Efeu - Die Kulturrundschau

Passivitätsgefährdete Kunstrezeption

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24.05.2014. In der Welt trauert Will Self um eine Kultur des Romans, die auch in schwierigem Gelände ohne ökonomische Krückstöcke ihre Agilität bewahrte. In der taz entdeckt Sigrid Löffler dagegen einen ganz neuen literarischen Kontinent. Die SZ protestiert gegen Bomberjacken. In der Berliner Zeitung exploriert die Berlin Biennale das brügerliche Dahlem als einen Ort der Kunst. Nicht gut an kommt bei der FAZ Juli Zehs Merkel-Satire. Und alle resümieren etwas ermattet die Fimfestspiele von Cannes.

Literatur

Die Literarische Welt übernimmt aus dem Guardian die Klage des britischen Schriftstellers Will Self über den jetzt aber wirklich endgültigen Tod des Romans, der mit der digitalen Demenz seiner Leser jede Lebendigkeit verliert: "Der ernsthafte Roman wird weiterhin geschrieben und gelesen werden, aber er wird sich als Kunstform auf einer Ebene mit der Malerei oder der klassischen Musik wiederfinden: beschränkt auf eine begrenzte soziale und demografische Gruppe, angewiesen auf eine gewisse Subvention, eher Gegenstand der historischen Forschung als des öffentlichen Diskurses. Der gegenwärtige Widerstand eines Großteils der schreib- und lesekundigen Öffentlichkeit gegen formale Schwierigkeit ist nur eine unterbewusste Reaktion darauf, dass ihnen eine todkranke Botschaft aufgezwungen wird." Hier der Text im englischen Original.

Andreas Fanizadeh unterhält sich in der taz mit der Kritikerin Sigrid Löffler über deren Buch "Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler", das bei ihren Berufskollegen im Allgemeinen nicht so gut wegkam. Mehrfach verteidigt sie ihre Studie, die, entgegen dem Titel, nicht die Weltliteratur im Ganzen, sondern nur die unter den Bedingungen eines postkolonialen Sprachwechsels entstandene Literatur abbilden will: "Ich schreibe keine Literaturgeschichte. Ich versuche einen noch unbekannten literarischen Kontinent, der gerade auftaucht, vorläufig zu kartografieren. Das kann natürlich nur lückenhaft geschehen, anderes zu behaupten wäre größenwahnsinnig. Es ging mir um eine triftige Struktur, nicht um einen quantitativen Überblick."

In der taz gratuliert Eva Behrendt dem Autor Rainald Goetz zum 60. Geburtstag. Warum Goetz Ende der 90er zu einem der aufregendsten Autoren in deutscher Sprache aufstieg, erklärt sie so: "So genau er die Wirklichkeit beobachtete, er schrieb mit dem größtmöglichen emotionalen Einsatz. Er rang um den richtigen Ausdruck und um die richtige Haltung - nicht im Sinne des gerade Angesagten, sondern des (oft auch: ethisch) Unausweichlichen. Und wenn andere eines von beidem zu fassen kriegten - ob Madonna oder Stuckrad-Barre, Detlef Kuhlbrodt oder Albert Oehlen -, dann ließ er sich davon so ansteckend begeistern, dass sich die passivitätsgefährdete Kunstrezeption plötzlich berauschend lebendig anfühlte." Goetz' Antrittsvorlesung an der FU aus dem Jahr 2012, auf die Behrendt auch eingeht, gibt es auf Youtube:



Besprochen werden Marie NDiayes Roman "Ladivine" (Freitag), Renata Adlers "Rennboot" (taz), Javier Cercas' Roman "Outlaws" (FAZ), Bernhard Fischers Biografie "Johann Friedrich Cotta. Verleger - Entrepreneur - Politiker" (SZ), Andreas' Comic "Cromwell Stone" (Tagesspiegel), Louise Erdrichs Roman "Das Haus des Windes" (Welt) und Deniz Yücels Beobachtungen zu den Protesten in der Türkei "Taksim ist überall" (Welt).

