Efeu - Die Kulturrundschau
Hör auf, sie stirbt!
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.12.2024. Monopol gibt sich im Museum Küppersmühle Miquel Barcelós rauschhaften Genüssen hin. In der Welt erzählt die iranische Schauspielerin und Frauenrechtlerin Mahsa Rostami von ihrer schmerzhaften Begegnung mit der iranischen Polizei. Die FAZ besucht in Nordostnorwegen das erste samische Theater von Snøhetta. Die GEMA verklagt OpenAI wegen Urheberrechtsbedenken, die SZ berichtet. Alle Jahre wieder lauschen Medium und Tagesspiegel Bachs Weihnachtsoratorium mit dem Rundfunk Sinfonieorchester Berlin.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
27.12.2024
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Kunst

Weiteres: Der Kunstwissenschaftler Matthias Bruhn macht sich im Spiegel online-Interview über digitale Bilder in Zeiten von KI Gedanken.
Besprochen wird: Wie sich wohnen künstlerisch gestalten lässt, von "Poverty Porn" bis Herrenhaus, erkundet die Taz in der Ausstellung "Our House" in der Frankfurter Villa Giersch (Taz), "Robert Longo" in der Wiener Albertina (FR), "Böse Blumen. Baudelaires 'Fleurs du Mal' und die Kunst" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (Tagesspiegel) und die SZ begibt sich nach Weimar, um in Erfahrung zu bringen, wie das eigentlich war, mit Goethe und Caspar David Friedrich in der Ausstellung "Caspar David Friedrich. Goethe und die Romantik in Weimar" im Schiller-Museum Weimar.
Literatur

Weiteres: Christine Knödler spricht für die SZ mit der Kinderbuchautorin Sybille Hein darüber, wie man mit Kindern über die Krisen und Herausforderungen der Gegenwart redet. Besprochen werden unter anderem Margaret Atwoods "Hier kommen wir nicht lebend raus" (NZZ), der Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer (FR), Isabelle Marogers Comic "Lebensborn" (FAZ.net), der zweite Band aus Luz' Comic-Adaption von Virgine Despentes' "Vernon Subutex"-Romanzyklus (Intellectures) und Erika Dycks "Rausch" über die Kulturgeschichte der Psychedelika (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur

Weiteres: Annegret Erhard besichtigt für die NZZ den von Phifer and Partners entworfenen Neubau des Warschauer Museums für Gegenwartskunst, ein "ultramoderner Vorzeigebau."
Bühne

Paradigmatisch für die aufregende Entwicklung des Theaters Basel ist für Welt-Kritiker Jakob Hayner Lukas Bärfuss' Stück "Die Krume Brot", inszeniert von Antú Romero Nunes, das ohne reguläres Bühnenbild auskommt. Die Geschichte von Adelina, einer armen italienischen Einwanderin, wird von den Schauspielern statt mit Requisiten mit vollem Körpereinsatz erzählt, der Hayner an das Berliner Ensemble unter Brecht denken lässt: "Antú Romero Nunes lässt alles auf der leeren Bühne spielen und versucht gar nicht erst, die ärmlichen Lebensverhältnisse mit üppigen Theatereffekten auszustatten. Sein rasantes Erzähltheater sagt: Man kann's sich vorstellen. Und das begeisterte Publikum stimmt zu. (…) Es braucht nicht viel, um alles zu spielen. Vor lauter Video-Einsatz und Bühnenmaterialschlachten wird diese Essenz des Theaters gelegentlich vergessen. Am Ende geht es um den Körper des Schauspielers und die Fantasie des Publikums."
Besprochen werden außerdem Gaetano Donizettis "La Fille du régiment" an der Bayerischen Staatsoper in der Inszenierung Damiano Michielettos (FAZ) und Jacques Offenbachs "Robinson Crusoé" in Felix Seilers halbszenischer Inszenierung an der Komischen Oper Berlin (Tagesspiegel).
Film

Amira Aslani spricht für die Welt mit den beiden Hauptdarstellerinnen Setareh Maleki und Mahsa Rostami, die über klandestine Wege an ihre Rollen gekommen sind - der Regisseur gab sich erst kurz vor Drehbeginn zu erkennen. Mahsa Rostami kommt aus dem Underground-Theater und gibt sich beeindruckend kämpferisch: "Ich werde nie für etwas arbeiten, was dem Staat in die Hand spielt, was den Mullahs gefällt und von ihnen abgesegnet ist." Auch an den Frauen-Protesten gegen das Regime hat sie teilgenommen und dort finstere Erfahrungen gemacht: "Ich wurde plötzlich von Gummigeschossen getroffen, unter der Brust, an der Seite, am Rücken... und gleichzeitig schlägt jemand von hinten heftig mit einem Schlagstock auf mich ein. Ich fiel, rappelte mich auf, bekam wieder ein Geschoss ab, stürzte wieder... Es spielte sich alles in Sekunden ab. Meine Freunde stürmen auf den Schläger ein, der nicht von mir abließ. Ich erinnere mich an ihre Schreie: 'Hör auf, sie stirbt!' Er lachte nur, und schlug wieder zu. Bis meine Freunde mich ihm entrissen und retten konnten. Sie brachten mich zu Bekannten in der Nähe. Ich war so schlimm dran, dass ich zwei Wochen nicht aus dem Bett aufstehen konnte." Gespräche mit dem Regisseur führen Mariam Schaghaghi (FAZ), Valerie Dirk (Standard) und Michael Ranze (Filmdienst).
Weitere Artikel: In seiner Kinokolumne für Artechock trauert Rüdiger Suchsland um Wolfgang Becker und staunt über die mal wieder sagenhafte Kinojahresbilanz in Frankreich, von der man in Deutschland - mit einem Drittel mehr Einwohner - nur kühn träumen kann. Lukas Foerster empfiehlt in der Presse dem Wiener Publikum die Retrospektive Lana Gogoberidze im Österreichischen Filmmuseum.
Besprochen werden Luca Guadagninos Burroughs-Verfilmung "Queer" mit Daniel Craig in der Hauptrolle (Welt), Scott Becks und Bryan Woods' Horrorfilm "The Heretic" mit Hugh Grant als Bösewicht (critic.de, FD, taz, FR, Standard), die zweite Staffel des südkoreanischen Netflix-Serien-Übererfolgs "Squid Game" (NZZ, FAZ, SZ via TA), die Netflix-Serienadaption von Gabriel García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" (für die SZ vom TA online nachgereicht) und der von Jan Böhmermann geschriebene und produzierte ZDF-Film "Hallo Spencer" (FAZ).
Musik
Am 23. Dezember hat Vladimir Jurowski mit dem Rundfunk Sinfonieorchester Berlin alle Teile von Bachs Weihnachtsoratorium aufgeführt (hier beim Dlf Kultur zum Nachhören). "Es war ein faszinierender musikalischer Kraftakt", staunt Berthold Seliger in einem Longread auf seinem Medium-Blog. "Fast drei Stunden intensivster Musik. Wenn das kein Statement war! Ein Statement auch gegen die so häufig anzutreffende, förmlich gewollte Unterforderung des Publikums." Für den Tagesspiegel saß Udo Badelt im Saal.
Jakob Biazza und Andrian Kreye sprechen für die SZ mit den GEMA-Vorständen Tobias Holzmüller und Ralph Kink, die OpenAI verklagen, da sie vermuten, dass diese KI urheberrechtlich prekär geschult wurde. "Wir haben vorsorglich explizit ausgeschlossen, dass die Werke für Data-Mining benutzt werden", sagt Holzmüller. "Ob sich die KI-Firmen daran halten, ist eine andere Frage. Wir gehen außerdem davon aus, dass einige der Modelle am Markt während eines Zeitraums trainiert wurden, in dem die europäischen Regeln zum Data-Mining noch nicht galten. ... Wenn ich eine KI dazu bringe, mir den Text von 'Atemlos' eins zu eins auszuspucken, weiß ich sicher, dass der Text dort auch in die Trainingsdaten eingeflossen sein muss. Bei Musik ist das schwieriger."
Joachim Hentschel steigt derweil für die SZ in den verkarsteten Dschungel des Voice-Clonings hinab, bei dem also Stimmen populärer Künstler per KI nachgebaut und für eigene Songs eingesetzt werden können. Dass hier juristisch alle möglichen Alarmglocken schellen - vom Urheber- bis zum Persönlichkeitsrecht - ist verständlich. Anwälte sitzen schon jetzt an diversen Verfahren, während Start-Ups bereits Künstler umwerben, dass sie deren Stimmen KI-tauglich machen könnten. Doch "sollte die Zeit kommen, in der alle jederzeit eigene Songs mit den großen Stimmen machen können, in der also auch die letzte Suggestion von Einzigartigkeit wegfällt - wird es dann noch irgendwen interessieren?"
Max Dax ist in der FR äußerst beeindruckt von der neuen (sechs CDs oder acht LPs umfassenden) Lieferung aus der "Bootleg Series" mit bislang unveröffentlichten Live-Aufnahmen des Miles Davis Quintets. Diesmal geht es um die Konzerte in Frankreich in den frühen Sechzigern - zu erleben sind die letzten Monate im Quintet des Saxofonisten George Coleman und Wayne Shorters erste Auftritte in der Gruppe als dessen Nachfolger. Bei Coleman "entsteht eine lyrische Dichte, die den forschenden Elementen in der Band Raum lässt, sich zu entfalten. Coleman spielt mit vollendeter Routine, aber er schreckt davor zurück, sich als zweite dominante Stimme neben Miles Davis zu positionieren."
Weitere Artikel: Standard-Kolumnistin Margarete Affenzeller fände weniger Gehuste im Konzertsaal sehr schön. In der FAZ gratuliert Edo Reents dem Rockmusiker Mick Jones zum 80. Geburtstag. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Hannes Hintermeier dem Mundart-Musiker Haindling, der ebenfalls 80 Jahre alt wird. Sein vielleicht bekanntester Hit ist dieser Nonsense-Song:
Besprochen werden eine Neu-Einspielung von Laibachs 80er-Klassiker "Opus Dei", die laut tazler Uwe Schütte dazu einlädt, die für ihr provokatives Spiel mit den Insignien totalitärer Ideologien bekannte Band "endlich als Humoristen zu entdecken" und zwei Jazzalben von Tomin Perea-Chamblee (taz)
Jakob Biazza und Andrian Kreye sprechen für die SZ mit den GEMA-Vorständen Tobias Holzmüller und Ralph Kink, die OpenAI verklagen, da sie vermuten, dass diese KI urheberrechtlich prekär geschult wurde. "Wir haben vorsorglich explizit ausgeschlossen, dass die Werke für Data-Mining benutzt werden", sagt Holzmüller. "Ob sich die KI-Firmen daran halten, ist eine andere Frage. Wir gehen außerdem davon aus, dass einige der Modelle am Markt während eines Zeitraums trainiert wurden, in dem die europäischen Regeln zum Data-Mining noch nicht galten. ... Wenn ich eine KI dazu bringe, mir den Text von 'Atemlos' eins zu eins auszuspucken, weiß ich sicher, dass der Text dort auch in die Trainingsdaten eingeflossen sein muss. Bei Musik ist das schwieriger."
Joachim Hentschel steigt derweil für die SZ in den verkarsteten Dschungel des Voice-Clonings hinab, bei dem also Stimmen populärer Künstler per KI nachgebaut und für eigene Songs eingesetzt werden können. Dass hier juristisch alle möglichen Alarmglocken schellen - vom Urheber- bis zum Persönlichkeitsrecht - ist verständlich. Anwälte sitzen schon jetzt an diversen Verfahren, während Start-Ups bereits Künstler umwerben, dass sie deren Stimmen KI-tauglich machen könnten. Doch "sollte die Zeit kommen, in der alle jederzeit eigene Songs mit den großen Stimmen machen können, in der also auch die letzte Suggestion von Einzigartigkeit wegfällt - wird es dann noch irgendwen interessieren?"
Max Dax ist in der FR äußerst beeindruckt von der neuen (sechs CDs oder acht LPs umfassenden) Lieferung aus der "Bootleg Series" mit bislang unveröffentlichten Live-Aufnahmen des Miles Davis Quintets. Diesmal geht es um die Konzerte in Frankreich in den frühen Sechzigern - zu erleben sind die letzten Monate im Quintet des Saxofonisten George Coleman und Wayne Shorters erste Auftritte in der Gruppe als dessen Nachfolger. Bei Coleman "entsteht eine lyrische Dichte, die den forschenden Elementen in der Band Raum lässt, sich zu entfalten. Coleman spielt mit vollendeter Routine, aber er schreckt davor zurück, sich als zweite dominante Stimme neben Miles Davis zu positionieren."
Weitere Artikel: Standard-Kolumnistin Margarete Affenzeller fände weniger Gehuste im Konzertsaal sehr schön. In der FAZ gratuliert Edo Reents dem Rockmusiker Mick Jones zum 80. Geburtstag. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Hannes Hintermeier dem Mundart-Musiker Haindling, der ebenfalls 80 Jahre alt wird. Sein vielleicht bekanntester Hit ist dieser Nonsense-Song:
Besprochen werden eine Neu-Einspielung von Laibachs 80er-Klassiker "Opus Dei", die laut tazler Uwe Schütte dazu einlädt, die für ihr provokatives Spiel mit den Insignien totalitärer Ideologien bekannte Band "endlich als Humoristen zu entdecken" und zwei Jazzalben von Tomin Perea-Chamblee (taz)
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