Efeu - Die Kulturrundschau

Klitzekleine Kunstfehler

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.06.2014. Manifesta in aller Munde: Die Welt erlebt Putin als Klassenclown, die FAZ wartet auf Kurator Königs Abreise und die SZ sucht verschwendete Möglichkeiten an abgelegenen Orten. Das Foreign-Affairs-Festival quält zur Fußball-WM, meint der Tagesspiegel. Und die Welt liest in der "Sick-Lit" Schadensberichte von Jugendlichen.

Kunst


(Bild: Nicole Eisenman, It is so. 2014. Collection of the Artist. Photo credit: John Berens)

Viel Kritik erntete die Wanderbiennale Manifesta, weil sie trotz der Putinschen Unterdrückungspolitik dieses Jahr in Petersburg stattfindet. Nun lässt sich das Ergebnis betrachten und sowohl Catrin Lorch von der SZ als auch Swantje Karich von der FAZ beobachten zahlreiche Kompromisse, Zensurmaßnahmen und nachträgliche Eingriffe, die teils noch rhetorisch schön gebogen werden. "Das klingt weniger nach Brücken als nach Sackgassen, Seitenwegen und labyrinthischen Entscheidungsfindungen", schreibt Lorch. Und: "Was alles möglich gewesen wäre, davon gibt noch das von Joanna Warsza kuratierte Public Programme eine Ahnung, das sich in kurzen Performances oder an entlegenen Orten versteckt."

Swantje Karich, die kaum glauben mag, dass es gerade mal drei Jahre her ist, dass im heute so bleiern-autoritären Russland Aufbruchstimmung herrschte, sieht es dialektisch: "Es sind diese Geschichten, die das Gesamtbild der Manifesta nach und nach zersetzen, gleichzeitig aber auch - und das ist entscheidend - die Pionierleistung offenbaren. ... Die Frage, ob die Manifesta ihre Würde behält, wird sich erst beantworten lassen können, nachdem Kasper König mit seinem Stab abgereist ist. Der Manifesta bleiben dann vier Monate, um etwas zu hinterlassen, wenn sich dieses klitzekleine Kunstfenster in die Gegenwart und Zukunft wieder schließt."

Kolja Reichert teilt den Eindruck in der Welt nur bedingt: "Man kann den Eindruck gewinnen, Putin sei so etwas wie ein Klassenclown und Piotrowski ein strenger, aber verständnisvoller Schuldirektor, der ihn, wenn nötig, in die Schranken weist."

Weitere Artikel: Vor dem "Mädchen mit dem Perlenohrring" im frisch wiedereröffneten Mauritshuis in Den Haag wird Ingeborg Ruthe (FR) ganz andächtig: "Vermeer, das ist Licht, Stille, Mysterium". Im Tagesspiegel beschreibt Falk Jaeger die schwierige Situation junger Architekten, lukrative, prestige-reiche Projekte nur dann anvertraut bekommen, wenn man bereits lukrative, prestige-reiche Projekte vorzuweisen hat. Gerhard Matzig schimpft in der SZ über den "Tag der Architektur", den er anhand einiger "auf banale Weise missratener" Beispiele der hiesigen Gegenwartsarchitektur zum "Tag der Bausünden" umwidmet. Robert Kaltenbrunner hat sich für die NZZ gruselnd einige moderne Zweckbauten angesehen und wünscht sich mehr Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren und Architekten.

Besprochen wird die Ausstellung "Paparazzi!" in der Frankfurter Schirn (Zeit, FR, FAZ) und die große Koons-Retrospektive im Whitney Museum (SZ), die neue Dauerausstellung "Steinzeit. Bronzezeit. Eisenzeit" in der dritten Etage des Berliner Neuen Museums (Tagesspiegel, FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne


(Bild: FC Bergman, "Von den vos", © Frieke Janssens)

Christine Wahl berichtet im Tagesspiegel vom aus drei Stücken bestehenden Auftakt des Berliner Foreign-Affairs-Festival, der gegen das zeitgleich übertragene WM-Spiel Deutschland gegen USA deutlich den Kürzeren gezogen hat. Auch bei Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung wollte bei den drei gegebenen Beziehungskrisenstücken keine rechte Freude aufkommen, auch wenn er sich unkend darüber amüsiert, dass just beim Saalbetritt des Publikums vom nebenan übertragenen Fußballspiel die deutsche Nationalhymne heranwehte: Der neue Leiter der "Foreign Affairs", Matthias von Hartz, "lockt die Zuschauer eben mitten im Sommer, während der Fußball-WM an − und indem er sie gleich zu Beginn mit dem Quälendsten überrumpelt, das er in petto hat".

