Efeu - Die Kulturrundschau

Unhöfliche Geräusche aus reinem Plastik

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.06.2014. In Le Monde fordert Jean-Luc Godard François Hollande dazu auf, Marine Le Pen zur Premierministerin zu ernennen. Lyrik lebt!, meldet die FAZ vom Berliner Poesiefestival. Mit der Architektur geht es hingegen bergab, findet die Zeit bei der Architekturbiennale heraus. Der Tages-Anzeiger besichtigt beim Basler Festival PerformaCity einen Backfisch mit Babybauch. Goetz Spielmann heimst für seinen neuen Film "Oktober/November" viel Lob ein. Beim Berliner Konzert der Rolling Stones wartet das Publikum derweil vergeblich auf "Angie".

Film

Jean-Luc Godard hat immer mal gern eine Ungeheuerlichkeit mit Buster-Keaton-Miene ausgesprochen. So auch gestern im Interview, das Philippe Dagen und Franck Nouchi für Le Monde mit ihm geführt haben:
Frage: "Wie analysieren Sie, was zur Zeit in Europa vor sich geht. Vielleicht möchten Sie ein Wort dazu sagen..."
Godard: "Ja, ich habe meine Meinung. Ich hoffte, dass der Front national als beste Partei abschneidet. Ich finde Hollande sollte - das hatte ich bei France Inter gesagt, aber sie haben es geschnitten - Marine Le Pen zur Premierministerin ernennen."
Frage: "Warum?"
Godard: "Damit ein bisschen Bewegung reinkommt. Damit man so tut, als würde sich etwas bewegen, wenn man sich schon nicht bewegt. Was besser ist als so zu tun, als täte man gar nichts. (Lachen)" Später im Gespräch distanziert sich Godard wieder vom Front national. Über Antisemitismusvorwürfe gegen Godard hat Perlentaucher Thierry Chervel vor ein paar Jahren recherchiert.

Goetz Spielmanns
neuer Film "Oktober/November" über die Existenzkrisen zweier Schwestern, eine davon desillusionierte Fernseh-Schauspielerin, löst bei der Kritik größtenteils Begeisterung aus. Für Rainer Gansera (SZ) ist Spielmann "ein meisterlicher Seismograf existenzieller Erschütterungen. Neben Michael Haneke und Ulrich Seidl zählt er zu den unerbittlichen Wahrheitssuchern des österreichischen Kinos. Seine Methode aber ist nicht die des Schocks oder der Provokation; er sucht nach der Evidenz poetischer Bilder, wenn er den Finger auf die Wunden seiner Figuren legt." Jan Schulz-Ojala freut sich im Tagesspiegel über "das schweifende Herumdenkendürfen, während das Geschehen sich behutsam entfaltet und erfüllt - unendlich freier als in vielen anderen Filmen", während Barbara Schweizerhof im Freitag die Nähe zum Fernsehspiel betont, die der Film schon in der von Nora von Waldstätten gespielten Schauspielerin sucht, aber dessen Fallen er geschickt umgeht: Denn ""Oktober/November" wirkt in beiden Welten wie ein Fremdkörper. Vom heute gängigen Kino setzt der Film sich durch seine Ruhe, seine sorgfältigen Dialoge und eine gewisse Aufgeräumtheit ab; im Fernsehen wiederum würde er wegen des Sinns für Atmosphäre und der wenig auf Zuspitzung setzenden Dramatik aus dem Programm herausragen."

In der taz muss Sven von Reden dem großen Lob seiner Kollegen zumindest ein wenig ernüchternd widersprechen. Gar so eigen, wie sich der Film gibt und vermarktet, ist er im Grunde gar nicht, mit nur ein wenig bösem Willen ließe er sich "selber als Fernsehdramolett in ZDF-20:15-Uhr-Manier nacherzählen... Um nicht missverstanden zu werden, "Oktober/November" ist kein schlechter Film. Er entspricht nur genau so den Anforderungen und Erwartungen an ein erwachsenes, seriöses, unfrivoles Familiendrama wie der nächste Superhelden-Film aus Hollywood denen an Popcornunterhaltung."

Im Filmblog Hard Sensations hat sich Marco Siedelmann in der neuesten Folge der ohnehin sehr empfehlenswerten Interviewreihe "Reden über Schreiben über Film" in erfreulicher Online-Ausführlichkeit mit dem langjährigen Perlentaucher-Kritiker Ekkehard Knörer unterhalten. Darin geht es, kurz gesagt, um so ziemlich alles, was (nicht nur) Filmkritik insbesondere im Online-Zeitalter betrifft. Äußerst lesenswert!

Außerdem: Lukas Foerster empfiehlt in der taz eine Berliner Filmreihe zum Arabischen Kino. Für die SZ trifft sich David Steinitz mit dem durch "Inside Llewyn Davis" bekannt gewordenen Schauspieler Oscar Isaac, der in London gerade am neuen "Star Wars"-Film dreht.

Besprochen werden die DVD von Marcel Ophüls" "Hotel Terminus - Leben und Zeit des Klaus Barbie" (taz), Spiros Stathoulopoulos" "Meteora" (taz, Kino-Zeit, critic.de), Arel Zeitouns Verfilmung der Angélique-Buchreihe aus den 50ern (Berliner Zeitung), Nikolai Müllerschöns Film "Harms" (Zeit) sowie eine Ausstellung in der Cinémathèque française über ihren Gründer Henri Langlois (NZZ).

Außerdem hat Leos Carax einen Werbespot für die Pariser Galerie Gradiva gedreht.
Archiv: Film

Bühne





Alexandra Kedves berichtet im Tages-Anzeiger vom Festival PerformaCity in Basel, das mit Performances und einer interdisziplinären Konferenz erforscht, wie die urbane Gesellschaft von heute die Kultur von morgen formt. Besonders eindringlich sind für Kedves die vom niederländischen Regisseur, Bühnenbildner und Installationskünstler Dries Verhoeven konzipierte "Peepshow", in der Menschen, darunter ein "Backfisch mit schier obszönem Babybauch", in Glasvitrinen ausgestellt werden: "Dass die Sehnsucht nach Dokutheater und Dringlichkeit oft in soziologisch-architektonisch grundierte Performances übersetzt wird und Architekten als Theatermacher brillieren, muss freilich so sein in Zeiten des "Dichtestresses". Und es birgt große Chancen für ein Theater, das längst nicht mehr im Plüsch daheim ist, sich vom Trash verabschiedet hat und nicht dem Film nacheifern will. Es hat ja etwas geradezu Antikes, wie der Einzelne zur Ameise schrumpft im Geflecht aus Bauten und in den Strömen von Geld und Geschäftsideen. Der Mensch, der nach Veränderung strebt, wird selbst vom Fluss der Veränderung davongeschwemmt." (Foto: Gregor Brändli)

Besprochen werden Nicolas Stemanns in Mannheim uraufgeführte Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" (Freitag), Martin Kušejs "Faust"-Inszenierung am Münchner Residenztheater (Zeit) und William Kentridges Bebilderung von Schuberts "Winterreise" bei den Wiener Festwochen (Zeit).
Archiv: Bühne

Musik

Elias Kreuzmair von der taz fühlt sich von den Exorzismen und Voodoo-Séancen auf Candie Hanks neuem Elektro-Album "Demons" ganz prächtig unterhalten: "Das Zauberrezept, mit dem Candie Hank den Dämonen begegnet, ist eine gute Portion Bass, Mut zum Eklektizismus und unhöfliche Geräusche aus reinem Plastik für die größere Abwehrkraft. Immer ein bisschen zu schnell unterwegs, hechtet Hank von Genre zu Genre, lockt mal einen Fuchs mit der Gitarre aus seinem Wüstenversteck, treibt den nächsten Dämon mit einer Acid-Bassline durchs Dorf, um ihm dann herrisch mit einem jamaikanischen Spoken Word-Sample zu befehlen, seinen Namen preiszugeben." Hörproben gibt es hier.

Außerdem: In der Welt berichtet Michael Pilz vom Konzert der Rolling Stones in der Berliner Waldbühne: "Spielen sie "Angie"? Nein, "Angie" ist seit dem Bundestagswahlkampf 2005 in Deutschland problematisch. An der vorgesehenen Stelle im Programm spielen sie "Waiting On A Friend", Mick Jagger widmet es dem Großflughafen von Berlin." Für den Tagesspiegel berichtet Rüdiger Schaper, für die SZ Annett Scheffel, für die FAZ Edo Reents und für die Berliner Zeitung Jens Balzer von dem Konzert. Peter Uehling gedenkt in der Berliner Zeitung Richard Strauss (mehr). Christian Wildhagen schreibt in der FAZ, Lucas Wiegelmann in der Welt den Nachruf auf den spanischen Dirigenten Rafael Frühbeck de Burgos.

