Efeu - Die Kulturrundschau

Gar nichts ist schön an den Künsten

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2014. Der Freitag fragt: Wozu ein Michael-Althen-Preis für Kritik, wenn damit keine Kritiker ausgezeichnet werden? Die Welt besucht eine Ausstellung der "Zero"-Künstler in New York. Mohamed Alabbar aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, baut Belgrad ein neues Zentrum am rechten Ufer der Save, berichtet die NZZ. Die Nachtkritik fragt, warum Karin Bergmann nur einen Fünfjahresvertrag am Burgtheater bekommt, wenn sie den Karren schon aus dem Dreck ziehen soll? Die taz feiert legt sich die Feuerameisen der Metal-Dröhn-Mönche um den Hals.

Film

Im Freitag fragt Ekkehard Knörer, wozu der Michael-Althen-Preis für Kritik gut sein soll, wenn damit keine Kritiker ausgezeichnet werden: "Von den 13 nominierten Texten ist keiner im strengen Sinn eine Kritik. Was auch damit zu tun haben könnte, dass in der Jury keine Kritiker sitzen, sondern mit Claudia Michelsen, Tom Tykwer, Dominik Graf, Hanns Zischler und Daniel Kehlmann praktizierende Künstler. Im Ergebnis findet sich bei den nominierten Texten von Georg Diez bis Peter Richter und Maxim Biller viel touchy-feely Porträtjournalismus, gut abgehangene Zeitgeistschreibe und unterreflektierte Kraftprotzerei."



Die Filmkritik bleibt Fatih Akins "The Cut" nach den ersten wenig begeisterten Wortmeldungen aus Venedig auch beim Kinostart nicht hold. Sein Vorhaben, an den Genozid an den Armeniern mahnend zu erinnern, halten alle für gescheitert. Andreas Busche wirft dem Film in der taz vor, lediglich naheliegend zu illustrieren, statt eigenständige Bilder zu suchen: Er "reduziert die Spurensuche einer armenischen Diaspora auf die Odyssee eines Familienvaters, die nur gelegentlich in emblematischen Einstellungen eine vage Ahnung von Verlust und traumatischer Erfahrung vermittelt. Bezeichnenderweise gehören gerade diese Szenen zu den Schwachstellen des Films, weil Akin sich immer doppelt versichern muss. ... [E]in Film ohne jede politische Brisanz, aber auch ohne dramatische Finesse."

Peter Uehling nimmt den Film in der Berliner Zeitung vor ästhetischer Kritik zwar in Schutz, aber auch ihm will die Dramaturgie, die den Völkermord mittels einer Familiengeschichte zu erzählen versucht, nicht gefallen: Sie "ist nicht mehr aus einem Guss. So unbeholfen wie symptomatisch wirkt es, wenn Nazaret seine Familie immer wieder im Traum sieht: Als hätten die Autoren selbst das Gefühl, dass Nazarets lange Suche dramaturgisch schwach motiviert ist."

Andreas Kilb von der FAZ sieht Akin - womöglich wegen Überambition? - in eine Sackgasse geraten: Viel zu sehr arbeite sich der Film daran ab, sich bei großen filmhistorischen Vorbildern einzuhängen, als ein Verhältnis zum Sujet zu finden. "Gegen solche Cinephilie ist wenig zu sagen, außer dass sie sich hier eben am falschen Thema abarbeitet. Viel Geld und Mühe ist in die Konstruktion der Kulissen geflossen, aber dieser Aufwand hat zugleich etwas Ärmliches, weil ihm kein Reichtum in der Erzählung entspricht."

Lediglich Jan Schulz-Ojala eilt dem Film im Tagesspiegel zu Hilfe: Er attestiert ihm "beachtliche Wucht" und berichtet von "Szenen, die in einer zeitlosen Hölle auf Erden zu spielen scheinen". Ästhetisierung sieht er hierin nicht: "Es geht um das Herausbrechen einer wahren Empfindung aus dem zwangsläufig arrangierten Bild."

Weitere Artikel: Autor Carl von Siemens, der selbst in Oxford studiert hat, weiß in der Welt, wer das Vorbild für den "Riot Club" in Lone Scherfigs gleichnamigem Film war: Oxfords Bullingdon Club. Im Tagesspiegel berichtet Silvia Hallensleben von der Pressekonferenz des Vereins ProQuote Regie (hier das dort verlesene Statement der Regisseurin Tatjana Turanskyj), der für mehr Gleichberechtigung in der Filmproduktion eintritt: "Ein Kampf, der keineswegs nur die Filmfrauen betrifft. Wenn in einer Gesellschaft 85 Prozent aller Filme von Männern inszeniert werden, reduziert das die Vielfalt erzählenswerter Geschichten." Dazu passend macht sich Sophie Monks Kaufman auf Little White Lies Gedanken darüber, wie Frauen im Film ihre Positionen verbessern können.

