Efeu - Die Kulturrundschau

Im Zustand der Anspielung

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10.03.2014. Dezeen stellt das Mahnmal des schwedischen Künstlers Jonas Dahlberg für die Opfer von Anders Breivik vor. Die Jungle World denkt über Gesangmodulation, Maskerade und Gender in der Pop-Musik nach. Mashable fragt: Macht Photoshop die Fotografie kaputt? In der Welt erklärt Katja Petrowskaja: Seine Opferrolle kann Maxim Biller behalten. Am Burgtheater gerät Matthias Hartmann wegen seiner Honorare unter Druck, berichtet die Presse. Und: Alle trauern um Gerard Mortier.

Kunst



Mit diesem Schnitt in die Landschaft bei Oslo, soll der Toten des Massakers auf Utoya gedacht werden, berichtet Dezeen. Entworfen hat das Mahnmal, das einen Wettbewerb gewonnen hat, der schwedische Künstlicher Jonas Dahlberg (von dem auch das Bild stammt). "Der Künstler plant einen dreieinhalb Meter breiten Schnitt in Landschaft und Wasserlinie beim Dorf Sørbråten, genau gegenüber von Utoya, so dass die Landspitze tatsächlich nicht mehr zu Fuß erreicht werden kann." Aus der gewonnen Erdmasse soll zugleich ein Mahnmal in Oslo entstehen.

Überraschend schnell still ist es um Jörg Immendorff nach dessen Tod im Jahr 2007 geworden. Aber Aber vielleicht sollte man ihn doch noch nicht zu den Akten legen, meint Hans-Joachim Müller (Welt), in einer Ausstellung in der Villa Schöningen in Potsdam vor dem "Café Deutschland" stehend: "Es ist ein Malen, das die Gegenstände flüssig, zähflüssig erscheinen lässt, als sei der Farbstoff, aus dem sie geworden sind, mitsamt der Malgebärde noch nicht ganz getrocknet oder erkaltet. Das gibt diesen Bildern etwas Dynamisches, Dramatisches und hält sie zugleich im Zustand der Anspielung. Man sieht die Dinge, erkennt sie, bringt sie zueinander und kann sie doch nicht wirklich festhalten."

Macht Photoshop durch übermäßiges Retuschieren die Fotografie kaputt?, fragt Rebecca Hiscott in Mashable und konstatiert: "The anti-Photoshop movement, meanwhile, is surging ahead more vocally than ever. Ad campaigns are boasting un-retouched images: Aerie's lingerie ads and Dove's Campaign for Real Beauty. Researchers have proposed identifying and labeling images that have been retouched in magazines. Designers take heat when their images prove excessively retouched."

Außerdem: Für die Zeit trifft sich Marie Schmidt mit dem Kunstsammler Frieder Burda. In der SZ berichtet Peter Richter über die Krise der Armory Show in New York (dazu gibt's im Art-Magazin ein kurzes Interview mit Direktor Noah Horowitz). Besprochen wird die Ausstellung "150 Jahre Max und Moritz" im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover (Tsp).
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Literatur

In der Welt am Sonntag führte Jan Küveler ein ausführliches Gespräch mit den beiden Schriftstellern Katja Petrowskaja und Per Leo. Dabei kommt die Sprache auch auf die aktuelle Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur. Sehr unmissverständlich macht Katja Petrowskaja als Autorin mit migrantischen und jüdischen Wurzeln deutlich, dass sie sich von Maxim Biller, der wie ein "lupenreiner Rassist" argumentiere, nicht in die Pflicht nehmen lässt, die Literatur mit eindeutiger Ware zu beliefern: "Biller hat aus seiner Opferrolle ein rassistisches Vergnügen gemacht, und ich möchte nichts damit zu tun haben. Das ist genau, was passiert, wenn man aus diesem Diskurs der Opfer und Täter nicht aussteigt."

Joachim Güntner unterhält sich für die NZZ mit den Verlegern Klaus Wagenbach und Susanne Schüssler. Wagenbach erzählt, wie er vor 50 Jahren dazu kam, einen eigenen Verlag zu gründen: "In solchen Fällen wendet man sich immer an den Vater. Der hatte auch kein Geld, war Beamter, aber ihm gehörte eine Wiese auf dem Feldberg bei Frankfurt, die schenkte er mir, damit ich sie versilbere. Da kam einiges zusammen, und dann verkaufte ich noch meinen Lektoren-Haushalt, um Gründungskapital zu bilden."