Besprochen werden das Konzert von Miley Cyrus in Wien (Presse, Standard, Kurier) sowie der Wiener Auftritt von William Kentridge mit Schuberts "Winterreise" (ein "großer Abend", schwärmt eine elektrisierte Eleonore Büning in der FAZ).
Anzeige
Archiv: Musik

Kunst

Um die Architektur steht es schlecht, das wird Hanno Rauterberg (Zeit) beim Besuch der Architekturbiennale klar. Der Grund sind die wachsenden Ansprüche an Komfort und Sicherheit, die den Gestaltungsspielraum der Architekten immer weiter einschränken - und letztlich nicht unbedingt zu Komfort und Sicherheit beitragen: "Heute verlangen die Feuerkassen, dass jeder Haushalt mit Brandmeldern versehen wird. Warum sollten nicht morgen die Krankenkasse den Einbau gesundheitsprüfender Toiletten fordern? Je mehr sich der Mensch nach Sicherheit sehnt, desto öfter nimmt ihn die Sicherungstechnik gefangen. Je totaler das Verlangen nach Steuerung und Kontrolle, umso totalitärer erweisen sich die Kontrollinstrumente."

Gina Thomas stellt in der FAZ Marina Abramovics Kunstperformance-Installation "512 Hours" in der Londoner Serpentine Gallery vor: "An sechs Tagen in der Woche inszeniert sie acht Stunden lang ein improvisiertes Happening aus dem Nichts - 64 Tage lang. Die leeren weißen Räume des Ausstellungshauses sind ihre Leinwand, das sich ihrer Regie unterwerfende Publikum und sie selbst ihr Material. Sie behauptet, von einem Tag zum anderen nicht zu wissen, wie sie die Zeit füllen werde." Siehe dazu auch Catrin Lorchs Kritik aus der gestrigen Ausgabe der SZ.

Weiteres: Im Freitag bringt Sean O"Toole Hintergründe zu Bianca Baldis bei der Berlin Biennale gezeigten Installation, die einen Koffer von Louis Vuitton zum Symbol für die Geschichte des Kolonialismus erklärt. Goethe-Chef Klaus-Dieter Lehmann und Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz unterhalten sich in der Zeit über die Rolle des Berliner Schlosses als Ausstellungsort.

Besprochen werden die Kokoschka-Schau im Kunstmuseum Wolfsburg (SZ) und eine Gustave-Caillebotte-Ausstellung im Landhaus seiner Familie in Yerres (NZZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Wolfgang Schneider von der FAZ staunt beim Besuch des 15. Berliner Poesiefestivals, wie lebendig die Lyrik doch heute ist - wenn auch nicht in ihrer traditionellen Nische: "Zwar mögen die feinen, kleinen Lyrikbände auflagemäßig dahinsiechen, unterdessen aber springen die Kanaldeckel auf, und die Poeten des Undergrounds drängen ans Licht. Street-Art-Dichter, Rapper, Wortakrobaten - der weltweite Trend zu rasanten Reimen ist unüberhörbar. ... Man kann darüber staunen, dass der Reim, dieser Modernisierungsverlierer, der so lange als vorgestrig und uncool galt, plötzlich wieder essentiell ist. Komplexe Varianten des Binnenreims, in der hohen Lyrik beinahe ausgestorben, kehren zurück "

Jan Wiele drückt für die FAZ "gespannt und ängstlich" die Vorlesungsbank bei Wilhelm Genazinos Heidelberger Poetikdozentur zum Thema Überempfindlichkeit.

Besprochen werden unter anderem Christian Wulffs Memoiren "Ganz Oben, Ganz Unten" (FAZ), Sebastian Barrys Roman "Ein langer, langer Weg" (NZZ, Zeit), Gedichte von Daniela Danz (Freitag) und Dieter Kühns "Das magische Auge" (SZ). Mehr in unserer aktuellen Bücherschau heute ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur