt uns auf ihrem Tumblr weiter mit tollen Fotos.

Außerdem liefen an der Croisette Andrew Cividinos Coming-Of-Age Drama "Sleeping Giant" (kino-zeit.de), Radu Munteans "Un Etaj Mai Jos" (kino-zeit.de) und Elie Wajemans "Les Anarchistes" (critic.de).

Jenseits von Cannes: Im NZZ-Interview mit Armina Galijas und Andreas Ernst gibt sich der Regisseur Emir Kusturica ganz individualistisch und frei von jedem Nationalismus: "Ich bin wie Gogol, der das Komische mit dem Dämonischen verbindet." Besprochen werden George Millers neuer "Mad Max"-Film (Perlentaucher, Filmgazette) und Jens Schanzes Dokumentarfilm "La Buena Vida" (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Literatur

In der Literarischen Welt erzählt Haruki Murakami von der fantastischen Jazz-Bar, die er in den Siebzigern in Tokio mit seiner Frau betrieb: "Nun taten wir etwas, das uns gefiel, auch wenn wir es nicht leicht hatten, weil wir ja das viele Geld abbezahlen mussten, das wir uns von der Bank und von Freunden geliehen hatten. Als meine Frau und ich eines Monats den Betrag für die Bank partout nicht aufbringen konnten, gingen wir noch spät abends verzagt und mit gesenkten Köpfen durch die Straßen. Plötzlich lag Geld vor uns auf der Straße, und wir hoben es auf. Wie soll ich es nennen? Zufall oder glückliche Fügung? Jedenfalls war es exakt die Summe, die uns für den nächsten Tag noch fehlte."

Weiteres: Im Standard schreibt Klaus Zeyringer zum 85. Geburtstag des Sprachkünstlers Friedrich Achleitner: "Die Form bringt das Wort." In der SZ berichtet Dana Buchzik von ihrem Treffen mit der Schriftstellerin Zadie Smith. Sandra Kegel (FAZ) beobachtet eine auch durch Netzinitiativen und Online-Plattformen wie GoodReads befeuerte Renaissance der klassischen Lesezirkel.

Besprochen werden Ismail Kadares Erzählungen "Die Schleierkarawane" (NZZ), James Gordon Farrells Roman "Die Belagerung von Krishnapur" (NZZ), Dave Eggers" "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" (taz), Lydia Tschukowskajas "Untertauchen" (taz), Lewis Trondheims Comic "Das Ende des Donjon" (Tagesspiegel) und Albert Ostermaiers "Lenz im Libanon" (FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur


Monaco Expo Pavillon

Gabriele Detterer spaziert über die Mailander Expo, bei der sich unter anderem Architekten wie Daniel Libeskind und Norman Foster mit Pavillons für China und die Vereinigsten Arabischen Emiraten in Szene setzen: "Ein nachahmenswertes Konzept der Wiederverwendung des Gebauten realisierte Enrico Pollini für den Pavillon von Monaco. Die Außenwände bestehen - fast wie beim Zürcher Freitag-Tower - aus 19 gestapelten Containern. Diese Standardbehälter globaler Logistik verweisen nicht nur auf den dringend notwendigen Transfer von Ideen. Nach dem Expo-Ende wird der Container-Bau nach Burkina Faso verschifft und bei Ouagadougou in ein Gebäude einer dort vom Roten Kreuz unterhaltenen Ausbildungsstätte transformiert."
Anzeige
Archiv: Architektur

Kunst

Für Sebastian Moll (FR) offenbart sich beim Besuch der Yoko-Ono-Schau im New Yorker MoMA einmal mehr die Schwierigkeit, einst subversive Aktionen in den heutigen Museumskontext zu inkorporieren: "Das alles wirkt (...) im Museum ausgesprochen fremd. ... Als historische Lehrstücke erscheinen die Werke kastriert."

Michael Freerix (taz) porträtiert die im Berliner Wedding sich wacker gegen die Gentrifizierung schlagende Künstlerin Antje Majewski: Diese hat in den letzten 20 Jahren "eine Gimel-Welt, wie sie sie nennt, erschaffen. Mit dem hebräischen Buchstaben Gimel, dessen Schreibweise sie an einen gehenden Menschen erinnert, bezeichnet sie ihre Objekt- und Bilderwelt, die zum Sprechen gebracht werden soll."

Mit sichtlichem Verdruss verlässt Andreas Kilb (FAZ) die Ausstellung "Luther und die Fürsten" in Torgau: Was hier an gebündeltem Wissen ausgestelt wird, muss man sich nämlich erst selbst im Nachhinein in Büchern erarbeiten. Wer das nicht tut, "gleitet durch die Ausstellung wie ein Bootstourist durch den Urwald am Amazonas: Alles leuchtet in Signalfarben, fremde Bilder und Zeichen, blinkendes Treibgut und rätselhafte Stimmen bestricken die Phantasie. Nur der schwarze Panther lässt sich nicht blicken. Denn der Panther der Erkenntnis hat heute frei."

