Efeu - Die Kulturrundschau

Die Ärmel hochgekrempelt und los

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22.11.2014. In der NZZ hofft Javier Cercas, dass die vielen jungen Spanier in Deutschland auf europäische Gedanken kommen. Außerdem bedankt sie sich bei Matisses Assistentinnen. Der Tagesspiegel nimmt die Filmfördung unter die Lupe. In der Welt erinnert sich Donald Sutherland an die guten alten Zeiten, als seine Frau noch die Black Panther mit Handgranaten versorgte. Und die FAZ feiert Mailands Bosco Verticale.

Literatur

Für "das Beste, was ihnen passieren kann" hält der Schriftsteller Javier Cercas, dass gerade so viele junge Spanier ihr Land verlassen müssen, vorausgesetzt, dass sie auch wieder zurückkehren können. Im NZZ-Gespräch mit Brigitte Kramer kann er seinen Auslandsjahren in den USA oder in Deutschland jedenfalls nur Gutes abgewinnen: "Ich habe mich in Berlin verliebt, mehr noch: Ich wurde zum Deutschland-Fan. Nur Deutschland kann helfen, Europa zu konstruieren. Angela Merkel müsste noch viel mehr Vorgaben machen. Die Deutschen haben den Nationalismus erfunden, und sie haben ihn abgeschafft. Wenn wir anderen das auch schaffen, dann kann Europa funktionieren, nur dann. Ich hoffe, die Spanier, die in Deutschland leben, erkennen das und bringen später den europäischen Gedanken bei uns weiter."

Weiteres: Angela Schader untersucht die jüngsten amerikanischen Romane und ihren Blick auf neue Technologien. Mit Blick auf den Streit zwischen Helmut Kohl und Heribert Schwan nimmt Joachim Güntner in der NZZ die Rolle des Ghostwriters in den Blick. Im Welt-Interview mit Carmen Eller mokiert sich Howard Jacobsen über den Buchmarkt und einfältige Leser, die auch in seinem von Rainer Moritz besprochenen Roman "Im Zoo" ihr Fett weg bekommen. Elmar Krekeler trifft für die Welt außerdem den Krimiautor Volker Kutscher zu einem Tischgespräch.

In der taz berichtet Catarina von Wedemeyer, wie der Berliner Buchladen Ocelot nach dem Insolvenzantrag um sein Fortbestehen ringt. Auf ZeitOnline macht sich die Schriftstellerin Nora Bossong bei ihrer Steuererklärung Gedanken über Herbst und Melancholie. Außerdem bringt die SZ einen kleinen Auszug aus Cormac McCarthys Romans "Ein Kind Gottes".

Besprochen werden eine Ausstellung über Sherlock Holmes im Museum of London (NZZ), Adriana Lisboas Roman "Der Sommer der Schmetterlinge" (NZZ), Richard Powers" Roman "Orfeo" (NZZ) Ulrike Draesners Gedichtband "Subsong" (taz), Martin Warnkes "Zeitgenossenschaft - Zum Auschwitz-Prozess 1964" (FR), Jennifer Clements "Gebete für die Vermissten" (FR), James Salters "Jäger" (Berliner Zeitung), Joachim Sartorius" "Niemals eine Atempause - Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert" (Tagesspiegel) und Szilárd Borbélys "Die Mittellosen" (FAZ) , Keith Lowes Geschichte über Europa von 1943 bis 1950 "Der wilde Kontinent", Jung Changs Biografie der "Kaiserinwitwe Cixi" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Bühne

Bild: aus der Choreografie
Bild: aus der Choreografie "Sun" der Hofesh Shechter Dance Company.

In der FR erklärt der Choreograf Hofesh Shechter Sylvia Staude sein Verhältnis zum eigenen Tanz: "Ich erzeuge Bewegung, indem ich von etwas ausgehe, das mich bewegt, berührt, erregt, reizt. Manchmal muss ich tief graben, manchmal passiert es einfach. Und manchmal langweilen mich meine eigenen Bewegungen. Da ist es dann toll, Tänzer zu haben, die sie an einen ganz neuen Ort kicken können. (Überlegt) Wissen Sie, zeitgenössischer Tanz ist eine wirklich bizarre Kunstform. Nun ja, Kunst generell ist bizarr."

