Im Kino

Man kennt das

Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
15.01.2025. Wer ein geradezu exzessiv konventionelles Indiewood-Drama über zwei Amerikaner sehen will, die auf einem Holocaust-Gedenktrip durch Polen alles aufarbeiten, was nicht niet- und nagelfest ist, dann ist man bei Jesse Eisenbergs "A Real Pain" an der richtigen Adresse.

Benji (Kieran Culkin) und David (Jesse Eisenberg) sind verschieden, das begreifen wir schnell. Während Benji reglos am New Yorker Flughafen sitzt und das Menschengewühl beobachtet, versucht David, ihn alle paar Minuten vom Taxi aus anzurufen und hinterlässt eine Mailboxnachricht nach der anderen, von der Sorge getrieben, Benji könne sich verspäten und den Flug verpassen. Die beiden Cousins sind zu einer Reise nach Polen verabredet, und es ist offensichtlich, dass sie zu der Sorte Amerikaner gehören, die das eigene Land noch nie verlassen haben. Folgerichtig haben sie sich für eine touristische Gruppenreise entschieden, durch Polen auf den Spuren des Holocaust. Und der Lebensgeschichte ihrer dort geborenen und jüngst verstorbenen Großmutter.

Benji und David sind verschieden, aber eben nur verschieden nach dem Maßstab amerikanischer Indiewood-Streifen. Man kennt das: da sind diese beiden Jugendfreunde/Brüder/Cousins, einstmals eng, heute entfremdet und in sehr unterschiedlichen Leben steckend - der eine biederer Familienvater mit langweiligem Job (hier: Werbebanner für Websites verkaufend), der andere irgendwie gescheitert und nie so recht erwachsen geworden (hier, Zitat: "kiffend auf dem Sofa seiner Eltern sitzend"). Und dann wird einen gemeinsamen Urlaub lang alles aufgearbeitet, was nicht niet- und nagelfest ist, in Wäldern, Jagdhütten, Ferienhäusern, in Autos on the road, oder in diesem Fall eben vor Denk- und Mahnmälern in Warschau und Lublin stehend.

Der eine kommt im Verlauf dieser Reisen endlich aus sich heraus und überwindet seine Ängste und Blockaden, indem er "mal was Verrücktes tut" (hier: heimlich auf dem Hoteldach kiffen), der andere offenbart hinter der Fassade des extrovertierten, alle um den Finger wickelnden Quatschmachers depressive Abgründe. Das Format der Gruppenreise ermöglicht es, dieses Protagonistenduo durch eine Reihe weiterer Sprechpuppen zu einem Ensemble zu erweitern: das etwas spießige, aber nicht böswillige jüdische Rentnerpaar, die frisch geschiedene Marcia, der in Ruanda geborene und zum Judentum konvertierte Genozidüberlebende Eloge, und der nichtjüdische britische Reiseleiter James, dem durch den guten Rat, dass seine Tour durch Kontakt zur polnischen Bevölkerung und Kultur an Tiefe gewinnen könnte, ein augenöffnender Moment menschlichen Wachstums zuteil wird.


Man mag gar nicht viel mehr Worte darüber verlieren, was in "A Real Pain" noch so alles passiert, denn man kennt das eh alles, und es geschieht absolut nichts, was nicht in gefühlt allen Filmen dieser Machart passiert. Selbst die Karte der Holocaust-Gedenkreise, die zumindest ein gewisses Potenzial für den im Filmtitel beworbenen echten Schmerz einbringt, wurde im letzten Kinojahr durch Julia von Heinz' "Treasure", der Lena Dunham und Stephen Fry mit grauenhaft schmierenkomödiantischem Akzent auf Polentour schickte, schon einmal ausgespielt, mit ebenfalls komplett vergessenswertem Ergebnis.

Jesse Eisenberg, der sich als Autor und Regisseur auch keine andere Rolle geschrieben hat, als die, die er in all seinen Typecasting-Filmen immer spielt, mag man zugute halten, dass er handwerklich seit seinem konfusen Regiedebüt "When You Finish Saving the World" dazugelernt hat. "A Real Pain" ist halbwegs süffig inszeniert und fällt dahingehend zumindest nicht ab gegenüber dem Standard dieser Art von Indie-Dramödien, in denen man immer ein bisschen zu genau weiß, was man gerade fühlen soll. Dafür sorgt nicht zuletzt die Tonspur, denn das Gros der anderthalb Kinostunden ist mit wahnsinnig emotionaler Klaviermusik unterlegt, am Ende hat man das Gefühl, das chopinsche Gesamtwerk durchgehört zu haben. Jedenfalls in Form von Kurzsnippets.

Es bleibt wirklich nicht viel zu sagen zu diesem Film: Man weiß genau, was man bekommt, wenn man sich die Prämisse durchliest, wenig vom Erwartbaren wird ausgelassen, nichts hinzugefügt. Wenn man exakt diese Art von Film sehen will, wird man von "A Real Pain" vermutlich nicht enttäuscht werden, es ist aber auch kaum vorstellbar, dass man ihn auf irgendeine Weise noch konventioneller und egaler hätte schreiben oder inszenieren können. "Real" fühlt sich jedenfalls nichts daran an.

Jochen Werner

A Real Pain - USA 2024 - Regie: Jesse Eisenberg - Darsteller: Kieran Culkin, Jesse Eisenberg, Olha Bosova, Banner Eisenberg, Jakub Gasowski, Will Sharpe, Daniel Oreskes - Laufzeit: 90 Minuten.