Efeu - Die Kulturrundschau

Überschuss an Leidenschaft

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30.07.2014. Die Filmkritik geht vor Dominik Grafs Schiller-Liebesfilm "Die geliebten Schwestern" in die Knie. In Salzburg dagegen spaltet Marc-André Dalbavies Oper über die in Auschwitz ermordete Malerin Charlotte Salomon die Musikkritik. Hollywood rückt richtig Kohle raus, um Kodak und das analoge Filmmaterial zu retten, meldet The Verge. Daniel Ris erklärt in der NZZ, was "art but fair" ist. Die SZ bewundert den manischen Tausendsassa Hans Hollein.

Film



Ganz und gar verliebt ist die Filmkritik in Dominik Grafs Historienfilm "Die geliebten Schwestern" über eine Dreiecksgeschichte zwischen Friedrich Schiller und die zwei Schwestern Caroline von Beulwitz und Charlotte von Lengefeld. Peter Uehling lobt in der Berliner Zeitung "den Zauber einer großen Zärtlichkeit und Diskretion", den Graf über seine Geschichte legt. Von einem ganz außerordentlichen sinnlichen Vergnügen berichtet auch Verena Lueken in der FAZ: Graf hat diesen Film "mit einem Überschuss an Leidenschaft für alles gedreht, was darin vorkommt - die Sprache, die Landschaften und Häuser, die Kleider und Frisuren, die Pferde und Kutschen, den Dreck und die Briefe, die Albernheiten, Katastrophen -, und vor allem für die Bewegungen von einem Ort zum anderen."

Tobias Kniebe staunt in der SZ, dass nun ausgerechnet Dominik Graf, in den vergangenen Jahren eher ein den härteren Stoffen zugewandter Genrefilm-Auteur (siehe etwa hier und hier in unseren Kritiken), einen so eleganten und zärtlichen Film vorgelegt hat: "Kein Essay der letzten Jahre, in dem er nicht mehr Schmutz, mehr Rohheit, mehr Genrelust im deutschen Kino gefordert hätte. Kein "Tatort" oder "Polizeiruf" aus seiner Werkstatt, in dem nicht irgendwann ein gewisser Weltekel und Fatalismus durchbrach, oder ein Hang zu schwer beschädigten Paarbeziehungen. Nun aber zeigt dieser Film, was hinter diesem harten Image auch noch lauert - nämlich ein Geist, der täglich mit dem Erbe seines Bildungsbürgertums ringt, und damit natürlich ein Bildungsbürger im allerbesten Sinn." Bereits zur Berlinale hatte Elena Meilicke den Film für den Perlentaucher besprochen.

Hollywood und Kodak wollen gemeinsam das analoge Filmmaterial retten, meldet Sam Byford in The Verge. "Nach einem Bericht des Wall Street Journal wollen die Studios sich verpflichten, in den nächsten Jahren eine bestimmte Menge an Filmmaterial zu kaufen, unabhängig davon, wieviele Filme sie tatsächlich in diesem Format drehen wollen. Kodak ist der einzige große Hersteller von Filmmaterial nachdem Fujifilm 2013 vom Markt verschwand. Der Aufstieg professioneller digitaler Kameras von Arri oder Red hat Kodaks Dilemma schnell verschärft. Das WJS sagt, die Verkäufe seien in den letzten acht Jahren um 95 Prozent gefallen. Aber in der Industrie haben viele immer noch eine starke Vorliebe für das schwindende Format."

Außerdem: Filmhistoriker David Bordwell hat beim Festival Cinema Ritrovato in Bologna Unmengen von Stummfilmen aus den 10er und 20er Jahren für sich entdeckt, von denen er mit großer Freude berichtet.

Besprochen werden Fosco Dubinis Science-Fiction-Film "Die innere Zone" (Zeit), Diao Yinans Film noir "Feuerwerk am helllichten Tage" (Standard) und die DVD von Johannes Schaafs "Traumstadt" (Freitag).
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Kunst

Das Haus der Kunst in München befindet sich in einer handfesten Krise - doch keiner will sie wirklich ansprechen, schreibt Jörg Häntzschel in einem Hintergrundartikel in der SZ: Nicht nur gibt es schwelenden Unmut über den Leiter Okwui Enwezor, auch ist die Rede von Unregelmäßigkeiten bei den Fördervereinen, die hinter dem Haus stehen.

