Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.10.2026. Die SZ bewundert Emanuel Gats goldene Tänzer in der Choreografie "Cinq Jours au Soleil" in Ludwigsburg. Sally Rooneys Ankündigung, ihre Bücher nicht mehr in Großbritannien zu verkaufen, hat ihr einen Verkaufs-Boom beschert, berichtet die Welt. Die taz beobachtet in der Tate Modern, wie Ana Mendieta Körper und Naturzusammenwirken lässt. Zeit Online resümiert die Skandale der Donaueschinger Musiktage.
Sally Rooneys Stunt, erst zu verkünden, dass sie ihre Erlöse aus ihren britischen Buchverkäufen der in Großbritannien als Terrororganisation eingestuften Gruppe "Palestine Action" zur Verfügung stellen wolle, nur um dann gemeinsam mit dem Verlag zu verkünden, man werde die Bücher aus dem Handel nehmen, weil sonst rechtliche Konsequenzen wegen der Unterstützung einer Terrororganisation drohten (unser Resümee), hat sich für die Autorin - mal wieder - voll gelohnt, schreibt Nicolas Potter in der Welt: Ein Ansturm auf Rooneys Bücher war die Folge, "Business boomt". Ihr "Einsatz gegen Israel scheint dabei vor allem mit ihr selbst zu tun zu haben. Auf einem antiisraelischen Kongress im März dieses Jahres sagte sie über ihre Motivation: 'Was sonst könnte unser Leben in so dunklen Zeiten wie diesen erträglich machen?'" Aber "wie ihr Aktivismus den Palästinensern tatsächlich hilft, ist fraglich. ... Eine ihrer Hauptleistungen war es bisher, Literaturfestivals in Edinburgh und Hay fast in den finanziellen Ruin zu treiben, nachdem sie mit anderen Autoren zum breiten Boykott dagegen aufgerufen hatte."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Christiane Lutz spricht in der SZ mit Helga Schubert über die auch in ihrem neuen Buch "Die Woche danach" verarbeitete Trauer um ihren Mann, den sie, selbst schon in ihren Achtzigern, viele Jahre lang gepflegt hat. Außerdem staunt Christiane Lutz in der SZ über DuaLipasOnline-Buchclub, in dem sich der Popstar ausgesucht große Namen aus der Literatur vors Mikro holt - was dazu geführt hat, dass Dua Lipa jetzt auch die 75. Ausgabe des London Literature Festivalskuratiert. Stephan Klemm resümiert in der FR eine Lesung der Buchpreisträgerin ShidaBazyar in ihrem Heimatort Hermeskeil, der das Vorbild für den Ort Heimesbach in ihrem aktuellen Roman "Die Lücken" ist.
Besprochen werden unter anderem EmmanuelCarrères "Kolchose" (online nachgereicht von der Welt), SvenjaFlaßpöhlers Essay "Zusammenbleiben" (SZ), SvenRegeners "Frankie und Freddie" (FAZ) und JohnGreens "Hollywood, Ending" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Szene aus Emanuel Gats Choreografie "Cinq jours au soleil". Foto: Julia Gat. "Ein sublimes Lob der Vergänglichkeit" hat der israelische Choreograf Emanuel Gat mit seinem Tanzstück "Cinq Jours au Soleil" geschaffen, jubelt SZ-Kritikerin Dorion Weickmann im Ludwigsburger Forum-Theater. Eine brandneue Kompagnie hat Gat zusammengestellt, lesen wir. Und die neue künstlerische Energie ist für die Rezensentin gut spürbar, wenn Gustav Mahlers Fünfte Sinfonie zum "Gesamtkunstwerk verdichtet" wird: "Aus der Ferne fliegt eine Gestalt heran und quert den nebelig verhangenen Raum bis an die Rampe. Der Körper schimmert unter Goldgewebe, das der Wind des Auftritts bauscht wie ein antikes Gewand. Ein Fingerzeig in den Bühnenhimmel, knappe Drehung, die Fußspitze berührt den Boden - schon weht das Wesen wieder hinaus in die Dunkelheit, während die nächste Erscheinung hereinrauscht. Minuten verstreichen mit dem Defilee zeitloser Geschöpfe und ihren flüchtigen Begegnungen, mit der Zusammenziehung kollektiver Energiefelder, Zersetzung und Zerfall."
