Efeu - Die Kulturrundschau
Lass die toten Blätter fallen
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22.10.2026. Die Welt feiert in der Pariser Bourse de Commerce 200 Jahre Fotografie. Die Zeit ist hingegen gelangweilt von der Allverträglichkeit der Kunst, die im neuen Pariser Le Large ausgestellt wird. Dann doch lieber in die französische Nationalbibliothek, die sich gerade dem alle Dimensionen durchmessenden Werk von Georges Perec widmet, rät sie. Und am besten gleich weiter nach Bilbao, um die Krone zu bewundern, die Norman Foster dem Museo de Bellas Artes aufgesetzt hat, empfiehlt die FAZ außerdem.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.10.2026
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Kunst

Vor 200 Jahren gelang Joseph Nicéphore Niépce die erste Fotografie - dem Jubiläum widmet unter anderem die Pariser Bourse de Commerce ihre aktuelle Schau mit dem Titel "Remember me". Ganz so angetan ist Boris Pofalla (Welt) nicht, herrscht doch eine "gewisse Überpräsenz der handwerklich perfekten Celebrity-Inszenierer, also Avedon, Penn, Helmut Newton oder Annie Leibovitz". Und doch macht er Entdeckungen: "Etwa die Seestücke des Fotopioniers Gustave Le Gray von 1856. Es sind Aufnahmen des Meeres, und es ist überraschend seltsam, das zu sehen: Die Wellenbewegungen konnte die Fotografie erst mit einer kürzeren Belichtungszeit erfassen, und Le Gray montierte Aufnahmen von Himmel und Meer damit beide mit der jeweils richtigen Belichtung zur Geltung kamen. Es ist ein scharfer Blick in die Vergangenheit. Mitte des 19. Jahrhunderts sind Segelschiffe noch in der Überzahl, das Dampfzeitalter aber schon angebrochen - wir kennen diese Epoche besser aus Gemälden denn aus der Fotografie."
Dass kein Pariser Museum am Wochenende gestürmt wurde, wundert Hanno Rauterberg in der Zeit nach seinem Besuch des neu eröffneten Le Large nicht. Mit dem Bau ist er anders als Niklas Maak in der FAZ (unser Resümee) ganz zufrieden, die in der Ausstellung gezeigten Gegenwartskünstler langweilen ihn aber: "Siebzehn wurden eingeladen, für das neue Museum ein Werk zu produzieren, und die meisten verzichten auf jede Unbotmäßigkeit. Manchmal gerät ihre Kunst gar zur Verklärung. Bei Théo Mercier werden Radkappen mit prähistorischen Fossilien dekorativ vereint, als sei Technik etwas Naturhaft-Evolutionäres. ... Und Kathleen Ryan verziert schrottreife Motorhauben und Stoßstangen so raffiniert mit Halbedelsteinen, dass man sie umstandslos als Schaufensterdeko bei Hermès oder Saint Laurent verwenden könnte. Was bei Renault anfangs noch ein produktiver Gegensatz war, hier Arbeit, dort Kunst, hat sich in große Harmonie verwandelt. Und es ist diese Allverträglichkeit, die viele der neuen Pariser Museen prägt. Hier stoßen sich High und Low nicht ab, hier finden sie friedlich zueinander."
Weitere Artikel: Paula Jänig besucht für die FAZ die Kunststiftung Sachsen-Anhalt, die der vergessenen Textilgestalterin Benita Koch-Otte derzeit eine Ausstellung widmet. Über das Werk der Weberin, die am Bauhaus begann und in Bethel endete, erfahren wir aber bei Jänig leider kaum etwas. Zum 50-jährigen Jubiläum untersucht das Kölner Museum Ludwig seine Sammlung unter dem Titel "Along the Color Line - Spuren einer transatlantischen Moderne" rassismuskritisch und taz-Kritikerin Gürsoy Doğtaş begrüßt das.