Besprochen werden Alvaro Sizas Entwurf für die Alhambra in Granada in einer Ausstellung in der Vitra Design Gallery in Weil am Rhein (NZZ) und eine Ausstellung in der Topografie des Terrors über den Warschauer Aufstand von 1944 (SZ).
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Literatur

Cosima Lutz stellt in der Welt die britische Autorin Jojo Moyes vor, die derzeit mit drei Romanen in den Bestenlisten vertreten ist. Tilman Spreckelsen schreibt in der FAZ den Nachruf auf die Kinderbuchautorin Ursula Wölfel.

Besprochen werden John le Carrés neuer Roman "Empfindliche Wahrheit" (NZZ), S. Frederick Starrs Buch "Lost Enlightenment - Central Asia"s Golden Age from the Arab Conquest to Tamerlane", für das sich Arno Widmann in der FR unbedingt einen deutschen Verleger wünscht, Wilhelm Genazinos "Bei Regen im Saal" (SZ) und Robert Seethalers "Ein ganzes Leben" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Design

Rundum begeistert berichtet Laura Weißmüller in der SZ von einer dem Grenzgänger zwischen Design, Architektur und Kunst Hans Hollein gewidmeten Ausstellung im Österreichischen Museum für angewandte Kunst in Wien: Hier erweise sich, "was dieser Mann, der auf den ersten Blick wie ein manischer Tausendsassa ständig von einer Gattung zur nächsten sprang, vom Entwurf eines Hochhauses zur Obstschale und wieder zurück zu Klavierflügelbeinen, zugleich gewesen sein muss: Für ihn war alles, was er tat, Kommunikation. ... In Zeiten von flächendeckendem W-Lan und allgegenwärtigen Werbebotschaften ist das durchaus eine sehr zeitgenössische Herangehensweise." (Bild: Magazin BAU Cover, 1968 © Archiv Hans Hollein)
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Stichwörter: Hans Hollein

Musik

Neues aus der Metal-Welt: Frank Schäfer reist für die Welt nach Wacken und lässt in Vorfreude auf die Heavy-Metal-Konzerte noch mal die Geschichte des Festivals Revue passieren. In Irland verletzte Sozialministerin Joan Burton mit einer kritischen Bemerkung zur Lautstärke Metallicas die zarten Metal-Seelen, gute Zensuren bekommt dagegen Indonesiens frisch gewählter Präsident Joko Widodo, der sich öffentlich zu seiner Liebe für die Bands Napalm Death und Lamb Of God bekennt, berichtet Michael Pilz. In der FAZ porträtiert Tobias Kreutzer die israelische Metalband Orphaned Land, die sich für eine Aussöhnung zwischen den Religionen einsetzt.

Außerdem: Eric Clapton plaudert im Interview mit der Welt über sein neues Album und seinen verstorbenen Freund J.J. Cale. Neueste Erkenntnisse aus der Forschung über die Entstehung von Hits übermittelt Martin Breher. Ganz schwermütig erinnert sich Tobias Rüther in der FAZ an Don Henleys Song "The Boys of Summer", "die große Hymne Kaliforniens und seines Sommers." Ebba Durstewitz freut sich in der taz auf das Berliner Konzert des portugiesischen Sängers Fausto Bordalo Dias. Im Logbuch Suhrkamp liefert Thomas Meinecke in seiner "Schule ohne Worte" einen neuen Schwung alter (und einiger neuer) Musikvideos.