Außerdem: Felix Philipp Ingold begrüßt in der NZZ nachdrücklich, dass mit Philippe Jaccottet wieder ein Schweizer Dichter in die Pléiade aufgenommen wurde. Und in der "Frankfurter Anthologie" der FAZ stellt Alfred Bendel sein eigenes Gedicht "Rückwärts" vor:

"Nach dem letzten Aushauchen
atmen wir gleich wieder ein
Das Leben läuft rückwärts ..."
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Kunst

Kurz vor der 8. Berlin Biennale unterhalten sich in der Berliner Zeitung Irmgard Berner und Ingeborg Ruthe mit dem Kurator Juan A. Gaitán, der sich bereits frühzeitig für Dahlem als zentralen, wenn auch etwas abgelegenen Ort des Geschehens entschieden hatte: "Umso mehr, als ich erfuhr, dass die ethnologischen Sammlungen in einigen Jahren ins neue Schloss, dem künftigen Humboldt-Forum dicht an der Museumsinsel, verlagert werden. Wohl für die Tourismus-Maschinerie und damit ja alles schön auf einem Fleck zusammenkommt. Aber da draußen leben auch Berliner, die Kunst brauchen! Und mit der Biennale an diesem Ort will ich Fragen stellen."

Architekt Hans Kollhoff donnert in der Welt gegen die zaghaften Pläne des Berliner Senats zur Bebauung des Tempelhofer Felds: "Das geht nicht halbherzig mit drei verschämt herumdriftenden Quartieren. Das schafft man nicht mit 4.700 Wohnungen, das bedarf einer kritischen Masse von zehn- oder fünfzehntausend Wohnungen. Daraus muss ein Amphitheater werden! Noch so viele gartengestalterische Kringel im Feld können diese Raumbildung nicht ersetzen."

Weiteres: Joachim Güntner begutachtet in der NZZ die Meisterhäuser von Walter Gropius und Laszlo Moholy-Nagy in Dessau, die nach jahrelangen Überlegungen vom italienisch-argentinischen Architekturbüro Bruno-Fioretti-Marquez (BFM) nicht wiederaufgebaut, sondern neu entworfen wurden: "Den Knoten zum Platzen brachte David Chipperfield, der gesagt haben soll: 'Ihr braucht keinen detaillierten Bauplan, sondern eine Philosophie.'" In einem fiktiven Dialog ficht zudem Jacques Herzog den schweizerischen Konflikt zwischen Stadt und Agglomeration aus. In der Jungle World stellt Holger Pauler das Detroit-Projekt, ein auf ein Jahr angelegtes Festival in Bochum, vor, das sich mit den post-proletarischen Rahmenbedingungen in der Stadt auseinandersetzt. Für die FAZ besucht Patrick Bahners in New York das nationale Gedenkmuseum zum 11. September. Die Zeit bringt eine Bilderstrecke mit Aufnahmen von Gisèle Freund, deren Porträts gerade in der Berliner Akademie der Künste zu sehen sind. Für die taz schreibt Philipp Gessler einen Nachruf auf die Fotografin Digne Meller Marcovicz. Und der Standard präsentiert eine Reportage des Fotografen Frank Schirrmeister über ein Europa jenseits der Krise.

Besprochen werden die Ausstellung "Die halluzinierte Welt" im Haus am Lützowplatz in Berlin (Tagesspiegel) und Bill Violas Videoinstallation "Martyrs" in der St. Paul's Cathedral in London (SZ).
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Bühne

Andreas Rossmann von der FAZ fand an Juli Zehs und Charlotte Ross' bei den Ruhrfestspielen uraufgeführte Angela-Merkel-Satire "Mutti" keinen Gefallen: Den Autorinnen attestiert er verärgert ein "krudes Theaterverständnis", das Stück selbst sei ein "Kasperletheater mit Menschen". Etwas versöhnlicher schreibt dagegen Vasco Boenisch in der SZ: Dieses Stück ist "weder Königinnen- noch Schlüsseldrama, eher ein Schlüsselloch-Dramolett ... Zwischen dem amoralischen Zank und Zeter im Hinterzimmer der Macht offenbart sich die Systemkritik."

Besprochen werden Benjamin Brittens an der Deutschen Oper Berlin aufgeführtes Drama "Billy Budd" (Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und Georg Friedrich Haas' bei den Wiener Festwochen aufgeführte, neukomponierte Fassung seines "Bluthaus" (FAZ).
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Archiv: Bühne

Musik

Alle staunen über die Agilität, mit der der 90 Jahre alte Charles Aznavour bei Geburtstagskonzert in Berlin über die Bühne fegte und sang. "Kraftvoll und dynamisch" ist dessen Stimme, staunt Christiane Rösinger in der taz. Für höchstens 70 hält ihn Anke Myrrhe im Tagesspiegel. Weitere Texte bringen die Berliner Zeitung und die SZ.

