Efeu - Die Kulturrundschau

Farbenfrohes Schreckensbild

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.06.2024. Die FAZ denkt auf der Frankfurter Fototriennale Ray darüber nach, wie wir uns mit Fotos erinnern. Beim Pen Deutschland fliegen wieder mal die Fetzen, nach einer Generalabrechnung der zurückgetretenen Präsidiumsbeisitzerin Gabriele Gillen, berichtet die SZ. Im Filmdienst möchte Sebastian Seidler mehr Menschen mit der Liebe zum Film infizieren - zur Not auch mit Knutschen und Tanz. In der taz erklärt der iranische Autor Amir Gudarzi, warum die Götter die Menschen erschufen. Van erklärt, warum die klassische Musik schuld daran ist, dass Brasiliens Nationalbaum ausstirbt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2024 finden Sie hier

Kunst

Omar Victor Diop, "Being There"


Sophie-Charlotte Opitz (FAZ) kommt bei der Frankfurter Fototriennale "Ray" schwer ins Nachdenken über Fotografie und Erinnerung. Dass die Fotografie "ein 'mémoire fidèle', ein exaktes Gedächtnis" ist, glaube heute niemand mehr. Also kann man auch damit spielen, wie zum Beispiel Omar Victor Diop (webseite), der sich für seine Serie "Being there" (auch als Buch erhältlich) in "Familien- und Urlaubsfotos weißer (vermutlich) amerikanischer Familien aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren" montiert hat. "Stets für den Anlass der Bilder richtig gekleidet, korrekt ausgeleuchtet und von Tonung und Körnung perfekt auf die Fotografien abgestimmt, kreiert Diop so den Effekt, er wäre auf den Originalfotografien mitabgelichtet worden. Seine konstruierte Anwesenheit ist so geschmeidig passend und unaufgeregt, dass der Wunsch entsteht, sie glauben zu dürfen - dass die schwarze Person, die hier in jedem Foto zu sehen ist, Teil der sichtbaren Welt ist. Doch gerade aufgrund Diops forcierter Präsenz in diesen Lichtbildträgern, die sonst nur Weiße zeigen, kristallisiert sich wie durch ein Brennglas eine Leerstelle heraus, die durch jene geformt ist, die nicht Teil dieser Erinnerungen sind und sein sollen."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der FAZ beglückwünscht Matthias Alexander die "klugen Bürger" Wiesbadens, die erst Helmut Jahns Entwurf für ein kistenförmiges Stadtmuseum abgelehnt hatten und dann dafür stimmten, dass der Unternehmer Reinhard Ernst von der Stadt für einen Euro Erbpacht ein Grundstück bekam, das er nach eigenem Gutdünken mit einem Museum bebauen durfte: Beauftragt hat er dann den Architekten Fumihiko Maki und das Ergebnis ist "ein Meisterwerk", schwärmt Alexander. Für einen zweiten Artikel erkundet ein stark beeindruckter Stefan Trinks die abstrakte Sammlung Ernsts in der Ausstellung "Farbe ist alles" und staunt, "wie furchtlos Ernst noch vor grellsten Farbkombinationen ist. Für ihn bestimmt Farbe massiv unser körperliches wie seelisches Empfinden. Auf der Fotografie-Seite der FAZ zeigt der Belgrader Reuters-Fotograf Marko Djurica in eindrucksvollen Bildern die Zerstörung eines serbischen Dorfes durch die chinesischen Betreiber einer Kupfermine.

