Efeu - Die Kulturrundschau

Die Poesie ist kaputt

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28.01.2015. Die Welt verliert sich in Rosemarie Trockels monumentalem Gehirninnenraum. Statt Affekt-Bingo hätten Hanna Engelmeier und Pierre-Héli Monot im Merkur-Blog lieber eine ästhetische Kritik zu Michel Houellebecqs "Unterwerfung". Die FAZ beklagt die Horizontverengung des heutigen Tanztheaters. Zeit Online fürchtet, dass auch Big Data die Musikindustrie nicht verändern wird. Der Guardian hört schwarzen Country. Und was ist eigentlich mit dem Bart des Pharaos?

Literatur

"Kein ästhetisches, sondern nur noch ein weltanschauliches Interesse" an Literatur werfen im Merkur-Blog Hanna Engelmeier und Pierre-Héli Monot den deutschen Kritiken des neuen Houellebecq-Romans vor: "Was Literatur können sollte und somit tun müsste, nämlich an der Sprache zu arbeiten, kommt in der momentan stattfindenden Rezeption nicht vor: Das haben die Terroristen auch geschafft, ab jetzt ist Affekt-Bingo für uns gerade gut genug. Was an Houellebecqs Roman am auffälligsten ist, nämlich eine sprachliche Verschlampung, wird kaum thematisiert; Adam Gopnik schrieb im New Yorker, Houellebecq sei ja noch nie ein Autor gewesen, den man um seine sprachlichen Fähigkeiten hätte beneiden müssen: das war"s dann soweit. Houellebecqs politisches Sensorium funktioniert, aber die Poesie ist kaputt".

Weiteres: Lars von Törne bietet im Tagesspiegel einen Überblick über Comic-Sekundärliteratur. Dietmar Dath (FAZ) gratuliert dem Schriftsteller Hermann Peter Piwitt zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Thomas Gnielkas Romanfragment "Die Geschichte einer Klasse" (Zeit), Louis Begleys "Zeig Dich, Mörder" (FR, mehr), Hikaru Nakamuras Manga "Saint Young Men" (Tagesspiegel), Ernst-Wilhelm Händlers "Versuch über den Roman als Erkenntnisinstrument" (FAZ), Per Pettersons "Nicht mir mir" (SZ) und Philipp Bloms Geschichte der Zwischenkriegszeit "Die zerrissenen Jahre" (NZZ) und Davide Enias palermitanischer Debütroman "So auf Erden"(NZZ).
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Kunst


Rosemarie Trockel: The Critic 2015, Foto: Markus Tretter. © Rosemarie Trockel, Kunsthaus Bregenz

Fasziniert verlässt Hans-Joachim Müller die Rosemarie-Trockel-Ausstellung "Märzôschnee ûnd Wiebôrweh sand am Môargô niana më" im Kunsthaus Bregenz, die ihm die Künstlerin jedoch nur scheinbar näher gebracht hat: "Man fühlt sich wie in einem monumentalen Gehirninnenraum, in dem die gespeicherten Bilder in Reih und Glied hängen, ohne dass man wüsste, warum welches Bild welche Stelle besetzt. Rosemarie Trockel simuliert dieses Chaos der Bilder im Kopf, wo es bekanntermaßen keine Funktionstaste "Ordner erstellen" gibt, und zwingt zugleich das Durcheinander ins perfekte Layout."

Uwe Ebbinghaus spricht in der FAZ mit dem Restaurator Christian Eckmann, der den nach einem Unfall stümperhaft angeklebten Bart der Tutanchamun-Goldmaske in Kairo genauer untersucht hat: "Eine Neurestaurierung wäre in jedem Fall eine delikate Operation, ist aber in meinen Augen machbar", meint der Experte. Im Guardian berichtet Patrick Kingsley von den generell recht hanebüchenen Zuständen im Ägyptischen Museum von Kairo.

Besprochen werden die in der Alten Nationalgalerie in Berlin ausgestellten Zeichnungen von Christian Bernhard Rode und Daniel Nikolaus Chodowiecki aus dem 18. Jahrhundert (Tagesspiegel) und eine Ausstellung über die Künstlerfreundschaft zwischen August Macke und Franz Marc im Lenbachhaus in München (SZ).
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Film

Sehr Grundsätzliches über das Wesen von Kino, Kunst und Fotografie lernt Andreas Kilb in der FAZ beim Besuch der Ausstellung zu Michelangelo Antonionis Film "Blow Up" im C/O Berlin: "Zum Wesen des Kinos gehört, dass es sich entzieht. Es vergeht in der Zeit, die es mit seinen Bildergeschichten ausfüllt. Die Kunst dagegen stellt die Zeit als starres Objekt in wechselnde Räume. Der Weg, den Antonionis "Blow Up" in der Berliner Ausstellung zurücklegt, ist der Weg vom Kino zur Kunst."

Endspurt zur Berlinale: Gestern gab es die große Pressekonferenz, in der das Festival sein Programm vorstellt. Cristina Nord (taz) und Anke Westphal (Berliner Zeitung) berichten. Nadine Lange (Tagesspiegel) wirft einen Blick auf das Programm der Panorama-Sektion, die traditionell mit queerem Kino und Musikdokus aufwartet (hier spricht sie mit dem Sektionsleiter Wieland Speck). Und alle haben sich mit dem Intendanten Dieter Kosslick unterhalten: Anke Westphal kündigt er in der Berliner Zeitung für das nahende Festival die Schwerpunkte Ethnien und Geschlechterfragen an, gegenüber Christine Peitz freut er sich im Tagesspiegel auf den Publikumserfolg, den das SM-Drama "50 Shades of Grey" beim Festival haben wird. Susanne Lenz erkundigt sich in der Berliner Zeitung bei Christine Tröstrum nach den Berlinale Talents.

