25 Jahre Perlentaucher
Gespenstisch aktuell
Von Martin Ebel
05.03.2025. "Zugleich mit Schweizer und deutschen Augen auf die Literatur schauen." Martin Ebel antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Fünf Titel aus 25 Jahren
Wenn ich meine Auswahl mit den bereits genannten Titeln meiner geschätzten Kollegen vergleiche, stelle ich fest, dass sie stark von ihnen abweicht. Das mag daran liegen, dass ich zugleich mit Schweizer und deutschen Augen auf die Literatur schaue. Interessant aber auch, dass die Bücher, die mich am stärksten beeindruckt haben und die mir geblieben sind, allesamt solche sind, die ungeachtet ihres hohen Anspruchs auch einem breiten Publikum vermittelbar waren und sind.
Markus Werner ist 2016 gestorben, sein Werk umfasst sieben schmale Romane, sie sind für mich ein Maßstab für stilistischen Rang, sprachliche Dichte und moralische Lauterkeit. Da ist kein Wort zuviel, und keins, das nicht genau trifft. "Am Hang", 2004 erschienen, ist sein letztes Buch. Ein älterer und ein jüngerer Mann sitzen zwei Abende lang auf einer Hotelterrasse, trinken, reden, streiten und entdecken, wie ihr Leben miteinander verquickt ist. Das Gewichtige und das Leichte bringt Werner in Thema und Ton in eine traumwandlerische Balance. Am Ende angelangt, erzwingt das Buch eine zweite Lektüre - und alles erscheint in anderem Licht.
Uwe Tellkamp hat sich politisch in den letzten Jahren verstrickt und verkrampft, das hat auch seinem jüngsten Roman "Der Schlaf in den Uhren" nicht gut getan. "Der Turm" (2008) aber ist für mich ungeachtet dessen das beste Buch über die Endphase der DDR, eine episch-poetische Großtat, sprachlich auf einer Höhe, die wenige seiner Generation erreichen. Es ist auch ein Buch über Selbsttäuschung und Selbstbeweihräucherung eines Bürgertums, das es auch im "realexistierenden Sozialismus" gab.
Jenny Erpenbeck wird neuerdings zur Nobelpreisträgerin in spe ernannt, wegen des internationalen Ruhmes für "Kairos". Der viel bessere Roman aber ist "Aller Tage Abend" (2012). Darin gelingt es Erpenbeck, durch eine geniale Konstruktionsidee, ihre jüdische Heldin durchs katastrophale 20. Jahrhundert zu führen, sie fünfmal sterben zu lassen und durch eine winzige Verschiebung der Verhältnisse zu retten - die Autorin korrigiert das unerbittliche Rad der Geschichte (das die meisten anderen Figuren zermalmt).
Jonas Lüscher hatte mit seinem Debüt, der Novelle "Frühling der Barbaren" nicht nur die Schweizer Literaturwelt elektrisiert. Sein erster Roman "Kraft" zeigte ihn sofort als Meister. 2017 erschienen, ist der Roman von frischer Aktualität, wo sich gerade die Tech-Milliardäre dem alt-neuen Präsidenten Trump zu Füßen legen. In "Kraft" scheitert das müde Alt-Europa beim Versuch, sich im Optimismus-besoffenen Kalifornien zu sanieren. Lüscher ist philosophisch geschult, aber auch ein originärer Erzähler, der vom Tragischen zum Slapstick alle Register beherrscht.
Und schließlich zu Daniel Kehlmann, dem Darling der Leser, der, prophezeie ich, auf keiner Literaturkritiker-Liste auftauchen wird. Wohl aber auf meiner. "Lichtspiel" (2023) zeigt, dass jenes Thema, das die Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominiert hat (die hohe, die triviale, aber auch Film, Fernsehen…), noch immer nicht "ausgeschrieben" ist. Kehlmann wirft seinen Blick auf den Mitläufer, der zugleich Künstler ist, also verführbar durch die Mittel der Diktatur, und er bricht diesen Blick zugleich kaleidoskopisch - erfasst Täter und Betroffene unterschiedlichen Grades. Wer als junger Mensch überhaupt noch kein Buch über das "Dritte Reich" gelesen hat, bekommt mit diesem mehr als eine Ahnung, wie es gewesen sein kann, darin zu leben. Auch das gespenstisch aktuell.
