Efeu - Die Kulturrundschau

Zuckerbäckeravantgarde

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07.08.2014. Die Feuilletons vergnügen sich heute einstimmig auf dem Planet der Affen, der taz fehlen dort allerdings ein paar Frauen. Hauptsache keiner der Affen hat Selfies gemacht, sonst gibt's Ärger, warnt der telegraph. Ohne Louis-Sebastien Mercier wäre Paris nicht Paris, glaubt die FAZ. Der Freitag reist zum Atomkern des Beatnik-Kosmos'. Deutsche Hiphopper machen Abi und wollen nur noch schmusen, klagt die taz.

Film


In der ersten Version von "Planet der Affen" 1968 war das Verhältnis von Tier und Mensch noch recht intim.

Die Affen rasen durch den Wald, der eine macht den andern kalt - und die Filmkritik staunt Bauklötze über die technische Perfektion, mit der im "Planet der Affen: Revolution" die per Performance-Capturing eingescannten Darsteller hier die Affen geben, die sich zudem noch in einem Drama Shakespeare"schen Ausmaßes bewegen. Dennoch vermisst Daniel Kothenschulte in der FR den naiven Charme der Masken-Tricktechnik aus den originalen "Planet der Affen"-Filmen: Denn wenn schon Shakespeare, "dann wäre etwas Theaterzauber (...) besonders angemessen. Nein, ganz im Gegenteil: Es ist geradezu absurd, diese durchaus anrührende Erzählung von der Relativität menschlichen Fortschrittsglaubens gerade für ihren technischen Fortschritt zu loben."

Außerdem: Andreas Busche vom Freitag kann sich vor allem für die erste halbe Stunde des Films begeistern, in der beim Erkunden der neuen Affenzivilisation "ein Hauch Terrence Malick" liegt. Was darauf folgt, ist dann allerdings nur noch Stangenware, wie er mit größtem Bedauern feststellen muss: "Zum Showdown reiten Affen zu Pferde durch Feuerwände und steuern Panzer in menschliche Barrikaden." Thomas Groh kann sich in der taz mit dem Affen-Treiben unterdessen in fast jeder Hinsicht gut anfreunden. Ein Makel, der sonst keinem Kollegen auffallen will, stach ihm dann aber doch ins Auge: "Auch dieser "Planet der Affen" ist im Grunde genommen ein "Planet der Männer"." Für die Berliner Zeitung hat sich Patrick Heidmann mit Andy Serkis unterhalten, der per Performance-Capturing den Affenanführer Caesar spielt.

Weitere Artikel: Katja Nicodemus reist in der Zeit in Sergej Eisensteins Moskauer Appartement, spricht mit seinem Nachlassverwalter Naum Klejman über das Verhältnis von Kunst und Politik in Russland. Matthias Dell empfiehlt in der taz zwei Dokumentarfilme von Thomas Heise, die das Berliner Kino Lichtblick zeigt. Daniel Kothenschulte bietet in der FR einen Überblick über die dem italienischen Filmstudio Titanus gewidmete Retrospektive beim Filmfestival in Locarno. Roger Buergel schreibt in der Zeit einen Nachruf auf Harun Farocki.

Besprochen werden die DVD-Edition des Punk/New-Wave-Kultfilms "Decoder" von 1984 ("ein schöner Hexensabbat aus dem Geist der mittleren Industrial-Jahre", schreibt Ekkehard Knörer in der taz), Barbara Webers Dokumentarfilm "Kofelgschroa" (SZ), Lisa Azuelos "Ein Augenblick Liebe" (Tagesspiegel) und Vinko Brešans im Klerus-Milieu angesiedelte Kontrazeptiva-Komödie "Gott verhüte"(Tagesspiegel). Und die Filmfestspiele in Locarno. (Welt)
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Bühne


Performer Hannes Langolf © Ben Hopper

Für die taz hat sich Uwe Mattheiss Lloyd Newsons in Wien aufgeführte Choreografie "John" angesehen, für die der Choreograf insgesamt fünfzig Gespräche mit Männern über "Sex, Rausch und Gewalt" tänzerisch umsetzen lässt. Damit "begibt [er] sich auf den "dornichten Pfad" der Kritik am tänzerischen Vokabular und seinen Voraussetzungen. Die erhoffte Erdung der Kunst an einer mess- und beschreibbaren Wirklichkeit geschieht überraschenderweise im gesprochenen Wort. Mit ihm erst gerät das Arrangement der Körper mit den Raumzeichen unter Spannung." (Weitere Kritiken in der Presse und im Standard.)

Weitere Artikel: In der FAZ stellt Astrid Kaminski die auf Teilnahme setzende, öffentliche Performance "Knotunknot" der Forsythe Company in Berlin vor.

Besprochen werden die Wiederaufnahme von Frank Castorfs "Ring"-Inszenierung in Bayreuth (Freitag), der "Rosenkavalier" ("Zuckerbächeravantgarde") und Karl Kraus" "Die letzten Tage der Menschheit", beide in Salzburg (Zeit).
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Literatur

Katja Kullmann hebt im Freitag die lange und oft übergangene Beat-Autorin Diane Di Prima, die gestern achtzig Jahre alt geworden ist, aus der Vergessenheit. Für den Text musste sie kämpfen, schreibt Kullmann, denn in der Zeitungsredaktion war Diane Di Prima kein Begriff. Zu Unrecht: "Tatsächlich haben viele weibliche Beatniks sich in ihren Texten mit dem bohèmistischen Alltag beschäftigt - und mit Genderfragen. "Was ich zurücklassen werde: die Bequemlichkeiten eines geordneten Alltags. Die simple Idee einer Ehe, materielle Annehmlichkeiten. Ich werde nie einen Geschirrspüler haben. Oder drögen Respekt bei drögen Nachbarn genießen. All das zählt nicht, ich habe längst gesehen, was für ein Gefängnis das ist." So notierte es Di Prima schon im Alter von 14. "Ich werde eine Schriftstellerin sein, und ich weiß, was ich dafür aufgeben muss, ohne genau zu wissen, was ich dafür bekomme.""

