Markus Werner

Am Hang

Roman
Cover: Am Hang
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783100910660
Gebunden, 190 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Der junge Scheidungsanwalt Clarin freut sich auf ein ruhiges Pfingstwochenende in seinem Tessiner Ferienhaus. Am ersten Abend lernt er auf der Sonnenterrasse des Bellevue-Hotels einen älteren Herrn kennen, der sich ihm als Loos vorstellt, einen Sonderling, einen Verrückten vielleicht. Sie reden bis tief in die Nacht über Gott und die Welt, den Zeitgeist und die Frauen, erzählen sich ihre Geschichten, die immer intimer werden. Was als Gespräch zwischen Zufallsbekannten beginnt, gerät zu einem abgründigen Verwirrspiel, das fasziniert und verstört. Es sind zweifelhafte Umstände, unter denen Loos seine geliebte, fast vergötterte Frau verloren hat. Und dieser Verlust trägt dazu bei, ihm die Welt zu verdunkeln. Clarin hingegen lebt leicht und gern. Ferner könnten zwei Menschen einander nicht sein. Wie nah sie sich sind, stellt sich erst spät heraus.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.02.2005

"Eine ungeheuerliche Geschichte von leidenschaftlicher Liebe und Todessehnsucht, die sich beklemmend langsam aufrollt" - so beschreibt Nicole Henneberg den Roman von Markus Werner, den sie in die Reihe seiner bisherigen Werke stellt, um die Kontinuitäten der Motive zu erkennen und die Abweichungen hervortreten zu lassen. Wie in früheren Büchern, schreibt sie, geht es auch hier um Figuren, denen der Halt in der Realität abhanden kommt. Doch anders als beispielsweise der Lehrer Zündel aus Werners ersten Roman sucht Loos, eine der beiden Hauptfiguren des vorliegenden Buches, die Balance zu halten - "am Hang" Stabilität zu gewinnen -, indem er die Realität redend nach seinen Vorstellungen umformt. Sein Zuhörer ist Clarin, ein smarter Anwalt, der mehr und mehr in den "Sog" der pessimistischen Rhetorik von Loos gerät - und hier offenbart sich der Rezensentin zufolge ein weiterer Unterschied zu den frühreren Figurenkonstellationen des Autors: "Der Entwurzelte, an der Welt Zweifelnde zieht einem, der sich bisher souverän und fraglos im Leben behauptet hat, mit leidenschaftlicher Wut den Boden unter den Füßen weg." "Fast eine Liebesgeschichte" ist es, was zwischen den beiden Männern passiert und am Ende von der spannenden Ereignisarmut in "kriminalistischen Furor" mündet - nicht ganz zur Zufriedenheit der Rezensentin, hat man den Eindruck.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.10.2004

Lothar Müller erinnern die Romankonstruktionen Markus Werners an Elektroapparaturen, an die der Schweizer Autor gekonnt Spannung anlegt. "Am Hang" ist eine "strikt bipolare Konstruktion", die einen jungen Anwalt und einen geheimnisvollen Fremden aufeinander treffen lässt. Während der Anwalt als "Womanizer" gezeichnet wird, der sich nicht binden will und von Affäre zu Affäre zieht, ist sein Gesprächspartner ein "misanthropischer Zeitgeistverächter", der unter dem Scheitern seiner Ehe leidet, erklärt der Rezensent. Die "Hochspannung", in die das Buch treibt, erinnert an einen "Kriminalroman" und Werner dreht "kontinuierlich den Spannungsregler" hoch, so Müller anerkennend. Dabei liegt das Spannungsmoment in einem "Verdacht", den der Rezensent natürlich nicht verraten will, von dem er aber berichtet, dass er zunehmend alle Dialoge und Details des Romans in seinen Bann zieht. Mitunter leidet das Buch an einer gewissen "Überkonstruiertheit", räumt der Rezensent ein, doch er beeilt sich zu beteuern, dass man mit diesem Roman ein "anregendes Wochenende" verbringen kann.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.09.2004