Literatur
Mit großer Freude hat FAZ-Kritiker Jürgen Ritte die Ausstellung in der französischen Nationalbibliothek zu Leben und Werk des Avantgarde-Schriftstellers Georges Perec besucht. "Sein Œuvre, in dem keine zwei Bücher sich gleichen, durchmisst alle Dimensionen, in die Schrift vordringen kann: vom Kreuzworträtsel zu der hochkomplexen mathematisch durchkalkulierten Struktur von 'Das Leben. Gebrauchsanweisung', von dem inzwischen legendären Roman 'La Disparition', der auf mehr als 300 Seiten ohne den Buchstaben 'E' auskommt, bis zu dem 'Versuch, einen Pariser Ort erschöpfend zu beschreiben', in dem leidenschaftslos, akribisch notiert wird, was sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums an einer bestimmten Stelle in Paris ereignet." Aber auch Perecs Nähe zur Malerei zeigt sich Ritte immer wieder, etwa in Perecs Verehrung von Paul Klee, der in seiner Malerei Abstraktion und Figuration vereinte. "Auf die Schriftstellerei übertragen, wäre das für Perec die in 'Das Leben. Gebrauchsanweisung' so magistral gelungene Synthese von abstraktem mathematischen Formalismus (...) und einem 'totalisierenden' Realismus, wie ihn die großen europäischen Romanwerke praktiziert haben.""In Sachen Herbst hat sich die deutsche Literatur, neben den nasskalt verwitterten Briten, auf dem gemütlichen Samtkissen der Melancholie eingerichtet", stellt Paul Jandl in der NZZ bei seinem Streifzug durch die Herbstdarstellungen unterschiedlicher Literaturen fest. Doch "sollten sich Deutschland und mit ihm die deutsche Literatur locker machen und den Herbst genießen. Um es mit dem persischen Dichter Rumi zu sagen: 'Sei wie ein Baum, und lass die toten Blätter fallen.'"
Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass der Verlag Les Éditions du Boréal die KI-Vorwürfe gegen Thélyson Orélien bestätigt hat und die Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller beenden will: "Neue Informationen, die in den vergangenen Tagen bestätigt wurden, zeigen, dass Künstliche Intelligenz im Schreibprozess eingesetzt wurde", teilte der Verlag mit. Der Perlentaucher hat die Geschichte in Deutschland zuerst aufgegriffen, unsere Resümees. Die Schriftstellerin Teresa Präauer durchstreift für die SZ die nostalgischen Ecken von Social Media, die sich in bestimmte Jahre zurücksehnen. Einige sehr prominente Namen - wenn auch im wesentlichen die üblichen - haben im New Statesman einen kurzen Offenen Brief für Sally Rooney unterzeichnet. Obwohl diese ihre Bücher aus Britannien in Absprache mit ihrem Verlag Faber & Faber zurückzieht, sprechen sie von Zensur. In einem zweiten Post setzt der New Statesman die Rooney-Affäre gar mit der Rushdie-Affäre in Beziehung.
Besprochen werden Marie Štumpfovás und Jiří Dvořáks Bilderbuch "So schlafen die Tiere" (FR), Han Kangs "Der goldene Faden" (NZZ), Jens Balzers Essay "Erlösung" (SZ) und neue Sachbücher, darunter Maximilian Kasys "Die Mittel der Prädiktion. Wie KI wirklich funktioniert (und wer davon profitiert)" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Eleonore Büning berichtet in VAN von den Donaueschinger Musiktagen (unser erstes Resümee), bei denen ihr spürbar "die Notwendigkeit, Neues zu erfinden", fehlte. "Von der bürgerlichen Idee individueller Kreativität hat sich die zeitgenössische Kunstmusik ja eigentlich schon seit dem postelektronischen Zeitalter verabschiedet. Es gibt jede Menge Originalgenies, vielerlei Individualitäten, jeder denkt sich was. Was dann erschaffen wird, ähnelt einander. Drei der vier Uraufführungen des Eröffnungskonzertes waren zwar für das SWR-Symphonieorchester in Auftrag gegeben worden. Sie hätten aber das Orchester über weite Strecken nicht gebraucht. Die Instrumente werden präpariert, ergänzt, verfremdet, sie malen, zitieren, imitieren und werden ihrerseits imitiert, zitiert und übermalt. Es sind Geräuschbänder ohne Klimax und Klangrede, sie haben einen Puls, aber keinen Rhythmus und man meint, man habe sie schon öfters gehört."
Weiteres: Liverpool will 2028 im seit 2024 geschlossenen Einkaufszentrum St. John's Market ein aufwändig gestaltetes Beatles-Museum eröffnen, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ. Nina Apin erinnert in der taz an das vor zwanzig Jahren veröffentliche Album "Back to Black" von Amy Winehouse. Besprochen wird Mwita Mataros AustroPop-Persiflage/Hommage "Austrodrama" (Standard). Wir hören rein:
Weiteres: Liverpool will 2028 im seit 2024 geschlossenen Einkaufszentrum St. John's Market ein aufwändig gestaltetes Beatles-Museum eröffnen, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ. Nina Apin erinnert in der taz an das vor zwanzig Jahren veröffentliche Album "Back to Black" von Amy Winehouse. Besprochen wird Mwita Mataros AustroPop-Persiflage/Hommage "Austrodrama" (Standard). Wir hören rein:
Bühne
Besprochen wird Felicitas Bruckers Inszenierung von Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott" an den Münchner Kammerspielen (FAZ, mehr hier).
