Efeu - Die Kulturrundschau

Das Niveau der Einbauküche

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02.05.2014. Die NZZ sorgt sich um die Zukunft der afghanischen Kulturschaffenden nach dem Abzug der Nato-Truppen. Ai Weiwei wickelt seine Berichterstatter um den Finger, meint der Freitag. Die Schauspielerin Bibiana Beglau kritisiert das Verhältnis zwischen Theater und Kritik. Der Arte-Film über die Spiegel-Affäre spaltet die Kritiker. Einigkeit herrscht hingegen in der Trauer um Bob Hoskins.

Bühne

Für den Tagesspiegel unterhält sich Christine Wahl ausführlich mit der Schauspielerin Bibiana Beglau, die in zwei auf dem Theatertreffen in Berlin gezeigten Stücken spielt. Über das Verhältnis zwischen Theater und dessen Kritik kann sie nicht viel Gutes sagen: Die einen arbeiten den anderen mit leicht entzifferbaren Codes entgegen, meint sie: "Da wird einfach ein kunststilistisch durchgesetztes Mittel ans andere gebaut. ... Wir nivellieren uns alle immer weiter herunter. Auf das Niveau der Einbauküche eben. In der Konsequenz entstehen keine Werke mehr, sondern nur noch mehr oder weniger gute Arbeiten."

In der Berliner Zeitung stellt Dirk Pilz das von ihm redaktionell betreute Blog zum Theatertreffen vor, in dem der junge Nachwuchs vom Festival bloggen wird. Er verspricht "eine kritische Berichterstattung mit allen zur Verfügung stehenden Online-Mitteln, im Wissen darum, dass die festen Kriterien des Kritisierens verschwunden sind. Sein Untertitel lautet: Labor zur Jetztzeitbetrachtung."

Weitere Artikel: Ebenfalls im Tagesspiegel führt Rüdiger Schaper durchs Programm des 51. Theatertreffens, das er als "Gedächtnis des Theaters" würdigt: "Hier gehen Aufführungen in die Annalen ein." Und Patrick Wildermann porträtiert den Komponisten Ingo Günther, der den krachigen Sound zu Herbert Fritschs Theaterstücken beisteuert: "Seine Musik befeuert, spannt Bögen, provoziert Brüche. Je extremer, desto besser."

Besprochen wird Tobias Kratzers "Meistersinger"-Inszenierung am Staatstheater Karlsruhe (FR).
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Literatur

Der Schriftsteller und Journalist Taqi Akhlaghi schildert in der NZZ die Leidensgeschichte afghanischer Kulturschaffender, die sich jahrzehntelang mit Unterdrückung und Zensur auseinandersetzen mussten. Mit dem Abzug der Nato-Truppen zum Ende des Jahres befürchtet er, dass sie nach einer kurzen Blütezeit nun in ein "Leben ohne Träume und Phantasien" zurückkehren müssen: "Afghanische Schriftsteller und Künstler werden mit dem Abzug des Westens ihre Träume auf der Suche nach dem täglichen Brot vergessen. Zurückgezogen, ohne Publikum, ohne Einkommen und ohne Unterstützung werden sie mit Selbstzensur und Sorge auf das Ende des Jahres 2014 warten, wobei alle wissen, dass die Zukunft - wie auch immer sie sich zeigt - noch schwieriger sein wird als die Gegenwart."

Weitere Artikel: Schriftsteller Heinrich Steinfest gesteht dem Zeit-Magazin, dass ihm die Kafka-Lektüre einst den Mut gab, die Schule abzubrechen. Martin Ebel trifft sich für den Tagesanzeiger mit Fritz J. Raddatz in einem Hamburger Fünfsternehotel. In der Jungle World schreibt Viola Nordsieck den Nachruf auf Gabriel García Márquez und dessen magischen Realismus.

Besprochen werden unter anderem Helmut Kraussers "Deutschlandreisen" (SZ), Ludwig Finders "Der Thronfolger" (FAZ) sowie die Ausstellung "O Freunde, nicht diese Töne!" im Hesse-Museum Montagnola über Hermann Hesse und den Simplicissimus (NZZ).
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Kunst

Im Freitag kritisiert Vera Tollmann die vielen Filme über Ai Weiwei, die sich ihrer Ansicht nach von dem Künstler völlig vereinnahmen lassen: "So sehen sich alle Dokumentarfilme über Ai Weiwei gewissermaßen ähnlich. Sie zeigen Ai am Computer oder Ai als fürsorglichen Vater, Ai in der Rolle des Sohnes mit besorgter Mutter. Um sicherzugehen, dass jeder versteht, wie Ai zu China steht, zeigen die Filmemacher die großen 'FUCK'-Leuchtbuchstaben im Hof seiner Firma. Das Tor zum Hof dient als establishing shot. Die Presse kommt und geht."