Besprochen werden eine Hannah-Höch-Ausstellung im Wiener Belvedere (Standard), die Ausstellung "Silence" mit Bildern des dänischen Künstlers Vilhelm Hammershøi in der Galerie Hauser & Wirth in Basel (Tsp), die Ausstellung "Things we Meet in the Dark" in der Kleinen Humboldt Galerie in Berlin (Tsp), eine Ausstellung der japanischen Künstlerin Hitomi Uchikura in der Berliner Galerie Semjon Contemporary (Tsp) und die Ausstellung des Fotografen Akinbode Akinbiyi "Being, Seeing, Wandering" in der Berlinischen Galerie (die Laura Helena Wurth in der FAS wärmstens empfiehlt: "Seine Bilder scheinen leicht zugänglich. Wenn man sich aber auf sie einlässt, sind in ihnen all die Fragen zu entdecken, die heute politisch verhandelt werden.")
Archiv: Kunst

Literatur

Beim alteingesessenen PEN Deutschland (nicht zu verwechseln mit dem vor zwei Jahren gegründeten PEN Berlin) fliegen pünktlich zur Jahresversammlung zum hundertjährigen Bestehen der Vereinigung mal wieder die Fetzen, berichtet Till Briegleb in der SZ. Der Auslöser: die acht Seiten umfassende Generalabrechnung der eben zurückgetretenen Präsidiumsbeisitzerin Gabriele Gillen, die "ein farbenfrohes Schreckensbild des aktuellen Leitungsteams" zeichnet. Es herrsche "eine Atmosphäre der Angst und Drohungen. ... Kritische Meinungsäußerungen 'sind nicht erwünscht', schreibt Gillen, 'politische Diskussionen jenseits des neuen woken Moralismus sollen verhindert werden." Dafür "seien Maßregelungen, Kränkungen und Denunziationen die gängigen Methoden, aber auch juristische Drohungen würden benutzt, um andere mundtot zu machen." Ziel sei wohl "eine 'Friedhofsruhe' einkehren zu lassen."

Weitere Artikel: Der Erfolg von Elena Ferrante, aber auch das gestiegene Interesse an weiblichen literarischen Stimmen hat einige italienische Autorinnen, die in Vergessenheit zu geraten drohten, auch international wieder zu mehr Aufmerksamkeit verholfen, freut sich Francesca Polistina im "Literarischen Leben" der FAZ und nennt hierbei Alba de Céspedes, Sibilla Aleramo, Elsa Morante, Natalia Ginzburg und Goliarda Sapienza. Außerdem schreibt Francesca Polistina in der taz über das unglückliche bis unwürdige Schauspiel, dass Italien bei der Planung des Gastauftritts auf der Frankurter Buchmesse hinlegt (mehr dazu bereits hier und dort). Nadine A. Brügger erinnert in der NZZ an Else Lasker-Schülers Exil in der Schweiz. Richard Kämmerlings hat für die WamS den Schriftsteller André Kubiczek einen Tag lang begleitet.

Besprochen werden unter anderem Szczepan Twardochs "Kälte" (taz), Olga Martynovas "Such nach dem Namen des Windes" (FR), Fabio Stassis Krimi "Die Seele aller Zufälle" (Freitag) und Barbara Kingsolvers "Demon Copperhead" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Architektur

Muotos Kugeltheater in Leipzig. Foto: Techne Sphere Leipzig


In der FAZ stellt Niklas Maak das französische Architektenduo Muoto vor, das unter anderem in Leipzig ein Kugeltheater baute. "Typisch für das Denken der Pariser Architekten sind die formale Strenge und der gleichzeitig uneindeutige Charakter dieses Objekts: Man weiß nicht, ob es noch im Bau oder schon im Verfall begriffen ist. Es erzwingt kein Nutzungsprogramm" erklärt Maak und nennt ein Beispiel: "Als Muoto Wohnungen und Läden auf engem Raum in der Pariser Vorstadt unterbringen sollten, entwarfen sie eine Art Regal, in das man kleine Häuser mit Terrassen und Gärten hineinschiebt und stapelt, wie man sie auch auf dem Land bauen könnte. Die Räume können zum Wohnen, aber auch als Büros oder Werkstätten genutzt werden. Dieses 'weiche Programm' erlaubt flexible Anpassungen an zukünftige neue Formen von Arbeit und Leben. 'Jedes Gebäude ist eine Spekulation darüber, was die Leute darin wohl machen werden. Wir wollen Objekte bauen, die mehrere Leben haben', sagt Delalex."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Muoto