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Fünf Titel aus 25 Jahren
Wenn ich meine Auswahl mit den bereits genannten Titeln meiner geschätzten Kollegen vergleiche, stelle ich fest, dass sie stark von ihnen abweicht. Das mag daran liegen, dass ich zugleich mit Schweizer und deutschen Augen auf die Literatur schaue. Interessant aber auch, dass die Bücher, die mich am stärksten beeindruckt haben und die mir geblieben sind, allesamt solche sind, die ungeachtet ihres hohen Anspruchs auch einem breiten Publikum vermittelbar waren und sind.
Markus Werner ist 2016 gestorben, sein Werk umfasst sieben schmale Romane, sie sind für mich ein Maßstab für stilistischen Rang, sprachliche Dichte und moralische Lauterkeit. Da ist kein Wort zuviel, und keins, das nicht genau trifft. "Am Hang", 2004 erschienen, ist sein letztes Buch. Ein älterer und ein jüngerer Mann sitzen zwei Abende lang auf einer Hotelterrasse, trinken, reden, streiten und entdecken, wie ihr Leben miteinander verquickt ist. Das Gewichtige und das Leichte bringt Werner in Thema und Ton in eine traumwandlerische Balance. Am Ende angelangt, erzwingt das Buch eine zweite Lektüre - und alles erscheint in anderem Licht.
Uwe Tellkamp hat sich politisch in den letzten Jahren verstrickt und verkrampft, das hat auch seinem jüngsten Roman "Der Schlaf in den Uhren" nicht gut getan. "Der Turm" (2008) aber ist für mich ungeachtet dessen das beste Buch über die Endphase der DDR, eine episch-poetische Großtat, sprachlich auf einer Höhe, die wenige seiner Generation erreichen. Es ist auch ein Buch über Selbsttäuschung und Selbstbeweihräucherung eines Bürgertums, das es auch im "realexistierenden Sozialismus" gab.
Jenny Erpenbeck wird neuerdings zur Nobelpreisträgerin in spe ernannt, wegen des internationalen Ruhmes für "Kairos". Der viel bessere Roman aber ist "Aller Tage Abend" (2012). Darin gelingt es Erpenbeck, durch eine geniale Konstruktionsidee, ihre jüdische Heldin durchs katastrophale 20. Jahrhundert zu führen, sie fünfmal sterben zu lassen und durch eine winzige Verschiebung der Verhältnisse zu retten - die Autorin korrigiert das unerbittliche Rad der Geschichte (das die meisten anderen Figuren zermalmt).
Jonas Lüscher hatte mit seinem Debüt, der Novelle "Frühling der Barbaren" nicht nur die Schweizer Literaturwelt elektrisiert. Sein erster Roman "Kraft" zeigte ihn sofort als Meister. 2017 erschienen, ist der Roman von frischer Aktualität, wo sich gerade die Tech-Milliardäre dem alt-neuen Präsidenten Trump zu Füßen legen. In "Kraft" scheitert das müde Alt-Europa beim Versuch, sich im Optimismus-besoffenen Kalifornien zu sanieren. Lüscher ist philosophisch geschult, aber auch ein originärer Erzähler, der vom Tragischen zum Slapstick alle Register beherrscht.
Und schließlich zu Daniel Kehlmann, dem Darling der Leser, der, prophezeie ich, auf keiner Literaturkritiker-Liste auftauchen wird. Wohl aber auf meiner. "Lichtspiel" (2023) zeigt, dass jenes Thema, das die Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominiert hat (die hohe, die triviale, aber auch Film, Fernsehen…), noch immer nicht "ausgeschrieben" ist. Kehlmann wirft seinen Blick auf den Mitläufer, der zugleich Künstler ist, also verführbar durch die Mittel der Diktatur, und er bricht diesen Blick zugleich kaleidoskopisch - erfasst Täter und Betroffene unterschiedlichen Grades. Wer als junger Mensch überhaupt noch kein Buch über das "Dritte Reich" gelesen hat, bekommt mit diesem mehr als eine Ahnung, wie es gewesen sein kann, darin zu leben. Auch das gespenstisch aktuell.1 Kommentar



