Efeu - Die Kulturrundschau

Herrliche Kinderei

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2014. Der Tagesspiegel schlägt Mariss Jansons oder Daniel Barenboim als neuen Chef der Berliner Philharmoniker vor. Gerhard Zeillinger erinnert sich im Standard an seine Begegnung mit dem Häftlingsfotografen von Auschwitz. Die Theaterkritiker sahen am Wochenende Johan Simons' Adaption der "Deutschstunde" für das Thalia Theater: Für die Nachtkritik eine anspruchsvoll arrangierte Lesung. Für Zeit online immerhin ein tröstliches Denkmal für den verstorbenen Siegfried Lenz. Es gibt zu wenig Hochhäuser in Paris, lernt die SZ in einer Ausstellung. In der Presse erklärt Regisseur Thomas Heise, warum er gern von Außenseitern erzählt. Die FAZ betrachtet einen Baum.

Musik

Gustavo Dudamel, Andris Nelsons und Christian Thielemann gelten als heiße Kandidaten für Simon Rattles 2018 frei werdenden Posten als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Frederik Hanssen plädiert im Tagesspiegel allerdings zur Interimslösung und damit zu den Altmeistern Mariss Jansons oder Daniel Barenboim: "Weder Jansons noch Barenboim müssen sich selber noch etwas beweisen. ... Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass sie nicht alles an sich reißen, dass sie andere Götter neben sich gelten lassen. Das wiederum würde es den Philharmonikern ermöglichen, die Zusammenarbeit mit Thielemann, Dudamel und Nelsons weiter zu pflegen, die Entwicklung hochinteressanter Maestri wie Kirill Petrenko, Tugan Sokhiev, Andres Orozco-Estrada oder Pablo Heras-Casado intensiv zu verfolgen und Kontakte zu spannenden Nachwuchsdirigenten zu knüpfen."

Mirko Weber stellt in der Zeit (Online gestellt aus der vorletzten Ausgabe) den tschechischen Komponisten Ondřej Adámek vor, der zur Irritation des bürgerlichen Publikums seiner Konzerte unter anderem auch mit Staubsauger- und Ballon-Apparaturen arbeitet: Das "ist einerseits eine herrliche Kinderei, andererseits der genial Feinmechanik gewordene Surrealistentraum zwischen gaga und Dada." Beim SWR erfährt man, wie man sich das vorstellen muss.

Weitere Artikel: In der Presse gibts Interviews mit Campino (hier) und Jarvis Cocker (hier). In der SZ porträtiert Harald Eggebrecht den Geiger Ivry Gitlis. Besprochen wird das neue Album von Die Türen (Tagesspiegel).
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Bühne


Deutschstunde am Thalia in Hamburg © Krafft Angerer

Am Thalia Theater in Hamburg feierte Johan Simons" Bühneninszenierung von Siegfried Lenz" Roman "Deutschstunde" Premiere. Bettina Pommers Bühnenbild mit einem schroffen Winkel, in dem die Schauspieler mit der Schwerkraft ringen, halten alle Kritiker für interessant. Uneins sind sie sich in der Bewertung des Abends. Katrin Ullmann (Nachtkritik) sieht trotz des starken Bildes "kein rein choreografiertes Bildertheater", sondern eine eher solide Romanadaption vorliegen, die sich etwas zu sehr darum bemüht, die Dialoge und Konflikte des Romans zu vermitteln. Sie fragt sich: "Wird das eine anspruchsvoll arrangierte Lesung oder läuft es auf eine blutleere Inszenierung hinaus? Letztlich flackert nur hier und da ein bisschen Formstrenge auf - die sich im Laufe des Abends allzu gern an psychologische Figurenbegründungen verliert und an einen erwartbar entfärbten Nachkriegsnaturalismus."

