Efeu - Die Kulturrundschau

Stil als Widerstand

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.05.2014. In Cannes stürzt Xavier Dolans "Mommy" die Kritiker in heftigste Glückstaumel: Ist Dolan der neue Fassbinder?, fragt gar die SZ. In der taz spricht Juan Gaitán über die kommende Berlin Biennale und das hohl gewordene Zentrum der Stadt. Die NZZ porträtiert die südafrikanische HipHop-Band Ill Skillz. Die Presse sieht den Streit zwischen Burgtheater und Matthias Hartmann in eine üble Schlammschlacht ausarten. 

Film

Cannes, zum zehnten. Wunderkind Xavier Dolan reißt mit seinem Film "Mommy" die Kritiker zu Begeisterungsstürmen hin. Im Guardian schreibt Peter Bradshaw: "Dolans Angriffslust und Energie sind atemberaubend. Sein Film ist oft brillant und sehr lustig und durchbricht alle Schranken, auf denen Unkorrekt und Unangemessen steht.... Der trashige Humor verletzt alle Regeln, verwandelt sich dann aber in etwas anderes: in eine einnehmende gefühlvolle Geschichte. Man glaubt, dass sich die Erzählung sexuell entwickeln wird, und das tut sie auch, aber in keinerlei voraussehbarer Weise."

Tobias Kniebe ahnt in der SZ echte Größe: Der gerade einmal 25 Jahre alte Dolan, schreibt er, ist ein Regisseur, der "immer deutlichere Ansprüche auf jene Position im Weltkino erhebt, die seit Rainer Werner Fassbinder vakant ist. In seiner Themenwahl, in wilder Imagination und Radikalität, in seinem schnellen, hochproduktiven Output und multifunktionialer Unersetzlichkeit scheint er dem frühverstorbenen Meister nachzueifern." Auch Wenke Husmann von der Zeit ist sehr angetan. Nur in der Welt weiß Hanns-Georg Rodek noch nicht, ob er Dolan für einen brillanten Filmemacher oder einen brillanten Poser halten soll. Der Guardian feiert dagegen Andrei Zvagintsevs "Leviathan" als neues Meisterwerk.

Den gewiss emotionalsten Text zum Tage hat Frédéric Jaeger von critic.de verfasst. Der hat Xavier Dolans "Mommy" gesehen und befand sich dabei mitten im allergrößten Kinoglück: "Ich habe gezittert und geträumt. Ich habe mich frei gefühlt und eingesperrt. Mir sind die Tränen gekommen."

Sehr erbost ist Verena Lueken in der FAZ über Michel Hazanavicius' neuen Film "The Search": Nichts als Propaganda gegen Russland liege hier vor! Erst bei Godards "Goodbye to Language" zeigt sie sich ganz versöhnt und atmet auf: "Wir sind frei." Diesen neuen Streich des französischen Alt-Autorenfilms hat auch taz-Kritikerin Cristina Nord sehr genossen - auch wenn ihr Wahrnehmungsapparat dabei gründlich auf den Kopf gestellt wurde, etwa wenn Godard zusätzlich zum 3D-Effekt aus den Bildern neue hervorgehen lässt: "Beide Bildschichten koexistieren in einer komplizierten, fluiden Überblendung, die das Auge überfordert. Mir ist, als spannte jemand meine Sehnerven wie ein Gummi, bevor er sie mit Wucht zurückschnellen ließe."

Im Standard stimmt Michael Pekler auf das heute beginnende Vienna Independent Shorts Festival ein.
Archiv: Film

Musik

Jonathan Fischer porträtiert in der NZZ die Kapstädter Band Ill Skillz, deren klassische Beats Afrika aus New York zurückhole: "Die Kleidung mag Hip-Hop-Standard sein. Ihre Gesichter aber haben die beiden hinter bunten Masken verborgen. Traditionelle Holzmasken, wie sie ihre Ethnie, die Xhosa, seit Jahrhunderten zu rituellen Tänzen trägt. Für die vom US-Mainstream infizierte südafrikanische Hip-Hop-Szene eine Provokation. 'Die Menschen hier', sagt Uno, 'werden mit Videos aus Amerika bombardiert. Nigger this, nigger that... Lächerlich, wenn Südafrikaner jeden Hip-Hop-Modetrend aufgreifen! Wir glauben, dass Künstler einen Ankerpunkt brauchen, von dem aus sie mit Autorität sprechen können.'"



Für die taz hat sich Christian Werthschulte das Debütalbum "Because I'm worth it" von Inga Copeland angehört - und das hat ihm ziemlich imponiert: Diese "Musik ist die Kunstsinnigkeit von Post-Dubstep, all das barocke Ausstellen der eigenen Geschmacks-Erbschaften in Kombination mit der inneren Befindlichkeit, wieder der Kunst gewichen: Stil als Widerstand, so wie bei vielen Art-School-Musikern vor ihr. Das rückt Inga Copeland in die Nähe einer anderen großen Meisterin der künstlichen Oberflächen: Grace Jones."