Für den Tagesspiegel unterhält sich Gregor Dotzauer mit Wagenbach-Verlegerin Susanne Schüssler, die erklärt, warum Hanser nicht ihr Vorbild ist: "Ein US-Verleger hat neulich gegiftet, er bewundere Krüger vor allem dafür, wie er viele mittelmäßige Autoren zur Weltliteratur erklärt und sie auch als solche verkauft. So scharf würde ich es nicht formulieren, aber hinter Hanser steckt doch eine riesige Marketing-Maschine, die nur nicht immer funktioniert."

Als Nachtrag zur Lewitscharoff-Debatte hofft Tilman Krause in der Welt, dass die Schriftsteller hierzulande aus dem peinlichen Auftritt einer der ihren Konsequenzen ziehen und "das überholte, von Beginn an unter einem schlechten Stern stehende Phantasma 'Engagement' dort versenkt wird, wo es hingehört: im Orkus der Geschichte. 'Engagement' (...) war von Anbeginn ein Freibrief für politische Torheit, ideologische Verbohrtheit ästhetische Eindimensionalität." (Eigenschaften, von denen dauerkommentierende Journalisten natürlich frei sind.) In der NZZ erinnert Joachim Güntner Sybille Lewitscharoff an den Satz: "Le style, c'est la femme même."

Weitere Artikel: Jens Mühling unterhält sich mit Katja Petrowskaja über die Krimkrise und nationale Zugehörigkeiten. Für die NZZ begibt sich der Autor Norbert Hummelt in Berlin auf die Spuren von Stefan George und notiert, nachdem er erst auf einem Kundenparkplatz von Lidl, der Berliner Volksbank, einer undefinierten Freifläche und einer grünen Wiese steht, enttäuscht: "Ein Dichter lebt doch nur in seinen Büchern fort". Andrea Kucera porträtiert die Verlegerin und Literaturmäzenin Vera Michalski. Außerdem bringt die taz eine Dialogszene aus Uli Hannemanns kommendem Roman "Hipster wird's nicht".

Besprochen werden unter anderem Uwe-Karsten Heyes Studie über die Familie Walter Benjamins (taz) und Lutz Hachmeisters Buch über das Spiegel-Interview mit Martin Heidegger 1966 (Tsp)
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Film

Im Freitag spießt Matthias Dell den gestrigen, auf Krawall gebürsteten Action-Tatort mit Til Schweiger gehörig auf: "Ärgerlich ist Schweigers Rollenentwurf, das Image, das im Film und medienöffentlich gepflegt wird - die plumpe Harte-Sau-Diktatur eines Publikumslieblings. Lieber als das schaute man dann doch alle Skills von Ulrich Tukur im 24-Stunden-Loop. Der will nur virtuos-nostalgisch seinen guten Geschmack durchschmatzen, wohingegen Schweiger politisch auf unangenehme Weise Stimmung macht."

Ähnlich sieht es Rajko Buchardt auf gamona.de: "So ehrenhaft ihre Ambitionen, den deutschen TV-Krimi als denkmuffige Institution zu überwinden, auch sein mögen, so wenig eignen sie sich als Alternative zur leidigen Fernsehbekömmlichkeit. Dem liberalen 'Tatort' ist mit einem rechtspopulistischen 'Tatort' auch nicht geholfen."

Etwas Selbstironie könnte Schweiger nicht schaden, meint Michael Hanfeld in der FAZ, ist sonst aber gar nicht so unzufrieden: "Zum Glück ist der nunmehr zweite 'Tatort' mit Til Schweiger kein Solo für einen einsamen Rächer mit Ensemble-Staffage, im Gegenteil. Fahri Yardim ist als Tschillers Partner Yalcin Gümer mindestens ebenso lässig, allerdings mit Humor ausgestattet und etwas abgeklärter."

Und aus dem Springergebäude tönt es:



In der Welt fragt sich Hanns-Georg Rodek angesichts der Kinodokumentation "Verbotene Filme" ob man Nazifilme wie "Jud Süß" heute freigeben sollte.
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Archiv: Film

Musik

Mit Diedrich Diederichsens neuem Buch "Über Pop-Musik" zur Hand denkt Klaus Walter in einem schönen Essay in der Jungle World über den Zusammenhang von Gesangmodulation, Maskerade und Gender in der Pop-Musik nach: Musikprojekte wie Daft Punk, Burial und Planningtorock verwischen bewusst die Grenzen zwischen den Geschlechtern. "Alle drei arbeiten mit maskierten Stimmen. Mit Technologien wie Pitchshifting, Vocoder, Talkbox oder Autotune modifizieren sie den vermeintlich direktesten Ausdruck der menschlichen Seele, aber eben nicht, wie es so oft missverstanden wird, um ihn zu entmenschlichen, sondern um solchen menschlichen Qualitäten, Potentialen, Neigungen, Lebensaspekten Raum zu geben, die in der weiß-männlich-heterosexuellen Rock-Normalität keinen Platz haben."

Außerdem: In der Zeit träumt Boy George. Besprochen werden das neue Album von Die Heiterkeit (Welt) und ein Konzert des Violinisten Christian Tetzlaff (Berliner Zeitung).
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Bühne

An der Wiener Burg gerät Matthias Hartmann immer mehr unter Druck. Jetzt geht es um seine Honorare, berichtet Judith Hecht in der Presse. Sie hatte erfahren, dass es 2009 zu einer Barauszahlung in Höhe von 233.000 Euro an Hartmann, damals noch nicht Burg-Direktor, gekommen war. Der bestätigte jetzt folgendes: "'Es handelt sich um rechtmäßige Honorare aus Ansprüchen für drei Vorbereitungsjahre sowie Rechteabgeltungen und Regieleistungen. Diese Honorare liegen alle ordentlich in der Buchhaltung des Burgtheaters.' Am Samstag wird er in der Zeitung News dann noch konkreter: Zusätzlich zu dem Vorbereitungshonorar von 85.000 Euro seien ihm noch 230.000 Euro 'für zwei Neuinszenierungen und die Rechteabgeltung für die Übernahme von fünf Inszenierungen aus Zürich zugestanden.' Alle Vorgänge seien rechtens. Dass er beide Summen in bar erhalten habe, 'ist in Theaterkreisen ein absolut üblicher Vorgang.' Die Bundestheater-Holding kann die genannten Beträge nicht nachvollziehen..."

Im Standard analysiert Thomas Trenkler die Burgtheaterzahlen.

Alle trauern um Opernintendant Gerard Mortier, der am Wochenende im Alter von 70 Jahren seinem Krebsleiden erlegen ist. Im Tagesspiegel erinnert Frederik Hanssen daran, wie Mortier stets "dafür gestritten [hat], dass Theater als wesentliche Ausdrucksform des Menschen von den staatlichen Geldgebern anerkannt wird. Ebenso hart aber hat er auch darum gerungen, dass die zur Verfügung gestellten Mittel im Kulturbetrieb sachdienlich genutzt werden. Also nicht, um mit möglichst vielen, zusammengekauften Stars repräsentatives 'Requisitentheater' zu machen, sondern um Aufführungen zu ermöglichen, die zum Kern der Werke vordringen, die das Publikum berühren, wachrütteln."

Jan Brachmann würdigt in der Berliner Zeitung den Verstorbenen als einen "intellektuell funkelnden Intendanten, der mit Geld umzugehen verstand, aber mit Kunst erst recht". "Kaum ein Kulturmanager hat so folgenreich gewirkt", schreibt Peter Hagmann in der NZZ. In der Welt erinnert sich Manuel Brug an seine letzte Begegnung mit Mortier im Januar in Madrid. In der FAZ würdigt Eleonore Büning die Verdienste Mortiers.

Außerdem: Am Sonntag begann im Berliner Hebbel am Ufer ein einwöchiges Ungarn-Festival mit aktuellen Theaterstücken. Aus diesem Anlass unterhält sich Kaspar Heinrich für den Tagesspiegel mit dem ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó über das Theatermachen unter politisch widrigen Umständen. Im Standard erzählt der Komponist Krzysztof Penderecki, dass er an einer neuen Oper arbeitet.

In der Nachtkritik stöhnt Michael Laages nach der Premiere von René Polleschs neuem Stück "Je t'Adorno" hörbar auf: "René Pollesch hat wieder einen Text geschrieben wie Dutzende zuvor; wie von der Papierrolle im unermüdlichen Diskurs mit sich selbst und der Welt. Und vielleicht kann sich von Pollesch nurmehr überraschen lassen, wer eigentlich gar nichts mehr von ihm erwartet; schon gar keine Überraschung."

Besprochen werden weiter Mark Andres in Stuttgart aufgeführte Oper "wunderzaichen" (Zeit), Sebastian Kreyers im Theater Bonn aufgeführte Adaption von Juli Zehs Roman "Nullzeit" (Nachtkritik), die in Berlin aufgeführte Revueoperette "Clivia" (Tagesspiegel, Berliner Zeitung) die Aufführung von Peter Hacks' "Amphitryon" im Staatstheater Wiesbaden (FAZ) und Stefan Kimmigs Inszenierung von Molnárs "Liliom" an den Münchner Kammerspielen (SZ).
Archiv: Bühne