Efeu - Die Kulturrundschau

Melange aus Avantgarde und Aggression

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06.08.2014. Die Welt annonciert einen Bücherherbst mit starken weiblichen Stimmen. Die Nachtkritik beweist Durchhaltevermögen in Ivo Dimchevs Performance "Icure" bei ImpulsTanz. In der FAZ freut sich Steven Soderbergh auf ein Comeback als Filmregisseur - jetzt, wo er zehnstündige Kinofilme fürs Fernsehen drehen darf. Tagesspiegel und Berliner Zeitung bewundern Albert Kahns "Archiv des Planeten".

Film



Im letzten Jahr hat er noch lautstark seinen Abschied vom Filmemachen verkündet (mehr dazu hier), nun taucht Steven Soderbergh beim HBO-Ableger Cinemax mit der historischen Krankenhausserie "The Knick" wieder auf. Für die FAZ hat sich Nina Rehfeld mit dem Regisseur unterhalten, der seiner Begeisterung darüber, im Fernsehen nun zehnstündige Kinofilme drehen zu können, kaum verbergen kann. Die große Ära des Regisseur-Fernsehens sieht er überhaupt erst herauf dämmern: "Ich glaube, dass in Serien die Autoren-Ästhetik immer stärker mit der Ästhetik des Filmemachers verschmelzen wird. Es wird normal sein, dass Regisseure hier den Einfluss haben, den sie in der Kinowelt einst hatten. Es gab ein Verständnis zwischen mir und den Autoren von "The Knick", dass wir die Dinge gemeinsam besser machen können, weil ich weiß, wovon ich spreche, und sie wissen, wovon sie sprechen. Und es gab eine Übereinkunft, dass am Ende ich derjenige wäre, der bestimmt, in welche Richtung wir gehen." In The Daily Beast stand Sodebergh zu diesen und anderen Themen noch deutlich ausführlicher Rede und Antwort.

Jean-Pierre Jeunet spricht im Interview mit dem Standard über seinen neuen 3D-Film "Die Karte meiner Träume" und über sein Verhältnis zum Filmemachen, das Wissenschaft und Kunst vereine: "Wenn ich schreibe, ist das Kino für mich Dichtung; wenn ich drehe, ist es für mich Technik. Das ist für mich eine Definition von Kino: Es ist Technik und Dichtung zugleich."

Weiteres: Türkische Nationalisten drohen Fatih Akin, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ. Besprochen werden Matt Reeves" neuer "Planet der Affen"-Film (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Standard) und Lisa Azuelos" "Ein Augenblick Liebe" (FAZ).
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Literatur

In der Welt freut sich Richard Kämmerlings auf die starken weiblichen Stimmen in diesem Literaturherbst. Als Beispiele nennt er Julia Trompeter, Nadine Kegele, Simone Lappert, Olga Grjasnowa, Nino Haratischwili und Verena Güntner. Letztere erzählt in ihrem Debütroman "Es bringen" von einem sechzehnjährigen Macho aus der Vorstadtsiedlung: ""Es bringen" hat durchaus das Potenzial zu einer härteren Variante von Wolfgang Herrndorfs "Tschick" und hebt sich von vielen anderen Adoleszenzgeschichten schon dadurch ab, dass hier keine persönliche Leidensgeschichte verarbeitet wird."

Besprochen werden ein Buch von Israel Finkelstein über Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel (NZZ), Jim Nisbets Krimi "Der Krake auf meinem Kopf" (Welt), Douglas Hofstadters und Emmanuel Sanders "Die Analogie. Das Herz des Denkens" (taz), der von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer herausgegebene Band "Verbotene Chronik 1914" (FR), Ulla-Lena Lundbergs "Eis" (FR)Emmanuel Carrères "Alles ist wahr" (Zeit online), Margret Franzliks "Erinnerung an Wolfgang Hilbig" (SZ) und eine Neuübersetzung von Henry James" "Washington Square" (FAZ).
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Bühne


Ivo Dimchev © Ivo Dimchev

Von einer provokanten Performance Ivo Dimchevs beim ImpulsTanz in Wien berichtet Theresa Luise Gindlstrasser von der Nachtkritik: "Heilung" versprach er, wenn das Publikum seine I-Cure-Cards ausfüllt: "Ivo Dimchev singt, lärmt, tanzt und verweist immer wieder auf positive Energie, Selbstheilungskräfte und natürlich die I-CURE-Cards. Er spielt Cello wie einer, der durch seine Krankheit hindurch endlich Arzt werden will. Er lässt sich von Menschen aus dem Publikum massieren und lobt den heilsamen Effekt auf Russisch, Deutsch und Italienisch. Er lässt sich von einem zweiten Performer oral befriedigen und lobt auf Englisch, Türkisch und Spanisch." Sein Publikum verlor er jedoch, als er eine Fotografie von drei Menschen auf die Bühne stellt, die von israelischen Raketen getötet wurden. Eine weitere Besprechung gibts in der Presse)