In der SZ berichtet Peter Richter von der New Yorker Messe Frieze. Besprochen werden eine Ausstellung über Teresa von Avila in der Inselgalerie in Berlin (Berliner Zeitung) und die Lee-Miller-Ausstellung in der Albertina in Wien (taz).
Archiv: Kunst

Design


Mercedes-Benz Fashion Week, Moskau, Yegor Zaitsev Fall/Winter 2015

Die russische Mode setzt in dieser Saison ganz auf Militäruniformen und patriotische Töne, erfahren wir aus Tatjana Dwornikowas, Roman Oscharows und Jarina Kajafas taz-Reportage von der "Mercedes-Benz Fashion Week" in Moskau. "Verdienen lässt sich mit Militärmode offensichtlich ganz gut. Nach der Krim-Annexion hat sich die Moskauer Hochschule für angewandte Kunst voll den Nöten des Verteidigungsministeriums verschrieben. Von Studenten werden Militärkleidung, Accessoires und Souvenirs im Military Look erarbeitet. ... Krieg ist in Russland salonfähig geworden. Normal."
Archiv: Design

Bühne

Daniel Schulz stellt in der taz Georg Genoux" Dokumentartheater-Arbeit in Osteuropa vor, bei der Schüler und Jugendliche ihre Erfahrungen mit gewaltsamen Auseinandersetzungen verarbeiten. In der taz weist Mirja Gabathuler auf Marcus Gaabs am Rande des Berliner Theatertreffens entstandene, aus kurzen Schauspieler-Porträts bestehende Onlinevideo-Reihe "One on One on One" mit kurzen Schauspieler-Porträts hin.

Besprochen werden Stefan Puchers Inszenierung von Sartres "Schmutzigen Hände" am Zürcher Schauspielhausder (Welt) und ein von Nacho Duato choreografierte Abend "Duato/Kylían" des Staatsballetts Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Musik

In der SZ weiß Felix Reek, warum die einst legendär zerstrittenen Faith No More nach 18 Jahren wieder ein Album aufgenommen haben: Wegen der lukrativen Nostalgie von Musikfans, die sich ab Mitte Dreißig vornehmlich mit Musik aus ihrer Jugend befassen. "Nicht ohne Grund kehren in verlässlicher Regelmäßigkeit Bands zurück, befeuert von den eigenen verklärten Erinnerungen, gelockt von dicken Schecks. Dass es sich dabei in den letzten Jahren um so viele Bands aus den 90ern handelt (Soundgarden, Alice In Chains, The Prodigy und zuletzt Blur), hat einen einfachen Grund: Ihre Fans gehören der letzten Generation an, die für Musik Geld ausgegeben hat."

Das erste Konzert der Berliner Philharmoniker nach ihrem gescheiterten Konklave war überwiegend von einem "leichten Ton" geprägt, berichtet ein aufatmender Clemens Haustein in der Berliner Zeitung (siehe auch Tagesspiegel). Christian Schröder (Tagesspiegel) fährt mit Tocotronic und Gunter Gabriel im Auto durch die Nacht.

Jasmin Kalarickal (taz) porträtiert den nach Auszeit und Selbstfindung in Indien wieder als Curse auftretenden Rapper. Martin Scholz trifft sich für die Welt mit U2. In der taz geben Ansgar Wagner (hier) und Matthias Wegner (hier) Tipps, welche Klassik-, bzw. Jazzfestivals im Sommer eine Reise wert sind. Für die FAZ ist Stefanie Peter ins ferne Nowosibirsk gereist, um für die Nachwelt festzuhalten, wie die Scorpions ihr russisches Live-Publikum mit ihrem Wendezeit-Gassenhauers "Wind of Change" auch 25 Jahre später noch zu Tränen rühren.

Und große Trauer um B.B. King: In der NZZ erinnert Manfred Papst an den Gesang des Bluessängers, der Brüllen konnte wie ein Löwe und Maunzen wie ein Kätzchen, aber vor allem Gitarre spielen: "Das Ziehen und Dehnen oder aber Abreißen der Töne, ein ganzes System subtiler Verschiebungen, wurde zu seinem oft imitierten, in Bezug auf den melodischen Einfallsreichtum aber selten erreichten Markenzeichen. Er zelebrierte und mystifizierte diese Spielweise, indem er seine Gibson zu einem eigenständigen (natürlich weiblichen) Wesen erhob; und tatsächlich glaubte man "Lucille" als bezauberndes und kapriziöses Geschöpf zu kennen."

Nachrufe schreiben auch Christian Bos (Berliner Zeitung), Franz-Xaver Zipperer (taz), Jan Wiele (FAZ), Christian Schröder (Tagesspiegel), Christian Thomas (FR), Michael Pilz (Welt) und Karl Bruckmaier (SZ). Die SZ bringt dazu eine Bilderstrecke und auf Mixcloud hat das Full-Time Blues Radio (allerdings schon vor längerer Zeit) eine Sendung zu Ehren des legendären Bluesmusikers hochgeladen:



Besprochen werden Jim O"Rourkes "Simple Songs" (Pitchfork), die Dokumentation "It"s Gonna Blow!!!" über die Postpunk-Szene im San Diego der 90er Jahre (taz) und Hindi Zahras neues Album "Homeland" (taz).
Archiv: Musik