Im Kino

Weiße Kutte, knallroter Lippenstift

Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
28.05.2025. In "Der phönizische Meisterstreich" fährt Wes Anderson wie gewohnt museumswürdige Bildkompositionen und genuin originelle Figuren auf. Die Story um einen Tycoon, der sein Vermächtnis sichern möchte, bleibt leider etwas oberflächlich.

Wes Andersons Filme sind unschwer als solche zu erkennen: quietschende Farben und Vintage-Dekor, eine skurrile Geschichte, oft unterteilt in Kapitel, viel Geplapper und ein abgedrehtes Figurenensemble, das, ein weiteres Markenzeichen, immer bis auf die kleinste Rolle mit absoluten Top-Stars besetzt ist. Dieses Mal begegnen wir zunächst Benicio del Toro als rauhem, gewieftem, aber doch nicht völlig unsympathischem Tycoon Anatole "Zsa Zsa" Korda. Der entscheidet sich, obwohl er bisher jedes einzelne der nicht seltenen Attentate auf sich überlebt hat, nun doch vorzusorgen und sein Vermächtnis seiner einzigen Tochter Liesl zu vermachen (gespielt von Kate Winslets Tochter Mia Threapleton - der Frau mit dem schönsten Mondgesicht der Welt). Die wird allerdings gerade Nonne, und will mit dem Vater, den sie des Mordes an ihrer Mutter verdächtigt, zunächst gar nichts zu tun haben. Schlussendlich begleitet sie ihn aber doch auf eine kuriose Reise, auf der Korda unterschiedliche Bekannte abklappert, damit sie ihm bei der Realisierung seines Lebensprojektes "Korda-Land" im Nahen Osten finanziell unter die Arme greifen.

Auf diesem Trip begegnet uns nun eine Schauspiel-Ikone nach der nächsten: Tom Hanks, Brian Cranston, Scarlett Johannson, Benedict Cumberbatch und viele mehr. In der Jury des jüngsten Gerichts, das Korda, wohl aus unbewusstem schlechtem Gewissen über seine Vergangenheit, immer wieder als Vision erscheint, sitzt außerdem Charlotte Gainsbourg und Bill Murray tritt als Gottvater an. Außerdem gibt es noch den unbeholfen süß-verschrobenen Insektenforscher Björn (Michael Cera), der sein wahres Gesicht erst später im Film zeigt.

Die Stärke der Anderson-Filme liegt, auch das ist nichts Neues, in den Figuren und im Visuellen. Jedes Arrangement sitzt, jedes Bild sieht aus wie gemalt. Das kann man durchaus genießen: Die Vogelperspektive auf ein marmornes Bad, in dem Korda Zigarre rauchend in der Badewanne sitzt, die weiten Einstellungen mit wenigen Figuren, die genau dort stehen, wo sie sollen - perfekte Kompositionen, die manchmal an Renaissance-Gemälde erinnern.


Was die Figurenzeichnung angeht, kann man dem Regisseur wirklich nicht vorwerfen, dass er sich in Klischees verliert, im Gegenteil, jede Wes Anderson Figur ist so gemacht, dass man sagen muss: habe ich so noch nie gesehen. Ein intelligenter Coup ist vor allem der Liesl-Charakter: weiße Kutte, knallroter Lippenstift, unbestechlich, aber zugleich weich - und mit einem lasterhaften Hang zum Luxus, der sich doch etwas mit der klösterlichen Enthaltsamkeit beißt, vor allem die Edelstein-besetzte Pfeife und der prunkvoll-trashige Rosenkranz stören das Bild der Bescheidenheit und geben optisch mächtig was her.

Solche Details sind die Highlights von "Der phönizische Meisterstreich" und sie sind ziemlich genial. Aber, es ist nun einmal so, dass Optik und Figuren nicht alles sind im Film, ein bisschen Handlung braucht es auch, eine Geschichte, die erzählt wird, und bei der man zumindest ansatzweise verstehen will, warum sie erzählt wird. Und hier lässt uns Anderson in seinem neuen Werk doch ein wenig im Stich. Denn während Vorgängerfilme wie "Grand Budapest Hotel" trotz aller Stilisierung einen faszinierenden erzählerischen Sog entwickeln, sich hinter der scheinbaren Oberflächlichkeit eine versteckte, dunkle Tiefe entfaltet, sucht man diesmal ein wenig verloren nach dem tieferen Sinn. Der Plot ist, man kann es nicht schönreden, einfach ein bisschen langweilig. Natürlich gibt es wieder den Anderson'schen Humor, der von der Absurdität der Szenen lebt, aber auch das erschöpft sich nach einer Weile. Die slapstickhaften Einsprengsel mögen Geschmackssache sein, über die fehlende Tiefe der Handlung trösten sie in keinem Fall hinweg. Kurzum, Wes Anderson umkurvt in seinen Filmen jedes Klischee - in diesem aber nicht sein selbst erschaffenes.

Alice Fischer

Der phönizische Meisterstreich - USA 2025 - OT: The Phoenician Scheme - Regie: Wes Anderson - Darsteller: Benicio del Toro, Mia Threapleton, Michael Cera, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Brian Cranston, Benedict Cumberbatch - Laufzeit: 105 Minuten.