Efeu - Die Kulturrundschau

Wie eine Kartoffel, zugänglich für alle

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2026. Christine Wunnicke wurde mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet, die FR freut sich, dass sie in ihrer Preisrede Büchner in die Gegenwart bringt. Joachim Lottmann ist tot: Die Kritiker trauern um einen unvergleichlichen Autor, für den Leben und Literatur untrennbar waren. Warum Kunst wie eine Kartoffel sein muss, lernt die SZ von Jörg Immendorff in Düsseldorf. Milo Raus Wagner-Inszenierung in Berlin fällt bei den Kritikern glatt durch - zu viel Selbstdarstellung, zu wenig gute Musik.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2026 finden Sie hier

Literatur

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Am Samstag wurde Christine Wunnicke in Darmstadt mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. Die FAZ dokumentiert ihre Dankesrede (hier auf Youtube), für deren Vorbereitung die stets nachts arbeitende Schriftstellerin mit "Leonce und Lena" in einer heißen Augustnacht die Berliner Innenstadt mehrfach mit der Ringbahn umkreiste: Schlaglichter auf Büchners Lustspiel vermengen sich mit Schlaglichtern auf die nächtliche Passanten in der Bahn, einer wunderlicher als der andere. Aus dem Text spricht auch eine gewisse Ratlosigkeit: Wie diese Rede in den Griff kriegen, wie Büchnerpreisträgerin werden, wie Büchner lesen? "Ich habe keine Ahnung, wo wir inzwischen sind. Ich will nicht weiß Gott was bei allem meinen, nicht aus Langeweile und überhaupt nicht. Bloß nicht immer was meinen. Nur immer auf alles schauen und staunen, wie ein Alien, der sich verflogen hat. Das wäre mein Ideal. An der Haltestelle, ich frage mich, an welcher, schiebt einer ein Putzgerät über den Bahnsteig und hinterlässt eine breite nasse Spur. Warum kann ich mir nicht wichtig werden und der armen Puppe einen Frack anziehen und einen Regenschirm in die Hand geben, dass sie sehr rechtlich und sehr nützlich und sehr moralisch werde? Ich soll da eine Rede halten um Himmels willen. Wie werde ich mir schnell wichtig, und dann auch noch rechtlich, und nützlich, und vor allem moralisch?" Aber "jetzt will ich ins Bett. 'Leonce und Lena' habe ich liegen lassen, es liegt klein und sehr gelb auf einem sehr blauen Sitz der Ringbahn." Über ihr neues Buch über Papageien sprach Wunnicke kürzlich im Dlf Kultur.

Die entzückte FR-Kritikerin Judith Sternburg sieht in dieser Rede "eine Erzählung über eine Frau in der Nacht, die endlich einmal dahin gegangen ist, wo Leonce nicht hingeht, aber Büchner schon". Es zeigt sich darin, "wie viel Büchner mit der Gegenwart zu tun hat. Und wie politisch Wunnickes Schauen ist." Lob geht auch an die "rasante Laudatio", die die Schriftstellerin und Buchmacherin Judith Schalansky auf Wunnicke gehalten hat. "Sie ging darauf ein, dass Wunnickes Werk '-obgleich es in der Dunkelkammer der Nacht gedeiht - von Anfang an vernarrt (war) in die Kunst, das Flüchtige durch Licht zu fixieren, sei es auf Kupfer oder auf Zelluloid'. ... Und dass sie in ihren Arbeitsnächten zwei 'nahezu ausgestorbene Gattungen miteinander verpaarte: den Gespensterroman und die Gelehrtensatire'."

Neben Wunnicke zeichnete die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung auch den Kritiker und Publizisten Helmut Böttiger aus - mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Der geißelte in seiner Rede die Gegenwartsliteratur sowie vor allem deren Kritik für einen angeblich grassierenden Populismus, der sich seit dem Pop- und Magazinjournalimus der Neunziger in Deutschland durchgesetzt und den "allwissenden Reporter und Kolumnisten" als glamouröse Persona hervorgebracht habe, befeuert durch ein in den letzten Jahrzehnten aufgebautes Netzwerk von Preisen, Stipendien und Festivals. Kulturpolitisch sieht Böttiger hier Lothar Späth, den einstigen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, verantwortlich, berichtet Jan Wiele in der FAZ. "Das ist mal eine Pointe: Die ganze 'verwöhnte Gegenwartsliteratur' haben wir dem Cleverle zu verdanken! Die Idee ist so witzig, dass man gewisse Widersprüche gern in Kauf nimmt: Sind dann alle Literaturpreise überflüssig, weil verwöhnend?"