Weiteres: In der NZZ erlebt Geri Krebs bei den Solothurner Filmtagen, dass es um die Rechtschaffenheit des Schweizer Kinos doch nicht so gut bestellt ist. Im Standard berichtet Isabella Reicher von einem sehr lebendigen Filmfestival in Rotterdam, in dessen Fokus in diesem Jahr das asiatische Kino stand. Besprochen wird Alejandro González Iñárritus Backstage-Film "Birdman" (FAZ, SZ, ZeitOnline, mehr).
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Archiv: Film

Bühne


Anne Teresa De Keersmaeker: Golden Horn

Sehr enttäuscht kehrt Wiebke Hüster in der FAZ von der Brüsseler Tanzaufführung "Golden Horns" von Anne Teresa de Keersmaekers Compagnie zurück - ein Erlebnis, das sie näher über den Stand der Dinge im Tanz nachdenken lässt: "Die Horizontverengung von Tanzstücken, eine nachlassende Fähigkeit, intellektuelle und ästhetische Energien zu bündeln, so dass ein neues Bühnenwerk auf inhaltlicher wie formaler Ebene gleich stark wirkt, ist nicht nur bei Keersmaeker zu beobachten. Es ist eine Schwäche, die man vielen dem Tanztheater zuzurechnenden Choreographen bescheinigen muss."

"Zum Gähnen" fand Marco Frei die Münchner Inszenierung von Donizettis "Lucia di Lammermoor" und macht dafür vor allem Kirill Petrenkos verantwortlich: "Hohle Effekte sind die Sache Donizettis nicht. Nur mit schlanker Eleganz und klar artikulierter Beweglichkeit lässt sich ein musikalischer Sieg erringen. Petrenko aber wählte schon die Tempi irritierend behäbig und altbacken. Wie schon bei seiner Münchner Mozart-Premiere in der vergangenen Spielzeit hatte man den Eindruck, dass Petrenko verstaubte Konvention erfüllen wollte." Auch die SZ fand die Aufführung sehr schwach.

Einen Mozart mit Pferden gibt es in Salzburg bei der Aufführung der Kantate "Davide penitente" zu bewundern, berichtet Jürgen Kesting in der FAZ voll Wonne über diesen "wunderbaren, zugleich wunderlichen Abend": Der Einfall sei kindlich, "aber göttlich schön und unvergesslich".

Besprochen werden Ilan Ronens Inszenierung von Tracy Letts "Eine Familie" am Theater am Kurfürstendamm in Berlin (Tagesspiegel), Ole Anders Tandbergs Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Deutschen Oper in Berlin (taz), Azar Mortazavis am Theater Osnabrück uraufgeführtes Stück "Sammy und die Nacht" (SZ) und das in London aufgeführte Stück "Taken At Midnight" über den linken, von den Nazis in den Tod getriebenen Verteidiger Hans Litten (FAZ).
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Architektur

Brigitte Kramer besucht in der NZZ das neue Designmuseum DHUB von Oriol Bohigas" Büro MBM in Barcelona. Nikolaus Bernau schreibt in der Berliner Zeitung den Nachruf auf den Architekten Jürgen Sawade.
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Musik

Die von Musikerkennungs-Apps wie Shazam gefüllten Datensilos über das Konsumverhalten der Musikhörer bieten der Industrie immer bessere Möglichkeiten, Hits maßzuschneidern und zu lancieren, erklärt Andreas Hartmann auf ZeitOnline. Der siechen Musikindustrie liefert das eine vielversprechende Basis zum Wirtschaften: "In den goldenen Zeiten der Musikindustrie, schrieb, wenn es hochkommt, eine unter zehn Bands bei einer großen Plattenfirma überhaupt schwarze Zahlen. Big Data verspricht, diese Erfolgsquote dramatisch zu erhöhen, effizienter arbeiten zu können. Man muss nicht mehr versuchen, eine noch unbekannte Band bei einer Hörerschaft durchzusetzen, von der man nicht weiß, was diese eigentlich vorgesetzt bekommen möchte." Dass dies zu einer Explosion der Gleichförmigkeit führen könnte, will er allerdings nicht glauben: "Letztlich mache die Musikindustrie "alles wie immer."

Mickey Guyton ist mit ihrem Country-Hit "Better Than You Left Me" die erste Schwarze, die seit den Pointer Sisters wieder Chancen hat, einen Grammy zu bekommen, freut sich Grady Smith und erzählt die Geschichte schwarzer Sängerinnen in diesem weißen Genre.



Im taz-Gespräch mit Julian Weber erklärt Alec Empire seinen Werdegang von der Westberliner Punkszene der 80er hin zum Digital Hardcore Anarchist bei Atari Teenage Riot. Marie Rövekamp stellt Amnon Weinstein vor, der Violinen aus der Zeit der Shoah sammelt. Im Tagesspiegel gratuliert Jörg Wunder dem Musiker Robert Wyatt zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert der Fantastischen Vier (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Anastacia (FR).
Archiv: Musik