Nicht zuletzt wegen der ästhetisch reduzierten Inszenierung hält Mirko Weber (Zeit) Hans Neuenfels" Münchner Puccini-Inszenierung "Manon Lescaut" für sehr gelungen: In diesem "Kargheitskonzentrationsraum" werde diese Oper "von vielen plumpen Projektionen auf einmal erlöst", schreibt er. Großartig findet er zudem, wie die kurzfristig als Netrebko-Ersatz eingesprungene Kristine Opolais mit ihren Höchstleistungen ihren Partner Jonas Kaufmann anspornt: "Auch er ist dann ein Ereignis, wie er in seinen jäh ausbrechenden Arien Spitzentöne verschattet und doch von innen glühend ausfüllt: Als trüge er seine Liebe als zu schwere Last."

Tim Neshitov (SZ) berichtet von seiner Begegnung mit dem Tänzer Paul van Haver, der die Kunstfigur Stromae (mehr) auf die Bühne bringt. Besprochen werden Mely Kiyaks "Aufstand" am Maxim Gorki Theater in Berlin (taz, Tagesspiegel) und Lotte de Beers Inszenierung von Georges Bizets Oper "Die Perlenfischer" am Theater an der Wien (FAZ).
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Architektur

Von dem gerade mit dem Frankfurter Hochhauspreis ausgezeichneten Mailänder "Bosco Verticale", einem reinen Wohngebäude mit vielen integrierten Bäumen, könne man sich hierzulande durchaus inspirieren lassen, meint Dieter Bartetzko in der FAZ: "Die markanten Pflanztröge aus flirrend weißem, reizvoll zum dunkelgrauen Baukörper kontrastierenden Beton, deren mitreißende Dynamik nichts von ökologischer Betulichkeit hat, ziehen alle Blicke auf sich - Grün nicht als dekoratives Beiwerk, sondern als integraler unersetzlicher Bestandteil."

Ronald Berg hat für die taz das umgebaute Berliner Kunstgewerbemuseum besucht. Auch die FAZ hat dazu mittlerweile Andreas Kilbs Text online gestellt.
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Kunst

Eine "exuberante Fröhlichkeit" entdeckt Andrea Köhler in der NZZ in Matisses späten "Gouaches découpés", die nach London nun im New Yorker Moma ausgestellt werden: "Eine obsessive Schaffenskraft kennzeichnet diese letzte Periode, gespeist wohl auch durch die erotische Energie, die dem zuweilen durchaus despotischen alten Mann vonseiten der jungen Assistentinnen in seinem Studio zufloss." (Bild: Henri Matisse: The Sheaf 1953. Collection University of California, Los Angeles. Hammer Museum © Succession Henri Matisse / DACS 2013)

Die Ausstellung "West:Berlin" im Ephraimpalais Berlin bildet das Wesen der einstigen geteilten Stadt bestens ab, erfahren wir in der taz von Claudius Prösser. Hier kam einiges zusammen, was kaum zusammen gehört: "Es [ging] rund zwischen Frohnau und Lankwitz, es gab großen Jazz auf den Jazztagen, klebrigen Schampus bei Rolf Eden, und im SO36 ließ die kalifornische Hardcore-Punkband Black Flag 1983 die Iros erzittern. Alles ist da, natürlich auch Harald Juhnke, und zwar - Kenner, aufgehorcht! - in Form der legendären Leuchtreklame für ein Chinarestaurant, das lange Zeit die Arkaden des Bikinihauses zierte."

"Sehr überzeugend" und "hervorragend inszeniert" findet Konstanze Crüwell in der FAZ die große, erst nach langwierigen Auseinandersetzungen mit dem Urheberrecht (mehr) ermöglichte Oskar-Schlemmer-Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart. Gottfried Knapp begeistert sich in der SZ für Schlemmers auf Grundlage geometrischer Formen konzipierten Körperbilder.

