Efeu - Die Kulturrundschau
Die kleine Schwester der Scham
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27.11.2024. Friedenspreisträger Boualem Sansal steht in Algerien wegen seiner Äußerungen zur algerischen Geschichte vor Gericht. Man muss Sansals Thesen nicht zustimmen, um ihn gegen solche Angriffe zu verteidigen, kommentiert Claus Leggewie im Perlentaucher. Nichtjüdische Israelhasser brauchen jemanden wie Nan Goldin, um ihrem Antisemitismus einen Koscher-Stempel zu verschaffen, meint Michael Wolffsohn in der NZZ. Die FAZ besucht das Schwetzinger Winterbarockfestival und hört ein ganzes Rokokotheater vor Liebesglut glühen. Die SZ deliriert sich beglückt durch den Disco-Funk-Schwof des neuen Father-John-Misty-Albums. monopol würdigt die generösen, spielerischen Bauten der Turiner Architekten Sergio Jaretti und Elio Luzi.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
27.11.2024
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Literatur

Das Regime lässt jetzt auch seine Kettenhunde in den Medien los, berichtet Benoît Delmas in Le Point. "Nachdem die algerischen Medien eine Woche lang geschwiegen hatten, widmeten sie der Affäre nun Zeit und Raum. Der Ton ist vehement: 'Boualem Sansal hat die Grenzen der Literatur überschritten, indem er Unwahrheiten ausspricht', erklärte die Moderatorin des Nachrichtensenders Canal Algérie, als sie eine Reportage ansagte, in der der Generalsekretär des 'Moudaf' (Mouvement dynamique de la communauté algérienne établie en France), Nacer Khebbat, die 'geballte Reaktion der extremen Rechten, der Faschosphäre und Algerienfranzosen auf Boualem Sansal' beklagt. Sansal komme ohne jedes Recht und Qualifikation daher, 'um uns etwas von der algerischen Souveränität zu erzählen' beklagte. Auch 'die Instrumentalisierung algerischer Intellektueller durch die französischen Machthaber' ist ein bekanntes Lied. Algérie patriotique, eine Website, die historisch mit 'Toufik', dem ehemaligen allmächtigen Chef des DRS, eines 2015 aufgelösten Geheimdienstes, verbunden ist, titelt: 'Der Verräter Sansal hat in Algerien keinen Platz hat, außer im Gefängnis.'"
Weiteres: Paul Munzinger schreibt in der SZ zum Tod des Schriftstellers und Anti-Apartheid-Aktivisten Breyten Breytenbach. Besprochen werden unter anderem Barbara Zemans "Beteigeuze" (NZZ), der zweite Teil von Reinhard Kleists Comic-Biografie über David Bowie (Tsp), Claire Beyers "Regen" (FR), Volker Kitz' "Alte Eltern" (online nachgereicht von der Zeit) und Antonio Scuratis "M. Das Buch des Krieges" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film

In "Emilia Pérez", seinem ersten spanischsprachigen Film, erzählt Jacques Audiard von einem mexikanischen Kartellboss, der eine Geschlechtsangleichung durchführen lässt. "Wenn man über ernste Themen reden will, ist es besser, zu singen und zu tanzen", erklärt Audiard im taz-Gespräch gegenüber Thomas Abeltshauser, warum er sich für diesen Stoff für die Form des Musicals entschieden hat. "Ich sehe es wie ... Jacques Demy. Um sich mit dem Algerienkrieg auseinanderzusetzen, drehte er 'Die Regenschirme von Cherbourg', eine romantische Musicalkomödie. Es braucht einen gewissen Abstand zum Gegenstand. ... Ich wollte nie einen Dokumentarfilm über die Situation in Mexiko oder über die Transition einer Person machen. Ich nutze eine überhöhte Form, das Artifizielle des Musicals und Melodrams, um meine Geschichte emotional zu erzählen." In Mexiko "erkannte ich, dass die konkrete Wirklichkeit nicht zu dem passte, was ich wollte. Die Häuser waren zu massiv, die Straßen zu weit, viel zu viele Menschen, ich mochte das Licht nicht. Da wusste ich, dass ich mit diesem Film zum Ursprung des Kinos zurückkehre, zu dessen DNA, dem In-Szene-Setzen im Studio."
