Efeu - Die Kulturrundschau
Adiós, Super-Mario
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14.04.2025. Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist tot: Die Zeitungen trauern um einen Autor, der politische Missstände aufgezeigt und mit der "atemberaubenden Vitalität lateinamerikanischer Wirklichkeiten" gespielt hat. Die Welt feiert die Ambivalenz von Stefanie Reinspergers Sissi am Burgtheater, die SZ hingegen nervt der Feminismus in einfacher Sprache von Mareike Fallwickls Stück. Backstage Classical kritisiert die ARD, die klassische Konzerte auf Youtube hochlädt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.04.2025
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Literatur

"Wie aber haben sich die politischen Missstände Lateinamerikas so lange halten können", fragt Kersten Knipp in der NZZ in einem vor allem auf Vargas Llosas politischer Biografie fokussierenden Nachruf. "Teils durch nichts als bloße Gewalt. Wie die sich zur Herrschaftssicherung einsetzen lässt, hat Vargas Llosa in seinem Roman 'Das Fest des Ziegenbocks' gezeigt, einem politisch-psychologischem Porträt des dominikanischen Potentaten Rafael Leonidas Trujillo, der sein Land bis zu seiner Ermordung 1931 diktatorisch regierte und plünderte." In seinem Roman "Krieg am Ende der Welt" indessen "zeigt Vargas Llosa eindrücklich, welche Kräfte Ideologie freizusetzen vermag".
"Leben und Schreiben, Reisen und Sich-Erinnern, das eine die Ergänzung des anderen", hält Marko Martin in der Welt fest. Schon viele Jahre vor dem Nobelpreis "war Vargas Llosa so etwas wie eine lebende Legende". Sicher ein Mitbegründer des Magischen Realismus, doch wo García Márquez "durchaus archaische Mythen revitalisierte, ging es MVL eher um lustvolle Dechiffrierung. 'Gespräch in der Kathedrale' und 'Das grüne Haus', seine frühen und sprachlich hochkomplexen Romane, in denen oft innerhalb eines einzigen Satzes Zeit- und Handlungsebenen changieren und Quechua-Sprache auf klassisches Spanisch trifft, ohne dass es je enigmatisch-kryptisch geworden wäre, spielen mit der atemberaubenden Vitalität lateinamerikanischer Wirklichkeiten, ohne sich dieser freilich ganz auszuliefern." Kurz: "Einen wie ihn wird es wohl nicht mehr geben. Adiós, Super-Mario." Auf FAZ.net führt Andreas Platthaus kurz und knapp durch Vargas Llosas Leben und literarisches wie politisches Schaffen.
Der bei Suhrkamp veröffentlichende Schriftsteller Andreas Maier kontextualisiert Siegfried Unselds jüngst aufgedeckte NSDAP-Mitgliedschaft (unsere Resümees hier, dort und an dieser Stelle) mit der eigenen Familiengeschichte und seiner eigenen Literatur: Erst überaus spät und durch einen Zufall entdeckte er nämlich, dass der familiäre Wohlstand, in dem er aufwuchs, auf der Enteignung einer jüdischen Familie aufgebaut war (was er im Roman "Die Familie" verarbeitete). "Ich selbst hatte drei Jahre Gelegenheit, Siegfried Unseld zu fragen. Meinen Sie, ich wäre je auf den Gedanken gekommen? Dass in seiner Umtriebigkeit, aber auch Führungskraft (er war auch mal Fähnleinführer der Jungschar) ... Verdachtsmomente liegen konnten - im Nachhinein wird das sekundenschnell klar. Jetzt fügt es sich, und am Ende steht dann vorläufig so ein Produkt wie ich: ein Kind der Schweigekinder, mit seiner Schweige- und sogar seiner anschließenden 'Erweckungs'-Literatur, verlegt im Verlag des großen Verschweigers, dessen Schweigekinder wir Autoren und Autorinnen nun mit einem Mal alle geworden sind. Denn vermutlich keiner von uns hat Unseld je gefragt. Wie bei meiner eigenen Familie: Wir sind nicht einmal auf den Gedanken gekommen."

Besprochen werden unter anderem Olivier Schrauwens Comic "Sonntag" ("Ein Buch für die Comicgeschichtsbücher, ein Sonntagskind dieser Kunstform", jubelt Andreas Platthaus restlos begeistert in der FAZ) und Nils Westerboers Science-Fiction-Roman "Lyneham" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Thomas Brose über Maurice Chappaz' "Alleluja":
"Kommt aus euren Häusern raus,
kommt aus euren Werken!
Der Tod ist wie ein frischer Tau ..."
Bühne

