Efeu - Die Kulturrundschau
Das Geistige selbst zur Erscheinung bringen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.02.2025. Die Berlinale wurde gestern abend mit Tom Tykwers "Das Licht" eröffnet. Die Filmkritiker sind verstört: Kann man heute "vor allem aus dem gestörten Komfort der Prenzlaueria heraus erzählen", fragt entsetzt die Welt. Wassily Kandinsky hat die Farbe von den Zwängen der Realität befreit, lernt der Tagesspiegel im Museum Barberini. Der NZZ imponiert die Verknüpfung von Weltgeschichte und Werkgenese in Claus Guths Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae". Melancholie kommt bei der SZ auf, die in das neue Tocotronic-Album reinhört.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.02.2025
finden Sie hier
Film

Die Berlinale ist eröffnet. Dass Tricia Tuttle wie einst Dieter Kosslick ihren ersten Jahrgang als Festivalleiterin mit einem Film von Tom Tykwer eröffnet, war allerdings vielleicht nicht die beste Idee. Die Kritiker kommen jedenfalls unterwältigt bis verstört aus dem Drei-Stunden-Kloß "Das Licht". Ekkehard Knörer ist auf critic.de jedenfalls nachgerade entsetzt von der Umsetzung dieser Geschichte, in der eine aus Syrien geflohene Frau als Haushaltshilfe eine im Leben gestrandete Berliner Kulturbürgerfamilie wie weiland Mary Poppins gehörig auf links dreht: "Aus dem Ganzen spricht ein horrender Größenwahn, es ist der für die fatale Selbstgerechtigkeit seines quasi-göttlichen Fuhrwerkens blinde Versuch, mit den Mitteln törichter und politisch desaströser Tropen die aus den Fugen gegangene Welt einzurenken. Berlin sieht darin aus, wie es in der stadtmarketingnahen Kinowerbung für miese Berliner Biere oder miese Berliner Banken auch aussieht. Mit magischem Realismus gepimpt."
Der Regisseur hat "alles hineingeschrieben, was uns gerade bewegt", schreibt ein enttäuschter Andreas Kilb in der FAZ: "Klimakrise, Generationenkonflikt, die Globalisierung, die alternde Gesellschaft, die Migration. Diesem Überdruck hält die Geschichte nicht stand." Zwar "will Tykwer nach eigenem Bekunden ganz bewusst, dass die Handlung in ihrer Fülle eher zu viel als zu wenig ist", erklärt Tim Caspar Boehme in der taz. "Die Frage ist, ob er dafür eine Form gefunden hat, die daraus ein Erlebnis macht, das man sich mit Gewinn ansieht. Doch die Dialoge sind in ihrer ungefilterten Probleme-abkübel-Manier auf Dauer zu monoton, ganz selten schummelt sich ein Witz darunter, der zündet."
"Es gibt inzwischen eine Art von Refugee-Fiction, wie es Holocaust-Fiction gibt", stellt Daniel Kothenschulte resigniert in der FR fest. "Vor dem Hintergrund von Völkermord und globalen Leidensgeschichten kann man natürlich auch menschliche Geschichten erzählen. Doch hier bleiben die Geflüchteten Platzhalter, werden nicht individuell erlebbar." Auch Hanns-Georg Rodek fragt sich in der Welt: "Kann man in diesen unseren Tagen vor allem aus dem gestörten Komfort der Prenzlaueria heraus erzählen? Wo sind die Asylunterkünfte? Wo die Rechtspopulisten? Wo die Antisemiten?"
SZ-Kritiker David Steinitz wittert hinter dieser Gegenwartsfülle Methode: "Das Komplettpaket lässt einen einigermaßen ratlos zurück - aber genau dasselbe kann man ja auch über die Gegenwart sagen. Diese Überforderung, dieses Chaos nicht mit den üblichen Kniffen der Dramaturgie schlank zu feilen und in ein filmisches Korsett zu zwängen, sondern es einfach fast genau so abzubilden, wie es vielleicht aktuell im Kopf des Regisseurs Tom Tykwer herumspukt, ergibt vielleicht keinen stimmigen Film. In einigen Szenen ergibt es sogar einen schlechten. Aber immerhin lässt hier einer mal konsequent die Hosen runter."