Eric Pfeil schreibt weiter Poptagebuch beim Rolling Stone. Außerdem bringt die SZ eine Sommerkonzert-Beilage.

Besprochen werden das neue Coldplay-Album (FR), das neue Album "The Feast of a Broken Heart" von Hercules & Love Affair (Zeit) und das Jazrock-Album "Loopified" von Dirty Loops (Welt).
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Design

Einigermaßen entsetzt ist Peter Richter in der SZ darüber, dass sich in dieser Saison ausgerechnet Bomberjacken als der letzte Schrei entpuppen und man in den Auslagen der Boutiquen kaum noch Alternativen angeboten bekommt: "Wer in dieser Saison eine Jacke kauft, der muss herumlaufen wie einer, von dem er in den Achtzigern im Zweifel nichts Gutes zu erwarten hatte. ... Das Gewaltpotenzial, das den Bomberjacken eingenäht ist wie ein zweites Futter, ist das ästhetische Genussmittel des Frühjahrs 2014, und da darf man sich schon mal die Frage stellen, was das eigentlich aussagt über diese Zeit und ihre Sehnsüchte."
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Film

Alle Filme in Cannes sind gezeigt, heute Abend werden die Palmen vergeben. Die anwesende Filmkritik bereitet sich auf den Endspurt vor. Verena Lueken hält in der FAZ erste Rückschau: Sie sah von den zahlreichen im Wettbewerb vertretenen Altmeistern Erwartbares auf hohem Niveau - auch wenn sie da ein wenig der Blues ergreift: "Und doch. Etwas fehlte. ... Es gab schon jeden Tag zum Teil großartige oder mindestens schöne Filme mit ein oder zwei Macken zu sehen. ... Aber für nichts von alledem musste man mal die Luft anhalten. Erst bei einem Film wie 'Mommy' schließlich, den der Jüngste im Wettbewerb, der Kanadier Xavier Dolan, gedreht hat, war dann schon das erste Bild ein Glück. Da dreht einer in einem Seitenverhältnis von 1:1. Einfach so." Mehr zum Film in unserer gestrigen Kulturrundschau.

Im Perlentaucher hat Lutz Meier einen eindeutigen Favoriten - "Leviathan" des russischen Regisseurs Andrei Swjaginzews, der zeigt, wie Freiheit aussehen könnte: "Wann gibt es schon mal einen Film, der so sehr universelle Tragödie und konkretes Bild der Zeit gleichzeitig ist? Der, allein weil es ihn gibt, Hoffnung lässt für sein Land."

In die Lobeshymnen auf Wim Wenders' Dokumentarfilm "The Salt of the Earth" über den Fotograf Sebastião Salgado will Cristina Nord von der taz nicht einstimmen. Stattdessen stellt sie dem Frederick Wisemans neuen Film "National Gallery" (hier eine weitere Besprechung) entgegen: "Alles, was bei Wenders und Ribeiro Salgado fehlt, ist hier im Überfluss vorhanden: ästhetische Analyse, Erklärungen zum Entstehungskontext, die profunde Kenntnis von Materialien, Techniken und den literarischen, mythologischen und biblischen Hintergründen der Gemälde."

Susan Vahabzadeh dankt in der SZ Olivier Assayas für einen gelungenen Abschluss des Festivals: Sein "Sils Maria" "ist ein wunderbares Essay darüber, dass das Altern nicht schön ist, aber normal. ... Spielerisch verteidigt [Assayas] seinen Begriff von Kino und Kunst gegen eine neue Popkultur, ohne sie zu denunzieren - es ist eben normal, dass Perspektiven sich mit der Zeit ändern. Auch das Kino ist ja nicht mehr das von damals."

Eigentlich alle Highlights aus dem Wettbewerb wären eine Goldene Palme wert, meint Daniel Kothenschulte in der FR. Für Susanne Ostwald in der NZZ waren die Höhepunkte klar Xavier Dolans "Mommy" und Olivier Assayas' Studie über Kunst und Alter "Sils Maria".
Archiv: Film