Im Podcast von critic.de unterhalten sich Lukas Foerster, Frédéric Jaeger, Ekkehard Knörer und Cristina Nord über David Finchers "Gone Girl" und Olivier Assayas" kommenden Film "Clouds of Sils Maria". Katja Nicodemus gratuliert Udo Kier, der gestern seinen 70. Geburtstag feiern konnte (mehr). Besprochen wird ein Buch mit Filmtexten von Michael Althen, von denen auch diese Website eine ganze Menge bietet (SZ).
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Kunst



Großes kündigt sich in Belgrad an: Mohamed Alabbar, der Vorsitzende der Emaar Properties aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, will 3 Milliarden Dollar in ein riesiges Bauprojekt am rechten Save-Ufer investieren. Dazu gehört ein riesiger Turm, ein riesiges Einkaufszentrum, Wohnungen und Büros, ein Zentralpark sowie die Verlegung des Hauptbahnhofs nach Süden und ein neuer Busbahnhof. Architekten sind sehr kritisch, berichtet Andreas Ernst in der NZZ, weil es ohne jede Bürgerbeteiligung durchgezogen werden soll. Die Kulturszene im nahegelegenen Savamala-Viertel ist dennoch vorsichtig optimistisch: "Erfolgreiche Kapitalisten wollen gemocht werden. Und lassen sich das etwas kosten. Darin, glaubt der Architekturprofessor Kucina, liege die Chance für Savamala. Frontaler Widerstand gegen das Projekt sei unmöglich. Dazu fehlten alle Voraussetzungen. Aber die Existenz von "Creative Industries" und eine lebendige Kulturszene seien Standortvorteile auch für die Investoren."

Deutsche Künstler haben gerade international einen großen Auftritt: Sigmar Polke in der Tate in London, Markus Lüpertz demnächst im Musée d"art moderne in Paris, Thomas Struth im Metropolitan und jetzt die "Zero"-Künstler im Guggenheim in New York, berichtet Hans-Joachim Müller in der Welt, der hier einen Blick zurück in die fünfziger und frühen sechziger Jahre wirft: "Während die amerikanischen Maler dabei waren, ihren abstrakten Expressionismus mit imperialem Nachdruck zur geltenden Weltkunstsprache zu machen, riefen deutsche Künstler unter der Parole "Zero" den Neubeginn der Künste aus. Und es ist nicht ohne Ironie, dass die pathetischen US-Bilder just in dem Augenblick die deutschen Museen erreichten, als Otto Piene mit vulkanischem Trotz das Feuer im Atelier anfachte und Rauchwolken über seine Bilder jagte, und Heinz Mack im silbernen Overall in die Sahara reiste und seine "Lichtstelen" im welligen Sand aufpflanzte."

Eine Münchner Vortragsreihe an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste geht in den kommenden Wochen der brennenden Frage, was noch schön sei an den Künsten, nach. Michael Stallknechts erster Befund dazu in der SZ fällt ernüchternd aus: Denn "nach geltender Nomenklatur müsste die Antwort lauten: Gar nichts ist schön an den Künsten. Es ist die Warenwelt, die heute permanent von der Schönheit kündet - im Kunstdiskurs hingegen sprechen von dem einstigen Zentralbegriff der abendländischen Ästhetik allenfalls noch die Laien." Von der ersten Veranstaltung, bei der Peter von Matt über die Schönheit des Gedichts sprach, berichtet Christopher Schmidt.

Weiteres: Thorsten Glotzmann ärgert sich in der SZ über die Naivität, mit der der Künstler Morten Traavik sich mit dem Vorhaben, eine Kunstakademie in Nordkorea zu gründen, vor den Karren des dort herrschenden Regimes spannen lässt (mehr dazu im Guardian).

Besprochen wird die Ausstellung "Augustus. Macht, Moral, Marketing vor 2000 Jahren" in der Skulpturhalle des Antikenmuseums in Basel (NZZ),
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Literatur

Hannes Hintermeier schreibt in der FAZ den Nachruf auf den überraschend verstorbenen Verleger Stefan Lübbe.

