Efeu - Die Kulturrundschau

Ins Unter-Es

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.02.2014. Auf der Fischerwebseite Hundertvierzehn machen Nikola Richter, Annika Reich, Clemens J. Setz, Jörg Albrecht, Jan Brandt und Hannes Bajohr fünf Vorschläge für das neue Jahrtausend. Philippe Jordan bringt die Wiener Symphoniker endlich wieder in Form, freut sich die Presse. Christian Spuck feiert einen Triumph mit seiner Berliner Inszenierung der Berlioz-Oper  "La Damnation de Faust". Warum bekommt eigentlich Frankfurt ein Romantikmuseum, fragt die Welt. Die taz feiert Abbas Kiarostamis neuen Film "Als wäre es Liebe".

Literatur

Fünf Vorschläge für ein neues Jahrtausend: Auf der Fischerwebseite Hundertvierzehn schreiben Nikola Richter, Annika Reich, Clemens J. Setz, Jörg Albrecht, Jan Brandt und Hannes Bajohr für 24 Stunden in einem Live-Texteditor an einem gemeinsamen Text über die Räume des Netzes, digitales Schreiben, Gruppen-Trolling und postsinguläre Literatur. Kann man alles bis 13 Uhr heute noch live mitverfolgen. Der Versuch, die Autoren durch ihre Textfarben auseinanderzuhalten, wird etwas durch Annika Reich erschwert, die sich als multicolorierte Persönlichkeit präsentiert. Zu Beginn ist der Live-Editor noch gewöhnungsbedürftig: "Interessant finde ich dieses Element erhöhter Paranoia, die man hier beim Live-Schreiben erfährt. Sie highlightet diese innere Angst des Autors - einerseits ist das hier von mir, andererseits ist es auch für andere, es gehört irgendwie zwei Lagern gleichzeitig, schon in seiner unmittelbaren Entstehung. Bekifft dürfte man das nicht machen." "Stimmt, die Öffentlichkeit des Etherpad ist ein ziemlich großes Über-Ich. Aber vielleicht muss man sich da einfach reinfallen lassen - und ist damit ziemlich nah am Leben, wo man ja auch keine private Skizzen machen kann und dann ein lange durchgearbeitetes Fertiges wie aus dem Nichts in die Welt pusten kann." "Ich finde, das Etherpad hat sich rasant vom Über-Ich ins Es verwandelt." "Ins Unter-Es."

Zur Literaturdebatte: Die Vorstellung, "jedes literarische Erzeugnis wäre nichts anderes als eine Ausfaltung der biografischen Bedingungen des Produzenten", meint Christopher Schmidt in der SZ in einer Antwort auf Florian Kessler und Maxim Biller, ist geradezu fremdenfeindlich: "Dass jeder von seiner jeweiligen Herkunft eben nicht nur geprägt, sondern vollständig definiert sei, heißt, eine vorgängige und unhintergehbare Identität zu postulieren, die sich in jedem Einzelnen manifestiert: Nazi bleibt Nazi, Jude Jude und Arztsohn Arztsohn - ein statisches Menschenbild, in dem Individuation nicht vorgesehen ist."

In der Zeit erklärt Ijoma Mangold mit Blick auf Biller: "Ich habe den Eindruck: Hier muss einer seine seit 30 Jahren für sicher gehaltene Bastion verteidigen, der einzige Kosmopolit im deutschen Literaturbetrieb zu sein." Und Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann antwortet auf Billers Kritik am Chamisso-Preis: "Will Maxim Biller jetzt wieder "Migranten­etiketten" verteilen?"

Meinungsvielfalt in Deutschland 2014: Amazon hat alle Bücher des rechtsintellektuellen Antaios Verlags gesperrt, berichtet Marc Felix Serrao in der SZ. "Einfach so. Ohne Erklärung. Betroffen sind ganz unterschiedliche Werke. "Notizen aus dem Interregnum" zum Beispiel, eine Kolumnensammlung des rechtskonservativen Schweizer Publizisten Armin Mohler. Aber auch "Verlorene Posten", ein Band mit Schlüsseltexten des französischen Multikulturalismus-Kritikers Richard Millet."

Außerdem: Im Freitag kommt Lea Becker bei der Lektüre von Charles Bukowskis neuaufgelegter Storysammlung "Hot Water Music" mächtig ins Gähnen. Außerdem bringt die Welt einen Auszug aus Thomas Medicus neuem Buch "Heimat" über antisemitische Pogrome in Franken.

