Efeu - Die Kulturrundschau
Herrliche kleine Überraschungen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.05.2025. Die Literaturkritiker freuen sich, dass Sebastian Haffners Roman "Abschied" nun zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Die taz reist auf die Philippinen, die das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse werden. Die WamS erinnert anlässlich einer Ausstellung in Zürich an den schwarzen Maler Ed Clark, der sich vom Kunstbetrieb nie unterkriegen ließ. Und die FAS lernt in einer Ausstellung in Mailand, warum schmutzigere Architektur das Überleben der Menschheit sichern wird.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
31.05.2025
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Literatur

Julia Hubernagel ist für die taz auf den Philippinen gereist, um sich dort in der Literaturszene umzusehen - in Vorbereitung auf den Herbst, wenn die Philippinen Gastland der Frankfurter Buchmesse sind. Erlebt hat sie ein Land, dessen tausende Inseln insbesondere mit Blick auf den Klimawandel vor gewaltigen Herausforderungen stehen - was der Climate Fiction, "im westlichen Literaturraum immer noch eher randständiges Phänomen", Zulauf beschert. Im übrigen regt sich auch Kritik am Ausflug nach Frankfurt: Der Schriftsteller Peter Solis Nery etwa engagiert sich dafür, "das marode Bildungssystem zu verbessern. 'Wir müssen vor allem etwas gegen das Analphabetentum tun', so Nery. Dass die Einladung nach Frankfurt an der Situation im Land etwas ändert, glaubt er nicht. Hier biete sich bloß die Gelegenheit, die Philippinen im Ausland gut aussehen zu lassen, meint er. Bevor größere Summen in die Hand genommen werden, um Übersetzungen von philippinischen Autor:innen zu fördern, sei es erst mal wichtig, sicherzustellen, dass alle Schulen auf den Philippinen überhaupt über Bücher verfügen würden."
Mit sanftem Spott nimmt der frühere Verleger Jörg Bong in der SZ zur Kenntnis, dass die AfD und ihre Lakaien die Lektüre deutscher Klassiker nicht nur, aber besonders an den Schulen einfordern, während doch die allermeisten und zumal die namhaftesten Autoren der deutschen Klassik von Ideen einer deutschen Nation rundheraus wenig, von einer europäischen Einheit hingegen aber sehr viel hielten: "Also ja! Lasst uns die deutschen Klassiker wieder lesen, alle - in den Schulen, Universitäten, überall, auch in den Parlamenten! Verwirklichte sich etwas von dem Geist Goethes, Schillers, Herders und Heines, gäbe es - oh wunderbare Ironie der AfD-Forderung - die AfD nicht mehr."
Weitere Artikel: Für die FAS spricht Tobias Rüther mit der Germanistin Veronika Fuechtner über Thomas Mann, die Mann wegen seiner brasilianischen Mutter als "Schriftsteller mit Migrationshintergrund" verstanden wissen will. Najem Wali vom PEN Deutschland spricht mit der taz über Boualem Sansal, der nunmehr seit über einem halben Jahr von Algerien eingekerkert ist. Ueli Bernays arbeitet sich für die NZZ durch die migrantisch geprägte Popliteratur der letzten Jahre, die er einerseits für ihren Erfolg beglückwunscht, wobei er ihr andererseits auch "antideutsche Ressentiments und literarische Karikaturen" vorhält. Jens Ulrich Eckhard erzählt in der Welt, wie der DDR-Schriftsteller Reinhardt O. Hahn, eigentlich selbst ein Stasi-Opfer, aufgrund einer überaus saumseligen Presseauswertung jahrzehntelang und ohne sein Wissen als Stasi-Täter ausgewiesen wurde. Sepinud Poorghadiri porträtiert für den Tages-Anzeiger die Schriftstellerin Laura Leupi, die mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wird. Richard Kämmerlings hat sich für die WamS mit dem Science-Fiction-Schriftsteller Nils Westerboer getroffen. In "Bilder und Zeiten" der FAZ imaginiert sich die Autorin Johanna Dombois ein Gespräch zwischen Philippe Jaccottet und Christoph Meckel. Und die "Lange Nacht" im Dlf Kultur widmet sich Thomas Manns BBC-Reden.
Besprochen werden unter anderem Birgit Weyhes Comic "Schweigen" (Tsp), Till Raethers "Disko" (taz), Lothar Müllers "Spinnen" (Tsp), neue Comics aus Finnland und Japan (taz), Adelheid Duvanels Briefsammlung "Nah bei Dir" (Intellectures), Barbi Markovićs "Stehlen Schimpfen Spielen" (FAZ) und Robert Macfarlanes Essay "Sind Flüsse Lebewesen" (WamS). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Nadja Küchenmeister über Tom Schulz' "Niemand ist vor dem anderen gestorben":
"Niemand ist vor dem anderen gestorben. Alle haben gelebt.
Die Blumen gegossen, die Scheine in den Tiefkühler gelegt ..."
Architektur
Eine der "interessantesten und beunruhigendsten" Ausstellungen der Saison kann FAS-Kritiker Niklas Maak im Palast der Mailänder Triennale durchwandern. Die Schau "We the microbe" verbindet Architekturgeschichte mit "der Geschichte von der Besiedlung des Menschen mit guten und weniger guten Mikroorganismen, Pilzen, Bakterien". Das Fazit: Je mehr sich der Mensch durch seine Behausungen von der Natur abschotten will, desto anfälliger macht ihn das für Krankheiten. Lösungsvorschläge kann man hier aber auch sehen, so Maak, "darunter findet sich eine Spielplatzrutsche des Architekten Philippe Rahm, auf der die Kinder im norditalienischen Mailand in ein Becken mit Erde aus dem süditalienischen Apulien hineinsausen. So sollen ihre Körper Mikroben kennenlernen, die mit dem Klimawandel nach Norden wandern werden. Als Erwachsene wären sie so auf ihre Ankunft vorbereitet. Das ist eine Erkenntnis, die wie ein Sprengsatz in die Architekturgeschichte fliegt: Wer sich heute schon von den Mikroben von morgen besiedeln lässt, wird es leichter haben, zu überleben."
Kunst

Weitere Artikel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ schaut sich Andreas Platthaus die Kunst des "Graphic Recordings" näher an: Künstler begleiten Veranstaltungen und zeichnen sie in Bilderfolgen auf. Die Bilder des Künstlers Michael Jordan zu den "Augsburger Gesprächen zu Literatur, Theater und Engagement" sind in einer Ausstellung im staatlichen Textil- und Industriemuseum ebendort zu sehen. Besprochen werden Gregor Schneiders Installation "Welcome" im Kunstmuseum Krefeld (FAZ), die Ausstellungen "Delphinium Maximum" und "Bauhaus Ecologies" im Bauhaus Museum Dessau (FAZ) und eine Ausstellung mit Fotografien von Thomas Struth in der Galerie Max Hetzler in Berlin (tsp)
Bühne
In der FAS unterhält sich Wiebke Hüster mit dem amerikanischen Choreographen Trajal Harrell über seine Arbeit und den Schlüsselmoment Ende der neunziger Jahre, als er beim Besuch einer Modenschau die Möglichkeit einer Erneuerung des Tanzes sah: "Das hat mich einfach umgehauen. Weil das für mich wie postmoderner Tanz aussah. Ich sagte mir, da ist das Gehen, das Laufen auf dem Laufsteg, da ist die kulturelle Repräsentation, da ist Feminismus, man konnte all das darin entdecken, nur befanden wir uns nicht in einem Theater. Es war erstaunlich, aber das sah postmoderner aus als alles auf dem eigentlichen Gebiet des Theaters." In diesem Moment sah er "die Verbindung von Mode und Ballettgeschichte. Ich verstand, wie interessant die Operation war, mit der die Voguing-Szene Modenschauen in Tänze verwandelte. Wir betrachteten Voguing, als wäre es Ballett. Gleichzeitig studierte ich den frühen postmodernen Tanz. Für mich war das ein und dasselbe."
Weitere Artikel: In der SZ unterhält sich Christiane Lutz mit Roswitha Quadflieg, Tochter des Schauspielers Will Quadflieg, über die Edition seiner Tagebücher, die gerade erschienen ist. nachtkritikerin Elena Philipp resümiert die "55. Woche des Slowenischen Dramas" in Kranj. Besprochen wird Charly Hübners Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden" am Theater Magdeburg (nachtkritik).
Weitere Artikel: In der SZ unterhält sich Christiane Lutz mit Roswitha Quadflieg, Tochter des Schauspielers Will Quadflieg, über die Edition seiner Tagebücher, die gerade erschienen ist. nachtkritikerin Elena Philipp resümiert die "55. Woche des Slowenischen Dramas" in Kranj. Besprochen wird Charly Hübners Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden" am Theater Magdeburg (nachtkritik).
Musik
Mit ihrem neuen Album "Something Beautiful" beginnt beim US-Popstar Miley Cyrus wohl "das Zeitalter der psychedelischen Prog-Pop-Oper", schreibt Juliane Liebert auf Zeit Online. Angeblich standen Pink Floyd für das als opernhaftes Begleitmaterial zu einem demnächst ins Kino kommenden Musikfilm konzipierte Album Pate, Liebert hört aber eher den "Kamikaze 1989"-Soundtrack von Edgar Froese heraus. "Dazu spricht Cyberpunk-Hohepriesterin Miley ihre Prophezeiung: von Zügen, vorbeihuschenden Landschaften, luziden Träumen. Ein abysstiefer, wimmernder Bass warnt uns vor einer unbestimmten Gefahr: Wir rasen durch die musikalische Neonlicht-Dunkelheit, auf Motorrädern, von allen Seiten wird geschossen. Streicher fallen aus einem Helikopter, im Todessturz noch den Sonnenaufgang herbeifiedelnd." Und das funktioniert "als episches Opus ... erstaunlich gut."