Film

Sebastian Seidler ist der Podiums- und Panelkultur, die so gut wie jedes Filmfestival flankiert, ziemlich überdrüssig: Dröge Diskussionen unter Eingeweihten, kunstreligiöser Gestus und filmpädagogische Arbeit haben das Kino nicht gerettet und werden es auch künftig nicht tun, schreibt er im Filmdienst-Essay. Wo bleibt im Elfenbeinturm die Sorge ums Publikum? Man müsste wieder mehr Menschen mit der "Liebe zum Film infizieren. Das heißt: Die Menschen müssen nichts ins Kino; das Kino muss vielmehr zu ihnen, auf die Straße, hinein ins Leben. ... Man könnte so viel ausprobieren und spielerischer sein. Reißt die Stühle aus dem Kinosaal und legt Turnmatten für Kinder aus, damit sie Film auf ihre Weise schauen können, statt sie zur Ruhe zu ermahnen.  ... Man könnte sich viel offensiver mit der Clubkultur oder den Konzertveranstaltern zusammentun und mit Beamern betanzbare Filmräume erschaffen. ... Statt Stummfilmen mit Klavierbegleitung braucht es ein Tanzen in Tanzszenen, ein Knutschen in Filmküssen oder eine Stadtführung durch die Filmbilder einer Stadt. Am Horizont droht dabei natürlich das Urheberrecht. ... Um einen derartig freien und revoltierenden Umgang mit dem unerschöpflichen Archiv an Bildern zu verwirklichen, eine DJ-Kultur als filmischer Eroberung der Lebensräume, müssen Reformen her."

Weitere Artikel: Patrick Holzapfel verneigt sich in der NZZ vor Meryl Streep. Daniel Moersener (Zeit Online), Katrin Nussmayr (Presse), Daniel Kothenschulte (FR), Andreas Kilb (FAZ), Hanns-Georg Rodek (Welt) und Jenni Zylka (taz) schreiben weitere Nachrufe auf Donald Sutherland (mehr zu dessen Tod bereits hier). In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Filmemacher Volker Koepp zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Eva Trobischs "Ivo" (online nachgereicht von der FAZ, unsere Kritik) und Brigitte Weichs Dokumentarfilm "Ned, tassot, yossot" über Frauenfußball in Nordkorea (Standard).
Archiv: Film

Bühne

Szene aus "Als die Götter Menschen waren", inszeniert von FX Mayr am Deutschen Theater Berlin. Foto: Maximilian Borchardt


In der taz unterhält sich Andreas Fanizadeh mit dem österreichisch-iranischen Autor Amir Gudarzi über dessen Stück "Als die Götter Menschen waren", das gerade bei den Autorentagen am Deutschen Theater in Berlin aufgeführt wurde. Er greift darin "einen alten mesopotamischen Mythos auf, in welchem die Götter zunächst noch arbeiten mussten und sich deswegen die Menschen erschufen. Diese ließen sie dann für sich arbeiten. Es ist ein bisschen ein Spiel damit. ... Mich hat interessiert, was vor den antiken und religiösen Mythen schon an Erzählungen vorhanden war. Das Gilgamensch-Epos hat sich in manchem an das Atraḫasis-Epos angelehnt, das Alte Testament wiederum an die beiden. Es gab in dieser Weltregion im Nahen Osten viel mehr Austausch mit Europa, als man lange annahm. Nationale Grenzen existierten nicht, die Menschheitsgeschichte wurde stark als ein Ganzes wahrgenommen." Außerdem geht es im Interview um das Leben in Österreich, in dass Gudarzi 2009 floh, die Sexualmoral der Islamisten und das Theater im Iran, das heute "so gut wie tot" sei.