Besprochen werden Jean Echenoz" neuer Roman "14" (Zeit) und John Cheevers letzter Band "Ach, dieses Paradies" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

Helmar Dumbs ist in der Presse hocherfreut, wie gut in Form die Wiener Symphoniker bei einem Ravel-Konzert mit ihrem künftigen Chef, dem Schweizer Dirigenten Philippe Jordan waren: "Wann hat man die Symphoniker seit der Ära Fedosejew so engagiert, elastisch, aber auch klangschön musizieren gehört - mit einem Wort: so gut? Jordans offizieller Start bei den Symphonikern ist erst im Herbst, aber schon seit Jahren hat er immer wieder bei ihnen gastiert, und eines lässt sich jetzt schon sagen: Die Symphoniker haben da einen Goldgriff getan."

Außerdem: Klaus Walter fragt in der Berliner Zeitung: Wer sind die Fans der Böhsen Onkelz? Die Pop-Linke in Gestalt von Jonas Engelmann (taz) unternimmt dagegen beim Tourauftakt von The Notwist in Wiesbaden eine "musikalische, aber auch eine biografische Zeitreise, kaum zu verhindern bei einer Band, die wie wenige andere musikalisch immer schon da angekommen war, wo man selber auch gerade hinwollte: Sei es Post-Rock, Jazz, Elektronik oder der perfekte Popsong." Die umfangreiche, vom britischen Radiomacher David Rodigan zusammengestellte Reggae- und Ska-Compilation "Masterpieces" räumt mit allen schrecklichen Klischees auf, die einem hierzulande den Blick auf diese Musikrichtungen verstellen, freut sich Jörg Augsburg im Freitag. Lina Verschwele hört für den Freitag politischen Hip-Hop. Denis Winkelmann war für die Berliner Zeitung beim Konzert von Jared Leto und dessen Band 30 Seconds to Mars. Sein Kollege Aleksander Zivanovic war beim Schmuse-Konzert von Moderat (wie auch Gerrit Bartels vom Tagesspiegel). Frank Schmiechen von der Welt schüttelte unterdessen beim Metal-Konzert von Steel Panther die (kurze) Mähne. Alle trauern um Paco de Lucía (NZZ, Welt, FAZ, taz).

Besprochen werden Niels Kleins neues Album "Tubes and Wires" ("eine Expedition in Parallelgalaxien des Sounds", schreibt Stefan Hentz in der Zeit), Becks neues Album "Morning Phase" (Tagesspiegel, Welt, Stereogum, Spin und Pitchfork, sowie ein Interview bei The Quietus)
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Bühne



An der Deutschen Oper hatte Berlioz' Oper "La Damnation de Faust" Premiere, Christian Spuck inszenierte. Frederik Hanssen (Tagesspiegel) war zuerst mucksch: Keine Pause? Bei 135 Minuten? Doch dann, ein Triumph! "Eine sinnliche, leuchtende Farbenpracht entlockt der bekennende Berlioz- Fan Runnicles der Truppe - vor allem aber gelingt es ihm, trotz der Höhenunterschiede ein einheitliches Klangbild herzustellen. Oben auf der Bühne absolvieren die von William Spaulding vorbereiteten Chormassen einen stilistischen Parforceritt. Sie stellen Bauern und Soldaten, Studenten und Kleinbürger, teuflische Geister und fromme Katholiken dar, immer bejubelnswert differenziert, im Auftrumpfen wie im kultivierten Pianissimo." (Total hingerissene Besprechungen auch in NZZ und FAZ, Bild: Bettina Stöß)

Außerdem: "Dorny wird geschasst, weil er schon während der Vorbereitungsarbeiten allzu forsch das tat, was man von ihm erwartete", ist sich Michael Bartsch im taz-Kommentar zur Semperopern-Affäre sicher. Mit der Uraufführung von Iwan Wyrypajews "Betrunkene" katapultiert sich das Schauspielhaus Düsseldorf aus der Krise wieder ganz nach vorne, jubelt Stefan Keim in der Welt. Julia Spinola besucht für die Zeit die szenische Probe zu Mark Andres Oper "wunderzaichen", die am Sonntag in Stuttgart uraufgeführt wird.

Besprochen werden außerdem Heinz Holligers Baseler "Schneewittchen"-Oper (Welt) und das in Berlin aufgeführte Stück "Das Verein" (Berliner Zeitung).
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Kunst

Nun also bekommt Frankfurt doch noch sein Romantikmuseum (mehr). Doch warum eigentlich ausgerechnet Frankfurt, fragt sich Tilman Krause in der Welt. Wirkliche Gründe sind ihm nicht ersichtlich, außer "dass die Stadt allen Anlass hat, ihr ramponiertes Image aufzupolieren und einen weiteren kulturellen "Leuchtturm" durchaus nötig hat. Nun, in Frankfurt sitzt das Freie Deutsche Hochstift. Und dieses Kulturinstitut hat Geld und bekommt viel Geld (vom Bund, vom Land Hessen, von der Stadt)."

