Thomas Medicus

Heimat

Eine Suche
Cover: Heimat
Rowohlt Verlag, Reinbek 2014
ISBN 9783871347610
Broschiert, 288 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Eine Kindheit wie aus dem Bilderbuch. Ein Junge wächst in den fünfziger Jahren im idyllischen Städtchen Gunzenhausen in Mittelfranken auf, als Arztsohn in einer vom Krieg scheinbar unberührten, ins Wirtschaftswunder aufbrechenden Welt. Erst Jahrzehnte später schon als junger Mann hatte er der Provinz den Rücken gekehrt stößt er auf ein furchtbares Kapitel der Stadtgeschichte: Am Palmsonntag 1934 fand hier das erste große Pogrom Nazi-Deutschlands statt; die SA hetzte unter Beteiligung eines erheblichen Teils der erwachsenen Bevölkerung gegen die jüdischen Bürger, zwei Männer kamen ums Leben. Und unversehens macht er noch eine weitere Entdeckung: Der von ihm bewunderte amerikanische Autor J.D. Salinger war, von den Erlebnissen an der Front schwer traumatisiert, nach dem Krieg als Soldat im Ort stationiert. Thomas Medicus wagt eine literarische Spurensuche in die eigene Vergangenheit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.06.2014

Heimat ist möglich, lernt Cord Aschenbrenner bei Thomas Medicus und seinem Buch über die ursprünglich wenig geliebte fränkische Heimat, namentlich den Ort Gunzenhausen, wo der Großvater des Autors einst mitlaufend einen Mord an jüdischen Mitbürgern deckte. Dies akribisch erkundend spürt der Autor laut Rezensent seiner Herkunft, seiner Familie und prägenden Eindrücken seiner Kindheit nach und kommt über das bloß Gewöhnliche hinaus, indem er Reportage, historische Recherche und Reflexion vermengend den Begriff Heimat nicht pauschal rehabilitiert, doch immerhin für sich selbst wieder möglich macht in einer "vielschichtigen" zeithistorischen Erzählung, der, so Aschenbrenner, auch andere Heimat-Entfremdete etwas abgewinnen dürften.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.05.2014

Einem entspannten, aufgeklärten Begriff von Heimat begegnet Joseph Hanimann in diesem Buch von Thomas Medicus. In der Rückschau auf eine Jugend im mittelfränkischen Gunzenhausen gelingt dem Autor laut Rezensent ein über das Persönliche hinausgehender Eindruck von Provinz, beschwiegener Vergangenheit und Heimatbindung. Alles Süßliche wird laut Hanimann von recht rabiater Kritik beziehungsweise genauer Recherche über Bord geworfen, wenn der Autor sich mit Hilfe seines Vorbilds J.D. Salinger die Heimat wiederaneignet in einer für den Rezensenten interessanten Mischung aus Essay, Memoiren und Reportage.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2014

Wie schon in "In den Augen meines Großvaters" macht sich Thomas Medicus auch in "Heimat" an die Aufklärung eines Familiengeheimnisses, berichtet Nicole Henneberg. Diesmal geht es um den anderen Großvater, den väterlicherseitigen, der als stellvertretender Amtsarzt zwei ermordete Juden als Selbstmörder klassifizierte. Getötet wurden sie 1934 in Medicus' fränkischem Heimatort Gunzenhausen, beim ersten antijüdischen Pogrom Deutschlands. In seiner Schilderung der Recherchie, in die er auch Privates einfließen lässt, erweist sich Medicus erneut als "glänzender Stilist" und fördert "unerwartete Koinzidenzen und überraschende Einschlüsse im historisch Versteinerten" zutage, findet eingenommene Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.04.2014

J.D. Salinger kämpfte den gesamten Feldzug der amerikanischen Armee von der Landung in der Normandie bis zur Befreiung der bayrischen Konzentrationslager mit und verhörte anschließend als Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes die gefassten Nazigrößen. Über seine Zeit im fränkischen Ort Gunzenhausen verfasst er eine Kurzerzählung. Thomas Medicus geht auf 300 Seiten in seinem Heimatort auf Spurensuche. Hier fand 1934 das erste Pogrom an jüdischen Bürgern statt, sein Großvater war Arzt und obduzierte die Opfer. Stephan Wackwitz bespricht sehr wohlwollend dieses Buch, das ihn zum Nachdenken über die Frage veranlasst, wie Kinder historische Atmosphären erspüren und verarbeiten.