Efeu - Die Kulturrundschau
Das Geheimnis hinter dem roten Vorhang
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.01.2025. Einen wie ihn wird es im Kino nicht mehr geben: Der große, einzigartige David Lynch ist tot. Die Feuilletons trauern um einen Regisseur, der wie kein anderer die Schönheit im Schrecken fand. Die nachtkritik lernt dank Christopher Rüping am Thalia Theater Helden aus der zweiten Reihe kennen. Die FAZ verfolgt, wie sich Sigmar Polke im Madrider Prado Francisco de Goya einverleibt. Im SpOn-Interview rät der Architekt Friedrich von Borries den Kaliforniern, Los Angeles lieber erstmal nicht wieder aufzubauen. In der SZ denkt Natan Sznaider über die Neue Sachlichkeit nach.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
17.01.2025
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Film
Einen wie ihn wird es im Kino nicht mehr geben: Der große, einzigartige David Lynch ist tot. Er "hat das amerikanische Kino neu erfunden, indem er seine abgründigsten Träume mit dem Publikum teilte", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Die euphorischen 1950er Jahre, ein idealisiertes Norman-Rockwell-Amerika, wurde zum Spiegel seiner dunklen Obsessionen. Hinter den weißen Gartenzäunen und gepflegten Vorgärten taten sich menschliche Abgründe auf." Doch "Lynch hat Horror nie um des Horrors willen inszeniert", hält Hanns-Georg Rodek in der Welt fest. "Seine Filme waren fast immer traumähnliche Konstruktionen, in denen absurder Surrealismus auf eine Atmosphäre des Terrors traf. ... Lynch stand der europäischen Filmtradition immer näher als der Hollywoods, und wenn man einen vergleichbaren Regisseur sucht, war dies der Spanier Luis Buñuel."
Er war der "vielleicht einflussreichste unter den radikalen Träumern des jüngeren Kinos", seufzt Philipp Bovermann in der SZ. "Die Funktionsprinzipien, nach denen der Verstand die Welt ordnet (...) sind in Lynchs Kunst außer Kraft gesetzt. Er hebelt sie aus, um die echten Gesetze des Kinos zu enthüllen: Beleuchtung, Farbe, Ton, Musik, der Grusel, das Geheimnis hinter dem roten Vorhang, die Wahrheit auf der anderen Seite des Spiegels, die Verheißung des Cowboys, des Vampirs, des Penners. ... Lynch verstand es, wie jeder große Künstler, die Welt als Zauberbühne zu zeigen, wodurch die Dinge ihren profanen Ernst verlieren, angesichts eines viel größeren Ernstes, einer tieferen Liebe. Diese Liebe war schrecklich, sie tat auch weh, machte Angst."
Und niemand inszenierte Feuer so wie er:
"Den Horror im Alltäglichen finden, aber auch die Schönheit im Schrecken, das war David Lynchs Meisterschaft", erinnert Carolin Ströbele auf Zeit Online - und auch daran, dass Lynchs Wurzeln (und auch die Spätphase seines Schaffens) in der Malerei lagen: "Lynchs Anfänge als bildender Künstler finden sich vor allem in der Architektur in seinen Filmen wieder, Lynch inszenierte nicht nur seine Figuren, sondern auch die Räume, in denen sie sich bewegten, auf eine unnachahmliche Art. Das legendäre Traumkabinett aus 'Twin Peaks' etwa ist ein Zimmer ohne Anfang und Ende. Hinter den Vorhängen könnten sich weitere Räume befinden, es könnte aber einfach nur Schwärze sein. Man würde gerne an einem dieser Vorhänge ziehen, hätte man nicht so große Angst davor, was sich hinter ihnen verbergen könnte."
Mit seinen möbiusbandartigen Filmrätseln gab er zahlreichen Kritikern, Filmwissenschaftlern und weiteren Deutologen ordentlich Zucker, erinnert Marion Löhndorf in der NZZ: "Die Entschlüsselung seiner kryptischen Werke entfachte detektivischen Ehrgeiz, die Verrätselungen ließen Interpretenherzen höherschlagen und luden dazu ein, ihn aufs Podest der Unsterblichen zu heben. Je unwirtlicher ein Werk, desto ehrgeiziger wurde die Mission, es zu interpretieren."
Seine täglichen Wetterberichte aus seiner Villa in den Hollywood Hills, die zugleich sein Arbeitsstudio war, waren lange Zeit Internet-Kult:
Weitere Artikel: Bert Rebhandl empfiehlt im Standard eine der Schauspielerin Maria Hofstätter gewidmete Reihe im Filmarchiv Austria. Pascal Blum porträtiert für den Tages-Anzeiger den Schauspieler Barry Keoghan.
Besprochen werden Clint Eastwoods "Juror #2" (Artechock, unsere Kritik), Jesse Eisenbergs "A Real Pain" (Artechock, unsere Kritik), Alonso Ruizpalacios' "La Cocina" (Welt, Artechock), Florian Frerichs' "Traumnovelle" (Artechock), Boris Lojkines in Paris spielendes Flüchtlingsdrama "L'Histoire de Souleymane" (NZZ), Halfdan Ullmann Tøndels "Armand" (FAZ, Artechock), Anthony Schattemans "Young Hearts" über zwei Jungs, die sich ineinander verlieben (Tsp) und die Netflix-Adaption von Gabriel García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" (Freitag, unsere Kritik).
Bühne

Dass Christopher Rüpings Inszenierung "Ajax und der Schwan der Scham" am Hamburger Thalia Theater immer mal wieder den Fokus verliert, macht sie erst so richtig sehenswert, befindet Nachtkritiker Falk Schreiber, der der Verschränkung von Sophokles' "Ajax" und Darren Aronofskys Film "Black Swan" einiges abgewinnen kann. So wird denn auch Sarah Lane, die Ballerinen-Protagonistin des Films, digital der Kopf Natalie Portmans aufgesetzt, die die Ballettszenen des Films nicht selbst getanzt hat, sie wird hier von Pauline Rénevier gespielt: "Wahrscheinlich ist das die zentrale Szene von Rüpings mäandernder, tastender Annäherung an Ajax, eine eher unbekannte Figur der griechischen Mythologie. Hier wird die Frage gestellt, was eigentlich ein echtes Bild ist, was ein Trugbild, was mit einem Körper passiert, wenn er sich transformiert in einen anderen. Und nicht zuletzt: Wer sind die Menschen, die unsichtbar werden, weil jemand anders wichtiger wirkt, verkaufsfördernder, cooler? Die Frage, ob man einen Hollywoodstar aufs Plakat schreibt oder eine (hochgeehrte aber eben nur einem kleinen Kreis bekannte) Ballerina, beantwortet sich selbst: Manche Menschen sind eben die Zweitbesetzung." Weitere Besprechungen in der FAZ und Deutsche Bühne.
Weiteres: Dass die Sanierung der Komischen Oper in Berlin jetzt auch amtlich gesichert ist, meldet der Tagesspiegel.
Besprochen werden: "Justitia! Data Ghosts", eine Performance von Gin Müller und Laura Andreß im Wiener Brut-Theater (Standard), Paula Kläys "Gigantische Einsamkeit", inszeniert von Rosa Rieck an den Münchner Kammerspielen (Taz), Emre Akal und Elvin İlhan inszenieren "Animal Farm" "sehr frei" nach George Orwell am Schauspiel Hannover (Taz) und "Conni und Clyde" von Meo Wolf an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik).
Kunst

Im Madrider Prado kommt der Künstler Sigmar Polke "zu höchsten musealen Ehren", hält Georg Imdahl für die FAZ in der Ausstellung "Affinities Revealed" fest, die vor allem Polkes Verhältnis zu Francisco de Goya untersucht. Polke faszinierte, dass Goya aufgrund von Materialmangel Bilder übermalen musste und so überraschende Überlagerungen entstanden sind, die nun technisch wieder sichtbar gemacht werden, erfahren wir: "In seinem Großformat 'So sitzen Sie richtig (nach Goya)' verleibt er sich das seltsame 'Capricho Nr. 26' von 1799 ein, jene Radierung mit der karnevalesken Szenerie zweier Mädchen, die jeweils einen Stuhl auf dem Kopf balancieren, wobei Polke, um den Surrealismus perfekt zu machen, auch noch eine Collage von Max Ernst in sein auf Stoff gemaltes Bild einblendet. In sarkastischen Werken bespiegelt Polke in den Achtzigerjahren einen in der Gesellschaft nach wie vor zirkulierenden Faschismus."

In seinem Abendvortrag zur Ausstellung "Die Neue Sachlichkeit. Ein Jahrhundertjubiläum" an der Mannheimer Kunsthalle, den die SZ gekürzt online gestellt hat, legt der Soziologe Natan Sznaider Wert darauf, die Bedeutung des neu-sachlichen Denkens auch für unsere Zeit herauszustellen: Die Neue Sachlichkeit ist "ein Versuch, die Wirklichkeit zu erfassen und die nackte Wahrheit aufzuzeigen. Es ist daher auch Aufklärung im besten Sinne. Es geht um das unsentimentale Klarsehen jenseits der üblichen linken und rechten Ideologisierungen der Welt." Auch die Wiederentdeckung jüdischer KünstlerInnen ist ihm ein wichtiges Anliegen, sind diese doch auch in der Nachkriegszeit noch verdrängt worden: Wer 1959 nicht auf dem Fest der Documenta II gezeigt wurde, "war unter anderem der neu-sachliche Maler Felix Nussbaum. Auch er lässt mit seinen Bildern Geschichten sichtbar werden. Nussbaums Werk malt die politische Ausgrenzung, die rassistischen Verfolgungen, die drohende Deportation, ja die eigene Vernichtung. Es ist die Literatur der Neuen Sachlichkeit auf die Leinwand gemalt. Die Eindringlichkeit gerade seiner letzten Gemälde entkoppelt den persönlichen Blick von seinem spezifischen Ort und seiner spezifischen Zeit und bringt auf diese Weise die Mauern der Gleichgültigkeit zum Einsturz, schafft also Räume des Mitfühlens."
Weiteres: Monopol feiert den 70. Geburtstag des Kunstsammlers Timo Miettinen mit einem Interview über finnische Kunst und deutsche Kulturpolitik.
Literatur
Michael Wurmitzer stellt im Standard Julia Kospach vor, die neue Programmkuratorin der Buch Wien. Wiebke Hüster erinnert in der FAZ an den Dichter und Naturkundler John Clare. Besprochen werden unter anderem Caroline Darians "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" (Presse, SZ), Daniel Clowes Comic "Monica" (Intellectures), Anna Langfus' "Gepäck aus Sand" (FR), Aljoscha Jelineks und Blackiis Manga "Children of Grimm" (Tsp) und Rachel Cusks "Parade" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur
Die Feuer in Los Angeles haben einiges an berühmter Architektur zerstört, aber anstatt alles sofort wieder aufzubauen, spricht sich der Architekt Friedrich von Borries im Spiegel-Interview mit Ulrike Knöfel und Marianne Wellershoff dafür aus, sich erst einmal zu fragen, ob das wirklich so nachhaltig ist. Wie er sich vorstellt, wo die nun Obdachlosen unterkommen sollen, wenn nicht wieder aufgebaut wird, verrät er nicht, aber für ihn befindet sich die Architektur an einem Wendepunkt: "Es gibt diese Epochenübergänge, man spürt, dass gewisse Dinge nicht mehr zeitgemäß sind, aber man hat bislang nicht den Weg aus der Problemlage gefunden, ist auf der Suche. Ende des 19. Jahrhunderts, als man in den USA die ersten Hochhäuser baute, hatten die noch ganz altmodische Fassaden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstand eine architektonische Sprache, die den technischen Möglichkeiten des Hochhauses gerecht wurde - und heute wiederum wissen wir, dass derartige Hochhäuser nicht zukunftsfähig sind. Trotzdem bauen wir noch welche. Manche nutzen dazu Holz, damit es nachhaltig ist, dabei wissen wir längst, dass auch das keine Lösung ist. Denn so viele Bäume können gar nicht wachsen, um den ganzen Beton zu ersetzen, der auf der Welt verbaut wird."
Musik
Klaus Walter stellt in der FR "Transa" vor, das neue, vier Stunden Material sammelnde Musikprojekt der seit den Achtzigern tätigen AIDS-Initiative Red Hot Organization: Es ist "ein Akt der Selbstverteidigung, der Notwehr einer schwachen, amorphen Minderheit gegen eine verrohende, immer rabiatere Mehrheit". Manuel Brug (Welt), Marco Frei (NZZ) und Reinhard J. Brembeck (SZ) gratulieren Simon Rattle zum 70. Geburtstag und zur Auszeichnung mit dem Siemens-Musikpreis. Karl Fluch blickt für den Standard auf den zunächst kontraintuitiv erscheinenden (aus monetärer Perspektive aber sehr plausiblen) Umstand, dass die Village People mit "YMCA" bei Trumps Inauguration auftreten werden. Gothic erfährt gerade ein Comeback, beobachtet tazlerin Beate Scheder.
Besprochen werden die Uraufführung in Wien des neuen Cellokonzerts von Marcus Nigsch (Standard), das neue Album von Bad Bunny (SZ) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Ela Minus ("Kalte Grooves und gebröckeltes Hecheln, schwitzende Beats und schmierschmutzige Bässe befinden sich bei ihr in einer sehr guten Synthese", versichert Jens Balzer im Tagesspiegel).
Besprochen werden die Uraufführung in Wien des neuen Cellokonzerts von Marcus Nigsch (Standard), das neue Album von Bad Bunny (SZ) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Ela Minus ("Kalte Grooves und gebröckeltes Hecheln, schwitzende Beats und schmierschmutzige Bässe befinden sich bei ihr in einer sehr guten Synthese", versichert Jens Balzer im Tagesspiegel).
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