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Joachim Lottmann ist seinem Krebsleiden erlegen - hier, dort und da die letzten, im Sterbehospiz verfassten Lieferungen seines auf Facebook geführten "langweiligen Tagebuchs", auf Dlf Kultur sprach er vor knapp über zwei Wochen noch über seinen Umgang mit dem Tod. Ach, "es war eine Freude mit Joachim Lottmann", seufzt Nils Minkmar in der SZ im Rückblick auf Leben und Werk dieses fröhlichen Unangepassten. "Die Gravitas, die er ausstrahlte, und die Seriosität seiner Prosa pflegte er nur zu einem einzigen Zweck: der Welt den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. ... Er beschrieb die Berliner Republik mit dem Ton eines Tom-Wolfe-haften Gesellschaftsromanciers, aber schon bald sendete der Text versteckte Botschaften: Daten, Orte und Figuren passen nicht recht zusammen. ... Die literarische Welt Joachim Lottmanns ist völlig unvergleichlich und so gar nicht wie das real existierende Deutschland. Bei ihm geht es albern, großzügig und heiter zu. ... An manchen Tagen, wenn die Fernsehphilosophen, multiplen Preisträger und zivilgesellschaftlichen Bundespräsidentinnen im Wartestand ihre hot takes zur Weltlage ausgeben, mag man sich wünschen, dass die Wirklichkeit mehr Lottmann wagt."

Lottmann "hatte auch nicht das Geringste mit der emsig-genügsamen und weltabgewandten Stipendiatenliteratur, wie wir sie kennen, gemein", schreibt Holm Friebe, ein enger Vertrauter des Schriftstellers, in seinem sehr persönlichen Nachruf in der Jungle World. "Eigentlich hat Joachim immer nur das eine Buch geschrieben: den Roman seines Lebens. In bester Pop- und Timm-Ulrichs-Totalkunst-Tradition waren Kunst und Leben für Joachim eine untrennbare, unspaltbare Einheit: Leben und Schreiben, Schreiben und Leben. .... Um die schulmeisterliche Wahrheit aus dem Sachkundeunterricht scherte sich Joachim herzlich wenig, er war stets auf der Suche nach einer anderen, einer höheren, einer schöneren Wahrheit, wie sie nur die Kunst schauen kann."

Auch Jan Küveler von der Welt war mit Lottmann eng befreundet. Bei einer letzten Begegnung hat Lottmann ihm von zahlreichen Romanen erzählt, die geschrieben, aber unveröffentlicht in seiner Wohnung in Berlin liegen: "Man kann nur hoffen, dass das Literaturarchiv Marbach zugreift. ... Besonders schade findet Lottmann, dass sein Roman über die letzten Jahre der Bonner Republik, denen er als Büroleiter eines Quereinsteigers im Bundestag beiwohnte, noch auf Veröffentlichung wartet. Damals scheiterte es an Fragen des Persönlichkeitsrechts. Vielleicht ist inzwischen Gras darüber gewachsen. Auch um ein anderes Buch ist es schade, findet Lottmann: 'Ich war doch ein Jahr in Israel und habe Kurzgeschichten geschrieben mit der Vorgabe: Israel ohne Nahostkonflikt.' Diese Utopie im Geiste Kishons entpuppte sich als gleichfalls zu crazy für den leisetreterischen Literaturbetrieb." Einen weiteren Nachruf schreibt Michael Wurmitzer im Standard.

Weitere Artikel: Tazler Yannic Walter hält äußerst wenig von den Versprechungen, dass der von Tech-Unternehmern frisch ins Leben gerufene Prix Pascal, mit dem der beste mit KI verfasste Roman prämiert werden soll, eine "Demokratisierung der Belletristik und Überwindung von elitären Gatekeepern" befördern solle. Besprochen werden unter anderem José F. A. Olivers "Spracheln" (FR), Achdés und Juls neuer Lucky-Luke-Comic "Heiliger Lucky" (Tsp), Martin Suters "Ein und Alles" (NZZ am Sonntag), Yuval Noah Hararis Comic "Sapiens" (SZ), Evan Gershkovichs "Dieses verfluchte wunderschöne Land. 491 Tage in russischer Haft" (NZZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Anne Möllers' "Digital Crush" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Jörg Immendorff, Café Deutschland I, 1978, Öl auf Leinwand, 282 × 330 cm, Museum Ludwig, Köln, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff


Jörg Immendorff bekommt unter dem schlichten Titel "Immendorff" im Düsseldorfer Kunstpalast seine erstaunlicherweise erste Retrospektive an seinem langjährigen Wirkungsort. Klar, Immendorff war ein Selbstdarsteller, gibt Alexander Menden in der SZ zu verstehen, aber hier kommen auch andere Tendenzen zum Tragen: "Natürlich sind dennoch auch Riesenschinken zu sehen, etwa die Nummern zwei und vier aus Immendorfs wohl berühmtester, insgesamt 19-teiliger Reihe 'Café Deutschland'. Der Spannungen, Bruchstellen und Gemeinsamkeiten zwischen Bundesrepublik und DDR hatte er sich als 'Historienmaler' angenommen, er bevölkerte die vollgepackten Bilder mit Figuren aus Ost und West. Im allerersten Teil des Zyklus setzt sich Immendorff, lederjacken- und bartbewehrt, selbst in die Mitte der Komposition und steckt die Hand durch ein Loch in der innerdeutschen Mauer. (…) Technisch versiertes Malen war nicht Immendorffs Stärke, das sieht man hier, und das hat er selbst auch offen eingestanden. Den Begriff 'Malerfürst', unter dem er gern mit Kollegen wie Markus Lüpertz und Georg Baselitz subsumiert wurde, nahm er deshalb auch gar nicht für sich in Anspruch. Die Kunst, so lautet eine viel zitierte Immendorff-Sentenz, sollte wie eine Kartoffel sein. Also zugänglich für alle."
 
Besprochen wird: Die Ausstellung "Lovis Corinth. Dann kam Berlin" in der Berlinischen Galerie (Tagesspiegel).
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Bühne

"Der fliegende Holländer". Bild: Matthias Horn.


Milo Raus Inszenierung von Richard Wagners "Fliegendem Holländer" an der Deutschen Oper Berlin sorgt bei den Kritikern für reichlich Unmut. Zunächst ist der Regisseur im letzten Sommer nach Israel gereist, mit dem Versuch in verschiedenen Städten mit Wagners Musik zu provozieren. (Unser Resümee). Das misslang, genau wie die daraus entstandene Oper, die mit Filmmaterial der Aktion unterlegt ist, schreibt Alan Posener in der Welt: "Hier geht's nicht um die Musik. Nicht um Wagner, den Holländer, Ahasver, Israel oder das 'stolze palästinensische Volk', das nur als Knüppel dient, um das jüdische zu schlagen. Schon gar nicht geht's um das angeblich schuldbedrückte deutsche Volk, das es sich in Gestalt des Publikums in der Pause bei Bier, Sekt und Häppchen gut gehen ließ und so gar keine Züge jenes nach Erlösung und Tod lechzenden bleichen Mannes zeigte. Es geht einzig um Milo Rau. Hier gibt es auch nichts zu lernen. Außer, dass es Zeit wird, mit dem Regietheater der minderbegabten Möchtegerngenies endlich Schluss zu machen.
 
