Im Kino

Wie entkernt

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh
30.04.2025. Ein Paar, das den Ruhestand im Paradies verbringen möchte, aber plötzlich nichts mehr miteinander anfangen kann. Denis Pavlovic hat mit "Mañana Sol" einen Dokumentarfilm über seine Eltern gedreht, die auf den Kanarischen Inseln einem Traum hinterher jagen, der längst obsolet geworden ist.

Jeder Mensch ist eine Insel. Oder zumindest wohnen diese beiden Menschen je auf einer Insel: Jadranka Pavlovic auf Gran Canaria, Aleksandar Pavlovic auf Teneriffa. Hinter ihnen liegen 35 Ehejahre, zwischen ihnen nun das Meer. Hier hatten sie sich damals kennengelernt - und dann beschlossen, hier auch ihren Lebensabend zu verbringen: Ferien für immer. Der Traum wurde wahr, entpuppte sich aber bald als schal: Ennui und Trennung folgten. Ehe-Aus im Urlaubsparadies, im Leben gestrandet am vielleicht schönsten Strand der Welt. Wo die nächste Warsteiner-Kneipe aber trotzdem nie weit weg ist.

Der Filmemacher Denis Pavlovic teilt seinen Nachnamen mit den Ex-Eheleuten nicht zufällig: Als Sohn Jadrankas und Aleksandars hat der Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg einen privilegierten Zugriff zu den beiden. Zum Thema wird das familiäre Verhältnis im Film allerdings nicht: Seine Kamera verweilt oft in statischer Halbnähe zu den Protagonisten, wagt sich nur behutsam an sie heran. Oft laufen neben den Bildern Interviewtonspuren. Der Film macht nicht auf intim, ist aber aufrichtig interessiert an den beiden und ihrer Lage. Vielleicht, weil die Trennung ein Rätsel ist und über weite Strecken bleibt. Wie auch Jadranka und Aleksandar immer wieder eher diffus darauf zu sprechen kommen. Eine ungefähre Ahnung bekommt man aber doch: Auf einmal ist da all diese Zeit. Auf einmal ist da all dieser Strand. Auf einmal ist da dieser Mensch, mit dem man zwar verheiratet ist, der aber wegen Arbeit fast immer fort gewesen ist. Und jetzt?

"Mañana Sol" ist ein Dokument der Ernüchterung, gehalten in den schönsten, kräftigsten Farben, die das Sonnenlicht vor der Nordwestküste Afrikas hergibt. Und ein Dokument der Ratlosigkeit. Jadranka stürzt sich darauf, mit 68 eine eher freudlose Bar in einem Touristenressort wiederzubeleben. Nicht an ihrem Alter soll man sie messen, sondern an dem, was sie tut. Wenn man sie als den "wilden Vogel von der Bar" kennen würde, wäre ihr das nur recht. Aufbruch in den zweiten Frühling, aber ohne genaue Zielvorgabe. Liebe brauche sie zwar schon - aber es gehe wohl auch ohne. Sie wirkt fahrig, leicht überfordert mit der Lage - obwohl sie die Trennung wohl eingeleitet hat. Aleksandar hingegen will es, aller gesundheitlichen Probleme zum Trotz, nochmal mit dem Tauchen probieren. Bis dahin hält er sich oft an seinem Handy fest: Anrufe bei und Nachrichten für Jadranka. Bei jedem "alles klar", das er ihr auf die Mailbox spricht, merkt man, dass er in seiner Bedürftigkeit leidet wie ein Hund. Ein Treffen zum Geburtstag Jadrankas wird schließlich ziemlich unangenehm: Er will ihr ein gemeinsames Wochenende am Ort ihrer ersten Begegnung schenken, sie wiegelt deutlich ab, wechselt das Thema.


Erst Arbeit, dann Rente. Einmal im Jahr Urlaub im Ressort, im Rentenalter für immer. "Mañana Sol" zeigt - behutsam, ohne zu urteilen, aber mit einem Schuss Melancholie -, wie entkernt einstmals leidenschaftlich geträumte Träume mittlerweile sind, wie wenig solche Lebensentwürfe heute noch tragen. Die touristische Welt der Kanarischen Inseln, ihr Glücksversprechen einer Auszeit vom entbehrungsreichen Arbeitsalltag, wirkt wie eine leere Fassade, Hinterlassenschaft einer Zeit, die längst vorbei ist, ein obsolet gewordenes Utopia. "Das Beste draus machen", "das Beste aus meinem Leben noch rausholen", das sind die Sätze, die hier fallen. Entschlossenheit, die Resignation einmantelt.

Und trotzdem ist da ein Überschuss im Film: Immer wieder und insbesondere in den faszinierenden Landschaften jenseits der verplombten Touri-Welt lässt Denis Patlovic im Kontrast zu den statischen Passagen seine Kamera kreisen und Purzelbäume schlagen, lässt die Welt buchstäblich Kopf stehen - wenn es darum geht, Ausbrüche zu formulieren, Möglichkeiten aufzuzeigen, Freiheitsdrang zu bebildern. Am Schluss steigt Aleksandar tatsächlich ins Wasser, geht ein ins tiefe Blau. Und Jadranka tanzt am Strand. Jeder Mensch mag zwar eine Insel sein, aber auf jeder Insel geht am nächsten Morgen wieder die Sonne auf. Vielleicht müssen wir uns Jadranka und Aleksandar doch als glückliche Menschen vorstellen.

Thomas Groh

Mañana Sol - Deutschland - Regie: Denis Pavlovic - Laufzeit: 90 Minuten

"Mañana Sol" ist aktuell auf Doc Around Euro für 5 Euro im Stream zu sehen.