Im Kino
Tote, die es im Jenseits nicht aushalten
Serienkritik zu "Hundert Jahre Einsamkeit" Von Alice Fischer
06.01.2025. Die Netflix-Adaption von Gabriel García Marquez' Jahrhundertroman "Hundert Jahre Einsamkeit" überzeugt mit opulenter Optik, sorgfältiger Ausstattung und tollen Schauspielern. Aber wird sie dem Schöpfer des Werks gerecht?
Die bis an den Horizont reichenden Weiten dunkelgrüner bewaldeter Hügel, gelbe Blüten, die glitzernd von einem tiefblauen Nachthimmel herabregnen, nebelverhangene Flüsse, die durch die tiefsten Gründe des kolumbianischen Regenwaldes fließen - der Bilder wegen wünschte man sich zwischendurch die Serienadaption von Gabriel García Marquez' Meisterstück auf einer Kinoleinwand zu sehen. Ja, es ist offensichtlich, dass hier keine Mühe gescheut wurde, um ein wahres Serien-Epos zu schaffen: wuchtig, visuell überwältigend und mit großen Emotionen jonglierend. Nur - wird das Werk denn seinem Urheber gerecht? Hätte García Marquez, der Zeit seines Lebens eine Adaption verboten hatte, die Entscheidung seiner Nachfahren im Nachhinein doch gutgeheißen oder sich die Haare gerauft, dass die Rechte nun letztendlich doch verkauft wurden? Dass der Schriftsteller die komplexe Familiensaga, die einerseits über sechs Generationen hinweg die Geschichte der Familie Buendía, andererseits die Geschichte Kolumbiens en miniature erzählt, für unverfilmbar hielt, ist gut nachvollziehbar. Zu berstend voll ist seine Erzählung mit fantastischen Einfällen, magischen Details, wuselnden Haupt- und Nebenfiguren, die überdies zum Teil recht ähnliche Namen haben, zu komplex die Erzählstruktur. Wenn überhaupt, denkt man sich, dann kann dieses erzählerische Wunderwerk nur als Serie funktionieren. Also, hat es geklappt?

Die große Stärke der Produktion sind, neben der überwältigenden Optik, die Umsetzung der surrealen Elemente, bekanntlich prägend für das Genre des Magischen Realismus. Das Übernatürliche passiert in der Welt der Buendías ganz nebenher: So wundert sich niemand, wenn der von José Arcadio Buendía im Duell getötete Prudencio als Geist zurückkehrt, um die Lebenden mit ihrer Schuld zu konfrontieren - es nervt die Eheleute eben nur ziemlich, dass er dann fortan ständig im Haus herumgeistert, sogar im Schlafzimmer. Irgendwann wird es den beiden zu viel und sie machen sich auf in die Fremde, um nach einem langen, beschwerlichen Weg, das Dorf Macondo zu gründen. Die paradiesische Utopie wärt nicht allzu lange, Krieg und Revolution kommen ins Dorf, später dann, dieser Teil wird dann in der zweiten Staffel der Serie zu sehen sein, Industrialisierung, kapitalistische Raffgier und Zerstörung, bis hin zum apokalyptischen Untergang des Dorfes. Dazwischen: Fliegende Teppiche, alchemistische Experimente, Prophezeiungen und Flüche, schwebende Priester, von selbst schaukelnde Schaukelstühle und Tote, die es im Jenseits nicht aushalten, weil es ihnen an Gesellschaft mangelt, wie der Weise Melchíades: "Nach dem Verlust aller übernatürlichen Kräfte, kehrte Melchíades nach Macondo zurück. Er hatte tatsächlich den Tod erlebt, aber er war zurückgekehrt, weil er die Einsamkeit nicht ertrug." Diese fantastische Welt des Beiläufig-Magischen wurde von den Machern jedenfalls mit Bravour umgesetzt und bereitet einiges Vergnügen beim Zuschauen. So naheliegend wie begrüßenswert ist es auch, dass immer wieder die Erzählerstimme des Romans zu hören ist, die einerseits erklärend eingreift, aber auch den subtilen Humor der Vorlage transportiert, der nicht zuletzt aus dieser speziellen Verquickung zwischen den fantastischsten Geschehnissen und der größten Selbstverständlichkeit entsteht.
Gedreht wurde ausschließlich in Kolumbien mit südamerikanischen Schauspielern, das Dorf Macondo, dessen Blüte und Niedergang wir miterleben, wurde in realer Größe nachgebaut. Überhaupt ist es offensichtlich, dass das Regisseur-Duo Alex García López und Laura Mora großen Wert auf Authentizität gelegt hat. Auch das Casting zeichnet sich durch eine sorgfältige Auswahl aus: Sowohl die jungen Eheleute Buendía (Marco González und Susana Morales) als auch die älteren (Marleyda Soto und Diego Vásquez) tragen die Serie ohne Schwierigkeiten. Auch der Rest des Casts überzeugt nicht nur schauspielerisch, sondern auch durch außergewöhnliche Schönheiten und markante Züge. Lediglich der vom anderen Ende der Welt zurückkehrende junge José Arcadio, im Buch beschrieben als riesiger Mann mit breiten Schultern und einer Präsenz "erschütternd wie ein Erdbebenstoß", sieht mit Édgar Vittorino etwas zu sehr nach Disney-Pirat aus. Das Durchbrechen des klassischen Schönheitsideals in Bezug auf weibliche Körper scheint hingegen kein Anliegen der Verantwortlichen gewesen zu sein: alle Frauen sind perfekt proportioniert, rank und schlank und im schummerigen Licht der Öllampen ganz Cellulite-los - nun ja.

Es ist klar, dass man die verzweigte Handlung, die García Marquez wie ein Gitternetz vor seinen Lesern ausbreitet, mit ihren vielen Verästelungen, komplizierten Familienverhältnissen, Rückgriffen, Vorgriffen, Anspielungen und Verweisen filmisch schwer nacherzählen kann, ohne, dass dem Publikum nach zehn Minuten der Kopf schwirrt. Man hat die Handlung also in eine lineare Ordnung gebracht und erzählt chronologisch, was anders wohl kaum möglich ist. Die Serie hat aber ein Problem und das ist wohl ihr größtes: Ein prägendes Element von "Hundert Jahre Einsamkeit" ist es, große und tragische Ereignisse mehr oder weniger gleichwertig neben scheinbar nebensächliche Details zu stellen. Die Hinrichtung von Arcadío Buendía beispielsweise, der sich als Möchtegern-Napoleon zum Diktator von Macondo aufschwingt und dafür mit dem Leben bezahlt, wird im Buch auf einer Seite erzählt, der Mord an José Arcadio dem Jüngeren gar in ein paar Zeilen. Es gibt bei García Marquez weder seitenlange innere Monologe des Haderns mit Tod und Schicksal und auch keinen dramatischen, auf zentrale Ereignisse zulaufenden Spannungsaufbau. Genau darauf können die Serienmacher aber nicht verzichten, wollen sie doch auch ein Erlebniskino schaffen, das die großen Emotionen braucht. Dabei werden einschneidende Ereignisse in der Geschichte Macondos und im Leben der Buendías zeitlich gedehnt und oft mit vielen Tränen und Verzweiflungsgesten angereichert, damit es auch schön dramatisch wird. So entwickelt sich gerade der letzte Teil der ersten Staffel, in dem Krieg zwischen Liberalen und Konservativen ausbricht und quasi der Anfang vom Untergang des Dorfes eingeläutet wird, zu einer Aneinanderreihung großer, tragischer Momente, während die Kamera lang und unnachgiebig auf die immer gramvolleren Gesichter hält. Da schrammt man am Schwulst leider, wenn überhaupt, nur knapp vorbei.
Im Großen und Ganzen ist die Netflix-Version von "Hundert Jahre Einsamkeit" also umwerfend ausgestattete Unterhaltung auf, zugegeben, hohem Niveau - dass García Marquez das gereicht hätte, kann man sich allerdings kaum vorstellen.
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