SZ-Kritiker Jakob Biazza hat viel Freude an den "herrlichen kleinen Überraschungen", auf die man beim Hören dieses Albums überall stößt. "In den beiden sanft endzeitlichen Instrumental-Interludes 1 und 2. In 'Walk of Fame', das beginnt wie eine Donna-Summer-Giorgio-Moroder-Gedächtnis-Hymne, und dann - mitten im 2,20-Minuten-Songlänge-Tiktok-Zeitalter - sechs Minuten lang nicklige kleine Haken schlägt. Im sehr lässigen 60s-Soul-Groove von 'Easy Lover'. In 'Pretend You're God', dieser relativ direkt aus dem London der 90er herübergewehten Trip-Hop-Schönheit." Für den Standard bespricht Karl Fluch das Album.
Besprochen werden ein neues Album von Ben Kweller (Welt), ein Konzert von Imagine Dragons in Zürich (NZZ) und Steve Lands' Konzeptalbum "Rearranging the Planets", das "heller strahlt als die Sonne", wie tazler Julian Weber jubelt: "Ein fulminantes Meisterwerk, über das noch lange zu sprechen sein wird." Hier die Live-Premiere der Komposition in New Orleans im April 2022:
SZ-Kritiker Jakob Biazza hat viel Freude an den "herrlichen kleinen Überraschungen", auf die man beim Hören dieses Albums überall stößt. "In den beiden sanft endzeitlichen Instrumental-Interludes 1 und 2. In 'Walk of Fame', das beginnt wie eine Donna-Summer-Giorgio-Moroder-Gedächtnis-Hymne, und dann - mitten im 2,20-Minuten-Songlänge-Tiktok-Zeitalter - sechs Minuten lang nicklige kleine Haken schlägt. Im sehr lässigen 60s-Soul-Groove von 'Easy Lover'. In 'Pretend You're God', dieser relativ direkt aus dem London der 90er herübergewehten Trip-Hop-Schönheit." Für den Standard bespricht Karl Fluch das Album.
Besprochen werden ein neues Album von Ben Kweller (Welt), ein Konzert von Imagine Dragons in Zürich (NZZ) und Steve Lands' Konzeptalbum "Rearranging the Planets", das "heller strahlt als die Sonne", wie tazler Julian Weber jubelt: "Ein fulminantes Meisterwerk, über das noch lange zu sprechen sein wird." Hier die Live-Premiere der Komposition in New Orleans im April 2022:
Film
Philipp Stadelmaier denkt in einem Filmdienst-Essay über die Rückkehr der Monumentalästhetik im Kino nach, die sich allerdings nicht mehr - wie einst im Hollywood-Epos und seinen italienischen Epigonen - auf Antikendarstellungen beschränkt, sondern sich für historische Sujets generalzuständig erklärt. "War der alte Monumentalfilm ein Genre unter anderen und jeder neue Monumentalfilm einer unter vielen - vor allem in Italien -, folgt der neue der Logik des einzigartigen, atypischen Prototyps. Wollte der alte die Antike rekonstruieren, versucht der neue, die Wichtigkeit und 'Größe' des Kinos in einer Gegenwart zu behaupten, in der das Kino, überholt von neuen Medien und Technologien, selbst oftmals wie eine antike Kunstform wirkt." Damien Chazelles "Babylon", Christopher Nolans "Oppenheimer", Martin Scorseses "Killers of the Flower Moon" und Brady Corbets "Der Brutalist": Sie alle "verbinden das Monumentale mit der Idee des künstlerischen Autorenfilms und einer persönlichen Vision", aber scheinen auch "alle früher oder später unter ihrem eigenen Gewicht und Anspruch zu kollabieren".
Weiteres: Marie-Luise Goldmann plaudert für die WamS mit dem Schauspieler Langston Uibel, ihr Kollege Martin Scholz derweil mit der Schauspielerin Ana de Armas. Die NZZ gratuliert Clint Eastwood mit einer Bilderstrecke zum 95. Geburtstag. Besprochen werden Wes Andersons "Der phönizische Meisterstreich" (NZZ, Welt, unsere Kritik), "Karate Kid: Legends" mit Jackie Chan (Standard) und Sandeep Kumars "Happy" (Standard).
Weiteres: Marie-Luise Goldmann plaudert für die WamS mit dem Schauspieler Langston Uibel, ihr Kollege Martin Scholz derweil mit der Schauspielerin Ana de Armas. Die NZZ gratuliert Clint Eastwood mit einer Bilderstrecke zum 95. Geburtstag. Besprochen werden Wes Andersons "Der phönizische Meisterstreich" (NZZ, Welt, unsere Kritik), "Karate Kid: Legends" mit Jackie Chan (Standard) und Sandeep Kumars "Happy" (Standard).
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