Weiteres: Ihren männlichen Malerkollegen hat die Künstlerin Corinne Wasmuht einiges voraus, meint Christoph Bannat in seinem Porträt für den Freitag. Jan Vollmer porträtiert den Performance-Künstler Dani Ploeger, der sich bei der Transmediale Elektroschrott in den Körper nähen lässt (siehe dazu auch Vice) und derzeit plant, sich demnächst via Fernimpulsübertragung und Dildo von einem Pornostar tele-penetrieren zu lassen. Außerdem berichtet die Berliner Zeitung von den Befürchtungen internationaler Künstler in Berlin, dass die Stadt zu einer Hauptstadt wie jede andere auch werden könnte. Im Standard annonciert Anne Katrin Feßler die Ausstellung "Die Gründung der Albertina" (ab 14. März), in der auch Dürers Hase zu sehen sein wird. Und Niklas Maak berichtet in der FAZ über Querelen am Bauhaus Dessau: der Vertrag des Direktors Philipp Oswalt wurde nicht verlängert, ein temporärer Pavillon zum 100. Geburtstag abgesagt, der wissenschaftliche Beirat trat unter Protest zurück - alles nachdem sich Kultusminister Stephan Dorgerloh von der SPD eingemischt hatte.

Besprochen wird eine Ausstellung der Rom-Veduten des italienischen Kupferstechers Luigi Rossini im Max-Museo in Chiasso (NZZ).
Archiv: Kunst

Film

Großes Lob für Abbas Kiarostamis zweiten, außerhalb des Irans entstandenen Film von Ekkehard Knörer in der taz: "Ein Glasscheibenfilm. Ein Film des Trennens und Ineinandergleitens der Sphären, des Drinnen und Draußen, des Drinnen im Draußen, der Stadt und des Autos, der Bilder und Einstellungen, in denen sich die Figuren nur temporär einrichten können, der Szenen, in die sie geraten und aus denen sie wieder verschwinden. ... [Kiarostami] beobachtet seine Figuren so genau, so besorgt, so zugewandt und zugleich so unaufdringlich, als wäre es Liebe: Like someone in love." So lautet denn auch der Titel des Films. Weitere Besprechungen in der Welt und im Tagesspiegel.

Außerdem: Andreas Busche empfiehlt in der taz eine Reihe im Berliner Kino Babylon zu Ehren des kürzlich verstorbenen Schauspielers Philip Seymour Hoffman. Hamburg nimmt unterdessen mit einer Hans-Albers-Reihe vorlieb, informiert die taz-Nord. In der Zeit plaudert Julia Roberts über ihre Kindheit, Ruhm und ihren neuen Film "Im August in Osage County".

Besprochen werden Stephen Frears" neuer Film "Philomena" (taz/Tagesspiegel, Welt, Standard, FAZ, Zeit), Paul W.S. Andersons Actionstreifen "Pompeii 3D" (Zeit, Welt), Lars von Triers "Nymp()maniac"-Dipytch (NZZ), Roberto Andos Doppelgänger-Satire "Viva la Liberta" (Welt) und der Animationsfilm "Me Peabody & Sherman" (Welt).
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Design

Vollbärte sind derzeit angesagt. Was aber, wenn die Barthaare nur lückenhaft sprießen? Dann macht man eine Barttransplantation, berichtet Taylor Berman auf Gawker: "According to DNAinfo.com, Dr. Yael Halaas has performed an average of one beard transplant per month on men from Brooklyn"s "hipster"-filled neighborhoods, like Bushwick, Park Slope, and Williamsburg. "I get a lot of detail-oriented people - artists, architects," Halaas said."

Auch Rauchen wird wieder schick, seit es E-Zigaretten gibt, meldet Sascha Kösch auf de-bug. Jetzt sogar mit Bluetooth - zum Rauchen, Telefonieren und Musik hören. Hier stellt ein "Pionier des E-Smoking-Lifestyles" den neuesten Prototyp mit äußerst gekonntem Augeneinsatz vor:



Außerdem: In einem mit zahlreichen Videobeispielen versehenen Artikel für die NZZ stellt Marisa Buovolo die für das beste Kostümdesign nominierten Oscarkandidaten vor. In der Welt porträtiert Henrik Jacobs die Designerin Myra Klose, deren Arbeit auf Bommeln basiert.
Archiv: Design