Dieses Experiment gelingt erstaunlich gut, schreibt Anina Valle Thiele in der Jungle World. Das hat vor allem auch mit "dem intensiven Spiel seiner Hauptdarsteller:innen" zu tun, allen voran Karla Sofia Gascón in der Hauptrolle. Der Film besticht als "ironisches Spiel mit Verfremdungen und Brüchen: Die verschiedenen Filmgenres gehen hier so mühelos ineinander über, wie die Geschlechtsidentitäten spielerisch gesprengt werden. Wer sich auf den Kitsch und die Musical-Einlagen einlässt und außerdem noch Fan von Telenovelas ist, wird 'Emilia Pérez' als queere Hymne mögen."
Der Internationale Emmy für die deutsche Netflix-Serie "Liebes Kind" setzt die Welle an internationalen Auszeichnungen für deutsche Produktionen fort, freut sich Marie-Luise Goldmann in der Welt. Erfreulich an diesem Trend findet sie "nicht allein, dass Deutschland sein Image als Hüter des schlechten Geschmacks abgelegt hat, sondern auch, dass es anfängt, seine einstigen Lieblingsthemen Nationalsozialismus, DDR und Krimi hinter sich zu lassen."
Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh spricht für die SZ mit Steve McQueen über dessen auf Apple gezeigten, in der Presse besprochenen Film "Blitz" über London im Zweiten Weltkrieg. Todd Komarnickis in den USA gerade kontrovers diskutiertes Biopic "Bonhoeffer" (unser Resümee zur Debatte hier) ist nicht etwa "gefährlich", sondern vor allem "einfach schlecht", findet Hannes Stein in der Welt.
Besprochen werden die vom Nordirland-Konflikt erzählende Disney-Serie "Say Nothing" auf Grundlage des gleichnamigen Sachbuchs von Patrick Radden Keefe (Zeit Online), die DVD-Ausgabe von Anna Kendricks True-Crime-Thriller "The Dating Game Killer" (taz), die HBO-Serie "Dune: Prophecy" (NZZ), die ARD-Dokuserie "Warum verbrannte Oury Jalloh?" (taz) und der Disney-Animationsfilm "Vaiana 2" (Presse).
Kunst

Sozialhistorisch ausgesprochen aufschlussreich ist die Ausstellung "Rembrandts Amsterdam" im Frankfurter Städel Museum laut FR-Autorin Judith von Sternburg. Der Untertitel "Goldene Zeiten?" verweist bereits auf die Ambivalenz einer Zeit - es geht um das 17. Jahrhundert -, die einerseits von neuem Reichtum, andererseits von wachsenden sozialen Schieflagen geprägt war. Der "Bedarf nach Schutz" und Wohltätigkeit, lernt Sternburg, ist "beträchtlich und zunächst keineswegs bloß repräsentativ, sondern eine Notwendigkeit. Die Amsterdamer Oberschicht bekommt das so gut hin, dass bald Reisende aus ganz Europa vorbeischauen, um zu sehen, wie die Waisenkinder ausgebildet, die unverschuldet (!) Armen versorgt und die Gefängnisinsassen zur Arbeit gezwungen werden (mit der Chance auf Resozialisation, die es bis dato praktisch nicht gab). Eine Ausbildung und Arbeit ist besser als Tod und Vertreibung, es ist auch protestantischer und profitabler. Die Ausstellung setzt Schlaglichter: hier die Fußfessel für die Verlangsamung und Demütigung ungehorsamer Waisen. Dort die Arbeit im Männergefängnis Rasphuis, wo brasilianisches Rotholz gesägt wurde, das der Farbgewinnung für Textilien diente."
Michael Wolffsohn meldet sich via NZZ in Sachen Nan Goldin (siehe unter anderem hier) mit einem scharfen Kommentar zu Wort. "Wer sich als Nichtjude dieses Vokabulars bedient", so Wolffsohn mit Blick auf die Bezeichnung Israels als "faschistisch" und als "Apartheidstaat" sowie einschlägige Nazivergleiche, "gerät in den berechtigten Verdacht, Antisemit zu sein. Als Entlastungszeugen bzw. Alibi sind daher besonders jüdische Juden- und Israel-Hasser begehrt. Was der Rabbi in der jüdischen Welt, ist der Alibi-Jude in der Welt der Juden- und Israel-Hasser: Er verfügt über den Koscher-Stempel. Jüdische Juden- und Israel-Hasser schiessen mit koscheren Kanonen. Nichtjüdische und jüdische Juden- und Israel-Hasser brauchen einander. Keiner kann ohne den anderen. Es ist eine Symbiose zwischen Menschen. Das Muster ist seit Jahren bekannt. Schon lange vor dem Gaza-Krieg und trotzdem anscheinend immer wieder neu."