Besprochen werden Auftritte von George Clinton (Berliner Zeitung), Balbina (Berliner Zeitung), den Chilis (taz) und Quintron & Miss Pussycat (Berliner Zeitung, taz).
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Bühne


Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

In Salzburg hatte Marc-André Dalbavies Oper über die in Auschwitz ermordete Malerin Charlotte Salomon Premiere. Es inszenierte Luc Bondy. In der FAZ ist Eleonore Büning hin und weg von einer Musik, die nach den farbintensiven Gouachen Salomons aus Südfrankreich komponiert ist: "Teils müssen sich die Sänger zurechtfinden mit wenigen Stütztönen; teils helfen einzelne Instrumente, Trompete oder Geige, colla parte bei den großen Ausbrüchen mit, die Emotionen bunt zu malen. Impressionistisch-tonmalerisch murmeln die Mittelmeerwellen in den Streichern, Glocken setzen Glanzlichter aufs Meer. Und für das metaphorische Gewitter, das die Liebenden einander in die Arme jagt, hat Dalbavie sogar eine wunderbar unmoderne Sturmmusik erfunden, mit Donner und Blitz, dass es allen den Atem verschlägt. "

Sehr müde saß dagegen Manuel Brug (Welt) seine zweieinhalb Stunden ab: "Das veroperte Leben und Werk der Charlotte Salomon kommt hier, das deutet der banale Titel schon an, über einen erbaulich audiovisuellen Volkshochschulvortrag nicht hinaus. ... So wie Charlotte immer wieder ihr Heil in der Musik suchte, so gibt es in dieser Partitur enervierend viele Schnipsel aus Carmens "Habanera", die die Stiefmutter sang, Schubert- und Kirchenlieder, Webers "Jungfernkranz", dem letzten Song der Comedian Harmonists, jiddischer Folklore. Aber nicht einmal das von einer Braunhemden-Horde intonierte Horst-Wessel-Lied verstört in diesem brav geklebten und aneinandergereihten, nie wild collagierten Allerlei zwischen Rilke-Zitaten, Mahler-Anspielungen und "Stürmer"-Schmähreden."

Außerdem: Hans-Klaus Jungheinrich bescheinigt der Produktion in der FR eine "bedeutende, auf sachlich-unsentimentale Professionalität gestützte Wirkung". Wolfgang Schreiber bewundert in der SZ "das exzellente, virtuos agierende und sängerisch großartig engagierte Ensemble". Peter Hagmann berichtet in der NZZ von einem insgesamt uninspirierten Auftakt der Salzburger Festspiele, selbst die Uraufführung von Dalbavies "Charlotte Salomon" hat ihn "als lauwarmer Aufguss im Zeichen der längst ad acta gelegten Postmoderne" nicht überzeugt. Weitere Besprechungen gibt es von Ulrich Amling im Tagesspiegel, Wilhelm Sinkovicz in der Presse, Ljubisa Tosic im Standard und Thomas Rothschild in der Nachtkritik.

Im Kulturbetrieb werden freischaffenden Künstlern oft unterirdische Gagen bezahlt. Dem möchte der Schweizer Verein "art but fair" entgegentreten, der die Bühnen auffordert, sich mit einer Selbstverpflichtungserklärung zur Zahlung "angemessener Gagen" zu verpflichten. Aber was ist angemessen? Vorstandsmitglied Daniel Ris erklärt es in der NZZ: "Es kann kein Anspruch auf künstlerische Arbeit geltend gemacht werden. Aber die Engagements, die es gibt, sollten den Kunstschaffenden ein ausreichendes Auskommen bieten und sie an den Errungenschaften des Sozialversicherungssystems teilhaben lassen. Als Richtwert gelten die bereits bestehenden Lohntarife."

Weitere Artikel: In der griechischen Theaterszene formiert sich der Protest gegen den erstarkenden Rechtsradikalismus im Land, berichtet Theodora Mavropoulos in der taz. Bad Hersfeld hat Festspielintendant Holk Freytag geschasst, berichtet Joachim F. Tornau in der FR. Michael Haefliger hat seinen Vertrag als Intendant des Lucerne Festivals um vier Jahre verlängert, meldet die NZZ.

Besprochen werden Choreografien von Ko Murobushi bei Impulstanz Wien (Presse, Standard) und Frank Castorfs in Bayreuth wiederaufgeführte "Ring"-Inszenierung, die Christian Wildhagen (FAZ) noch immer nicht gefällt, während Kai Luehrs-Kaiser (Welt) immerhin "phantastisch viel zu gucken" hatte.
Archiv: Bühne