Nicht nur konzeptionell, auch musikalisch läuft einiges schief, so Nachtkritiker Janis El-Bira: "Auch musikalisch scheint die Premiere unter dem allgemeinen Erregungslevel gelitten zu haben. Der Holländer von Tomasz Konieczny steigt nach glühend heißem Beginn mitten im zweiten Akt direkt ganz aus, muss vom Einspringer Derek Welton übernommen werden, der sogleich tapfer seinen Notenständer aufbaut. Intendant Aviel Cahn erklärt nach der Pause, Konieczny sei die ganze Woche schon krank gewesen, habe es aber wirklich gerne versuchen wollen. Wie seriös es ist, einen Hauptdarsteller, der selbst die Generalprobe dem Vernehmen nach aussetzen musste, nicht nach Hause geschickt zu haben, wird sich der neue Intendant aber doch fragen lassen müssen. Eher fehlbesetzt auch das Rollendebüt der im dramatischen Fach eigentlich verlässlichen Aušrinė Stundytė als Senta, die viel zu stemmen und zu pressen hat und die Höhen regelmäßig anschleifen muss. (…)"

Ähnlich unterwältigt auch Udo Bartelt im Tagesspiegel: "Im Grunde laufen zwei Stücke nebeneinander her und balgen sich um die Aufmerksamkeit des Publikums. Und wie bei den beiden musikalischen Motiven der Norweger und des Holländer-Schiffs frisst das eine bald das andere auf. Im Grunde ist dies ein Milo-Rau-Abend, unterlegt mit der Musik von Richard Wagner. Zur eigentlichen Oper erfährt man wenig Neues." Weitere Besprechungen in der taz und der SZ.
 
Besprochen werden: Maria Lazars "Der Nebel von Dybern", inszeniert von Philipp Preuss am Stadttheater Konstanz (taz), Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun?", inszeniert von Zino Wey, und Shakespeares "Richard III.", Regie führt Andreas Kriegenburg, beides am Schauspiel Stuttgart (FAZ), Alexander Zeldin inszeniert sein Stück "Antigone. Der Abschied" an der Berliner Schaubühne (SZ, Tagesspiegel, Nachtkritik), die Zeit sieht drei große Königsdramen: Am Wiener Burgtheater Alfred Jarrys "König Ubu", am Stuttgarter Staatstheater ist es Shakespeares "Richard III" und am Münchner Residenztheater Shakespeares "König Lear", "Der Zauberer von Oz", inszeniert am Schauspielhaus Zürich von Bastian Kraft (Nachtkritik), Laurent Gaudés "Paris danach", Regie führt Shirin Khodadadian am Deutschen Theater Göttingen (Nachtkritik), Raquel García-Tomás' "Ich, ich, ich!" an der Staatsoper Hannover (Nmz).
Archiv: Bühne

Musik

Jana Sotzko berichtet in der taz vom in Berlin abgehaltenen feministischen Hardcore-Punk-Festival "Female-Fronted is not a Genre". Besprochen werden Bob Dylans Deutschlandtour-Auftakt in Flensburg (SZ), ein Konzert von Stevie Wonder (FAZ, SZ), Spike Fucks Album "Evidence" (Standard) sowie ein Videospielemusik-Konzert des Deutschen Symphonieorchesters Berlin (Zeit Online).

Und: Axel Brüggemann von Backstage Classcial und No-te starten die "Klassik Late Night Show" - darin will man journalistische Debatten mit Unterhaltung verbinden und die klassische Musik auch jenseits ihrer gewohnten Präsentationsformen zeigen", heißt es.

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Film

Susanna Petrin berichtet in der NZZ am Sonntag von dem sagenhaften Hype in den USA um Lance Oppenheims und Nathan Fiedlers (in Deutschland im Dezember startende) Drei-Stunden-Doku "You Can See Everything", der von den letzten Tage in Freiheit der Millionenbetrügerin Elizabeth Holmes erzählt: Alle Kinos ausverkauft, "Tausende von Artikeln erscheinen, in Bussen, Bars und den sozialen Netzwerken wird darüber geredet" (mehr zu Holmes' Fall in dieser Podcast-Doku). Sophia Coper spricht in der FAZ mit Caroline Kox und Antonio De Luca über deren Jelinek-Adaption "Liebhaberinnen" (unsere Kritik). Besprochen wird James Watkins' Comicverfilmung "Clayface" (NZZ).
Archiv: Film