Efeu - Die Kulturrundschau

So wenig Haut wie möglich

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02.05.2025. Die NZZ  wird in einer Ausstellung in Rom an jene Jahre erinnert, als die Kirche Caravaggio noch feierte. Nach acht Jahren PiS-Regierung sind auch wieder Themen wie Feminismus, LGBTQ-Rechte, aber auch die Shoah in der polnischen Kunst möglich, atmet Monopol auf. Die chinesische Kritikerin Chen Tian erzählt in der nachtkritik, wie die unabhängige Theaterszene Chinas die Zensur umgeht. Die SZ lässt sich von Steve Wilsons neuem Album das Hirn zerfressen. Und die taz hält nicht viel von beige-farbenen Clean Girls.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2025 finden Sie hier

Kunst

Caravaggio: "Das Martyrium der Heiligen Ursula", 1610. Archivio Patrimonio Artistico Intesa Sanpaolo. Foto: Claudio Giusti

Ausgerichtet wird die Jubiläums-Ausstellung "Caravaggio 2025" zwar vom Palazzo Barberini in Rom, begrüßt wird sie vom Vatikan dennoch: Offenbar hat die Kirche dem Maler verziehen, weiß Eva Clausen, die in der NZZ erinnert, dass es die Katholische Kirche war, die die Todesstrafe gegen den Maler verhängte, als er 1606 einen Mord beging. Sieben Jahre zuvor war er erst von Kardinal Francesco Maria Del Monte für die Kirche entdeckt worden: "Caravaggio wagte es, die biblischen Ereignisse nicht als Andachtsbild huldvoll distanziert zu malen, sondern sie als dramatische Momente eines im Hier und Jetzt lebenden Evangelisten zu inszenieren. Die Gegenwart, das Rom der Schankstuben und Straßenhändler, bildete eine neue, nie gesehene Kulisse für die Episoden der Heiligen Schrift. Die Kirche war verblüfft, doch musste sie zugeben, dass gerade diese naturalistische, menschennahe und so wenig andächtige Darstellung die Gläubigen zutiefst ansprach."

Anlässlich der Initiative "Constellations", in deren Rahmen auch internationale Galerien in Warschau präsentiert werden, verschafft sich Philipp Hindahl für Monopol einen Überblick über die polnische Kunstszene, die sich langsam wieder von der Regierung unter der PiS-Partei erholt: zum Beispiel das Muzeum Sztuki Nowoczesnej, der "wichtigste kulturelle Ort des Landes". "Die Sammlungspräsentation umfasst 150 Werke, viele davon behandeln Themen, die unter der PiS-Regierung wenig Raum bekamen: Feminismus, LGBTQ-Rechte, aber auch die Shoah und der Krieg in der Ukraine. Man hört unterschiedliche Meinungen: Das Museum sei zu vorsichtig. Oder: Endlich weht ein frischer Wind. ... Im progressiven Lager hat sich vorsichtiger Optimismus ausgebreitet. Gleichzeitig ist da eine Nervosität, dass die aktuelle Regierung nicht von Dauer sein könnte, dass die Hoffnung, die rechtsgerichtete, kulturfeindliche PiS-Regierung hinter sich zu lassen, nur ein vorübergehendes Stadium ist." In der NZZ meint Felix Ackermann, dass die neue Regierung so viel in der Kultur gar nicht verändert.