In der Welt meint dagegen ein - gar nicht unzufriedener - Matthias Heine: "Alle "Atmosphäre" ist abgesogen. Manchem mag diese Deutschstunde deshalb etwas luftleer vorkommen." Rundum begeistert äußert sich unterdessen Irene Bazinger in der FAZ: "Die Pracht der souverän komponierten Aufführung ist von erlesener Kälte - sie schmerzt, ohne dass sie dem Publikum auf die Pelle rückt. Ästhetisch eigenständig und fern modischer Aktualisierungen lässt Johan Simons den Roman von Siegfried Lenz wie neu erscheinen: als klirrend kluges Theaterstück." Und auf ZeitOnline hält Wenke Husmann das Stück für ein "tröstliches Denkmal für den im Oktober verstorbenen Schriftsteller."

Besprochen werden weiter Katharina Thalbachs "Amphitryon"-Inszenierung am Berliner Ensemble ("Warum wird hier eigentlich kein Ouzo ausgeschenkt?", fragt sich ein mehr oder weniger leidlich amüsierter Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung), die am Deutschen Schauspielhaus Hamburg vom Rimini Protokoll simulierte Welt-Klimakonferenz (Nachtkritik), Yael Ronens "Hakoah Wien" am Berliner Maxim Gorki Theater (Berliner Zeitung), "Das Wunder von Bern" als Musical in Hamburg (Welt, SZ, Berliner Zeitung), Neue Musik von Olga Neuwirth und Bernhard Gander beim Festival "Wien Modern" (Presse) und Mateja Koležniks Inszenierung von Albert Ostermaiers "Madame Bovary" am Münchner Residenztheater (SZ).
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Architektur


Le Grand Paris - in der Vorstellung von Jean Nouvel, Jean-Marie Duthilleul und Michel Cantat-Dupart

Paris diskutiert über das Für und Wider von mehr Hochhäusern im Stadtbild, berichtet Joseph Hanimann (SZ). In der Ausstellung "Revoir Paris" in der Cité de l"Architecture et du Patrimoine bietet sich ihm zudem noch reichlich Illustrationsmaterial zur Debatte: Dort "bekommt man ein Argument der Hochhaus-Befürworter bestätigt. Das Problem liege nicht in den Wolkenkratzern, sagen sie, sondern in deren städtischer Einbindung. Der Montparnasse-Turm wirke wie ein Fremdkörper, weil er so allein dastehe und weil sein Erdgeschoss so abweisend aussehe."

Außerdem: Ohne europäische Architekten wird Afrika dereinst im Chaos seiner überbevölkerten Städte versinken, lernt Philipp Meuser auf der Mailänder Triennale, die die moderne - und fast ausschließlich von Europäern errichtete - Baukunst in Afrika betrachtet.
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Literatur

In der FAZ berichtet Julia Mähr vom "Forum:Autoren"-Abend des Literaturfests München, bei dem sie nicht nur schrecklich frieren, sondern auch noch Bier schluckenden Literaten zuhören musste. Von Clemens Meyers rustikal dargebotenen Irritations- und Provokationsangeboten bis hin zu einem Auftritt von dominant-submissiver Latexfrauen war sie dann auch wenig begeistert: "Das Forum:Autoren wirkt plötzlich wie der pubertäre Provokateur der gutbürgerlichen Familie. Die Spielwiese eines Schriftstellers und seiner Kumpels, die auf der Bühne eine Flasche Astra nach der anderen leeren."

Weitere Artikel: Für den Landleben-Schwerpunkt der heutigen FAZ liest Sandra Kegel Provinzromane unter anderem von Robert Seethaler (von dem sie mutmaßt, dass er so über die Provinz nur schreiben kann, weil er in Berlin lebt: "Würde der Achtundvierzigjährige aufs Land ziehen, würde er die Provinz augenblicklich hassen"), während Tilman Spreckelsen auf die Insel Klovharu reist, auf der sich "Mumins"-Erfinderin Tove Jansson eine Hütte gebaut hatte. In der Frankfurter Anthologie der FAZ liest Norbert Hummelt sein Gedicht "Feldpostkarte".