Was für ein Abend, staunt Jakob Hayner in der Welt, der im Burgtheater Stefanie Reinsperger dabei zugeschaut hat, wie sie Fritzi Wartenbergs Inszenierung von Mareike Fallwickls Stück "Elisabeth!" den Sissi-Mythos dekonstruiert. Für ihn ist "Reinsperger die bestmögliche, ja die einzig mögliche Besetzung für diesen Monolog. Ihr körperliches Spiel ist wie ein ständiger Energiefluss, der den Text erfasst. Sie schlägt sich auf die Brust und kullert über die Bühne, sie schreit und weint. Sie nimmt die Zuschauer nicht nur mit, sie reißt sie mit. Geschickt bricht Reinsperger ihr eigenes Spiel immer wieder, die Fallhöhe zwischen Wiener Schmäh und Kommentarebene kann es locker mit den Achterbahnen auf dem Prater aufnehmen." Fallwickl macht die Zerrissenheit und die Ambivalenzen der Figur Sissi zwischen Schönheitswahn, herrschender Klasse und patriarchaler Unterdrückung so deutlich, dass es für den Kritiker die Verweise auf Gisèle Pélicot oder Imane Khelif nicht gebraucht hätte: "Weder zum Verständnis der Sisi-Figur noch der Gegenwart trägt das irgendetwas bei. Diese effekthascherischen Aktualitätssignale sind zum Ärgern und Fremdschämen. Zudem die Botschaft des Abends auch ohne überflüssige Querverweise ankommt."
Für Wolfgang Kralicek in der SZ ist Stefanie Reinspergers Performance ebenfalls das Highlight, ansonsten kann er an dem Stück wenig Gutes finden: "Fallwickls literarisch oft arg einfach gestrickte Texte sind so plakativ, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen. (…) (Sissis) Verhältnis zu ihrem Ehemann Franz Joseph und dessen Verhältnissen ('Wenn eine Frau sich nicht selbst kümmern will, besorgt sie eine, die es tut'), ihre fragwürdige Ernährung ('Saft aus sechs Kilo ausgepresstem Ochsenfleisch') und ihre radikalen Diäten (bei der Obduktion wurden Hungerödeme festgestellt) werden angesprochen, Kate Moss wird zitiert ('Nothing tastes as good as being skinny feels'). Und damit man auch ganz sicher versteht, was aus all dem abzuleiten ist, streut Fallwickl immer wieder Merksätze ein. Zum Beispiel: 'Wenn eine Frau sich im Spiegel anschaut, schaut sie sich mit dem Blick der gesamten Gesellschaft an.'" Diesen "Feminismus in einfacher Sprache" hätte der Kralicek nicht gebraucht. Eine weitere Besprechung liefert der Standard.
Weiteres: Esther Slevogt resümiert für nachtkritik das Berliner Theaterfestival FIND an der Schaubühne. Besprochen werden außerdem Puccinis Oper "Madama Butterfly" die im Festspielhaus Baden-Baden (FR-Kritikerin Judith von Sternburg hebt besonders die Sänger Jonathan Tetelman und Eleonora Burrato in den Hauptrollen hervor, FAZ), Wajdi Mouawads "Die Wurzel aus Sein", inszeniert von Stefan Bachmann am Burgtheater Wien (Nachtkritik, Standard), Tschechows "Die Möwe" am Thalia Theater Hamburg in der Inszenierung von Charlotte Sprenger (Nachtkritik), Thorsten Weckherlin inszeniert Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" am Landestheater Tübingen (Nachtkritik),
Luk Perceval inszeniert Samuel Becketts "Warten auf Godot" im Berliner Ensemble (FAZ).
Musik
"Zumindest fragwürdig" findet es Axel Brüggemann im Kommentar auf Backstage Classical, dass die ARD-Anstalten mit ARD Klassik nun einen Youtube-Kanal für Klassikkonzerte unterhalten, damit "mit Gebühren finanzierte Inhalte auf den Plattformen privater Anbieter" verbreiten und damit seiner Ansicht nach etwa der nur gegen Abogebühr zugänglichen Mediathek der Berliner Philharmoniker, aber auch den Youtube-Versuchen anderer Orchester Konkurrenz machen. Fast noch schlimmer findet er aber den Verzicht auf vorgeschaltete Werbung, mit der sich eigentlich viel Geld machen lassen könnte: "Der durch Gebühren bezahlte Content (die Konzerte) finanziert indirekt ein privates Unternehmen wie YouTube. Das ist so, als würde das ZDF eine große Show produzieren und sie RTL für eine Ausstrahlung schenken. Ganz zu schweigen davon, dass die ARD ihre Inhalte kostenlos an einen Anbieter weitergibt, der das Umfeld dieses Contents bestimmt. Und was sagen privat wirtschaftende Produzenten dazu, die darauf angewiesen sind, mit ihren Konzerten (etwa bei internationalen Sendern) Geld zu verdienen?"
Die Jungle World lässt zu dessen Fünfzigstem weiter über Punk diskutieren: Dass Punk Vordenker für die Selbstausbeutung im neoliberalen Kapitalismus gewesen sei (wie Tobias Brück behauptete), davon will Markus Hennig nichts wissen - denn im Punk "geht es vor allem um das wütende Ich, das sich nicht einschränken lassen will", und darum, "dieses Ich zugleich in seinem Scheitern" auszustellen. "Denn das punkige Subjekt ist nicht das souveräne Subjekt der bürgerlichen Gesellschaft. Gerade deshalb ist bereits die früheste Punkbewegung maßgeblich von Frauen ausgegangen. Sie haben nicht den Anspruch, der männlichen Souveränität zu entsprechen; aber gerade deshalb sind sie in der Geschichte des Punk auch schnell verschwunden, sobald diese wieder anhand von großen Subjekten erzählt werden sollte."
Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Jürgen Roth dem Gitarristen Ritchie Blackmore zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein Konzert des Ensemble Pygmalion im Rahmen der Frankfurter Bachkonzerte (FR) und die Ausstellung über die Klaviere der Hersteller Steinway & Sons und Grotrian-Steinweg im Städtischen Museum Braunschweig (NMZ).
Die Jungle World lässt zu dessen Fünfzigstem weiter über Punk diskutieren: Dass Punk Vordenker für die Selbstausbeutung im neoliberalen Kapitalismus gewesen sei (wie Tobias Brück behauptete), davon will Markus Hennig nichts wissen - denn im Punk "geht es vor allem um das wütende Ich, das sich nicht einschränken lassen will", und darum, "dieses Ich zugleich in seinem Scheitern" auszustellen. "Denn das punkige Subjekt ist nicht das souveräne Subjekt der bürgerlichen Gesellschaft. Gerade deshalb ist bereits die früheste Punkbewegung maßgeblich von Frauen ausgegangen. Sie haben nicht den Anspruch, der männlichen Souveränität zu entsprechen; aber gerade deshalb sind sie in der Geschichte des Punk auch schnell verschwunden, sobald diese wieder anhand von großen Subjekten erzählt werden sollte."
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Kunst