Weitere Artikel: In der FAZ resümiert heute auch Gerald Wagner die Diskussion "Verstörende Kunst" im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, bei der die Soziologen Heinz Bude und Michael Hutter über ihre Bücher zum Skandal der Documenta 15 sprachen (unser Resümee). In der SZ berichtet Nils Klawitter von Protesten der Tiroler Seilbahnbranche gegen die Kunstinstallation "Schnee von morgen", für die der Fotokünstler Lois Hechenblaikner im Tiroler Skigebiet Ellmau 230 Skier aus einem Speicherteich ragen lässt, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Besprochen wird die Susan-Sontag-Ausstellung "Sehen und gesehen werden" in der Bundeskunsthalle Bonn ("Sontag war eine Meisterin der Sichtbarmachung. ... Die Pose war Teil des Inhalts", lernt FR-Kritiker Michael Hesse).
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Film

Das private Filmarchiv des 2011 im Alter von 48 Jahren viel zu jung gestorbenen Filmkritikers Michael Althen ist Legende: Tausende von VHS-Aufnahmen hatte er dem Fernsehprogramm abgeluchst, später kamen ebenfalls tausende DVDs und BluRays hinzu. Nachdem sein Sohn, der Regisseur und Produzent Artur Althen, die Kassetten bereits letztes Jahr beim Filmfest München zugänglich machte, gibt es morgen auch an der Berliner Volksbühne dazu eine Performance. "Es ist eine Sammlung aus einer anderen Zeit", sagt Artur Althen im SZ-Gespräch mit Johanna Adorján. "Denn was machte ein Filmkritiker früher, wenn er zum Beispiel aus dem Stand auf irgendjemanden einen Nachruf schreiben musste? Für solche Fälle wollte mein Vater gewappnet sein. Er musste dann ja vielleicht etwas nachsehen. Es ging um Beruhigung. Darum, ruhig schlafen zu können, weil er im Fall der Fälle den erforderlichen Film da hätte. ... Es galt auch, die Aufnahme zu überprüfen. Wurde der Film gut erwischt, waren Anfang und Ende drauf? Anschließend musste die Neuheit etikettiert, nummeriert und katalogisiert werden. ... Erst rückblickend wird mir klar, dass das auch etwas von Wahnsinn hatte."

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland gibt auf Artechock dem designierten Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in Sachen Filmpolitik ein paar Tipps und schreibt dem stramm Konservativen ins Stammbuch: "Kulturpolitik darf nicht parteipolitisch aufgefasst werden." Weimer selbst wehrt sich übrigens im Stern-Interview gegen Vorwürfe des Rechtskonservatismus. Esther Buss empfiehlt im Tagesspiegel eine Berliner Reihe mit Filmen von Vittorio De Sica.

Besprochen werden Albert Serras Stierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (Perlentaucher, Artechock, Freitag, mehr zum Film bereits hier), Denis Pavlovics Dokumentarfilm "Mañana Sol" (Perlentaucher), Michail Lockshins "Der Meister und Margarita" (Artechock, mehr zum Film bereits hier), Joel Souzas Western "Rust" (FAZ, Standard), Isaiah Saxons "Die Legende von Ochi" (Artechock), Jonás Truebas "Volveréis" (Artechock), Alex Scharfmans Horrorkomödie "Death of a Unicorn" (Welt, SZ), Michel Fesslers mit echten Tieren gestaltete Neuverfilmung von "Bambi" (Welt), Charlène Faviers in Deutschland erst Ende Juli startendes Biopic "Oxana" über die Femen-Mitbegründerin Oxana Schatschko (NZZ), die zweite Staffel der Zombie-Serie "The Last of Us" (Freitag), die Netflix-Serie "Four Seasons" (taz) und der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (NZZ, Standard).
Archiv: Film

Bühne

Anlässlich des Heidelberger Stückemarkts (mehr hier), bei dem dieses Jahr das Gastland China aufritt, sendet die chinesische Kritikerin Chen Tian in der nachtkritik einen Theaterbrief aus China, in dem sie zunächst die Einschränkungen der staatlichen Theater skizziert: Aufgrund ihrer Abhängigkeit von staatlichen Mitteln müssen sie sich der offiziellen Kulturpolitik anpassen, viele staatsnahe Künstler haben Belohnungen und Zensurmechanismen längst so verinnerlicht, dass sie "politisch genehme Produktionen eher als berufliche Errungenschaft" betrachten, erzählt Tian. Die Hoffnung liegt indes auf der unabhängigen Theaterszene Chinas, "die sich grundlegend von ihren Vorgängern unterscheidet." Sie widmen sich "individuellen Erfahrungen und marginalisierten Perspektiven. Ihre Werke untersuchen kritisch die Beziehung zwischen persönlichem und kollektivem Gedächtnis, reflektieren auch über die zeitgenössische Rolle des Theaters. Die Dominanz weiblicher Dramatikerinnen hat feministische Perspektiven und die Dekonstruktion patriarchaler Erzählstrukturen in den Fokus gerückt."