Weitere Artikel: Eva-Elisabeth Fischer von der SZ beobachtet beim Tanzfestival Montpellier Danse: "Es gibt keinen klar definierten Schulstil mehr, auch keine Moden, wie man sie noch in den Neunzigerjahren ausmachen konnte." Die Presse unterhielt sich mit dem amerikanischen Choreografen Lloyd Newson zwei Tage, bevor dessen "John" bei ImpulsTanz in Wien uraufgeführt wurde. Manuel Brug vergleicht in der Welt die Operettenländer München ("gediegen") und Berlin ("knisternd"). Außerdem resümiert Brug die Lage der Sommerfestivals, mit denen es künstlerisch wie finanziell langsam bergab gehe.
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Musik

Michelle Ziegler besucht für die NZZ das Davos Festival. In der taz gratuliert Martin Reichert dem Berliner Nachtclub Berghain zum zehnjährigen Bestehen. Und Electronic Beats präsentiert die besten Musikvideos des Monats. Auf Platz 1 "Can"t Wait To" von Lunice:



Besprochen werden Beethoven-Konzerte mit dem Pianisten Rudolf Buchbinder in Salzburg (Presse).
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Stichwörter: Berghain, Martin Reichert

Kunst



Bild: Stephane Passet, Mongolei, nahe Ulaanbaatar, wahrscheinlich Damdinbazar, die achte Inkarnation des mongolischen Jalkhanz Kuthugtu, 17. Juli 1913, © Musée Albert-Kahn, Departement des Hauts-de-Seine

Gleichermaßen entzückt sind Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung und Caroline Fetscher im Tagesspiegel von den selten zu sehende Farbaufnahmen von Bewohnern aller Kontinente, die der Mäzen Albert Kahn um 1914 für ein "Archiv des Planeten" anfertigen ließ und nun im Berliner Martin-Gropius-Bau ausgestellt sind. Fetscher erklärt die Hintergründe des Projekts: "Das Projekt [zeugt] mit seinem Gestus des globalen Zugriffs durchaus auch von einer Melange aus Avantgarde und Aggression. "Les Archives de la planète" war auf alle Fälle die materialisierte Idee einer Völkerverständigung. In der Ära des Wettrüstens und der kolonialen Wettläufe sollte sie all dem Einhalt gebieten, was schon in der Luft lag. Kahn und seine Mitstreiter wollten mit ihrem so empathischen wie emphatischen Panorama der Menschheit die Geschichte aufhalten." Bedauerlich findet sie nur, dass Kahns prächtige Sammlung bislang nicht weltweit online einsehbar ist, was dem Ansinnen des Mäzens sicher gut entsprochen hätte.

Einigen Liebreiz erkennt Ronald Berg von der taz in Una H. Moehrkes abstrakten Linienbildern, die derzeit in der Moritzburg in Halle ausgestellt werden: Der Künstlerin "geht es nicht in erster Linie um den äußeren Anschein von Grazie, sondern um den aus dem Inneren stammenden Ausdruck einer Energie. Moehrkes Linien sind ja zuerst Spuren einer körperlichen Verausgabung. ...Ihre Linienbilder handeln von etwas Wesentlichem in der Kunst, das gleichwohl etwas ist, das in anderer Gestalt auch beim Fußball auftaucht, und dann "schönes Spiel" heißt."

Weitere Artikel: Für die taz besucht Nadine Emmerich das Stickermuseum in Berlin. Marc Zitzmann singt in der NZZ ein Loblied auf die Stiftung La maison rouge in Paris, die jedes Jahr eine Privatsammlung vorstellt - "von Arnulf Rainers Art brut über Guy Shraenens Plattenhüllen und die Kunstvideos von Isabelle und Jean-Conrad Lemaître bis zu Antoine de Galberts außereuropäischen Kopfbedeckungen". Barbara Möller amüsiert sich in der Welt über einen Holzstapel Holger Starks, der als "brandgefährlich" von der Feuerwehr Neubrandenburgs entfernt werden sollte. Eckhard Fuhr stellt in der Welt Claudia Perren vor, die neue Direktorin der Bauhausstiftung in Dessau.

Besprochen werden eine Retrospektive des Werbegrafikers Karl Neubacher im Grazer Kunsthaus (Bild links, Standard), die Ausstellung "A Singular Form" in der Wiener Secession (Standard), die Gerhard-Richter-Ausstellung in der Fondation Beyeler (Standard), eine Ausstellung über die "Glorious Georges" in der Londoner Queen"s Gallery (NZZ), eine Schau zur Berliner Künstlergruppe "Großgörschen 35" im Haus am Kleistpark (Welt), die Ausstellung "Les Cathédrales 1789-1914" im Musée des Beaux-Arts in Rouen (FAZ) und Aya Soikas Buch "Weltenbruch" über die Künstler der "Brücke" im Ersten Weltkrieg (SZ).
Archiv: Kunst