Efeu - Die Kulturrundschau
Flammender Engel wider Willen
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05.03.2025. Der taz wird in einer Istanbuler Ausstellung von Ahmet Güneştekin das Dilemma politischer Pop-Art vor Augen geführt: Kritische Ideen, gefällige Umsetzung. Eher um nichts als um alles geht es in Bong Joon-hos Science-Fiction-Spektakel "Mickey 17", ärgert sich die NZZ. Der Standard macht sich auf zum Theater an der Ruhr, wo mutige Theatermacher Pasolini gegen rechte Scharfmacher in Stellung bringen. Amerikanische Filmproduzenten schauen nur aufs Geld, meint Horrorfilmregisseur Tilman Singer in einem Roundtable-Gespräch auf critic.de - und findet das gar nicht mal so schlecht.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
05.03.2025
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Kunst

Die Künstlerin Sung Tieu kam als Tochter eines vietnamesischen ehemaligen DDR-Vertragsarbeiters 1992 nach Deutschland. In ihren Arbeiten, denen die Berliner Kunstwerke derzeit eine Soloausstellung widmen, thematisiert sie Rassismus- und Ausgrenzungserfahrungen sowohl in der DDR als auch im wiedervereinigten Deutschland. Jens Hinrichsen betrachtet für den Tagesspiegel Werke, "die von Spannungen zwischen individuellen Lebensrealitäten und behördlicher Regulierung erzählen. Die Familiengeschichte der Künstlerin wird auch in der Ausstellung widergespiegelt. Die Fotoarbeit 'What holds us here?' zeigt Sung Tieu mit ihrer Mutter auf einer Bank sitzend, als Bild im Bild, das auf einer öffentlichen Plakatfläche erscheint. Ein intimer Moment, der auf einen regennassen Bahnsteig verpflanzt wird: Das Private wird auf unangenehme Weise politisch."
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Ingo Arend stellt in der taz Ahmet Güneştekin vor, einen türkischen Künstler, dem das Istanbuler Museum Feshane derzeit eine Werkschau widmet und der in seinen Arbeiten politische Kritik mit massentauglicher Ästhetik verbindet. Das bringt durchaus auch Schwierigkeiten mit sich: "Güneştekins Werk verkörpert paradigmatisch das Dilemma politischer Pop-Art: Kritische Ideen, gefällige Umsetzung - es ist so bunt, dass es die Kritik gleichsam in eine Ware verwandelt. Als Güneştekin 2021 im kurdischen Diyarbakır in seiner Ausstellung 'Erinnerungsraum' 34 farbige Särge in einem Festungsturm der Stadtmauer platzierte, um an die Zivilist:innen zu erinnern, die bei einem Feldzug der türkischen Armee gegen die Kurd:innen zehn Jahre zuvor getötet worden waren, wetterte der türkische Innenminister gegen ihn, die Hinterbliebenen der Opfer dagegen sahen deren Andenken verhöhnt."
Mehrere Medien (Tagesspiegel, FAZ, Berliner Zeitung, monopol) kommentieren die Ernennung Bernd Eberts zum neuen Chef der Dresdner Museen. In Belgien ist ein gestohlenes Breughel-Gemälde aufgetaucht, berichtet unter anderem der Standard. Auf monopol meint Charlie Stein: gerade angesichts des Rechtsrucks in unserer Gegenwart braucht es Geld für Kunst. Patrick Guyton fasst in der FR noch einmal den Skandal um die verschleppte Raubkunst-Rückgaben bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zusammen (siehe unter anderem hier). In der taz wiederum beschäftigt sich Klaus Hillenbrand mit einem anderen Raubkunstfall: dem Welfenschatz.
Besprochen werden die Schau "Kosmos Blauer Reiter" im Berliner Kupferstichkabinett (FAZ, FR) und Monika Maurer-Morgensterns Soloschau "Szenen auf Papier" im Berliner Achim Freyer Kunsthaus (taz).
Film

Nach seinem südkoreanischen Oscarerfolg "Parasite" (unsere Kritik) meldet sich Bong Joon-ho mit "Mickey 17" im Kino zurück. Robert Pattinson spielt in dem US-Science-Fiction-Film den Mann, der aus dem 3D-Drucker kam, einen "Expendable", von dem immer neue Versionen gedruckt werden können, sodass er in haarsträubenden, lebensbedrohlichen Experimenten von Wissenschaftlern ohne Sorge verheizt werden kann. "Es geht schlicht um alles und nichts", aber dann doch "eher um nichts", seufzt Patrick Holzapfel schwer genervt in der NZZ. "Es geht unter anderem um Trumpismus, ethische Fragen zum Tierwohl, Sexualität, künstliche Intelligenz, Postkolonialismus oder Migrationspolitik. Ein Film, als hätte jemand die wichtigsten Schlagworte des gesellschaftlichen Diskurses der letzten zwei Jahre genommen und in gut zwei Stunden gepresst. Es handelt sich um einen Liebesfilm, nein, einen Actionfilm, nein, ein philosophisches Drama, nein, eine Satire, nein, eine bizarre Sexkomödie, nein Hollywood-Kitsch im Weltall. ... Eigentlich verspricht dieses narrative Chaos große Kinofreude, aber weil das alles in einer aalglatten Ästhetik gefilmt wird, die Figuren einfallslos überzeichnet wirken und die Konflikte von einem Hollywood-Klischee (Eifersucht, Betrug, Bekehrung zum Guten et cetera) ins nächste tappen, stellt sich schnell eine Langeweile ein, die auch von einer ungewöhnlichen Sexszene mit zwei Robert Pattinsons nicht aufgefangen werden kann." Maria Wiesner hingegen feiert in der FAZ Bongs "präzise soziale Beobachtungen".
Das fand wegen der Oscars in den letzten Tagen keinen Platz: Bereits am Samstag hat critic.de ein episch langes Gespräch von Lukas Foerster mit Josefine Scheffler, Linus de Paoli, Till Kleinert und Tilman Singer veröffentlicht. Alle vier haben an deutschen Filmhochschulen studiert und arbeiten im weiten Sinne im deutschen Genre- und Horrorkino. Was früher von Hochschulen und Filmredaktionen rasch abgetan wurde, kommt heute zwar in den Genuss einer etwas liberaleren Durchlässigkeit - leicht zu bewerkstelligen ist Genrekino in Deutschland aber immer noch nicht. Insbesondere bei den Öffentlich-Rechtlichen gibt es dann doch immer wieder Gerangel um Geschmacksfragen. "Um Geld zu bekommen in Deutschland, ist man den Meinungen und dem Geschmack ausgeliefert von Menschen, die man nicht kennt, die man nie sieht, die irgendwo in Gremien sind und wo nie ganz klar ist, was da geschmacklich nicht funktioniert hat", erzählt Tilman Singer. "Das us-amerikanische kapitalistische Herangehen ist dagegen, ob sich etwas gut verkauft oder nicht gut verkauft. Und man kann dann darüber reden. Das gefällt mir viel besser, weil ich einfach verstehe, wo ich dran bin und worauf man hinarbeitet. Mir gefällt es besser, zu hören, wir glauben nicht, dass wir damit genug Geld verdienen können. Deswegen machen wir das nicht. Oder ja, wir glauben, wir können damit genug Geld verdienen, deswegen machen wir das."
Weitere Artikel: In Israel nimmt man den Oscar für Yuval Avrahams und Basel Adras Dokumentarfilm "No Other Land" eher verhalten zur Kenntnis, berichtet Maria Sterkl in der FR. Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der Schauspielerin Ariana Labed über deren Regiedebüt "September & July". Nadja Goldhammer informiert in der FR, warum der Schauspielerin und Prinz-Harry-Ehefrau Meghan Markle für ihre auf Netflix gezeigte Reality-Soap "With Love, Meghan" im Netz viel Spott und Häme entgegen schlägt.
Besprochen werden Jennifer Wickhams, Brenda Michells und Michael Toledanos auf Netflix gezeigter Dokumentarfilm "Yintah" über den Kampf indigener Frauen in Kanada gegen den Bau einer Pipeline (FAZ), Katharina Pethkes Essayfilm "Reproduktion" über die Vereinbarkeit von Mutterschaft und künstlerischer Karriere (FAZ), die Netflix-Adaption von Giuseppe Tomasi di Lampedusas Romanklassiker "Der Leopard", die weder bei taz, noch bei der Welt gut ankommt, und Sassan Niasseris Buch "Defcon 1 - Die Geschichte des Atombombenkinos" (Welt).
Bühne
Ronald Pohl stellt im Standard das Mühlheimer Theater an der Ruhr vor, das mit Mitmach- und Nahbarkeitsbühnenkunst dem politischen Gegenwind wie auch den Zwängen des Repertoirebetriebs widersteht. Dass "eines der ungewöhnlichsten Stadttheater der Bundesrepublik" derzeit den Pier-Paolo-Pasolini-Abend "Io so - Mittelungen an die Zukunft" (mehr hier) auf dem Programm hat, kann da kein Zufall sein: "Pasolini, der kommunistische Gottsucher, bildet die Brücke, die aus der Vergangenheit pfeilgerade in die Zukunft führt. Zu Lebzeiten trat dieser Heilige wider Willen wie ein flammender Engel auf. 'PPP' beklagte lauthals die Verfälschung aller Werte: die Korrumpierung jeder Form von Volkstümlichkeit. Jetzt führt man auch in Deutschland den Begriff der 'Volksgemeinschaft' wieder im Mund. Gegen solche Marktschreier betreiben Ciulli und Kollegen das Theater an der Ruhr: im Raffelbergpark, flankiert vom Gebrumm der Ruhrpott-Autobahn."
Außerdem: Stefan Weiss spricht im Standard mit den Kabarettisten Marina "Malarina" Lacković und Lukas Resetarits. Wiebke Hüster schreibt in der FAZ über Boris Charmatz' vorzeitigen Abgang am Tanztheater Wuppertal.
Besprochen werden Jette Steckels "Mephisto" an den Münchner Kammerspielen (FAZ, "gewitzt, klug und uneingeschränkt charismatisch"), Christof Loys Puccini-Inszenierung "Turandot" am Theater Basel (NZZ, "szenische Details irritieren") und Dušan David Pařízeks Inszenierung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (Welt, "Durch den Schuss Ayn Rand bekommt der Klassiker Brecht neue Frische").
Außerdem: Stefan Weiss spricht im Standard mit den Kabarettisten Marina "Malarina" Lacković und Lukas Resetarits. Wiebke Hüster schreibt in der FAZ über Boris Charmatz' vorzeitigen Abgang am Tanztheater Wuppertal.
Besprochen werden Jette Steckels "Mephisto" an den Münchner Kammerspielen (FAZ, "gewitzt, klug und uneingeschränkt charismatisch"), Christof Loys Puccini-Inszenierung "Turandot" am Theater Basel (NZZ, "szenische Details irritieren") und Dušan David Pařízeks Inszenierung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (Welt, "Durch den Schuss Ayn Rand bekommt der Klassiker Brecht neue Frische").
Musik
Jakob Biazza plaudert für die SZ mit Lenny Kravitz. Ljubiša Tošić porträtiert für den Standard den Schlagzeuger Alex Deutsch. Christian Schachinger bereitet im Standard aufs Elevate Festival in Graz vor. Besprochen werden Chris Imlers neues Album "The Internet Will Break My Heart" (FR), Christopher Owens' Album "I Wanna Run Barefoot Through Your Hair" (Jungle World), neue Klassik- und Jazzveröffentlichungen (Standard) und Albrecht Schraders neues, schlicht nach ihm selbst benanntes Album (taz).
Literatur

Weiteres: Martin Erdmann blickt für den Tagesanzeiger auf Onlineaktivitäten von Bücherfans. Besprochen werden unter anderem Alan Moores "Jerusalem" ("ein fulminanter Geistertanz auf den Ruinen des Kapitalismus", schwärmt Thomas Hummitzsch auf Intellectures), Chimamanda Ngozi Adichies "Dream Count" (FR), Natasha Browns "Von allgemeiner Gültigkeit" (Standard), neue Bücher über Thomas Mann (Tell), Aldous Huxleys Reiseberichte "Along the Road" (online nachgereicht von der FAZ), Aria Abers Debütroman "Good Girl" (Zeit Online), Tarjei Vesaas' "Frühlingsnacht" (NZZ), das Comic-Comeback von "Captain Future" (Standard), António Lobo Antunes' "Am anderen Ufer des Meeres" (FAZ) und Annegret Liepolds Debütroman "Unter Grund" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur
Die Feuilletons würdigen den diesjährigen Pritzker-Preisträger Liu Jiakun. Der chinesische Architekt macht sich mit vielen seiner Arbeiten ums nachhaltige Bauen verdient, erläutert Niklas Maak in der FAZ. In seinem Heimatland bringt eine solche Herangehensweise Probleme mit sich: "Wie schwer es ist, in China Bauten zu errichten, die zum sozialen Zentrum eines Orts werden können, zeigt sich bei Lius Shuijingfang Museum. Liu gestaltete den Kulturbau so, dass er sich mit seinen traditionellen Dachformen, dem rohen Stein, mit Holzfassaden und einem minimalistischen Laubengang sensibel in das umliegende traditionelle Wohnviertel einfügte. Kaum war das Museum fertiggestellt, wurde das Wohnviertel allerdings restlos abgerissen. Nun steht das neue Museum wie die Erinnerung an eine Welt, die es nicht mehr gibt, in einem brandneuen Vergnügungs- und Ausgehbezirk." In der SZ freut sich Gerhard Matzig darüber, das mit Liu "ein Poet unter den Architekten" den Preis gewonnen hat. Im Standard porträtiert Czaja Wojciech Liu.
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