Gabi Hift resümiert in der nachtkritik die Wiener Festwochen, die 2024 den ganz großen Aufstand probten. Man konnte an Milo Raus Konzept viel kritisieren, findet sie. Und doch: "Diese fünf Wochen haben keine Lösung präsentiert, aber sie haben erstaunlich viele Menschen im saturierten Wien aus ihrer Erstarrung aufgeweckt. Die fast unerträgliche Unzufriedenheit mit der eigenen Hilflosigkeit, mit der alle zurückbleiben - in gewisser Weise GEMEINSAM zurückbleiben -, war auf jeden Fall alles Geld und alle Mühe wert und das Experiment der Wiener Republik ein Erfolg."

Weitere Artikel: In der FR stellt Peter Iden Aristophanes' Komödie "Vögel" vor. Michael Laages berichtet in der nachtkritik von der "Langen Nacht" der Autorentage 2024 am Deutschen Theater Berlin.

Besprochen werden Caroline Peters Solo in Maja Zades "Spinne" (ein "Ereignis der effektiven Schauspielkunst", schwärmt Ulrich Seidler in der BlZ, und auch nachtkritiker Christian Rakow meint: "Man darf das nicht verpassen!" obwohl ihm das Stück eine Spur zu selbstgefällig links ist. Aber "eine Erzählerin wie Peters mit ihrem offenen Visier und ihrem feinen Sinn für die Absonderlichkeiten des Alltags ist wahrlich selten, selbst in Berlin"), Penelope Wehrlis performative Installation "Anatomorphosen" im Garten des Dock 11 Eden in Berlin-Pankow (Tsp) und Ronny Jakubaschks Puppentheater "Gulliver im Land der Riesen" im Neuen Theater Halle (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

Der Pau Brasil, Brasiliens Nationalbaum, ist vom Aussterben bedroht. Das hat auch mit der Klassikbranche zu tun, schreibt Ulrich Haider in VAN: Das Holz des Baums, Fernambuk, wird vor allem "im mittel- bis hochklassigen Bereich" für den Instrumentenbau verwendet. Nun könnte der Artenschutz für den Baum hochgestuft werden - was einige Orchester bereits auf den Plan ruft, um dies zu verhindern. "Aber was, wenn genau diese Forderung zum Aussterben der Art beiträgt? Wenn wir Fernambuk schützen wollen, wenn es uns wirklich und aufrichtig um diesen besonderen Baum geht, muss die Frage anders gestellt werden: Wie können Orchester und Bogenbauer mit der notwendigen Listung in Anhang I umgehen und gleichzeitig ihre Tradition bewahren? Und wäre es nicht ein großartiges Zeichen, wenn die Kultur mit ihrer Strahlkraft als Vorbild auftritt und die eigenen Befindlichkeiten dem Artenschutz unterordnet?" Natürlich ist zunächst mit einem organisatorischen Mehraufwand zu rechnen. Auch die Bürokratie wird zunehmen, denn ohne ein Zertifizierungsverfahren und eine transparente Lieferkette wird der illegale Holzhandel nicht einzugrenzen sein. ... Wir stünden vor der Aufgabe, im Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern Lösungen zu finden, die einer überbordenden Bürokratisierung entgegenwirken."

Weitere Artikel: Für die WamS spricht Max Dax mit dem isländischen Pianisten Víkingur Ólafsson über Bach. Die Festivals, die im Sommer das Feierpublikum mit Kulturangeboten in die Natur locken, stehen unter immer größerem wirtschaftlichem Druck, schreibt Jonas Wahmkow in der taz. Jessica Ramczik schreibt in der Jungle World über das lange Hin und Her, das sich das Ende Juni in Mecklenburg-Vorpommern stattfindende Fusion-Festival nach dem 7. Oktober leistete, um letzten Endes doch bloß vor der israelkritischen Partymeute einzuknicken. Gunnar Meinhardt spricht für die WamS mit Leslie Mandoki. Besprochen wird ein Konzert des Jazzgitarristen Max Clouth in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik