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15.02.2025. Die Jüdische Allgemeine registriert entsetzt den Hass auf Israel in der Filmbranche, der sich im Applaus für Tilda Swintons Kritik am "Kolonisator" Israel und dem Schweigen zu den israelischen Opfern ausdrückte. Die taz ist beeindruckt von der unideologischen Bildsprache in Tom Shovals Doku "A Letter to David" über den von der Hamas entführten Schauspieler David Cunio. Die FAS nähert sich dem Thema "Angst" in einer Ausstellung des Jüdischen Museums in Wien. Wie man Sprachlosigkeit lösen kann, lernt die beeindruckte FAZ bei einem Gedenkkonzert der Dresdner Philharmonie zur Bombardierung Dresdens mit Benjamin Brittens "War Requiem".
Nach dem Eklat am Ende der Berlinale des letztens Jahres rund um einseitige Parteinahmen gegen Israelwaren Sophie Albers und Ben Chamo von der Jüdischen Allgemeinen eigentlich frohen Mutes, dass es in diesem Jahr besser würde. Zumindest gab ein Blick ins ausgewogenere Programm und ein Gespräch mit der neuen Leiterin TriciaTuttle sowie Solidaritätsbekundungen mit dem noch immer als Hamas-Geisel verschleppten Schauspieler DavidCunio zu dieser Hoffnung Anlass. Bis dann auf der Eröffnungsgala TildaSwinton, die in diesem Jahr den Ehrenbär erhält, nach viel von der Filmkritik dankbar aufgesogenem Schmalz zum Kino als Ort der Herzensbildung in fein ziselierter Camouflage dann doch Klartext redete: "Plötzlich watschelte der sonst so elegant auf dem Wasser gleitende Schwan auf unwegsamem Gelände. Swinton verurteilte 'Besatzung' und 'Kolonisation', wetterte gegen den 'vom Staat verübten und international ermöglichten Massenmord'. ... Nein, sie benannte Israel nicht, doch natürlich wusste jeder, wer gemeint war, und in den Applaus mischte sich begeistertes Gejohle. Und Tuttle ... durfte am eigenen Leib erfahren, wie groß der Hass auf Israel in der Filmbranche sein muss. Vor Beginn des Eröffnungsfilms ('Das Licht' von Tom Tykwer) stellte sie sich vor den riesigen roten Vorhang, um an die zu erinnern, die nicht hier sein könnten, aber "in unseren Herzen" seien. Bei Iran und Sudan wurde geklatscht, bei Gaza und Westjordanland brach Freude aus, bei 'Israel' brachderApplausabruptzusammen."
Auf der Pressekonferenz zu ihrer Auszeichnung war Swinton um weitere Worte nicht verlegen: "Ich bin eine Bewunderin des BDS", sagte sie hier auf Nachfrage der israelischen Zeitung Haaretz (siehe im eingebetteten Video mit Zeitmarke). Dem aktuellen BDS-Ruf nach einem Boykott der Berlinale wollte die Schauspielerin dann aber doch nicht folgen - weil das Festival ihr eine Plattform biete, aber realiter wahrscheinlich eher, weil man bei aller Bewunderung auf einen Ehrenbär lieber doch nicht verzichten möchte. Swintons Parteinahme findet Christiane Peitz im Tagesspiegel "bedauerlich. Denn in ihrer ebenso poetischen wie politischen zehnminütigen Dankesrede bei der Gala-Eröffnung hatte sie sich gegen das Lagerdenken ausgesprochen und das Kino als Land ohne Grenzen gefeiert. ... Mit ihrer Sympathiebekundung für den BDS am Tag darauf fällt sie nun hinter ihr eigenes Plädoyer gegen simple Schwarz-Weiß-Muster zurück. Mit Boykottaufrufen bewegt und verändert man keine Köpfe und Herzen, sondern erklärt sich lediglich für auf der richtigen Seite der Geschichte. Kauft keine Waren von Israel, kauft nicht bei Juden? In Deutschland, dem Land der Shoah, lässt sich das nur klar antisemitisch verstehen."
Daniel Kothenschulte bedauert in der FR derweil nur, dass aus Swinton keine Filmkritikerin geworden ist. In der FAZfindet Bert Rebhandl Swintons verklausulierte Rede bei der Eröffnungsgala beeindruckend: "Sie sprach wie eine Diplomatin von einem Planeten der unbedingten Radikalität."
"Holding Liat" von Brandon Kramer Im Programm ist die Berlinale in diesem Jahr sehr zum Ärger von BDS tatsächlich mehr um Balance bemüht als im letzten Jahr. BrandonKramers Dokumentarfilm "Holding Liat" porträtiert einen israelischen Rentner amerikanischer Staatsbürgerschaft, dessen Tochter von der Hamas in den Gazastreifen entführt wurde. Der Film "zeigt Close-ups der Erschöpfung, der Verzweiflung, der Stärke - und des Streits", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Hier "wird der Nahost-Konflikt zum Familienkonflikt. Die Sorge um Liat und Aviv, die Wut über die Politik, es zerreißt die Angehörigen. Yehuda ist Pazifist, ein scharfer Kritiker von Netanjahu und den Hardlinern." Tom Shovals "A Letter to David" Außerdem läuft TomShovals Dokumentarfilm "A Letter to David" über DavidCunio, der am 7. Oktober von der Hamas entführt wurde. Shovals Film "Youth" mit Cunio lief vor einigen Jahren auf der Berlinale - trotz mehrfacher Hinweise konnte sich die alte Festivalleitung im vergangenen Jahr, wohl auch aus opportunistischen Gründen, jedoch nicht dazu bewegen lassen, an Cunios Schicksal zu erinnern. Im aktuellen Film "verzichtet Shoval auf die schockierenden Bilddokumente, die vom 7.Oktober selbst existieren", schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. "Die Gewalt ist ohne Voyeurismus anwesend. Statt sie zu reproduzieren, lässt der Regisseur Eitan, Sharon und andere Mitglieder der Familie sprechen. In einer Szene mit Eitan in den Ruinen des Kibbuz weht Gefechtslärm aus dem Gazastreifen herüber. Es wird nicht weiter kommentiert. Das Irrationale des Massenmordes vom 7. Oktober wird im Kontrast zu der unideologischenBildsprache von 'A Letter to David' sehr deutlich."
Mehr vom Festival: Inga Barthels (Tsp) und Pascal Blum (TA) berichten von der Pressekonferenz mit dem Schauspieler TimothéeChalamet, der in JamesMangolds (in FAZ und Welt besprochenem) Biopic "A Complete Unknown" BobDylan spielt. Fritz Göttler blickt in der SZ auf die Retrospektive der Berlinale zum "deutschen Genrefilm der Siebziger". Aus dem Festivalprogramm besprochen werden RebeccaLenkiewiczs Wettbewerbsfilm "Hot Milk" mit Vicky Krieps (Tsp), HuoMengs Wettbewerbsfilm "Living the Land" (taz), TomTykwers Eröffnungsfilm "Das Licht" (FD, mehr dazu hier), Martina Priessners "Die Möllner Briefe" (taz), Andreas Prochaskas österreichischer Horrorfilm "Welcome Home, Baby" (critic.de), LuziaSchmids Porträtfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (Tsp) und SarahMiroFischers "Schwesterherz" (taz). Artechockliefert Kurzkritiken vom Festival. Und der Kritikerspiegel auf critic.de füllt sich mit Bewertungen.
Abseits vom Festival unterhält sich Daniel Gerhardt für Zeit Online mit dem Schauspieler ChristianFriedel, der auch in der mittlerweile dritten Staffel des Serienphänomens "White Lotus" (nach WamS-Kritker Jan Küveler der "sehr, sehr schicke Spiegel" für unsere "sehr kaputte Gegenwart") mitspielt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Karin Janker spricht für die SZ mit dem spanischen SchriftstellerFernando Aramburu über dessen neuen Roman "Der Junge". Mara Delius porträtiert in der WamS die auf Literatenporträts spezialisierte FotografinIsoldeOhlbaum. Roman Bucheli hat sich für die NZZ mit dem SchriftstellerGeroldSpäth zum großen Gespräch über Leben und Werk getroffen. Thomas Combrink würdigt im Literarischen Leben der FAZ den Schriftsteller Gerhard Rühm, der in dieser Woche 95 Jahre alt geworden ist. Für die FAS spricht Tobias Rüther mit dem Schauspieler JeanReno, der mit "Emma" einen Thriller geschrieben hat. Im Literatur-Feature für Dlf Kulturwidmet sich Michael Hillebrecht der neuen irischen Literatur. Udo Badelt erinnert im Tagesspiegel an Baudelaire.
Besprochen werden unter anderem JanSnelas Romandebüt "Ja, Schnecke, ja" (taz), FemiKayodes Krimi "Gaslight" (taz) und ArnoFranks "Ginsterburg" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Angst ist ein gutes Thema für eine Ausstellung, besonders jetzt, findet Tania Martini in der FAS mit Blick auf die aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien. Und ein vielschichtiges: "Die Ängste der Mehrheitsgesellschaft sind oft andere als die der Minderheiten. Die Geschichte des Antisemitismus zeigt, wie die Phantasmen der Einen den Tod der anderen bedeuten können. ... Nackte Angst offenbart das düstere Gemälde 'Angst' des jüdischen Malers Felix Nussbaum. Das Selbstporträt im Stil der Neuen Sachlichkeit aus dem Jahr 1941 zeigt den Künstler in verzweifelter Erwartung des Bösen", das ihn 1944 einholte, als er mit seiner Frau nach Auschwitz deportiert wurde. "Das Angstthema wechselt abrupt an einer Vitrine mit einer Medikamentenschachtel. 'Ivermectin-biomo' ist darauf zu lesen. Es ist ein Medikament, das zur Parasitenabwehr entwickelt worden ist. 'Deutsch statt nix verstehn'-Kickl, jener rechtsextreme FPÖler, der gerade versucht, in Österreich Kanzler zu werden, und der der schlichten Idee anhängt, Eliten schützten nur sich selbst und verschwörten sich gegen das Volk, empfahl den Menschen das Medikament gegen Covid-19."
Ebenfalls für die FAS besucht Andreas Kilb die Ausstellung "A world in common" im c/o Berlin über Fotografie aus Afrika und unterhält sich mit dem britisch-ghanaischen Kurator Osei Bonsu. Denn mal im Ernst: Was wissen wir schon von der aktuellen Kunst und Kultur Afrikas? "Sosehr sich der Westen für sein eigenes Klischee von Afrika als eines Reichs von nachhaltigen Lehmbauten für Menschen ohne Schuhe, Maskenkunst und tribalem Wissen interessiert, so groß ist immer noch die Unkenntnis, was aktuelle Kunst und Theoriebildung aus Ländern wie Senegal, Marokko, Nigeria oder Kenia betrifft. Wer hat je ein Werk des Philosophen Souleymane Bachir Diagne studiert, eines der lesenswerten nigerianischen Theoretikerin Sophie Okuwole oder der Malerin und Philosophin Nkiru Nzegwu? Wer beschäftigt sich mit der politischen Theorie des in Nigeria lehrenden Olufemi Taiwo? Wer könnte auch nur fünf aktuelle Philosophen oder Gegenwartskünstler nennen, die in afrikanischen Ländern tätig sind?"
Besprochen werden außerdem drei Ausstellungen in St. Moritz, "Jean-Michel Basquiat. Engadin" bei Hauser & Wirth, "Wols" in der Galerie Karsten Greve und "Jordan Watson. Easier to Breathe" in der Dorfkirche (NZZ), die Daniel Neuberger gewidmete Schau "Wachs in seinen Händen" im Wiener KHM (Standard) sowie die Ausstellungen "Matthew Wong - Vincent van Gogh. Letzte Zuflucht Malerei" in der Wiener Albertina (Standard) und "Die Welt der Farben. Slowenische Malerei 1848-1918" im Unteren Belvedere in Wien (FAZ).
In der FRzeigt sich Sylvia Staude beeindruckt, wie frisch und aktuell Jura Soyfers "Der Weltuntergang" wirkt. Soyfer war im Alter von 27 Jahren im KZ Buchenwald an Typhus gestorben. Sein Stück "Der Weltuntergang", 1936 nur kurz aufgeführt, hat jetzt Michael Quast an der Frankfurter Volksbühne inszeniert: "Man merkt, die Volksbühne - Quast zeichnet für Bühnenbild und Regie verantwortlich - hat ein wenig aktualisiert, womöglich auch beim Wort 'Dekrete', auf die die Sonne ebenso stolz ist wie ein gewisser Trump. Allerdings staunt man auch, wie die Szenen keineswegs verstaubt wirken, wie präzise die Eitelkeit eines Adolf Hitler aufgespießt wird ('zum Zerschmettern bin ICH da', sagt eine AH-Puppe, wütend) - und der Weltuntergang an sich droht sowieso jederzeit. Da bräuchte es noch nicht einmal den neu dazugekommenen Klimawandel. Es ist der Umgang des Menschen mit einer so gewaltigen Gefahr, aus der Soyfer seinen Witz vor allem schöpft."
Weitere Artikel: Eva Behrendt stellt in der tazLena Brasch vor, Nichte von Thomas, die gerade am Gorki-Theater "Brasch - Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht" inszeniert. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) sucht Stefana Sabin nach der Quelle von Shakespeares italienischen Inspirationen, und Martina Wagner-Egelhaaf überlegt, warum das Dämonische auf der Bühne und in der Literatur gerade so beliebt ist.
Besprochen werden Doris Uhlichs Choreografie "Come Back Again" im Brut-Theater mit der 82-jährigen Ballerina Susanne Kirnbauer-Bundy (Standard), Eva Meyer-Kellers Performance "Turn the P/Age", die in den Berliner Sophiensälen "kreative Bilder für hormonelle Prozesse menopausierender Frauen" sucht (nachtkritik) und Stefan Vögels "Bis dass der Tod" an der Frankfurter Komödie (FR).
Wie DonaldRunnicle als neuer Leiter der DresdnerPhilharmonie das Gedenkkonzert zur BombardierungDresdens mit BenjaminBrittens "War Requiem" gestaltete, könnte den Weg zu einer künftigen, nicht auf Revanchismus und Chauvinismus abzielenden Gedenkkultur ebnen, findet Jan Brachmann in der FAZ. Der Dirigent "führt die etwa 250 Mitwirkenden ... nicht zusammen in einem Akt massiver Überwältigung, sondern des Innehaltens." Er "stimmt mit diesem Werk des Gedenkens an die Toten des Zweiten Weltkriegs, uraufgeführt bei der Wiedereinweihung der von der deutschen Luftwaffe zerbombten Kathedrale von Coventry 1962, keine pathetische Klage an. Er erzählt die Geschichte des Glaubensverlustes durch Kriegserlebnisse, die Geschichte des Sprachverlustes durch ein Trauma. Wir durchlaufen hörend einen Prozess, in dem Trauer durch Singen eine Sprache zurückgewinnt und sich der Ritus des Requiems nach apathischem Stammeln wieder mit Leben füllt. ... Form und Empfindung zueinander zu führen, Sprachlosigkeit zu lösen, nachdenklich zu werden, ohne sich zu rühmen oder zu exponieren - damit kann ältere Kunst künftigem Gedenken durchaus den Weg weisen."
Weiteres: Jens Uthoff plaudert für die taz mit Cher, deren Autobiografie eben auf Deutsch erschienen ist. Andreas Hartmann hat für die taz das neue Synthesizermuseumin Berlin besucht. Nadine A. Brügger und Ueli Bernays sprechen für die NZZ mit dem Schweizer Musiker BüneHuber. Besprochen werden eine Wiener Ausstellung von Musikerfotos von AntonCorbijn (Standard), ein Konzert des Kammermusikensembles LaPhilharmonica in Wien (Standard), BobSpitz' Buch über LedZeppelin (FAZ) sowie neue Alben von ShirinDavid (Welt, SZ) und den ManicStreetPreachers (FAS).
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