Besprochen werden u.a. Wolf Haas" neuer Roman "Brennerova" (NZZ), Ingeborg Nolls Krimi "Hab und Gier" (Welt), Antonio Gramscis Briefwechsel aus dem Gefängis mit Tatjana Schucht (FR), Matthias Wittekindts Kriminalroman "Ein Licht im Zimmer" (FR) und Lena Dunhams "Not that Kind of Girl" (Berliner Zeitung, mehr).
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Bühne

Interimsdirektorin Karin Bergmann wird nun auf fünf Jahre offizielle Direktorin des Wiener Burgtheaters, meldet Ulrich Seidler in der FR. Eine gute Entscheidung, meint Wolfgang Kralicek in der SZ: "Applaus!" Dirk Pilz gibt sich auf nachtkritik.de über diese Entscheidung unterdessen nicht sonderlich amused. Nicht wegen Bergmann, an deren Kompetenzen er nicht zweifeln will, sondern wegen des ganzen Drumherums, bis hin zum Vertrag selbst. Die Politiker scheinen "sich selbst nicht über den Weg zu trauen, wenn man einerseits Bergmann einen Vertrag bis 2019 gibt, andererseits aber sofort hinzusetzt, dass es 2017 eine neue Ausschreibung geben soll, um die Bergmann-Nachfolge rechtzeitig regeln zu können. Was für eine Demütigung für Bergmann, ihr in den Vertrag zu schreiben, dass sie nur eine Übergangslösung ist, bis in fünf Jahren die wirklich erstklassigen IntendantInnen zur Verfügung stehen." Bis dahin, so die NZZ, "muss sie das Publikum unter magereren Bedingungen bei der Stange halten".

Besprochen werden ein von Malte Ubenau und Stefanie Carp herausgegebenes Arbeitsbuch über Christoph Marthaler (Nachtkritik), Thomas Arzts in Ingolstadt aufgeführtes Stück "Grillenparz" (SZ) und Àlex Ollés Lyoner "Fliegender Holländer" (SZ).
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Musik

Zwei außergewöhnliche, Grenzen überschreitende Kollaborationen bestimmen diesen Musikherbst im Popbusiness, erklärt Julian Weber in der taz. Zum einen wäre da das Jazzalbum von Tony Bennett und Lady Gaga, das insbesondere jugendliche Fans der Popdiva brüskieren dürfte. Und dann ist da noch als Leckerbissen für Freunde der härteren Gangart ein Album von Scott Walker und den Metal-Dröhn-Mönchen Sunn O))), das den taz-Kritiker gepflegt lang legt: "Beide Seiten holen aus ihren Asservatenkammern jeweils das Unbehaglichste hervor und landen damit trotzdem jenseits der klanglichen Klischees. Synthesizer knallen wie Peitschen, Feedback-Schlaufen wummern ... [Walkers] Stimme rasselt wie ein Skelett durch diese forensische Sammlung von Geräuschen und Erinnerungen. ... Die Texte handeln von Stasi-Beschattung, Halsketten, die aus Feuerameisen bestehen, und Müttern, die ihre Kinder umbringen." Für The Quietus hat Dan Franklin schon einen ganzen Essay über das Album geschrieben, während sein Kollege John Doran ausgiebig mit Walker gesprochen hat. Und ein hübsch düsteres Teaser-Video gibt es auch:



Weitere Artikel: Claus Lochbihler erinnert in der Welt an den vor 50 Jahren verstorbenen Cole Porter. In der Berliner Zeitung erklärt Marcus Trojan, Betreiber des Mitte-Clubs Weekend, im Gespräch mit Anne Lena Mösken und Elmar Schütze, warum er trotz abwandernder Szene in die äußeren Bezirke weiterhin dem Alexanderplatz treu bleiben will. In der Berliner Zeitung freut sich Markus Schneider auf einen von viel experimenteller Popmusik geprägten Konzert-Oktober in Berlin. Für Pitchfork recherchiert Jeremy Gordon den Einfluss von David Lynchs jüngst wiederbelebter Serie "Twin Peaks" auf die Popmusik. Bereits vergangene Woche ist der Elektro-Musiker Mark Bell gestorben, meldet Arno Raffeiner in der Spex (der Guardian listet Bells zehn essenziellste Tracks). Außerdem richtet sich die Spex mit dem Vorab-Stream von Warm Graves" Debütalbum schon mal herbstlich auf den Weltuntergang ein. Wir liefern dazu das aktuelle Video der Band:



Besprochen werden ein Konzert der Sterne ("ein wunderschöner Abend", strahlt Tim Gorbauch in der FR), die EP "Hell Can Wait" von Vince Staples (Pitchfork) und eine CD mit russischen Arien, eingesungen von Cecilia Bartoli (FAZ).
Archiv: Musik