An die Frühgeschichte des Feuilletons im 18. Jahrhundert, genauer: an den zwar fleißigen, aber gescheiterten Theaterautor Louis-Sébastien Mercier, der statt an der Bühne in der Zeitung reüssierte und vor 200 Jahren gestorben ist, erinnert Hannelore Schlaffer in der FAZ. Seinen Texten attestiert sie durchaus historische Durchschlagskraft: "Durch Merciers Miniaturen wurde Paris erst zu Paris, zu jener Stadt, die ganz Europa bewunderte und bis heute bewundert."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung rauft sich Birgit Walter die Haare vor Zorn über die allseitig angebrachte Vertröstungsrhetorik von Matthias Oehme von der insbesondere auch bei ihren Autoren hochverschuldet insolventen Eulenspiegel-Verlagsgruppe, zu der auch der Verlag Das Neue Berlin zählt. Im Tagesspiegel gratuliert Alexander Brüggermann dem Comic-Museum in Brüssel zum 25jährigen Bestehen. Jakob Augstein unterhält sich im Freitag mit dem Autor Wladimir Kaminer unter andere über das Gärtnern. Nachrufe auf die Schriftstellerin Elfriede Brüning schreiben Harald Jähner in der Berliner Zeitung und Steffi Unsleber in der taz.

Besprochen werden Nicolas Woulters" und Mikael Ross" Comic "Lauter Leben" (taz), Mawils Comic "Kinderland" (Freitag, mehr), der von Hamideh Mohagheghi und Klaus von Stosch herausgegebene Band "Gewalt in den heiligen Schriften von Islam und Christentum" (FR), Teresa Präusers "Johnny und Jean" (FAZ), Dave Eggers" "Der Circle" (Tagesspiegel), Markus Orths" "Alpha & Omega" (Freitag) und Martin Lechners "Kleine Kassa" (SZ).
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Kunst

Der britische Naturfotograf David Slater hat einen Affen in Indonesien hunderte von Selfies machen lassen, schreibt Matthew Sparkes im telegraph. Nachdem die Bilder bei Wikipedia auftauchten, verlangte er die Löschung, Wikipedia verweist aber auf das Copyright, das beim Affen liege. Slater klagt: " I"ve told them it"s not public domain, they"ve got no right to say that its public domain. A monkey pressed the button, but I did all the setting up." (Bild: David J Slater/Caters)

Im Gespräch mit Martin Jehle vom Freitag erinnert sich Architekt Thomas M. Leitersdorf an Konzeption und Bau der Siedlung Ma"ale Adumim im Westjordanland.

Besprochen wird die Ausstellung "Alimentário" im Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro (SZ). Und die Ausstellung "Art or Sound" in der Fondazione Prada Venedig.(Zeit).
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Musik

Hiphop in Deutschland ist mächtig auf den Hund gekommen, bzw. von der Mittelschicht übernommen worden, beklagt sich Nicklas Baschek in der taz mit viel Wut im Bauch: Überall nur Schmusekurs, fade Befindlichkeit und Bündnisse mit dem guten Geschmack. "Yeah, auch die Unterschichtsrapper machen jetzt Abitur. Es ist aber umgekehrt: Diejenigen, die Abi machen, machen jetzt eben auch Rap... Die Marginalisierten, die in den Geschichten und den Gesten größtmöglicher Souveränität mal eine Stimme erhalten haben, sie werden ein zweites Mal: marginalisiert."

Einst Hippie-Insel, jetzt aufgerüstete Geburtsstätte für Trends und Musik in den Hipster-Metropolen der Welt, schreibt Ralf Niemczyk (Welt) nach einem Besuch auf Ibiza: "Die Superclubs von Ibiza wirken längst als Transmissionsriemen einer neuen internationalen Elite, die aus dem Schaum der elektronischen Tanzmusik geboren wurde. Wohl nirgendwo auf der Welt ist der kommerzielle Umbau eines Urlaubsresorts so eng mit den elektronischen Spielarten der populären Musik verbunden. House und Techno auf internationalem Starlevel bilden den Soundtrack zum Boom der Eitelkeiten."

Peter Uehling denkt in der Berliner Zeitung über das neue angeschaffte Bach-Porträt nach, das im Bachhaus Eisenach im Rahmen einer Ausstellung zu sehen ist: "Unsere private Vermutung: Das Bild ist erst nach Bachs Tod gemalt worden." In der FR bietet Frank Junghänel einen Überblick über verschiedene Projekte, die alte Demo-Aufnahmen von Bob Dylan überarbeiten und auf den Markt bringen wollen. In der taz freut sich Detlef Kuhlbrodt über 36 Jahre SO36.

Besprochen werden der 3D-Dokumentarfilm über das Metalfestival in Wacken (Freitag), ein Auftritt von Christian Gerhaher in Salzburg (FAZ), ein Aufritt von Perfect Pussy im Berghain (Berliner Zeitung) und Porter Robinsons Album "Worlds" (ZeitOnline).


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