Efeu - Die Kulturrundschau

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08.03.2014. Die Debatte um Sibylle Lewitscharoffs Tirade gegen die künstliche Befruchtung geht weiter: In der Zeit versteht Jo Lendle Lewitscharoffs Aufregung nicht: Selbst Jesus hat seine ungewöhnliche Geburt nicht geschadet. Die taz hält eine freie Sexualität nicht für linke Spinnerei ist, sondern für Normalität in einem Rechtsstaat. Die Welt verteidigt Lewitscharoff gegen die "Diktatur des Mainstreams". In der NZZ huldigt Juri Andruchowytsch außerdem dem aufständischen Ethos des ukrainischen Nationaldichters  Taras Schewtschenko. Die SZ entdeckt Emil Nolde neu. Und in der Jungle World beleucht Harun Farocki die Avantgarderolle des Militärs.

Literatur

Tag zwei: Die Debatte um Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Polemik gegen die künstliche Befruchtung geht unvermindert weiter (mehr in unserer gestrigen Kulturrundschau), die Autorin hat inzwischen einige ihrer Positionen zurückgenommen.

So kann nur eine etwas boshafte Kollegin über eine Kollegin schreiben wie Sibylle Berg über ihre Co-Sibylle in Spiegel Online: "Aus welchen Gründen drehen eigentlich alle gerade durch? Es geht um die Schriftstellerin L., die vermutlich nicht hervorragend vom Verkauf ihrer Bücher, dennoch aber prächtig von Preisen leben kann. Die sie, einmal in den Preisverteiler geraten, jährlich mehrfach bekommt. Och, nehmen wir doch die L., die haben Dings und Bums auch genommen, kann ja nicht schlecht sein."

Dirk Knipphals dankt Lewitscharoff in der taz zwar dafür, dass sie sich für den Ausdruck "Halbwesen" entschuldigt hat, er insistiert aber weiter darauf, dass es "keineswegs eine linke, spinnerte oder perverse Forderung [ist], Sexualität so auszuleben, wie man es kann und möchte - im Rahmen der Verhandlungsmoral unter sexuellen Subjekten (...). Das ist schlicht die Normalität in einem liberalen Rechtsstaat." Und Ingo Arend sieht Lewitscharoffs Rede als Bestandteil eines "längst nicht beendeten Kulturkampfs. Den die Verfechter des Normalen, Natürlichen gegen die Abweichler und Unreinen führen."

In der Welt plädiert Ulf Poschardt ungelassen für Gelassenheit, beziehungsweise hysterisch für weniger Hysterie: "Die jakobinische Galligkeit jüngst gegen Sibylle Lewitscharoff, der dahinter schimmernde Intoleranzismus, hat eine klerikale Facette erhalten, die zunehmend enthemmt eine Diktatur des Mainstreams für sich entwirft. Tabus, Sprechverbote, Denksperrgebiete entstehen und werden abgezäunt."

In der SZ sieht Jens Bisky in der Rede einen "Beitrag zur Vulgarisierung des Landes mittels lustvoll zelebrierter Diffamierung". Und er betont: "Die Aufnahme der Rede endet mit Beifall, Buh-Rufe sind nicht zu hören."

Über einige der Thesen von Lewitscharoff könne man durchaus reden, meint Angela Leinen in ihrem Blog. Empörend findet sie aber, mit welcher Respektlosigkeit Lewitscharoff die Fragen auf die Tagesordnung bringt: "Es ist ein Unterschied, ob man diesen Eltern und Kindern ins Gesicht spuckt oder ob man berechtigte Fragen zu den Grenzen des Machbaren stellt."

Außerdem: In der Zeit geht auch Schriftsteller und Verleger Jo Lendle mit seiner christlichen Kollegin zu Gericht. Es besteht kein Anlass aus allen Wolken zu fallen, Lewitscharoff bewege sich mit ihrer Dresdner Rede durchaus auf Höhe ihrer literarischen Werke, meint Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. In der Berliner Zeitung versucht Dirk Pilz, die Autorin mit noch größerer Gottesfurcht matt zu setzen: Sie positioniert sich so "als vermöge sie, was christlich gedacht einzig Gott vorbehalten ist, nämlich festzusetzen, was den Mensch zum Menschen macht.

Auch die Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur gibt es ja noch. In der Jungle World seziert Michael Wildenhain nochmals deren Verlauf und schließt sich dann Dietmar Dath an, der von vornherein darauf gepocht hat, dass diese Diskussion sich gar nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Verhältnissen betrachten lässt. "Solange es keine gesellschaftliche Dynamik gibt, solange kein politischer Impuls von unten ausgeht (von wo sonst?), solange es keine politische Bewegung gibt, die die herrschenden Verhältnisse radikal und praktisch in Frage stellt, wird die zeitgenössische Literatur überwiegend ein mal hübsches, mal weniger hübsches Ornament bleiben, Pling-pling im Geschwätz der Massen." Den Literaten von heute rät er, in der Geschichte nach bislang Übergangenem zu forschen.

Weiteres: Heute erscheint die Literaturbeilage der FAZ. Im Aufmacher bespricht Edo Reents Simon Borowiaks Roman "Sucht". Als das literarische "Ereignis des Frühjahrs" feiert Andreas Platthaus jedoch Saša Stanišićs Roman aus der Uckermark "Vor dem Fest". Juri Andruchowytsch erinnert in der NZZ an den vor zweihundert Jahren geborenen ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko, dessen Ethos durch und durch aufständisch war. In der Literarischen Welt spricht Richard Kämmerlings mit dem Schweizer Autor Lukas Bärfuss über dessen neuen Roman "Koala" und Thomas David mit der Autorin Toni Morrison. René Hamann führt in der taz durch jüngere österreichische Literatur.

Besprochen werden unter anderem Ellen Banda-Aakus Roman "Patchwork" (taz) und Katja Petrowskajas Roman "Vielleicht Esther" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Im Standard berichtet Daniel Ender von seinem ästhetischen Genuss beim Auftakt der konzertant aufgeführten Mozart-Trilogie am Theater an der Wien. Dirigent Nikolaus Harnoncourt "zwingt (...) zum Zuhören: mit einer vollkommenen Durchgestaltung jeder Phrase und Begleitfigur, mit durchdachter und durchfühlter Artikulation noch der kleinsten Geste, so dass es kaum zu glauben ist, wie das alles derart genau geprobt werden konnte, um dann doch auch noch spontan musiziert zu wirken."
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Kunst

Gottfried Knapp war sehr skeptisch, ob die große Emil-Nolde-Schau im Frankfurter Städel wirklich das Aufhebens wert sein könnte, die sie von sich gemacht hat. Aber das ist sie, meint er in der SZ, denn sie legt ihren Schwerpunkt nicht auf Nolde Landschaften, sondern die irritierend heftigen personenbilder: "Etwas wie eine eigene Handschrift entdeckt man erst um 1907 in den Wald- und Feldansichten, in denen sich Nolde mit den spontanen Farbsetzungen van Goghs und mit dem Divisionismus der Postimpressionisten quasi hyperaktiv auseinandersetzt. Er trennt nun die Farben, setzt sie aber nicht wie die Franzosen akkurat oder subtil abwägend nebeneinander, sondern klatscht und pinselt sie recht unsystematisch übereinander, bis er eine Wirkung erzielt hat." (Foto: Emil Nolde, Wildtanzende Kinder)

Weiteres: Die FAZ druckt ganzseitig einen Text von Durs Grünbein über den Maler Jean-Léon Gérôme, den Grünbein für die kommende Ausstellung "Les Archives du rêve" im Musée d'Orsay geschrieben hat. Die Alte Nationalgalerie hat ein weiteres Werk von Max Liebermann in ihre Sammlung aufnehmen können, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Sie berichtet außerdem, dass Künstler mit der Berliner Schau "Give us the Future" gegen eine Zuspitzung ihrer Arbeitsbedingungen protestieren. Besprochen wird die Dorothy-Iannone-Ausstellung in Berlin (taz).
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Film

Für die Jungle World spricht Pascal Jurt mit Harun Farocki, dessen Werk derzeit in Berlin ausgestellt wird. Dabei erklärt er auch sein Interesse an den Bildern, die das Militär generiert: "Es geht mir, wie schon Friedrich Kittler, um die Avantgarderolle des Militärs. Und um die Frage der Macht, nicht nur beim militärischen Gebrauch von Bildern. Ich glaube, dass die Computeranimationen dabei sind, den fotografischen Bildern den Rang abzulaufen, und ich will untersuchen, warum."

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Musik

In einem biografischen Essay zum heutigen 300. Geburtstag würdigt Wolfgang Stähr in der NZZ Carl Philipp Emanuel Bach nicht nur als großen Komponisten und virtuosen Cembalisten, sondern auch als geschäftstüchtigen Vermarkter: "Er entfaltete überaus erfolgreiche Aktivitäten als Verleger seiner eigenen Musik, indem er in einem ausgeklügelten Vertriebssystem seine Oratorien, Lieder und Klavierwerke verkaufte. 'Meine Sonaten u. mein Heilig [für Doppelchor Wq 217] gehen ab, wie warme Semlen, bey der Börse auf dem Naschmarkte', freute sich Bach. Und einem jüngeren Kollegen gab er den Rat: 'Bey Sachen, die zum Druck, also für Jedermann, bestimmt sind, seyn Sie weniger künstlich und geben mehr Zucker.'"

In der Berliner Zeitung erinnert Jan Brachmann an den berühmtesten Sohn Johann Sebastian Bachs. Warum Carl Philipp Emanuel Bach auch als Komponist des Sturm und Drang gelten kann, ist hier in einer Aufnahme des English Concert zu hören. (Und hier die offizielle Seite des Bach-Jahrs.)



In der taz verabschiedet sich Jenni Zylka von dem auf Obskuritäten und Avantgarde spezialisierten Berliner Plattenladen "Gelbe Musik", der seine Pforten schließen muss. Ebendort ist auch Julian Weber von Diederich Diederichsens opus magnum "Über Pop-Musik" sehr begeistert. Nadine Lange porträtiert im Tagesspiegel die Musikerin Joan As Police Woman, deren neues Album Jan Freitag in der Zeit bespricht. In der Welt empfiehlt Josef Engels neue Jazz-CDs.

Besprochen wird das Berliner Konzert von Neneh Cherry (taz, Berliner Zeitung).

Und zum Frauentag: Ein Klassiker der Riot-Grrrl-Bewegung.

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