Efeu - Die Kulturrundschau

Wir könnten es gemeinsam tun

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08.10.2014. In der Berliner Zeitung bekennt Buchpreisträger Lutz Seiler sich zu Bleistift und Ringblock. Die FAZ reagiert stinksauer auf die Auszeichnung Seilers und wirft ihm vor, Uwe Tellkamps Erfolgsrezept übernommen zu haben. Die taz gerät völlig aus dem Häuschen nach der Ankündigung David Lynchs, die Serie "Twin Peaks" fortsetzen zu wollen. Im Standard fordert die finnisch-estnische Autorin Sofi Oksanen, in Europa einen unabhängigen russischsprachigen Fernsehsender zu gründen.

Literatur

Sabine Vogel hat für die Berliner Zeitung ein ausführliches Gespräch mit dem frisch gekürten Preisträger Lutz Seiler geführt. Der gibt darin auch Einblick in die Mühen des Schreiballtags, vor allem die erste Abschrift: "Die erste Fassung ist immer Bleistift im Ringblock, die linke Seite bleibt frei, die rechte hat ebenfalls einen breiten Rand, für Ergänzungen, Einschübe, Fragen, Regieanweisungen. Wenn ich am Tag vier solche engen Bleistiftseiten schreibe, ist das sehr gut. Dann habe ich etwas zum Überarbeiten. Wenn ich sehe, dass ich etwas verbessern kann, ist das die reine Freude, dann macht das Schreiben Spaß. Das Meiste entsteht ja ohnehin erst in der Überarbeitung." Ein weiteres Interview mit Seiler gibt"s in der Welt.

Für Christoph Schröder von der taz bekräftigt der Buchpreis für Seilers "Kruso" einen "Trend, der den Deutschen Buchpreis seit seiner Premiere im Jahr 2005 maßgeblich prägt: Der Deutsche Buchpreis ist ein Preis für deutsche Geschichte. Sechs, wenn nicht gar sieben der bislang ausgezeichneten Bücher widmeten sich entweder dem Nationalsozialismus oder der DDR."

Äußerst schlecht gelaunt reagiert im FAZ-Feuilleton Andreas Platthaus auf die Auszeichnung für Lutz Seilers "Kruso", dem er unverhohlen vorwirft, sich bei Uwe Tellkamps "Der Turm" als einem Erfolgsrezept bedient zu haben - "in vielem inhaltlich eine Art Folie für Seilers Buch, wenn auch literarisch weitaus anspruchsvoller". Um ganz sicher zu gehen, dass diese Gemeinheit auch überall ankommt, setzt Platthaus im Leitartikel auf der Seite 1 der Zeitung noch eins drauf: "Lutz Seiler hat sich für "Kruso" geradezu sklavisch am Tellkamp-Rezept orientiert und das am Rande der DDR gelegene Hiddensee, das schon im "Turm" einen markanten und trotz der dortigen Kürze vielschichtigeren Auftritt als Handlungsort hat, zur "Insel der Freiheit" im sozialistischen Staat verklärt, wie es Tellkamp weitaus zurückhaltender für das Dresdner Villenviertel "Weißer Hirsch" vorgemacht hat."

Im Standard erklärt die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen, warum die Machtpolitik Russlands nie ein alter Hut sein wird, warum die EU die Ukraine unterstützen muss und was man Putin außerdem entgegensetzen kann: "Eines ist mir wichtig: Wir brauchen einen großen unabhängigen russischen Fernsehsender [der nach Russland sendet] ... Wir müssen die Informationssphäre wichtiger nehmen. In den baltischen Ländern ist das eine Binsenweisheit. Das russische Fernsehen sendet nur Lügen. Es gibt viele exzellente russische Journalisten, die im Ausland arbeiten. Russland verdient ein gutes Medium. Im Baltikum gibt es so etwas, aber die Ressourcen sind gering. Wir könnten es gemeinsam tun."

Martin Zähringer stellt in der NZZ einen Vermittler afrikanischer Literatur vor, Manfred Loimeier, der jetzt im Horlemann Verlag eine eigene Afrika-Reihe herausgibt: "Ich will weg von einem nur englischsprachigen und hin zu einem ausgewogeneren Programm. Es erscheinen derzeit nur zwei Titel pro Jahr, der erste war frankofon, der zweite anglofon, und das Ziel ist es, 2015 auch einmal eine andere Sprache mit einbringen zu können."