Architektur

Auf nach Bilbao, ruft uns Hans-Christian Rößler in der FAZ zu, nachdem er Norman Fosters Erweiterungsbau für das dortige Museo de Bellas Artes bewundern durfte. Eine "strahlende Krone" hat der 91-jährige Architekt dem Bau aufgesetzt: "Doch mit seinem baskischen Partner hat er nicht überall Zurückhaltung geübt. Sie haben dem Museum sein 'soziales Herz' gegeben, wie es Foster nennt. Unter dem schwebenden Dach ist zwischen den beiden existierenden Gebäuden ein großzügiges Atrium entstanden. Mit seiner hohen Glasfassade öffnet es sich zur Stadt und den Bäumen. Auf den mehr als tausend Quadratmetern stehen nur drei Skulpturen von Eduardo Chillida, Richard Serra und des Symbolisten Francisco Durrio. Aus dessen Arriaga-Brunnen erklingt die Wassermusik, die fast im ganzen Neubau zu hören ist. Eine weinende Muse trauert um den 'baskischen Mozart', den im Alter von 19 Jahren gestorbenen Komponisten Juan Crisóstomo de Arriaga. Ihre Tränen fallen in ein Becken unter einem weiten Oculus."
Weitere Artikel: In der Zeit plädiert Jens Jessen für den Erhalt des nie fertig gebauten Hamburger Elbtowers - und zwar für ein Museum der Wirtschaftskriminalität. In der FAZ gratuliert Matthias Alexander dem Architekten Peter Cook zum Neunzigsten.
Film

Caroline Kox hat Elfriede Jelineks Roman "Liebhaberinnen" aus den frühen Siebzigern verfilmt und für die Gegenwart aufbereitet: "In den letzten fünfzig Jahren haben sich in den Geschlechterverhältnissen Verschiebungen, Auflösungen und Kontinuitäten ergeben", schreibt Perlentaucher Benjamin Moldenhauer. "Kox interessiert sich vor allem dafür, wie die alten Abhängigkeiten unter gegenwärtigen Bedingungen weiterleben, unter denen Selbstverwirklichung nicht mehr nur versprochen, sondern als Selbstoptimierung eingefordert wird." So "wirkt Brigitte 2026 tatkräftiger als 1975". Der Film "zeigt Brigitte als handelndes Subjekt, das die Gegebenheiten mit Gewalt so umgestaltet, wie es ihren Interessen und allerdings auch deformierten Vorstellungen entspricht. Brigitte ist keine bloß Unterworfene mehr, sondern jemand, der selbst zugreift, kalkuliert und andere zum Mittel seiner Zwecke macht. Mehr Handlungsmacht bedeutet noch lange keine Befreiung. Handeln heißt hier strategisch handeln, sich selbst optimieren, effizient sein, etwas darstellen müssen, attraktiv sein, um etwas sein zu dürfen."

Perlentaucherin Alice Fischer ist sehr beeindruckt von Karim Moussaouis "Das Verschwinden", der auf Samir Toumis Roman "L'Effacement" beruht. Sammy Lecheas spielt einen jungen Algerier, der unter den Ansprüchen des Vaters sich selbst abhanden zu kommen droht. Er "verleiht dem jungen Mann marmorne Züge der Verschlossenheit, nichts Echtes passiert in diesem Gesicht: keine Wut, keine Unsicherheit, kein abschätziges Zucken der Mundwinkel. ... Die schrittweise Auslöschung eines Ichs vollzieht sich mit beklemmender Ruhe, ja Beiläufigkeit. Man kann nicht umhin, an Albert Camus 'Fremden' zu denken, wenn man in Redas Gesicht schaut: ein stiller Ozean, aber unter der Oberfläche schwelt eine diffuse Gewalt."
Weitere Artikel: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit dem mexikanischen Regisseur Fernando Eimbcke über dessen Arthausfilm "Moscas". Otto Römisch führt im Standard kursorisch durch Leben und Werk von James Gray, dem die Viennale einen Schwerpunkt widmet. Karl Gedlicka geht für den Standard in die Aldrich-Retrospektive der Viennale. Valerie Dirk gibt im Standard Tipps zum Austro-Schwerpunkt der Viennale.
Besprochen werden Michał Kwiecińskis "Chopin"-Biopic (Welt, mehr dazu bereits hier), James Watkins' "Clayface" und Mariko Minoguchis "Die andere Seite" (FR) sowie Andreas Dresens "Alte Liebe" (Standard).
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