Für Backstage Classical unterhält sich Antonia Munding mit der Komponistin Missy Mazzoli und dem Generalmusikdirektor der Lyric Opera of Chicago Enrique Mazzola, die nicht nur die amerikanische Gesellschaft zu Widerstand gegen Trump aufrufen, sondern auch einen Tipp für die Europäer parat haben. Mazzolo meint: "In Europa hat man durch die staatlichen Subventionen, die jahrzentelang garantiert waren, auch ein bisschen den Bezug zum Publikum verloren. Die neue Musik, die komponiert wurde, wollte nicht unbedingt mit ihren Zuhörern sprechen. Das war lange Zeit cool und geheimnisvoll. Jetzt ist es arrogant. Warum gibt es keine Opernstoffe in Deutschland, die von den sozialen Problemen handeln, die die junge Generation umtreibt?" Die staatlichen Förderungen sollten "nicht für garantiert hingenommen werden. Denn wohin wird der Rechtsruck in Europa führen? Welche Kunst wird in ein paar Jahren noch als förderungswürdig gelten? Ich empfehle allen Kolleginnen in den europäischen Opernhäusern sich jetzt auch um alternative Finanzierungsmodelle, um private Sponsoren zu kümmern."

Weitere Artikel: Nicht ganz glücklich wird Peter Laudenbach in der SZ mit Anne Lenks Inszenierung von Ernst Tollers Kriegsheimkehrer-Drama "Hinkemann", das die Regisseurin am Deutschen Theater Berlin eher aus identitätspolitischer Perspektive auf das Private verengt, als auf die Aktualität des Stückes, gegen das die Nazis 1924 aufmarschierten, zu fokussieren: "Seit Jahren zählen Morddrohungen gegen antifaschistische Künstler, ob gegen den Pianisten Igor Levit oder gegen Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, wieder zum Repertoire der rechten Aggression."

Besprochen werden Moritz Nikolaus Kochs Inszenierung von Franz Werfels "Bocksgesang" im Landestheater Schleswig-Holstein (taz), Sibylle Broll-Papes Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" am Theater Bamberg (nachtkritik), das Stück "Alle Lust" von Victoria Halper und Kai Krösche / DARUM (feat. other:M:other) am Wiener Theater am Werk (nachtkritik).
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Design

Beige, beige, beige sind hier alle Farben, stutzt tazlerin Julia Schöpfer beim Besuch in einschlägigen Fast-Fashion-Geschäften, die sich ganz dem durch Social Media befeuerten Clean-Girl-Image widmen. "Wenn ich die Klamotten anziehe, sehe ich um sieben Jahre älter aus", schreibt Schöpfer entsetzt. "Mit den Blazern und Anzughosen in gedeckten Tönen und einem makellos dezent geschminkten Gesicht wird ein Bild erfolgreicher Eleganz geschaffen. 'Der stille Luxus ist der Kern des Clean Girls, das Ausdruck eines konservativen Weltbildes ist', sagt Carl Tillessen, Autor und Trendanalyst für Mode am deutschen Modeinstitut. Der Trend richtet sich an den männlichen Blick und inszeniert eine Reinheitsästhetik, die auf ein zutiefst konservatives Frauenbild verweist. Konservative Mode heißt: geschlossene Dekolletés, neutrale Farben und so wenig Haut wie möglich zeigen, im Falle des Clean Girls natürliche Schönheit, mit wenig Make-up."