Weiterhin werden in den Feuilletons potenzielle Auswirkungen der Sparpläne des Berliner Senats, die Kultur betreffend, diskutiert. Für den Tagesspiegel besuchen Birgit Rieger und Nicola Kuhn vier mögliche Opfer: den Schinkel Pavillon, das Silent Green, das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) sowie das Savvy Contemporary. Das Silent Green im Wedding etwa wird sein derzeit breit aufgestelltes Programm in den Bereichen Kunst, Film und Musik nicht in der derzeitigen Form fortsetzen können, wenn es bei den Kürzungen bleibt, erfahren Rieger und Kuhn von dessen Koleiter Jörg Heitmann. Hier "finden rund 250 Kulturveranstaltungen pro Jahr statt. Fällt die Förderung weg, bedeutet das 50 Prozent weniger Veranstaltungen: vor allem Ausstellungen, weil sie Räume lange belegen und dann nicht vermietet werden können. Kleinere Konzerte und Performances, die durch andere Einnahmen querfinanziert werden, wären nicht mehr möglich. 'Wir kofinanzieren das Silent Green über kommerzielle Tagesveranstaltungen. Soll das jetzt das Modell für alle sein, vom ZK/U über Schinkel Pavillon bis zum Deutschen Theater? In der Breite funktioniert dieses Refinanzierungsmodell nicht', so Heitmann." In monopol berichtet Bernhard Schulz über die Lage beim ZK/U.
Außerdem: Ingeborg Ruthe blickt in der Berliner Zeitung auf die anstehende Winterversteigerung am Berliner Auktionshaus Grisebach.
Besprochen werden die Schau "Caspar David Friedrich, Goethe und die Romantik in Weimar" in der Klassik Stiftung Weimar (FAZ) und "Dissonance-Platform Germany #3" im Nationalen Kunstmuseum Rumänien (FR).
Bühne

Über 300 Jahre nach der Erstaufführung kommt Sigismund Kussers Oper "Adonis" wieder auf die Bühne. Und zwar im Rahmen des Schwetzinger Winterbarockfestivals, das sich hier, freut sich Robin Passon in der FAZ, ein weiteres Mal um die Pflege Alter Musik verdient macht. Die "Adonis"-Aufführung überzeugt dank des geschickten musikalischen Arrangements des Dirigenten Jörg Halubek sowie eines gut aufgelegten Bühnenensembles: "Die Titelpartie wird vom jungen Bariton Jonas Müller gesungen, dessen helles Timbre den glockenklaren Venussopran von Theresa Immerz ideal ergänzt. Wenn sich die beiden zu ihren Melodiebögen auf der Liege räkeln, irisiert das ganze Rokokotheater vor Liebesglut. Zum Zentrum des Bühnengeschehens mausern sich aber João Terleira und Sreten Manojlović als Cupido respektive Vulcanus. Beweglich wie seine Koloraturen turnt dieser störrische Amor auf Leitern, wird zum Tanzbären und jubelt wie Cristiano Ronaldo während der betrübte Schmied ihm im Rhythmus des Continuo neue Pfeile schmiedet."
Antje Pfundtner hat am Staatstheater Hannover unter dem Titel "Der Wunde Punkt" einen performativen Theaterabend zum Thema Scham konzipiert. Jens Fischer war für die taz Nord dabei und ist angetan: "Scham entsteht aus dem negativen Abgleich des eigenen Denkens oder Verhaltens mit der moralischen und ästhetischen Norm des heimatlich-sozialen Milieus, wenn man sich mit dem urteilenden Blick der anderen sieht. Das Theater ist also ein idealer Ort, genau das zu fokussieren: Angeschautwerden ist für die Bühnenkunst zentral. In Hannover wird es ums Zurückschauen ergänzt, das auf Papphockern im Raum verteilte Publikum will man zum Mitmachen anregen. Dabei provoziert das Ensemble mindestens Momente der kleinen Schwester der Scham, der Peinlichkeit. Eine Zuschauerin wird ausfindig gemacht, die kürzlich Geburtstag hatte, um sie dann vor der ihr fremden Publikumsgruppe mit all den Kindergeburtstagsliedern immer und immer wieder hochleben zu lassen."
Außerdem: Petra Schellen interviewt für die taz Nord den Regisseur Gernot Grünewald über ein Projekt am Hamburger Thalia zum Trauma des Heimatverlusts.