Besprochen werden Tao Lins "Taipeh" (Tagesspiegel), Katharina Greves Comic "Hotel Hades" (Tagesspiegel), ein Roman der türkischen Journalistin Ece Temelkuran, "Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann?" (Presse) und die Ausstellung "Der Wert des Originals" im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (SZ).
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Film

Das Filmmuseum in Wien zeigt ab dem 3. Dezember die Filme von Thomas Heise (mehr hier). Im Interview mit der Presse erzählt Heise vom Leben in und nach der DDR und er erklärt, warum seine Filme fast immer von Außenseitern erzählen: "Es hat in den letzten 40, 50 Jahren eine zunehmende Ausdifferenzierung in der Gesellschaft stattgefunden - die starke Durchmischung von verschiedenen sozialen Schichten, die es davor noch gab, löst sich immer weiter auf. Die Leute leben immer mehr in geschlossenen Blasen gleicher Gehaltsgruppen. Zwischen diesen Blasen gibt es kaum mehr eine Beziehung. Genau das führt dann zu dieser Wahrnehmung, dass eben nur mehr das, was sich innerhalb dieser Blase befindet, das Wichtige ist, und das andere hat mit uns nichts zu tun. Da geh ich eben dann dagegen, weil ich rausgehe und dort hingehe, wo ich eigentlich keine Ahnung habe. Weil ich dort was zu lernen und zu sehen habe.""

Michael Fleig (critic.de) hat sich auf dem Heimspiel Festival in Regensburg Jean Luc Herbulots ziemlich kratzbürstig inszenierten Drogenfilm "Dealer" angesehen. In der NZZ porträtiert Barbara Spengler-Axiopoulos das "Traumpaar" Melina Mercouri und Jules Dassin. Für die SZ war Nicolas Freund beim 34. Internationalen Festival der Filmhochschulen in München.
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Kunst

Wie fotografiert man die Todgeweihten? Und wie lebt man damit? Im Standard erzählt Gerhard Zeillinger von seiner Begegnung mit Wilhelm Brasse, dem Häftlingsfotografen von Auschwitz, der auch die Mengele-Versuchsopfer fotografieren musste, bevor sie umgebracht wurden: "Er hat von ihrem Schicksal gewusst, dass die Mädchen nachher in den Gaskammern ermordet werden. Beim Fotografieren, wenn er durch die Linse sah, hat er auch ihren Tod gesehen. Am Ende seines Lebens hat er nachgerechnet: Es waren ungefähr 250 Mädchen. Von den unzähligen anderen deformierten Körpern, allesamt Versuchsobjekte, und den gewöhnlichen Häftlingen, die auch oft schon nach wenigen Wochen nicht mehr lebten, gar nicht zu reden. Wahrscheinlich, sagt Brasse, habe ich fünfzigtausendmal auf den Auslöser gedrückt."


Eichenwald an einem See, Jacob Isaacksz. van Ruisdael. Bild: Wikipedia/gemeinfrei.

Für den Landleben-Schwerpunkt der FAZ betrachtet Rose-Maria Gropp die Landschaftsbilder von Jacob van Ruisdael: Bei ihm ist der Baum "eben mehr als ein Baum. ... Manche seiner Werke darf man ruhig erhaben finden. Die meisten zeugen von einzigartiger Könnerschaft und phantastischer Perfektion. Und es kann gut sein, dass unser anscheinend unverstellter Blick auf die Natur, unsere Vorstellung vom Landleben, ihrem Vorbild folgt."

Die Berliner Galerie im Körnerpark zeigt mit "Tempus Ritualis" neue Kunst aus Griechenland, berichtet Inga Barthels in der taz: Entstanden ist dabei "eine leichte, fast fröhliche Ausstellung. ... Griechenland wurde und wird im öffentlichen Diskurs zum Sinnbild der Krise hochstilisiert. Doch diese Krise, auch das belegt "Tempus Ritualis", definiert das Land nicht komplett neu."

Weiteres: In der Presse resümiert Sabine B. Vogel die Vienna Art Week.
Archiv: Kunst