Bei der Tanzbiennale in Venedig lässt sich Sandra Luzina vom Tagesspiegel unter anderem von Saburo Teshigawaras und Rihoko Satos Choreografie "Lines" hypnotisieren.

Besprochen werden Isabella Rossellinis "Green Porno"-Abend auf Kampnagel in Hamburg (Freitag) und eine von Mauro Bigonzetti choreografierte, in Stuttgart aufgeführte Tanzversion von "Alice im Wunderland" (FR).
Archiv: Bühne

Musik

Bobby Womack ist tot. Hier singt er "Please Forgive my Heart".



Carolin Pirch spricht für die taz mit Tori Amos unter anderem über den Traum, einen Tag lang ein Mann zu sein und was eine Frau im Kern ausmacht. Tatjana Rexroth von der FAZ begleitet Valery Gergiev bei seiner jährlichen "Mammuttournee" durch unwegsames russisches Hinterland, mit der er auch die Provinz für die Sache der Musik zu begeistern versucht.

Außerdem: Regine Palmai gratuliert in der NZZ: Christoph Willibald Gluck würde heute 300, wird aber viel zu wenig rezipiert, findet sie: "Sein Ziel, die Oper von Koloratur- und Ausstattungswahn, von "Wirkung ohne Ursache", von damals wie heute beliebter Reizüberflutung zu befreien und aufklärerisch mit Inhalt und Sinn anzureichern, scheint nicht zeitgemäß."

Besprochen wird George Ezras neues Album "Wanted on Voyage" (Zeit).
Anzeige
Archiv: Musik

Literatur

Ob Liebe zwischen Krebskranken bei John Green oder Tourette und Krebs bei Dylan Mint - Peter Praschl entdeckt in der Welt ein neues boomendes Genre der Jugendliteratur - die "Sick Lit": "Romane, in denen grausamer gelitten und gestorben wird als in jedem Egoshooter. Plötzlich lesen sich Jugendbücher wie Schadensberichte." Unbedingt lesen, meint Praschl, denn: "Sie überrascht mit einer in der Gegenwartsliteratur kaum noch vorhandenen Bereitschaft, formal zu experimentieren. Es gibt etwa Romane über den Holocaust, in denen der Ich-Erzähler der Tod ist. Romane, die aus dem Austausch von Chat-Nachrichten bestehen Romane, in denen Bilder so wichtig sind wie die Worte und die möglicherweise von einem Automaten erzählt werden."

Außerdem: Jan Küveler freut sich in der Welt jetzt schon auf die "Literatur-Seifenoper" und ein Schickeria-Klassentreffen beim Bachmannpreis in der nächste Woche: "Auf dem schläfrigen Holzsteg am Schloss Maria Loretto posieren mächtige Verleger in klitzekleiner Badehose. Pressedamen kreischen, wenn man sie ins Wasser wirft. Volontärinnen verschlucken sich am Eis." Hartwig Isernhagen gratuliert William Gass zum Neunzigsten mit einem langen Essay über das Verständnis der literarischen Postmoderne.

Besprochen werden unter anderem Ludwig Winders "Der Thronfolger" (SZ - mehr), Karl Ove Knausgards "Leben" (taz) und Peter Sloterdijks "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (FAZ - mehr). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Kerstin Hensel ihr eigenes Gedicht "Was sein oder wieder" vor:

"Noch der heiligste Krempel taugt
Zum Verfeuern. Weg die Girlanden der Gebete,
Die postdramatischen Schnitt- ..."
Archiv: Literatur

Film

David Steinitz von der SZ begleitet Klaus Lemke, dem das Filmfest München in diesem Jahr eine kleine Hommage widmet, beim Guerilla-Dreh in Berlins Hipster-Vernissagen. Sonst um markige Sprüche nicht verlegen, wird Lemke aber ganz still, wenn die Sprache auf seine frühere Muse und Gefährtin Sylvie Winter kommt: Über diese hat Anne Philippi ein kleines, beistehendes Porträt verfasst. 1973 hat Lemke sie zum Foto-Shooting aufs World Trade Center gebracht:



Außerdem: Tilman Krause findet in der Welt, dass Lothar Lamberts Filme wieder mehr gesehen werden sollten:"Denn da sind sie alle versammelt, die Außenseiter und Underdogs, die Transen, Schwulen, Türken, Schwarzen, Depressiven, Fetischanbeter, die Berlin mehr ausmachen als, sagen wir, die Regierungsbeamten."
Archiv: Film