Jetzt auch online: In der Zeit schreibt Sängerin Judith Holofernes ihrer Berufskollegin Dolly Parton einen leidenschaftlichen Liebesbrief: Mag deren trashige Country-Inbrunst ("Jolene"!) auch wenig hochkulturelle Meriten mit sich bringen, bietet sie einem doch eine Menge Trost und Vergnügen: "Quietschig, aufrichtig, tief, seelenvoll, albern, selbstironisch, tough, messerschlau, kokett, artifiziell und ultrareal. Auf jeden Fall aber: frei und selbst erfunden in einem Maß, von dem die meisten Leute nicht mal träumen." Der Artikel stand vor zwei oder drei Wochen im Print.

In der Berliner Zeitung schreibt Markus Schneider zum 100. Geburtstag von Sun Ra.

Besprochen werden das Album "Everybody Down" von Kate Tempest (Tagesspiegel), das posthum veröffentlichte, neue Album von Michael Jackson (FR), das Album "Ghost Stories" von Coldplay (Standard), und der Berliner Auftritt der japanischen Band Tori Kudo (Tagesspiegel).
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Bühne

Die Presse berichtet ausführlich über die neue Runde von gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Burgtheater und dem geschassten Intendanten Matthias Hartmann, die laut Barbara Petsch bereits üblen Schlammschlacht-Charakter annimmt: "Beim Berliner Theatertreffen, der Olympiade der deutschsprachigen Bühnen, bei dem die Burg 'Die letzten Zeugen', eine Performance über die letzten Zeugen des Holocaust zeigte, fiel Hartmann zum Horror der Holocaust-Opfer sein eigener 'Horror der letzten Wochen' ein. Geht's noch?"

Die Zeit bringt Auszüge aus dem Dialog von Juli Zehs und Charlotte Ross' Theaterstück "Mutti", das sich kritisch mit Angela Merkel befasst.

Besprochen wird das mit viel Aufwand in Amsterdam aufgeführte Theaterstück über Anne Frank (Jungle World), Richard Strauss' "Der Rosenkavalier", mit dem das Opernfestival von Glyndebourne eröffnet wurde (Tagesspiegel) und Sebastian Hartmanns bei den Ruhrfestspielen aufgeführte Inszenierung von Sean O'Caseys "Purpurstaub" (Martin Krumbholz bezeugt in der SZ zwar einen schwierigen Theaterabend, aber eben immerhin doch auch "glänzende Einzelnummern" der Darsteller).
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Archiv: Bühne

Literatur

Ralph Trommmer stellt im Tagesspiegel Comics vor, die sich mit dem Ersten Weltkrieg befassen. Auf der Seite 3 der SZ schwingt sich Hilmar Klute für ein Porträt des österreichischen Schriftstellers Joachim Lottmann aufs Ebike. Marta Kijowksa trifft sich für die FAZ mit dem polnischen Autor Andrzej Bart.

Besprochen werden u.a. Volker Brauns gesammelte Notizen "Werktage 1990 - 2008" (SZ) und Adrian McKintys Nordirland-Thriller "Die Sirenen von Belfast" (Welt).
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Kunst

Ingo Arend und Brigitte Werneburg haben sich für die taz mit Juan A. Gaitán, den Leiter der 8. Berlin Biennale unterhalten. Deren Logo - eine leere Klammer - erklärt er wie folgt: "Einerseits soll sie die Kunstwerke zusammenführen, andererseits symbolisiert sie das Zentrum von Berlin und anderen Städten. Ein Zentrum, das sich immer mehr entleert. Die Einwohner gehen und die Touristen kommen. Ich erkenne, wenn ich Unter den Linden vom Dom über das nachgebaute Schloss bis zum Reichstag entlanggehe ein Programm, das nichts mit der Stadt zu tun hat. Ich fühle hier das Gewicht der Bundesrepublik auf der Stadt lasten. Seit Jahrhunderten geht das so: Immer wurde der Stadt ein größeres politisches Programm aufgeladen."

Für die Berliner Zeitung hat Sebastian Moll das in New York eröffnete Gedenkmuseum zu den Anschlägen vom 11. September besucht, das bei der Bevölkerung selbst allerdings in wenig gutem Ruf steht (mehr dazu etwa hier). Andrew John Martin feiert in der NZZ die spektakuläre Veronese-Schau in der National Gallery in London als "Sinfonie aus Licht und Farben". Im Berliner Bröhan-Museum erlebt Welt-Redakteur Tilman Krause, dass die Belle Epoque schon lange vor dem Ersten Weltkrieg zu Ende war, wie es die Arbeiten des Deutschen Werkbunds in Köln zeigten. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste mit Porträtfotografien von Gisèle Freund (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst