Im Kino
Nicht zu unserem Besten
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
15.01.2025. Eine Jury soll in Clint Eastwoods phänomenalem Alterswerk "Juror #2" den gewaltsamen Tod einer Frau aufklären. Ein weiteres Mal spürt der Regisseur in skeptischer Manier den Ambivalenzen der Moderne nach. Und plädiert dafür, die Differenz von Institution und Individuum im Auge zu behalten.
Finster ist es in der Nacht, in der Kendall Carter stirbt. Den Streit der jungen Frau mit ihrem Freund Michael Syth (Gabriel Basso) auf dem Parkplatz einer Bar illuminiert noch deren Leuchtreklame. Was jedoch anschließend auf der Landstraße, auf der Kendall zu Fuß inmitten eines Unwetters unterwegs ist, passiert, bleibt zunächst im Dunkeln. Jedenfalls wird sie am nächsten Tag in einem Flussbett aufgefunden, tot, Fremdeinwirkung wahrscheinlich, meint der Gerichtsmediziner.
Hell ist es in dem Juryraum, in dem über die juristischen Folgen dieses Todesfalls entschieden werden soll. Angeklagt ist Michael, dessen Vergangenheit als Gangmitglied ebenso gegen ihn spricht wie sein aufbrausendes Verhalten in der ominösen Nacht. Die Verteidigung hat den Argumenten der politisch ambitionierten Staatsanwältin Faith Killebrew (Toni Collette) wenig entgegenzusetzen, und auch die Jury scheint sich schnell festzulegen: elf der zwölf Geschworenen stimmen gleich zu Beginn ihrer Sitzung für schuldig, froh über die Aussicht, die lästige Pflicht schnell hinter sich zu bringen. Der Zwölfte jedoch, Justin Kemp (Nicholas Hout), steht, den Anderen den Rücken zugekehrt, am Fenster. Er hat Gründe dafür, den Angeklagten nicht schuldig zu sprechen; und er hat auch Gründe dafür, seinen Mitgeschworenen nicht ins Gesicht zu blicken, während er seine Zweifel erstmalig äußert.
Wir kennen diese Gründe zu diesem Zeitpunkt bereits: Justin war in der fraglichen Nacht in derselben Bar wie Kendall und Michael, und er war anschließend mit dem Auto auf eben jener Landstraße unterwegs, auf der Kendall die letzten Schritte ihres Lebens zurücklegte. Den Zwischenfall auf einer Brücke - eine kleine Unaufmerksamkeit, ein Aufprall, die Frontseite des Autos beschädigt, aber im Dunkel der Nacht nichts weiter zu sehen - hatte er damals für sich selbst auf einen Zusammenprall mit einem Reh zurückgeführt. Jetzt steht ein anderer Verdacht im Raum.

Ein bisschen konstruiert ist das schon, mag man an dieser Stelle einwenden. Nicht zu unrecht, wie überhaupt das Drehbuch des neuen und womöglich letzten Films Clint Eastwoods zwecks dramaturgischer Zuspitzung die eine oder andere Unwahrscheinlichkeit enthält. So wird Justins Dilemma etwa dadurch intensiviert, dass einerseits seine Frau Allison (Zoey Deutch) hochschwanger, andererseits er selbst ein trockener Alkoholiker ist - letzteres würde ihm, sollte der Verdacht auf ihn selbst fallen, vor Gericht garantiert zu seinem Nachteil ausgelegt werden.
Aber letztlich sind solche und andere fiktionalen Verwicklungen in "Juror #2" nur eine Konsequenz der zahlreichen Fiktionen, auf denen das amerikanische Rechtssystem - wie jedes andere auch - basiert. Eine dieser Fiktionen artikuliert die Richterin gleich zu Prozessbeginn: Es ist Sinn der Sache, dass Sie alle keine Lust darauf haben, hier zu sein, teilt sie den Geschworenen mit, denn das zeigt, dass Sie selbst hier nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren haben, also unbefangen sind. In der Folge wird diese Fiktion gleich doppelt desavouiert. Zum einen sind die elf "unbefangenen" Jurymitglieder drauf und dran, einen Unschuldigen ins Gefängnis zu bringen; und ausgerechnet der einzige eindeutig befangene Juror, Justin, sorgt dafür, dass zumindest vorläufig noch kein Urteil verlesen wird.
Zum anderen stellt sich schnell heraus, dass auch die anderen elf, bei Licht betrachtet, alles andere als unbefangen sind. Jeder einzelne hat höchstpersönliche Gründe, für oder gegen den Angeklagten eingenommen zu sein - und kaum einer der Gründe gründet im Fall selbst. Einer hat einen Bruder an die Gangs verloren und traut Michael deshalb nur das Schlimmste zu; ein anderer hat eine Tochter im Teeniealter und identifiziert sich deshalb mit den Eltern der Verstorbenen; eine dritte hingegen schaut liebend gern True-Crime-Shows und weiß deshalb: Der naheliegende Verdächtige ist praktisch niemals der Mörder!

Folgt aus all dem, dass die Fiktion einer unbefangenen Jury aufgegeben oder gar das gesamte Rechtssystem umgestürzt werden sollte? So leicht macht es sich einer wie Eastwood nicht. "Juror #2" ist, wie viele seiner Vorgänger insbesondere im Spätwerk des Regisseurs, ein zutiefst skeptischer Film, ein Film, der den Institutionen, die das gemeinschaftliche Leben in der modernen Welt auf vielfältige Weise prägen, nicht über den Weg traut. Sie sind, allzu oft, nicht zu unserem Besten eingerichtet. Von dieser Erkenntnis ausgehend, flüchtet sich Eastwoods Kino allerdings weder in Zynismus, noch ruft es zum Umsturz aller Ordnung auf; vielmehr plädiert es dafür, stets die Differenz zwischen Institution und Individuum im Auge zu behalten.
Konkret heißt das in diesem Fall: Die äußere Form gibt in Eastwoods Neuem die Institution vor. "Juror #2" ist über weite Strecken ein gut geölter Gerichts-, beziehungsweise eben Juryfilm, und in dieser Hinsicht vielleicht auch ein - siehe oben - skeptisches Update des Sidney-Lumet-Klassikers "Die zwölf Geschworenen"; mit Lumets linksliberaler Sehnsucht nach einer Gerichtsbarkeit, die nicht nur individuelles, sondern auch soziales Unrecht korrigiert, hat Eastwood jedenfalls nichts am Hut. Gleichwohl orientiert sich sein Film durchweg an der Dramaturgie amerikanischer Strafverfahren und beweist dabei ein gutes Auge für Details, etwa wenn wiederholt eine resolute Gerichtsdienerin ins Bild gerückt wird, die mit wenigen aber deutlichen Worten und prägnanten Gesten darauf achtet, dass in- und außerhalb des Juryraums alles seine rechtsförmige Ordnung hat.
Gleichzeitig aber wirft "Juror #2" immer wieder lange, dabei freilich niemals aufdringliche Blicke in die Gesichter seiner Figuren. In das Gesicht Justins vor allem, in dessen blassen Teint sich mit zunehmender Filmlaufzeit mehr und mehr die Schamesröte schleicht (Nicholas Houts auf den ersten Blick redliche-hilflose, auf den zweiten jedoch vielleicht auch zynisch-berechnende Mine erinnert gelegentlich an den jungen Tom Cruise); sowie in das der Staatsanwältin Faith Killebrew, die keineswegs, wie man zunächst meinen mag, man achte nur auf ihren sprechenden Namen, lediglich das kalt kalkulierende Antlitz des Systems ist. Tatsächlich nimmt sie schließlich, entgegen ihren eigenen Interessen und auch entgegen den Interessen der Institution, die sie vertritt, jene Ermittlungen wieder auf, die eine andere Institution, die Polizei, vorher in den Sand gesetzt hatte.
Was sich in den wie stets bei Eastwood sorgfältig ausgeleuchteten, oftmals vor dunklem Hintergrund fast plastisch präparierten Gesichtern artikuliert, ist das Drama individueller Freiheit. Die privaten und institutionellen Zwänge, die einen jeden von uns subjektiv einengen, tragen sich in diese Gesichter ebenso ein wie die objektiv trotzdem stets gegebene Möglichkeit des Handelns entgegen diese Zwänge. Wahrscheinlich ist fast jeder Gerichtsfilm nicht nur ein juridischer, sondern auch ein moralischer Thriller. Doch längst nicht in jedem fällt beides derart geschickt und vieldeutig in eins wie in "Juror #2". Und sollte der Film tatsächlich der letzte seines Regisseurs gewesen sein, dann endet das Eastwood-Kino nicht nur mit einer weiteren, vielschichtigen Studie über die Ambivalenzen der demokratischen Moderne; sondern auch, in der lang nachhallenden letzten Szene, mit einem staubtrocken inszenierten stillen Knalleffekt, der sich gewaschen hat.
Lukas Foerster
Juror #2 - USA 2024 - Regie: Clint Eastwood - Darsteller: Nicholas Hout, Toni Collette, J.K. Simmons, Kiefer Sutherland, Zoey Deutsch - Laufzeit: 114 Minuten.
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