Weitere Artikel: Bernhard Schulz denkt für Monopol darüber nach, was ein wiederentdecktes Wandgemälde von Gerhard Richter für dessen Werk bedeutet. Timo Feldhaus unterhält sich für die Berliner Zeitung mit Juergen Teller über dessen Auschwitz-Fotografien (unsere Besprechung).
Besprochen werden: Die beiden Berliner Yoko Ono-Ausstellungen "Music of the Mind" im Gropius-Bau und "Dream Together" in der Neuen Nationalgalerie (FR), "Elegante Blüten. Darstellung von Flora und Fauna in der Kunst Japans" im Berliner Humboldtforum (Zeit Online) und "Supernovas!" mit Kunstwerken des bahamischen Künstlers Tavares Strachan in der Kunsthalle Mannheim (Taz).
Film

Die extreme Aufregung um die Netflix-Serie "Adolescence" findet Jonathan Guggenberger in der FAZ überaus befremdlich: Für ihn ist das pädagogisches Fernsehen, bei dem jeder Gedanke und jede Überlegung schon von vornherein feststeht - als Erklärstück über die Zunahme von Gewalt junger Männer gegenüber Frauen strotze die Serie daher voller Klischees mit der Funktion Eltern aus ihrer Verantwortung zu nehmen. Denn "es war der Computer, der die Gewalt ins Kinderzimmer brachte. Gut gemeint, aber nicht originell. Und als Moral eines Serienplots über die Katastrophe eines Mords an einer Teenagerin ziemlich faul. ... Was der Hype um 'Adolescence' letztlich ausblendet ist die Frage, für wen die Serie überhaupt relevant ist. Für entfremdete Teenager? Nein. Für ihre zurecht besorgten Eltern? Ja. Und das ist die ganze Misere. Denn der sorgenvolle Blick der Serie kommt noch immer von oben. 'Adolescence' ist kein radikaler Ausdruck einer um Aufmerksamkeit ringenden Jugend, sondern bespielt präzise die Empörungsklaviatur ihrer Eltern."
Weitere Artikel: Josef Grübl stöhnt in der SZ über Arnaud Lemorts Film "Voilà Papa", der für ihn sinnbildlich für die ganze Misere der französischen Boulevardkomödie steht: "Dort ist alles so wie immer, dort werden weiterhin Filme fabriziert, die so vorhersehbar und altmodisch sind." Elmar Krekeler porträtiert in der Welt die Schauspielerin Julia Koschitz. Reinhold Zwick sichtet für den Filmdienst Filme über Jesu Auferstehung. Heide Rampetzreiter staunt in der Presse über den sagenhaften Kassenerfolg der Verfilmung des Videospiels "Minecraft".
Besprochen werden die zweite Staffel der HBO-Serie "The Last of Us" ("die klügste Zombiesaga unserer Zeit ist zurück", ruft Arabella Wintermayr in der taz) und James Hawes' Thriller "The Amateur" mit Rami Malek (Welt).
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