Weiteres: Marcus Woeller freut sich in der Welt, wie gut Sabine Thümmlers nüchternes Konzept für das Berliner Kunstgewerbemuseum aufgeht, die Dinge für sich selbst sprechen zu lassen. Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) begeht die Ausstellungen der Zeichnungen der beiden Hannah-Höch-Preisträgerinnen Nanne Meyer (hier) und Julia Oschatz (hier) im Berliner Kupferstichkabinett. Als wahre Wohltat in Zeiten von Selfies empfiehlt Christa Benzer die Porträts der Fotografin Jitka Hanzlová in der Wiener Galerie Kargl (Foto: Jitka Hanzlová, Untitled (Julia), 2000, Courtesy: Georg Kargl Fine Arts, Wien).

Besprochen werden Peter Lindberghs Fotoband "Images of Women II" (FAZ) und die RAF-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Tagesspiegel, taz, Berliner Zeitung).
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Musik

In der taz erklärt Brian Ferry Franz X.A. Zipperer, dass das Musikmachen für ihn aus "Leichtigkeit und Tortur" besteht. Für die taz plaudern Fatma Aydemir und Elias Kreuzmair mit dem Rapper Haftbefehl unter anderem über Dämonen aus der eigenen Vergangenheit und die aktuelle Lage der Kurden. Thomas Stillbauer feiert in der FR 125 Jahre Jukebox. Malte Hemmerich berichtet in der FAZ von den Tagen Alter Musik in Herne (hier eine multimediale Reportage des WDR).

Besprochen werden ein Konzert von Yusuf Islam (Tagesspiegel), ein Konzert zu Ehren des Dirigenten Ferenc Fricsay (Tagesspiegel) und neue EPs von Get Well Soon (ZeitOnline).
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Stichwörter: Haftbefehl, Kurden, Wdr, Alte Musik

Film

Christiane Peitz befasst sich im Tagesspiegel mit der Studie des Erich Pommer Instituts zur Filmförderung. Dass die Höhe der Filmförderung in keinem Verhältnis zu den Publikumszahlen stehe, hält sie für keinen grundsätzlich gültigen Vorwurf - "wenn es denn querständige, mutige, risikobehaftete Pionierprojekte sind. Es sind aber leider zahlreiche konfektionierte Filme darunter, Standardwerke aus dem Selbstbedienungsladen." Auch wundert sie sich, dass die mit "27,9 Millionen Euro in drei Jahren" von der Filmförderung herausragend gut bedachten großen Player der hiesigen Branche so viel jammern.

Im Interview mit Dominik Kamalzadeh spricht Regisseur Mike Leigh im Standard über seinen Turner-Film: "Was viele Filme nicht zeigen, ist die Arbeit an den Gemälden selbst, den ganzen dreckigen Prozess: die Ärmel hochgekrempelt und los! Damit identifiziere ich mich am meisten, denn Filmemachen ist selbst ein schmutziges Handwerk. Die Spannung zwischen diesem exzentrischen, leidenschaftlichen Mann, der großzügig und hinterlistig sein konnte, und diesem epischen, spirituellen Arbeitsgeist bedeutet mir sehr viel."

Hanns-Georg Rodek erzählt in der Welt von seiner Begegnung mit Donald Sutherland, mit dem er kurz über dessen Präsidenten-Rolle in den "Tributen von Panem" und die alten revolutionären Zeiten plaudern durfte: ""Damals", das war vor vierzig Jahren. Sutherland drehte in Jugoslawien den Kriegsfilm "Stoßtrupp Gold", als Clint Eastwood sich ihm näherte. "Ich habe eine schlechte Nachricht für dich", begann er. "Deine Frau Shirley ist in Beverly Hills verhaftet worden, als sie Handgranaten für die Schwarzen Panther von einem verdeckten Ermittler des FBI kaufen wollte." Das waren die Zeiten damals." (Bild: Donald Sutherland und Jane Fonda in Alan Pakulas "Klute").

Besprochen werden Israel Horovitz" "My Old Lady" (FR, Tagesspiegel) und Isao Takahatas Animationsfilm "Die Legende von Prinzessin Kaguya" ("ein Bilderbuchfilm", schwärmt Andreas Platthaus in der FAZ).
Archiv: Film