Musik
Jakob Biazza verneigt sich in der SZ tief vor Father John Misty. Dieser "menschenfreundlichste Berufszyniker, zynischste Berufsmenschenfreund" meldet sich mit seinem neuen (auch auf Pitchfork hymnisch besprochenen) Album "Mahashmashana" zurück, um dem der Menschheit pünktlich zum Trump-Comeback einmal mehr ihre Lächerlichkeit unter die Nase zu reiben - dies neben "weithin brillanten Songs" auch mit einem "ganz enorm lächerlichen Stück", nämlich "I Guess Time Just Makes Fools of Us All": "Wenn man eine eher gut eingespielte Schülerband jetzt darum bitten würde, das Casio-Keyboard-Pre-Set Disco-Funk-Schwof nachzuspielen, 'Aber mit Seele, Leute! Ich will das spüren!', dann käme nach ein paar Wochen diese Musik heraus. ... Das wird schon Absicht sein. Father John Misty, der, wenn er gerade nicht als feinste pomadige, strahlend pilztrippige Ennui-Figur herumdeliriert, Josh Tillman heißt, gehört ja zu jenen Künstlern, die von Inhalten getrieben sind. ... Wenn einer wie er die Arrangements auffallend simpel gestaltet (Wha-Wha-Gitarren-Geplucker, aggressiv unauffällige Rhodes-Flächen, kaum zu identifizierende Basslinien, Klavier-Gedaddel, zielloses Saxofon-Geflöte, Bongos; vor allem Bongos), ist ihm meistens der Text wichtig." Wir hören zu:
Was ist eigentlich in der Schweiz los? Ein Zürcher Auftritt der israelischen Musikerin Eden Golan wurde von Antisemiten unter dem Deckmantel der Palästina-Solidarität mit Farbbeutel-Attacken gestört, meldet Michèle Binswanger im Tagesanzeiger. Außerdem hat das Basler Hirscheneck ein Konzert des deutschen Musikers Björn Peng abgesagt, weil dieser sich nach Ansicht der Veranstalter gegen Antisemitismus engagiert, melden Mélanie Honegger und Lukas Hausendorf ebenfalls im Tagesanzeiger.
Weiteres: Im Standard gratuliert Karl Fluch dem Wiener Plattenladen Recordbag zum 20-jährigen Bestehen. Thomas Kramar freut sich in der Presse darüber, dass sich Nick Cave darüber freut, dass Bob Dylan zu Twitter gefunden hat. Gerald Felber schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Komponisten Siegfried Thiele.
Besprochen werden das neue Album von Kendrick Lamar (taz, mehr dazu bereits hier), eine Totenlieder-CD des Chors Šari Stinjaki (Standard), ein Wiener Konzert von Philippe Herreweghe mit dem Collegium Vocale Gent (Standard), ein Konzert von Bruce Liu in Frankfurt (FR) und ein Konzert von Sebastian Studnitzkys "Memento Odesa"-Projekt in Frankfurt (FR).
Was ist eigentlich in der Schweiz los? Ein Zürcher Auftritt der israelischen Musikerin Eden Golan wurde von Antisemiten unter dem Deckmantel der Palästina-Solidarität mit Farbbeutel-Attacken gestört, meldet Michèle Binswanger im Tagesanzeiger. Außerdem hat das Basler Hirscheneck ein Konzert des deutschen Musikers Björn Peng abgesagt, weil dieser sich nach Ansicht der Veranstalter gegen Antisemitismus engagiert, melden Mélanie Honegger und Lukas Hausendorf ebenfalls im Tagesanzeiger.
Weiteres: Im Standard gratuliert Karl Fluch dem Wiener Plattenladen Recordbag zum 20-jährigen Bestehen. Thomas Kramar freut sich in der Presse darüber, dass sich Nick Cave darüber freut, dass Bob Dylan zu Twitter gefunden hat. Gerald Felber schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Komponisten Siegfried Thiele.
Besprochen werden das neue Album von Kendrick Lamar (taz, mehr dazu bereits hier), eine Totenlieder-CD des Chors Šari Stinjaki (Standard), ein Wiener Konzert von Philippe Herreweghe mit dem Collegium Vocale Gent (Standard), ein Konzert von Bruce Liu in Frankfurt (FR) und ein Konzert von Sebastian Studnitzkys "Memento Odesa"-Projekt in Frankfurt (FR).
Architektur

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