Weitere Artikel: In der Welt überlegt Richard Kämmerlings, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Buchmarkt haben wird, und sieht durchaus positive Möglichkeiten: Etwa, dass die "kleinen" Formen - Lyrik, Drama, Erzählungen - gegenüber dem Roman wieder mehr Gewicht gewinnen. In der NZZ gibt Joachim Güntner zu Beginn der Buchmesse einen Überblick über die wichtigsten Trends in Frankfurt: Das sind einmal die Selbstverlage, "die keineswegs im Abseits, sondern in der begehrten Halle 3 angesiedelt" wurden, und zum anderen die immer größere Schar von Literaturagenten, ohne die bei Verlagen offenbar kaum noch was läuft. Wieland Freund untersucht in der Welt das Angebot von Amazons E-Book-Flatrate und findet es verbesserungsbedürftig. Jürgen Kaube von der FAZ informiert sich in Carlos Spoerhases Aufsatz im Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft über den Ursprung des Rankings in der Literatur- und Kunstkritik des 18. Jahrhunderts. Volker Breidecker schreibt in der SZ zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse.

Nachrufe zum Tod des Schriftstellers Siegfried Lenz schreiben Martin Oehlen in der Berliner Zeitung, Beatrix Langner in der NZZ, Barbara Möller in der Welt, Jan Feddersen in der taz, Ulrich Rüdenauer auf ZeitOnline, Wolfgang Schneider in der FAZ und Franziska Augstein in der SZ. Außerdem sammelt die SZ Reaktionen auf Lenz" Tod.

Besprochen werden Heiner Müllers gesammelte Gedichte (Freitag), Lena Dunhams "Not that Kind of Girl" (Tagesspiegel) und "Das Kapital" von Thomas Piketty, dem Andreas Zielcke in der SZ "brillante Tiefenschärfe" attestiert.
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Musik

In der Welt winkt Manuel Brug traurig dem Chefdirigenten des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, Tugan Sochijew, zum Abschied zu: Sochijew geht ans Bolschoi-Theater (er soll auf seine Augen aufpassen!). Besprochen werden das neue Album von Caribou (Pitchfork) und das neue Album von Kindness (Spex).
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Stichwörter: Caribou, Pitchfork

Bühne

Sex und Politik sah Helmut Ploebst (Standard) beim Steirischen Herbst choreografisch umgesetzt. Um Politik ging es in Gunilla Heilborns "Gorkij Park 2", dass sich an Michael Apteds Film von 1983 anlehnt. Hauptpersonen sind die im Film ermordeten drei Figuren Irina, Jack und Renko: "Ihre Unterhaltung über den Film bleibt rudimentär. Der Gorki-Park in Moskau wird mit der einstigen Utopie des Kommunismus in Verbindung gebracht. Ein großes Schild mit der russischen Aufschrift für Museumseingang hängt an der Wand. Gemeint ist das Moskauer Gorki-Museum, in dem die Handlung spielt ... Putin muss da nicht extra erwähnt werden. Die von ihm zerstörten Hoffnungen auf eine Demokratie in Russland sind in allem präsent, was sich auf der Bühne ereignet."

Weiteres: Judith Engel von der taz hat das Schauspiel Stuttgart besucht, wo sie sich von einem missionierenden René Pollesch mit "Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist" in ein "linksorientiertes Symposion" versetzt fühlt, während sie sich in Sebastian Hartmanns "Staub" tatsächlich ihr "Hirn leider zu Staub zerlacht" hat. Für die taz porträtiert Barbara Behrendt die Schauspielerin Ursina Lardi.

Besprochen werden ein "Idomeneo" in Wien (Standard), Puschkins "Eugen Onegin" ebenfalls in Wien (Standard), Sebastian Hartmanns "Woyzeck"-Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin (SZ) und Calixto Bieitos Inszenierung von Giacomo Puccinis "Turandot" im Staatstheater Nürnberg (SZ)
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Archiv: Bühne

Film

Eine echte Bombe zündeten Regisseur David Lynch, Produzent Mark Frost und der Sender Showtime diese Woche mit der Ankündigung, dass die 1991 nach der zweiten Staffel abgesetzten Kultserie "Twin Peaks" 2016 fortgesetzt werden würde: Auf Fandor sammelt David Hudson dazu aufgeregte Reaktionen aus der englischsprachigen Kritik, während ein ganzes Rudel von taz-Autoren vor Glück freudig im Kreise dreht. Tomas Kurianowicz (ZeitOnline) macht es sich zum 20-jährigen Jubiläum von "Friends" im in New York rekonstruierten Café, in dem die Sitcom spielte, gemütlich. In der FAZ preist Edo Reents die "Athletik", mit der Chadwick Boseman im Film "Get on Up" den Godfather of Soul James Brown verkörpert: Diese ist "das eigentliche Ereignis dieses Films".

Besprochen werden Zach Braffs "Wish I Was Here" (Berliner Zeitung, SZ), das James-Brown-Biopic "Get On Up" (Welt) und der dänische Western "The Salvation" (ZeitOnline).
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Kunst

In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den Maler Clemens Gröszer.

Besprochen wird die Schau "Potretti" mit Fotografien aus Finnland im Fotografie Forum Frankfurt (FAZ).
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Stichwörter: Finnland