In der Welt mokiert sich Marcus Woeller über Banksy, der sich über den Verkauf einiger seiner Kunstwerke empört hat: "Zwischen Produktion und Veräußerung liegt eine Grauzone, in der Banksys Autorenrechte ebenso mit Füßen getreten werden wie die Eigentumsrechte der Hausbesitzer."

Weitere Artikel: Für den Freitag befasst sich Wolfgang Müller mit der Geschichte der Mail Art sowie deren Übergang in heutige Formen von Netzwerk-Kunst. In der taz schreibt Brigitte Werneburg zum 10. Gallery Weekend, das heute in Berlin beginnt. Die Zeit präsentiert die Gewinner des Sony World Photography Awards.

Besprochen werden Ausstellungen von Gego im Kunstmuseum Stuttgart (taz) und Ana Mendieta im Museum der Moderne Salzburg (Standard).
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Film

Beim heute auf Arte ausgestrahlten Spielfilm über die Spiegel-Affäre hat sich Freitag-Autor Jürgen Busche ganz schrecklich langweilen müssen: "Der Film versucht, eine politische Geschichte zu erzählen, wo es historisch tatsächlich nur um den Augenblick ging, in dem ein Strukturwandel offenkundig wurde. ... Der Film vermag nicht, eine Brücke zu schlagen zwischen dem Neuen, der Protestbereitschaft auf den Straßen, und dem Alten, dem Fingerhakeln zwischen Politikern und Journalisten, das hier einmal jedes Maß verloren hatte." In der FAZ spricht ein unterdessen richtig begeisterter Michael Hanfeld von einem "ziemlich packenden Politthriller, wie man ihn eher aus dem amerikanischen Fernsehen kennt", und Eckhard Fuhr findet in der Welt den "Mad Men"-Appeal der Spiegel-Redaktion "überaus vergnüglich anzuschauen", auch wenn er wohl nicht der Wirklichkeit entspricht.

Außerdem: In der Presse unterhält sich Christoph Huber mit dem Regisseur Dario Argento. Außerdem trauern die Feuilletons um Bob Hoskins: Nachrufe gibt es in der FR, in der Welt, im Tagesanzeiger, im Standard, im Tagesspiegel und in der SZ, das British Film Institute bringt außerdem eine schöne Bilderstrecke mit Filmstills.

Besprochen werden das von Tobias Hering herausgegebene Filmtheorie-Buch "Standpunkt der Aufnahme" ("ein schönes Beispiel für eine Verzahnung von Theorie und Praxis beim Filmemachen", lobt Georg Seeßlen im Freitag), Christophe Ganses "Die Schöne und das Biest" (SZ), der neue "Muppet"-Film (Standard) und der Film "Die Erfindung der Liebe", den die 2011 verstorbene Hauptdarstellerin Maria Kwiatkowsky nicht mehr vollenden konnte (Tagesspiegel).

Und ein Hinweis für Berliner Kinofreunde: Unter @bemulsion tweetet Perlentaucher-Filmkritiker Lukas Foerster tagesaktuelle Hinweise auf die letzten verbliebenen 35mm-Vorführungen in der Hauptstadt.
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Musik

Auf Pitchfork singt Stuart Berman eine wahre Lobeshymne auf "More Than Any Other Day", das neue Album der Band Ought, das zahlreiche Post- und Proto-Punk-Einflüsse amalgamisiert. "Doch mehr als jeder erkennbare Einfluss, ist 'More Than Any Other Day" schlussendlich von einem unruhigen, rastlosen Geist getragen. Indem es simultan Freude und Angst, Disziplin und Chaos, Komödie und Tragödie vermittelt, verhandelt dieses Album Panikattacken und Adrenalinekstasen als zwei Kammern des selben, schlagenden Herzens." Hier das aktuelle Musikvideo:



Weitere Artikel: Die neue Fernsehsendung "Sing meinen Song", in der sich unter Moderation von Xavier Naidoo deutsche Popbands in der Disziplin des Coversongs üben dürfen, ruft bei Jörg Augsburg im Freitag gepflegte Abscheu hervor. Anlässlich des neuen Album von Sonny Rollins haben Peter Richter von der SZ und Franziska Buhre von der taz den Jazz-Altmeister in seinem ländlichen Refugium weitab des pulsierenden New Yorks für Interviews besucht. Für die FAS hat Nahuel Lopez ausführlich mit Scorpions-Sänger Klaus Meine geplauscht. Die Berliner Philharmoniker setzen auf iTunes zum Absatz ihrer Aufnahmen, berichtet Peter Uehling in der Berliner Zeitung. Das Logbuch Suhrkamp bringt die sechste Folge von Thomas Meineckes Clip-Schule.

Besprochen werden Brody Dalles Album "Diploid" (Zeit) und deren Konzert in Berlin (Berliner Zeitung), das neue Album "Watch the Skies" der Trash-Metal-Band Space Chaser (taz), das Album "Common Ground" von Dave und Phil Alvin (Standard), ein Auftritt von Peter Gabriel (FR) und ein Konzert von Lykke Li (Tagesspiegel).
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