Efeu - Die Kulturrundschau

Popkulturen des Städtebaus

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25.11.2014. Die taz freut sich beim Literaturfest München über einen anarchischen Frischekick von Clemens Meyer. Die FAZ ist betrübt: Bei Filmfest in Kairo fand sich kein einziger Film mehr mit klarer politischer Haltung. Die Welt bewundert die neuen Phantasiealtstädte in Osteuropa. ArtAsiaPacific stellt das erste Museum für islamische Kunst in Nordamerika vor. Die Berliner Zeitung empfiehlt Putinverstehern von rechts und links einen Besuch bei der Russischen Filmwoche in Berlin.

Literatur

Sehr gelungen findet Katrin Hillgruber (Tagesspiegel) - anders als gestern Julia Mähr in der FAZ - die in diesem Jahr von Clemens Meyer zusammengestellte Veranstaltungsreihe "Forum:Autoren" des Literaturfests München: "Noch nie war der experimentelle Charakter so stark ausgeprägt wie unter dem 37 Jahre alten Clemens Meyer - und noch nie hat sich die Faszination und Begeisterung eines Kurators ("Mein Kokain ist die Literatur") derart unmittelbar auf das Publikum übertragen. Es genießt sichtlich die Invasion der Sachsen als anarchischen Frischekick. Dabei lehnen Meyer und sein Leipziger Kompagnon Uwe-Karsten Günther, mit dem er als Kunstperson "Günther Meyer" fungiert, das Wort "kuratieren" als "eine Art Nutte im Kunstbetrieb" aufs Schärfste ab."

Weitere Artikel: In der taz unterhält sich Eva-Christina Meier mit dem guatemaltekisch-amerikanischen Schriftsteller Eduardo Halfon unter anderem über dessen Kindheit und Einflüsse. Der Cervantes-Literaturpreis geht in diesem Jahr an Juan Goytisolo, meldet die Presse. Nachträglich online gestellt hat die FAZ einen Artikel von Elke Heinemann über die neuen E-Book-Verlage in Deutschland.

Besprochen werden u.a. Roberto Bolaños Erzählband "Mörderische Huren" (NZZ), Jutta Jacobis Familiengeschichte "Die Schnitzlers" (Standard) und Hans Schweikarts "Es wird schon nicht so schlimm!" (Tagesspiegel).
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Film

Für die FAZ ist Amin Farzanefar nach Kairo zum ägyptischen Filmfestival gereist, wo er zu seinem Erstaunen beobachten muss, dass mit Ibrahim El Batout und Ahmad Abdallah die beiden Regisseure, die dem gesellschaftlichen Umbruch im Land mit ihren bisherigen Filmen am nähesten kamen, nun eher gesellschaftsfern ästhetisierte Genrefilme vorlegen: "Das Fehlen einer klaren politischen Haltung und zentraler (post-)revolutionärer Fragen in den Filmen der beiden produktivsten und mutigsten Unabhängigen scheint alarmierend. ... [Sie] haben nur die Alternative zwischen einem Übel und dem anderen (..). Das allerdings ist ein deutlicher Reflex auf die aktuelle Situation: Wer die repressive Politik von Staatspräsident al Sisi (...) kritisiert, wird sofort dem Lager der als Terrorgruppe eingestuften Muslimbrüder zugeschlagen oder anderweitig deklassiert."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung freut sich Jan Brachmann, dass die Russische Filmwoche in Berlin trotz der angespannten politischen Lage weiterhin stattfindet. Deren Programm sei nämlich in der Lage, "linke wie rechte Russland-Versteher einigermaßen aus dem Konzept zu bringen. Denn natürlich entstehen mit staatlicher Unterstützung des russischen Kulturministeriums weiterhin Filme, die gegenwartskritisch sind." Außerdem bringt Marco Koch im Filmforum Bremen wieder Neuigkeiten aus der deutschen Filmblogosphäre.

Besprochen werden Thomas Heises Dokumentarfilm "Städtebewohner", der morgen an der Berliner Volksbühne Premiere feiert (Berliner Zeitung), und Matti Geschonnecks Film "Das Zeugenhaus" über ein Gästehaus am Rand von Nürnberg, in dem Zeugen der Anklage und der Verteidigung gemeinsam auf ihren Auftritt vor dem Kriegsverbrechertribunal warteten (NZZ).
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Kunst

Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) betrachtet angeregt eine Rauminstallation von Philippe Parreno in der Berliner Galerie Schipper: "Das kuriose, zugleich poetische Arrangement hat etwas von einem eigenständigen Ökosystem mit einem vom Künstler nicht komplett zu kontrollierenden Lebensrhythmus. Etwas zwischen Grenzen und schier unendlichen Möglichkeiten."

Außerdem: Anna Pataczek stellt im Tagesspiegel die gerade mit Hannah-Höch-Preis ausgezeichnete, derzeit im Berliner Kupferstichkabinett ausgestellte Zeichnerin Nanne Meyer vor.

Besprochen werden Antonia Lows Fotografie-Ausstellung "Der verlorene Raum" im Kunstmuseum Bonn (taz), die Ausstellung "One Million Years - System und Symptom" im Museum für Gegenwartskunst Basel (NZZ), die Ausstellung "Schamlos. Sexualmoral im Wandel" im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig (Welt) und die Ausstellung "Die Bielefelder Schule - Fotokunst im Kontext" in der Alten Stadtbibliothek in Bielefeld (taz).
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Archiv: Kunst

Architektur

Dankwart Guratzsch (Welt) stellt einen faszinierenden Trend in der osteuropäischen und russischen Architektur vor: In ehemals völlig zerstörten Städten wie Stettin, Elbing, Glogau oder Kaliningrad baut man sich eine Phantasiealtstadt auf - oft auf den Fundamenten der alten, zerstörten Gebäude. Ausgelöst hat den Trend 1983 die Elbinger Wojwodschaftsdenkmalpflegerin Maria Lubocka-Hoffmann: "In ganz Westeuropa gibt es nichts Vergleichbares. In der aufgesetzten Buntheit, dem Changieren zwischen Exaltiertheit und Banalität, Comichaftigkeit und Provokation scheinen diese "neuen Altstädte" den üblichen wissenschaftlich abgesicherten Rekonstruktionen untergegangener Altstädte weit weniger verwandt als etwa Bildwerken eines Andy Warhol (der mit ihnen das Herkunftsland Polen teilt) oder Roy Lichtenstein. Es sind Popkulturen des Städtebaus, die sich den Plattenbausiedlungen des sozialistischen Städtebaus wie Plakate einer Gegenwelt konfrontieren." (Guratzsch Irrt: Warhol kommt aus der heutigen Slowakei, nahe Polen, damals Ungarn, wir bemerken den Fehler dank eines Leserkommentars, D.Red.)



(via 3quarksdaily) Toronto hat eine neue Attraktion, berichtet Nadia al-Issa im Blog von ArtAsiaPacific: in einem großen Park wurden das Zentrum der Ismaeliten (Bild links) von Charles Correa und das neue Aga Khan Museum (Bild rechts) von Pritzker-Preisträger Fumihiko Maki eröffnet: "The gem of the complex is the Aga Khan Museum, the first museum in North America dedicated to Islamic art. The Aga Khan Museum aims to highlight the artistic, intellectual, scientific and religious heritage of Muslim civilizations through exhibitions, performing-arts events and educational and scholarly programs."

Für die FAZ begutachtet Frank Peter Jäger den genossenschaftlichen Neubau an der Zürcher Kalkbreite. Oliver G. Hamm berichtet in der FAZ vom Konvent der Bundesstiftung Baukultur.
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Musik

Karl Fluch stellt im Standard die dänische Band Iceage vor. Christof Kurzmann und Helmut Heiland haben ihr als Duo Extended Versions veröffentlichtes Album aus den frühen 90ern neu aufgelegt, meldet Christian Schachinger ebenfalls im Standard.

Besprochen werden das Berliner Konzert von Morrissey (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Welt), das neue Album von Faust (Pitchfork), das neue Album von Alt-J (FR), das neue Album "Dances" von 1000 Gramm (ZeitOnline) und ein von Paul Goodwin dirigiertes Konzert des Berliner Konzerthausorchesters (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Faust, Morrissey, Pitchfork

Bühne

Esther Boldt porträtiert in der taz Dieudonné Niangouna, der gerade im Frankfurter Mousonturm seine Performance "Le Kung Fu" aufführt. Der asiatische Kampfsport war für den im Kongo aufgewachsenen Künstler durchaus prägend: "Als Vierjähriger lernte er Kung-Fu-Filme kennen und lieben. Bald spielte er sie nach, erfand mit seinen Brüdern Geschichten hinzu und plünderte die Bibliothek seines Vaters. ... Die Popkultur des ehemaligen Kolonialherren Frankreich wird gefräßig weiterverarbeitet: "Ich habe mich selbst geboren durch ausländische Einflüsse. Erst die Ernährung durch ein anderes ermöglicht, das man sich selbst erschafft." Seine Künstlerwerdung schreibt er verschiedenen Geburtsakten zu - aus dem Geiste von Kung-Fu-Filmen, des Fremden, des Krieges und der Unterdrückung."

Besprochen werden Verdis Oper "Simon Boccanegra" mit Myung-Whun Chung in der Titelrolle in Venedigs La Fenice (Presse), Laura Linnenbaums Sylvia Plath gewidmeter Theaterabend "Silent Noise" am Schauspiel Frankfurt (FR), das Musical "Das Wunder von Bern" in Hamburg (Tagesspiegel), Mateja Koležniks Inszenierung von Albert Ostermaiers "Madame Bovary" in München (Teresa Grenzmann "wünschte sich das Schwere leichter", bekennt sie in der FAZ) und mit Johan Simons" Lenz-Adaption "Deutschstunde" am Thalia und der Welt-Klimakonferenz des Rimini Protokoll am Deutschen Schauspielhaus die beiden großen Hamburger Premieren der letzten Tage (SZ).
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