Die Hose runter lässt im Film freilich vor allem und mehrfach der wie stets sehr zeigefreudige Lars Eidinger. "Deutschland ist kaputt, kratzt sich wie blöd und sieht nackig nicht gut aus", nimmt NZZ-Kritiker Andreas Scheiner aus diesem Film als Erkenntnis mit nach Hause.
Mehr vom Festival: Claudia Lenssen blickt für die taz auf die Retrospektive zum Thema "Deutscher Genrefilm der Siebziger". Christiane Peitz resümiert hier im Tagesspiegel die Eröffnungsgala der Berlinale, bei der Tilda Swinton (vor der sich auch Barbara Schweizerhof in der taz verneigt) ein Ehrenbär überreicht wurde, und dort die Pressekonferenz der Jury unter dem Vorsitz von Todd Haynes. Nadine Lange führt im Tagesspiegel durchs queere Programm des Festivals. Aus den Sektionen besprochen werden James Mangolds Bob-Dylan-Biopic "A Complete Unknown" (Tsp), Vibeke Løkkeberkes Dokumentarfilm "The Long Road to the Director's Chair" (Tsp) und Andreas Prochaskas österreichischer Horrorfilm "Welcome Home, Baby" (Tsp, Standard).
Weitere Artikel: "Was ist nur mit der Filmkritik los", fragt sich Rüdiger Suchsland in seiner wöchentlichen Kino-Kolumne auf Artechock nach dem Lesen der Kritiken zu Karoline Herfurths "Wunderschöner" (hier unsere), die positiver ausfallen, als er es sich gewünscht hätte. Vielleicht muss er da auch seinen Artechock-Kollegen Axel Timo Purr fragen, der dem Film ebenfalls durchaus etwas abgewinnen konnte. Dunja Bialas resümiert auf Artechock das Filmfestival Rotterdam. Martin Walder schreibt in der NZZ zum Tod des Dokumentarfilmers Richard Dindo.
Besprochen werden Laetitia Doschs "Hundschuldig" (Artechock), Andrea Arnolds "Bird" mit Franz Rogowski (Standard), die auf Arte gezeigte, spanische Serie "Rapa" (FAZ) und der neue "Captain America"-Superheldenfilm (Standard, Welt).
Kunst

Ein offener Brief, unterschrieben von 5000 Kunstschaffenden, verlangt vom Auktionshaus Christie's, dass eine für den 20. Februar anberaumte Auktion abgesagt wird, berichtet Hanno Rauterberg auf Zeit Online. Grund für den Protest ist, dass nur Kunst verkauft werden soll, die mithilfe von KI erstellt wurde - diejenigen, mit deren Kunst die Generatoren trainiert worden sind, dabei jedoch aller Voraussicht nach leer ausgehen. Tricky, findet Rauterberg: "Appropriation Art, also die Kunst der kulturellen Aneignung, wurde zu einer eigenen Spielform, um sich im Kanon der Künstler mit Gesten der Ermächtigung und Eingemeindung hervorzutun. Die Moderne war immer auch Pastiche, Mimikry, Mash-up - und nicht selten fühlten sich Künstler von anderen Künstlern auf ungute Weise imitiert, wenn nicht bestohlen." Dass sich heute allerdings "Techkonzerne bei der Kunst bedienen, nur um ihre Maschinen und also ihre Profite zu mästen, hat mit kreativer Findigkeit nichts zu tun. Und immer noch wird viel zu selten über diese Form des Missbrauchs diskutiert. Nur muss man sich zugleich davor hüten, einen großen KI-Boykott verhängen zu wollen. Was Konzerne nicht dürfen, darf die Kunst sehr wohl. Man nennt es Freiheit."
Weitere Artikel: Der Leiter der Kasseler Museen, Martin Eberle, ist vom Land Hessen entlassen worden, nachdem er sich gegenüber dem Vorsitzenden des Kulturbeirats, David Zabel, rassistisch geäußert haben soll, berichtet der Spiegel. Besprochen wird noch die Ausstellung "Hierzulande" des Reportage-Fotografen Robert Lebeck in den Opelvillen in Rüsselsheim (FR).
Literatur
Adam Soboczynski antwortet auf unsere Kritikerumfrage zum 25-jährigen Bestehen des Perlentauchers. Zu den prägendsten Bücher deutscher Sprache des aktuellen Jahrtausends gehören für ihn Bücher von Günter Grass, Juli Zeh, Daniel Kehlmann, Ursula Krechel und Christian Kracht - und fügt im Addendum weitere hinzu: "Die Wichtigkeit ist nicht zwingend ein ästhetisches Kriterium. Wichtigkeit suggeriert Status und Relevanz, einen machtvollen Einfluss auf die Nachwelt. Auch ein schlechtes Buch kann leider wichtig sein. Jeder, der angefragt wurde, soll die fünf wichtigsten Bücher benennen. Das ist unmöglich, ich habe mir etwa fünfzehn notiert, und ich kann mich unmöglich festlegen." Hier alle Beiträge unserer Kritikerumfrage im Überblick.Weitere Artikel: Paul Jandl wirft in der NZZ einen Blick auf die juristischen Auseinandersetzungen zwischen dem Galeristen Johann König und dem Autor Christoph Peters, gegen dessen Roman "Innerstädtischer Tod" ersterer gerichtlich vorgeht (unsere Resümees hier, dort und hier). Stephan Klemm schreibt in der FR über 25 Jahre LitCologne. Nora Zukker verneigt sich im Tagesanzeiger vor der Schriftstellerin Fleur Jaggy, die mit dem Schweizer Grand Prix Preis ausgezeichnet wird. Jürgen Kaube erinnert in der FAZ an den Essayisten und Literaturkritiker Jacques Rivière, der vor 100 Jahren gestorben ist. Zum Valentinstag durchstöbert Willi Winkler für die SZ die Sekundärliteratur nach Hinweisen, wie es um Brechts Kompetenzen als Liebhaber bestellt war.
Besprochen werden unter anderem Alexander Kluges und Anselm Kiefers Buch "Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben" (FR), Michael Köhlmeiers "Die Verdorbenen" (FR), eine von Kat Menschik illustrierte Ausgabe von Monika Helfers "Der Bücherfreund" (FAZ), ein von Mely Kiyak herausgegebener Band mit Radiosendungen von Thomas Mann (Freitag) und Will Deans Krimi "Die Kammer" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

"Geradezu mustergültig" inszeniert Claus Guth Richard Strauss' vorletzte Oper "Die Liebe der Danae" in der Bayrischen Staatsoper, lobt NZZ-Kritiker Marco Frei, dem der Bezug zwischen der Entstehungsgeschichte während des Nationalsozialismus und den Populisten von heute natürlich nicht entgangen ist: "Guth nimmt die von der Weltgeschichte überschattete Werkgenese zum Anlass, um die Handlung an heutigen Verhältnissen zu spiegeln - im Gewand einer Dystopie. Aus dem Königreich, in dem Pollux, der Vater Danaes, verschwenderisch herrscht, wird ein Wolkenkratzer - wohl der Trump-Tower in New York (…) Zudem scheint Trumps schöne neue Weltordnung Geister einer Zeit wiederzuerwecken, die man eigentlich überwunden glaubte. Hier setzt Guth an und skizziert zugleich einen möglichen Ausblick in die Zukunft. Im Verlauf des Abends bricht nämlich die Glitzerwelt im Trump-Tower zusehends in sich zusammen. Bald rauchen Ruinen, im Wolkenkratzer hausen Obdachlose. Als ein Helikopter vor der Fensterfassade auftaucht, machen die Gestrandeten auf sich aufmerksam, doch die letzte Rettung fliegt einfach davon."
Weiteres: Die deutsche Choreografin Sasha Waltz und der isländisch-dänische Künstler Ólafur Elíasson bekommen den mit 20 000 Euro dotierten Helmut-Schmidt-Zukunftspreis, meldet die FR. Besprochen wird Doris Uhlichs Stück "Come Back Again" am Brut Wien (Standard).
Musik
Sehr melancholisch wird Kathleen Hildebrand in der SZ, wenn sie das neue Album "Golden Years" von Tocotronic hört: Nicht nur kommt hier eine einstige Jugendband mit ihren Fans ins Altern, mit dem Gegenentwurf, den Bands wie Tocotronic einst formulierten, scheint es zu Ende zu gehen. "Der Widerstand von Tocotronic war nicht nur, aber auch: ein spätadoleszentes, selbstreflektiertes, intellektuelles Spiel. Ein Spiel, das man sich leisten konnte, weil die Welt eventuell eben doch nicht ganz furchtbar war. Der Widerstand, der heute vonnöten ist, kann so aber nicht mehr sein. Es geht nicht mehr 'nur' gegen den Neoliberalismus, gegen das fröhliche Mitmachen bei der Selbstausbeutung zugunsten des Kapitals ('Sag alles ab!'), sondern gegen die ungebrochene Menschenfeindlichkeit des Rechtsextremismus, der es geschafft hat, in den Mainstream zu sickern. ... Der Widerstand, den Tocotronic heute beschwören, will bewahren, was hier und da halbwegs errungen wurde. Oder zumindest eine Weile lang als erringenswert gegolten hat. Vielleicht geht es nicht anders und natürlich ist das ein generelles gegenwärtiges Problem aller Menschen, die humanistisch denken und fühlen: Retten wollen, was zu retten ist, ist nicht rasend sexy."
Nadine Lange vom Tagesspiegel hat sich mit der Band zum Gespräch getroffen. Auf ihrer frischen Single "Bye Bye Berlin" blicken Tocotronic traurig auf den Zustand Berlins, wo sie nach einem Umzug aus Hamburg in den frühen Nullern leben: "Der nicht mal dreiminütige Abgesang, in dem auch die Uckermark als Alternative zur Hauptstadt gleich noch mit abgeräumt wird, ist" zwar "weder Berlin-Bashing noch Frustabbau nach einer Eigenbedarfskündigung. 'Doch leider ist die Stadt in den letzten fünf bis zehn Jahren deutlich abweisender geworden, mehr wie ein Business-Park - jedenfalls nicht mehr die räumliche Utopie, die sie um die Jahrtausendwende herum noch darstellte', sagt Dirk von Lowtzow."
Besprochen werden unter anderem ein Konzert von Patricia Nolz in Wien (Standard) sowie neue Alben von Traxman (taz) und The Weeknd (Standard).
Nadine Lange vom Tagesspiegel hat sich mit der Band zum Gespräch getroffen. Auf ihrer frischen Single "Bye Bye Berlin" blicken Tocotronic traurig auf den Zustand Berlins, wo sie nach einem Umzug aus Hamburg in den frühen Nullern leben: "Der nicht mal dreiminütige Abgesang, in dem auch die Uckermark als Alternative zur Hauptstadt gleich noch mit abgeräumt wird, ist" zwar "weder Berlin-Bashing noch Frustabbau nach einer Eigenbedarfskündigung. 'Doch leider ist die Stadt in den letzten fünf bis zehn Jahren deutlich abweisender geworden, mehr wie ein Business-Park - jedenfalls nicht mehr die räumliche Utopie, die sie um die Jahrtausendwende herum noch darstellte', sagt Dirk von Lowtzow."
Besprochen werden unter anderem ein Konzert von Patricia Nolz in Wien (Standard) sowie neue Alben von Traxman (taz) und The Weeknd (Standard).
Kommentieren