Außerdem gratuliert Jenni Zylka in der taz Donatella Versace zum 70. Geburtstag.
Archiv: Design

Literatur

Sandra Kegel (FAZ) und Kathleen Hildebrand (SZ) schreiben Nachrufe auf die Schriftstellerin Jane Gardam. Die Comicjury des Tagesspiegel meldet die besten Comics des Quartals. Auf Platz Eins: Ulli Lusts "Die Frau als Mensch".

Besprochen werden unter anderem Annie Ernauxs "Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus" (FR), Szczepan Twardochs "Die Nulllinie" (online nachgereicht von der FAZ), Luz' Comic "Zwei weibliche Halbakte (FAZ.net), Martin Suters "Wut und Liebe" (Presse), die Neuausgabe von Torborg Nedreaas' ursprünglich 1947 erschienenem Roman "Nichts wächst im Mondschein" (NZZ) und Taffy Brodesser-Akners "Die Fletchers von Long Island" (Presse). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Stichwörter: Luz

Architektur

In der FAZ gibt Hannes Hintermeier ein Update zum Streit um die geplanten 155 Meter hohe Türme, die der Münchner Stadtrat auf dem Gebiet der alten Paketposthalle trotz Bürgerentscheid bauen will (unser Resümee): "In seiner Sitzung am Mittwoch hat der Stadtrat auf seiner Planungshoheit bestanden und entschieden, das Bürgerbegehren nicht zuzulassen."
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Stichwörter: Paketposthallen-Areal

Musik

Jakob Biazza erzählt in der SZ von seinem Besuch in London beim Progrock-Genie Steven Wilson, der mit "The Overview" gerade "schon wieder (!) ein zum Niederknien gutes, solarsystem-flirrendes neues Album" vorgelegt hat. Um nichts anderes geht es ihm dabei, als um die Winzigkeit des Menschen im Angesicht des schier endlosen Kosmos. Als Grundlage dafür dient ihm ein Bassmotiv, schreibt Biazza, "ein vogelkralliges Motiv, das die allerwenigsten selbst mit Übung pfeifen könnten. Und das sich trotzdem im Gehirn festfrisst und es auf absehbare Zeit nicht mehr freigibt. Ein aufgefächerter Akkord zunächst nur, und eine beinahe erwartbare Variation, die sich dann plötzlich schief und sperrig in die Harmonien spreizt, sie aufhebelt. Die beglückt und nervt und wieder weiter beglückt und anstrengt und dabei aber: absolut Sinn ergibt. Wilson greift das Motiv, während die Musik durch schwebenden Alternative-Rock, weltumspannend schöne Balladen-Elemente, eleganten Electro-Pop, Prog-Rock und Operetten-Sprengsel hetzt, all das auch gern innerhalb von drei Minuten, immer wieder auf."



Weitere Artikel: Yelizaveta Landenberger führt in der taz durch die ukrainische Experimental-Szene. Frederik Hanssen blickt für den Tagesspiegel aufs Programm der kommenden Saison beim DSO Berlin. Imke Merit Rabiega und Julian Theilen (Welt) sowie Eva Dinnewitzer (Presse) malen sich aus, was der Lorde-Sommer wohl so bringen mag.

Besprochen werden das neue Album von Billy Idol (Welt), ein Frankfurter Auftritt von Omer Klein (FR), ein Wiener Auftritt der US-Jazzsängerin Jazzmeia Horn (Standard), Julien Bakers und Torres' Countryalbum "Send Me a Prayer My Way ("Es plätschert belanglos, man versichert sich der eigenen Bedeutung, gibt sich verletzlich", seufzt Karl Fluch im Standard) und Ichiko Aobas Album "Luminescent Creatures" (taz).

Archiv: Musik
Stichwörter: Wilson, Steven, Progrock, Lorde