Weiteres: Michael Stallknecht besucht für die SZ das erste "Kinderopernhaus" in Köln. In backstage classical fragt Guido Krawinkel, warum man für eine Wiederaufnahme der "Nabucco"-Inszenierung am Theater Bonn ausgerechnet Anna Netrebko engagiert hat. Besprochen werden Daniel Kramers Inszenierung von Wagners "Die Meistersinger" an der Oper Düsseldorf (FR) und Marie Ryschkas Inszenierung von Christian Barons "Ein Mann seiner Klasse" (FR).
In der FAZ ärgert sich Musikkritiker Jan Brachmann grün und blau über Michał Kwiecińskis Biopic "Chopin - Eine Sonate in Paris", das die jüngere biografische Forschung zu dem Komponisten in einer Hinsicht geflissentlich ignoriert: In diesem Film "darf Chopin alles Mögliche: dreißig Paar Handschuhe aus weißem Gamsleder kaufen, vorehelichen Sex haben, die Sakramente der katholischen Kirche verspotten, sogar seine eigene Kunst verächtlich machen. Nur Männer lieben darf er nicht. Sosehr sich der Film einem heutigen Lebensgefühl anzubiedern versucht, so verklemmt ist er zugleich. Dass das Nationale Chopin-Institut in Warschau sich daran beteiligt hat, zeugt von Verzweiflung. Von Verlogenheit auch."
Weiteres: Patrick Heidmann spricht für die taz mit dem koreanischen Auteur LeeChang-dong über dessen aktuellen Film "Possible Love", in dem es um Arbeits- und Ausbeutungsverhältnisse in Korea geht. Marian Wilhelm blickt für den Standard aufs Kurzfilmprogramm der Viennale. Besprochen wird BoraDagtekins "Der perfekte Urlaub" (SZ).
Fasziniert tauchttaz-Kritikerin Theresa Weise in der Londoner Tate Modern in die "Earth Body Art" der kubanischen Künstlerin Ana Mendieta (1948-1985) ein. In Mendietas Installationen, Fotografien und Videoarbeiten wird der Körper Teil der Natur, so Weise: "Sie grenzte sich dabei bewusst von Künstlern der Land Art wie Walter de Maria oder Nancy Holt ab, die vorhandene Landschaften als Material verwendeten und sie teils in gigantischem Ausmaß nachhaltig veränderten. Der Mensch ist in Mendietas Werk nicht der Mittelpunkt und Herrscher über die Erde, so wie in westlichen Kulturen, sondern Teil davon. So sieht man in dem Video 'Grass Breathing' einen Rasen, der sich bewegt, als würde er atmen. Erst auf den zweiten Blick versteht man, dass Mendieta selbst unter dem grünen Rasen liegt und den Boden mit ihren Atemmuskeln aktiviert."
Weiteres: Botticellis Lieblingsmodell Simonetta Vespucci soll nicht wie bisher angenommen an Tuberkulose gestorben sein, sondern an einem Hirntumor, berichtet Stefan Trinks in der FAZ (daher ihr auf vielen Bildern zu sehendes, leichtes Schielen). Hannes Hintermeier besucht für die FAZ den Fotohof in Salzburg und stellt dessen "exzellentes Programm" vor. Jörg Peltzer betrachtet für die NZZ im British Museum in London den Teppich von Bayeux. Besprochen wird die Ausstellung "Immendorff" im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (FAZ).
Nicolas Freund besucht für die SZ die Fondation Beyeler um sich die drei neuen Gebäude anzuschauen, die der Schweizer Architekt Peter Zumthor dem Museum hinzugefügt hat (unser Resümee) und sich mit dem Leiter Sam Keller zu treffen. Mit ganzen 26 500 zusätzlichen Quadratmetern wurde die Fläche der Fondation verdoppelt, berichtet Freund, auch der bisher private Teil des Parks wurde zugänglich gemacht: "Der Hauptteil des neuen Ensembles ist aber das neue Museum, das auf den ersten Blick wirkt wie ein Klotz in der Landschaft. Kantig und mit wenigen Fenstern erscheint es wie die Ritterburg zu dem verwunschenen Park. Aber die strenge Form tritt mit den organischen Formen der Landschaft in einen interessanten Dialog. Und die Fassade aus Kalkstein verliert mehr und mehr von ihrer Gleichförmigkeit, je näher man ihr kommt."
Die Feuilletons resümieren die DonaueschingerMusiktage. Aufreger waren ein von François-XavierRoth dirigiertes Konzert (Roth wurde wohl wegen seines MeToo-Skandals vor zwei Jahren ausgebuht), sowie ein wegen eines gecrashten Servers seinerseits krachend gescheitertes Experiment, Publikumsinteraktion mit einer KI zu verbinden. Überschrieben war dieser Jahrgang mit dem etwas beliebigen Motto "Polyphonies", berichtet Hannah Schmidt auf ZeitOnline. Doch die "Polyphonie beschränkte sich oft mehr auf das fragmentarische Nebeneinander" und das wurde der Kritikerin dann doch meist zu abstrakt und anorganisch. Trost fand sie bei SusanaSantosSilva (Trompete) und AishaOrazbayeva (Violine): "Wunderschön, wie sie den Raum erforschen und durchschreiten, wie sie Distanz und Nähe in gegenseitiger Rücksicht aufeinander erproben und immer wieder zusammenfinden. Auch GwendolineRobins Performance im Museum Art.Plus berührt, in der sie mit selbst gegossenen, gebrannten, geformten Murmeln, Tonscherben und Keramikformen sonore Sounds auf dem schwingenden Holzboden erzeugt. Sie rollt, trägt, schwingt und streichelt die Gegenstände, wiegt sich und tanzt mit ihnen und zerschlägt am Ende mit paradoxer Zärtlichkeit eine Glasplatte."
Die Art, wie EnnoPoppe bei den Musiktagen "RebeccaSaunders' Stück 'thirst' (Durst) für 18 Streicher mit dem Ensemble Resonanz aus der Taufe" hob, war "ein flammendes Bekenntnis zur Kunst", schreibt Lotte Thaler in der FAZ. "Was sie mit den Streichern anfängt, den konzertierenden Geigen und Kontrabässen, wie sie Anläufe und Verläufe organisiert, zwischen 'motivischer Arbeit' und abstrakten Passagen wechselt, Flageoletts aufflattern und Glissandi nach oben streben lässt, jeder Stimme eine unverfremdete, erkennbare Individualität verleiht, die Intensität steigert und das Ganze über ein Unisono in einem wunderbaren, leisen Schlussakkord ausklingen lässt, das kann sich mit den 'Metamorphosen' für 23 Solostreicher von RichardStrauss durchaus messen. Jedenfalls wird mit 'thirst' auch eine Tradition aufgerufen, die als langer Atem der Kunst in unsere Gegenwart hineinweht."
Besprochen werden außerdem ein von FrançoisLeleux dirigiertes Konzert des Berliner Konzerthausorchesters (VAN) und das Album "Dopamine Chamber" von FontainesD.C. (zu erleben ist "ein postmodernes Kunstprojekt, das Indie-Rock und experimentellen Flamenco-Pop über opulenten Streichern im Stil von Avantgarde-Pop verschmilzt", schreibt Marcus Hladek in der FR).