Zu den Büchern, die man zwei Mal lesen will, gehört Markus Werners siebter Roman nicht - aber zu denen, die man ein zweites Mal lesen muss, bedauert Rezensent Andreas Isenschmid. Beim ersten Durchgang komme das Buch, in dem zwei Männer - der eine glaubt an die Ehe, der andere nicht - ihre Ansichten über das Leben in "lascher Ironie" zum Besten geben, etwas "öd" daher. Dies erstaunt den Kritiker umso mehr, da Werner, der "Meisteruhrmacher des Handlungsbaus", ansonsten voller "Charme und Witz" schreibt. Diesmal "eher faul" wirkt das Buch eher wie eine "fortgesetzte Kolumne mit zwei Stimmen". Erst das Ende, mit dem sich herausstellt, dass die Frau des einen mit der Affäre des anderen Protagonisten einiges gemeinsam hat, brachte den Kritiker ins Stutzen. Nach wiederholter Lektüre gesteht er dem Buch zwar eine gewisse Ironie und Doppeldeutigkeit zu, doch der "kalte Rückenschauder über dem Eis der Täuschung", den der Werner sich erhofft haben mag, stelle sich nicht ein: "Schwadronieren bleibt eben Schwadronieren."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.08.2004

Rezensent Oliver Pfohlmann muss sich ganz schön beherrschen, "nicht die böse Pointe" dieses "Kabinettstücks" von einem Roman zu verraten. Aber er schafft es und überschüttet den Autor Markus Werner mit Lob: Ein "Garant für Sucht erzeugende Prosa" sei er, seine Romane vor "Tragikomik, (Selbst-)Ironie" und Witz strotzend. Besonders hervorhebenswert am neuen Buch findet Rezensent Pfohlmann den meisterlichen Spannungsaufbau, der wie ein "den Höhepunkt raffiniert hinauszögernder Akt" anmute, quasi "Ars amandi und Purgatorium in einem". Erzählt wird der Roman aus Sicht des erfolgreichen und zeitgemäß leichtlebigen Anwalts Clarin, der ein Pfingstwochenende in einem Kurhotel verbringt. Dort lernt er Loos kennen, der als "weltfremder", "zaudernder Moralist" und damit - wie Rezensent Pfohlmann mit Kennermiene mitteilt- als der typische "Wernersche Protagonist" Clarins genaues Gegenbild abgibt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine zweitägige Debatte, an deren Ende "Clarins Kokon aus Selbstzufriedenheit zerrissen" ist. Pfohlmann gesteht ein, dass diese Figuren vielleicht "mehr dem Reißbrett als dem Leben entstammen" mögen und auch die Konstruktion des Romans am Anfang ein wenig "knarrt" - aber all das, so beteuert er, sei nach "fünfzig Seiten" vergessen, weil man von der "effektvoll kalkulierten Form" in den Bann geschlagen werde.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.08.2004

Ganz schlau wird man aus Andreas Nentwichs Rezension nicht, der verschiedene Kritikpunkte an Markus Werners Roman "Am Hang" aufführt, um dann im letzten Satz seiner Besprechung diese Argumente für unbedeutend zu erklären und Markus Werner eine virtuose "Verteidigung der Poesie" zugute zu halten. Zu den Kritikpunkten gehört u.a., dass Werner keinem "genuinen Erzählimpuls" folgt, sondern ein literarisches Planspiel anstellt, das sich dem Leser erst bei der zweiten Lektüre zu erkennen gibt. Entsprechend thesenhaft fallen für Nentwich auch die Für- und Widerreden seiner beiden Protagonisten beziehungsweise Kontrahenten aus, die sozusagen verschiedene Positionen im gesellschaftlichen Diskurs entwerfen: hier das kulturkonservative Lamento eines enttäuschten Linken, so Nentwich, dort ein relativistischer Pragmatismus, der vermeintliche Punktsiege erzielt. Nentwich ist ziemlich klar, dass Werners Sympathien dem lamentierenden Altlinken gehören; diese Figur zu zeichnen, gelinge dem Autor auch bestens, meint der Rezensent, wohingegen sein Gegenüber wie überhaupt die meisten Figuren des Romans recht fleisch- und saftlos blieben. Die Figur des kühl kalkulierenden Anwalts dient Werner letztlich nur als Projektion seines "Gegenwartsekels", kritisiert Nentwich, ein Manko, das der Autor am Ende anscheinend durch einen literarischen Schlenker wettmacht, den uns Nentwich vorenthält.
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