Im Kino
Stockbürgerliche Bubble
Die Filmkolumne. Von Carolin Weidner
12.02.2025. Prostitution, Diskriminierung am Arbeitsplatz, #MeToo in der Medienbranche: Karoline Herfurths Film "Wunderschöner" will Bewusstsein für viele schwierige Themen schaffen. Kann der Film seinen Anspruch erfüllen?
"Weibliche Sexualität ist ein Partythema, aber sie kann einem auch die Stimmung verderben", schreibt Sandra Konrad in ihrem Buch "Das beherrschte Geschlecht: Warum sie will, was er will". In Karoline Herfurths neuem Film blitzt es nicht nur einmal kurz auf, sondern hat sich sogar bis in die Credits geschlichen. Dabei möchte Konrads Buch ein Rundumschlag sein, das sich der "rund 2000-jährigen Geschichte der Beherrschung der Frau" widmet und postuliert, dass auch die Realität im 21. Jahrhundert für Frauen "ernüchternd" sei: "Das jugendliche, schöne Aussehen einer Frau, der Rückfall in alte Rollenmuster nach der Geburt eines Kindes, latenter bis offensichtlicher Alltagssexismus, die häufige Erfahrung von sexuellen Übergriffen, die damit verbundene Ohnmacht und Scham sowie der Anspruch, grundsätzlich nicht zu unbequem zu werden - all das ist für viele Frauen heute immer noch immer 'ganz normal'."
Und schon ist man mittendrin in Herfurths "Wunderschöner", jener Fortsetzung ihres enorm erfolgreichen "Wunderschön". Arbeitete sich Letzterer vor allem an den Themen Selbstoptimierung und Körperbild ab - Sonja (Karoline Herfurth) litt unter ihrem Aussehen nach der Geburt und wollte ihren "echten" Körper zurück; Model Julie (Emilia Schüle) hungerte und trainierte bis zum Zusammenbruch -, weitet Herfurth einige Jahre später ihren Blick und versucht, ins Systemische vorzudringen. Plötzlich spielen auch Klassenfragen eine Rolle, Prostitution und strukturelle Unterdrückung, Diskriminierung am Arbeitsplatz und #MeToo in der Medienbranche. Tatsächlich kommt "Wunderschöner" noch ein ganzes Stück düsterer daher als "Wunderschön". Vielleicht, weil er bereits etablierte Figuren wie Julie in einen neuen Höllenkreis eintreten lässt, nachdem ein früherer schon überwunden schien.
Auch ansonsten steht es nicht unbedingt zum Besseren: Sonja und Milan (Friedrich Mücke), die sich im ersten Teil nach überstandener Krise zusammenrauften, endlich wieder Sex hatten und für das Leben mit zwei Kleinkindern und beidseitiger Berufstätigkeit gewappnet wirkten, haben sich getrennt. Dem Nest-Modell folgend, pendeln beide abwechselnd in die Hauptwohnung und betreuen die Kinder, eine gemeinsame Therapie läuft im Hintergrund und Milan hat begonnen, eine Poledancerin zu daten. Kunstlehrerin Vicky Schiller (Nora Tschirner) öffnete sich in "Wunderschön" unter großen inneren Ängsten für eine Beziehung mit Sportlehrer Franz (Maximilian Brückner). Nun aber ist es Franz, der über Monate verschwindet und lediglich Fotos von Berggipfeln schickt. Julie hat sich indes von ihrer Karriere als Model verabschiedet und ist jetzt Aufnahmeleiterin einer TV-Sendung mit sexuell übergriffigem Redaktionsleiter.

Im Grunde bereits genug Stoff für einen Film. Richtig zum Fliegen kommt das Herfurth-Karussell aber erst mit einer elitären Frauenclique, die sich unter anderem aus Talkmasterin Regine (Anja Kling), Julies Chefin, und der vermögenden Wohltäterin Nadine Hansen (Anneke Kim Sarnau), Gattin des Finanzministers Philipp Hansen (Godehard Giese), speist. Deren Tochter Lilly (Emilia Packard) ist wiederum Schülerin bei Vicky und arbeitet an einem feministischen Kunstprojekt zur Klitoris. Was vergessen? Ach ja. Trevor (Malick Bauer), der an die Schule kommt, um mit den Jungs über ihr Verhältnis zu Emotionen und Männlichkeit zu sprechen. Und Escort/Prostituierte Nadja (Bianca Radoslav), die das aufgeräumte Haus Hansen mit ihrer bloßen Existenz sprengt und Nadine zwingt, einmal selbst tätig zu werden.
Dass es Herfurth und Drehbuchautorin Monika Fäßler ("Eine Million Minuten") schaffen, diesen Reigen vorm völligen Auseinanderstieben zu bewahren, verdient Respekt. Denn ähnlich wie in "Wunderschön" drohen einzelne Stränge in Vergessenheit zu geraten, sodass man fast erschrickt, wenn sie wieder auftauchen. Fäßler und Herfurth wollen viel. Und in "Wunderschöner" beziehen sie sogar klar Position: Es kann keine gewaltfreie Prostitution geben, zu verschwommen seien Arbeitsbedingungen, zu offensichtlich das oftmals inhärente Machtgefälle. Den gemeinhin als vorurteilsfrei betrachteten Begriff der "Sexarbeit" legen sie ausgerechnet Moderatorin Regine in den Mund, die sich als unsolidarische Chefin entpuppt und sich intern über MeToo brüskiert. Es sind Spitzen wie diese, die in "Wunderschöner" härter und ungnädiger ausfallen. Die aber zum fast schon satirisch gezeichneten Milieu passen: Frauen und Männer an der Spitze treffen aus ihrer stockbürgerlichen Bubble heraus auf solche, denen es wirklich schlecht geht.
So werden dem rumänischen Escort Nadja im Zuge der heldinnenhaften Rettung durch Nadine diverse Genital-Blessuren und -Krankheiten gleich zweisprachig verlesen. Fäßler und Herfurth lassen keinen Zweifel. Und Freier und Finanzminister Philipp verzieht sich erst reumütig mit Zelt in den Garten, bevor er seinen prominenten Posten abgibt. Da ist dann vielleicht auch Tochter Lilly wieder versöhnt. Aber wie sind derlei großartige Gesten einzuordnen, wenn in scheinbar nebensächlichen Situationen doch ganz deutlich wird, wie Figuren wie Nadine über Menschen denken, die sie nicht als ebenbürtig erachten? Warum muss eine Medizinische Fachangestellte beim Gynäkologen das verpeilte Dummchen am Tresen sein, bevor endlich die Ärztin den Raum erhellt? In einem so durch und durch durchdachten Film wie "Wunderschöner"?
Es sind kleine Momente, die auch schon in "Wunderschön" aufhorchen ließen, und die verärgern, weil man den Eindruck gewinnen kann, dass sich die Frauen und Männer dieses Kosmos, trotz aller Bewusstwerdung, kluger Worte und Taten, am Ende doch nur für sich selbst interessieren. Eindrücklich die Szene in "Wunderschön", als Sonja und Milan ernsthaft darüber sinnierten, ob sie, wenn sie in Teilzeit gingen, sich fortan nur noch einen Urlaub im Jahr leisten könnten, sich billigen Hemden kaufen und sie zudem noch selbst bügeln müssten. "Werden wir nun arm und hässlich?", fragte Sonja. Vielleicht, aber dafür hätten sie mehr Zeit, erwiderte Milan lakonisch. Arm, "hässlich" und keine Zeit, das sind Kategorien, die bei Herfurth/Fäßler, wenn überhaupt, nur als dröges Normrauschen im Hintergrund existieren können.
So zirkulieren beide Filme in einem sonderbaren Zwischenreich aus Realismus und Fantasie, Selbstvergessenheit bei gleichzeitiger Überreflektion, mit dem offenbar ziemlich viele Menschen etwas anfangen können. Dass Karoline Herfurth ihnen dabei trotz allem Unbehagliches zumutet, bereit ist, nach Konrad die "Stimmung zu verderben", ist sicher nicht das Schlechteste.
Carolin Weidner
Wunderschöner - Deutschland 2025 - Regie: Karoline Herfurth - Darsteller: Anneke Kim Sarnau, Karoline Herfurth, Emilia Schüle, Nora Tschirner, Emilia Packard, Friedrich Mücke, Godehard Giese, Malick Bauer u.a. - Laufzeit: 132 Minuten.
Kommentieren



