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29.05.2024. Die FAZ fragt sich, ob ein Sparkassenmitarbeiter nach einer Hundekot-Attacke ebenso generös behandelt worden wäre wie Starintendant Marco Goecke. Auch die NZZ beschäftigt sich noch einmal mit dem Palast der Republik, einem Ort piefiger Protzigkeit, aber auch des Hyazinthengeruchs. Der Comiczeichner Joann Sfar ärgert sich im SZ-Interview über Menschen, die sich eine Fantasieversion des Nahen Ostens zusammenbasteln. Die Filmkritik ist sich uneins über Guy Nattivs Golda-Meir-Biopic.
Dass Marco Goecke, der Hundekotaggressor von Hannover, alsbald neuer Balletchef des Theaters Basel wird, findet FAZ-Autor Johannes Franzen gar nicht komisch. Insbesondere irritiert zeigt sich Franzen von dem Geniebonus, der Goecke offensichtlich eingeräumt wird, insbesondere auch in einer von der Täterperspektive dominierten Berichterstattung: "Es kommt selten vor, dass der Täter im Diskurs um seine Tat das Narrativ der Rehabilitierung selbst so umfangreich gestalten darf. Man stelle nur das Gedankenexperiment an, ein solcher Übergriff wäre nicht von einem sensiblen Künstlergenie verübt worden, sondern von einem im Kopfrechnen besonders begabten Sparkassenfilialleiter oder einem Autohausmitarbeiter am Rande des Burnouts. Beim besten Willen würde eine solche Tat nicht mit denselben Argumenten gerechtfertigt." Auf nachtkritikkommentiert Esther Slevogt.
Hannes Hintermeier hat in der FAZ derweil Spaß mit Michael Niavaranis Antike-Komödie "Venus & Jupiter", das ebenfalls in Wien, auf dem Festival "Theater im Park", aufgeführt wird. Spritziges Volkstheater wird hier geboten, ganz besonders, wenn Venus plötzlich als Mann erwacht: "Sie macht die größte Verwandlung durch - von der oberen Führungskraft im Götterhimmel zum Zipfelschwinger in Lederhose. Unten zwickt's, oben juckt der Bart. Das produziert Lachsalven, besonders wenn im Fall sexueller Erregung bei Octavia das Oberstübchen den Dienst quittiert und das 'Hochparterre' das Kommando übernimmt. Es geht viel um Küssen, Sex, Erektionen, Fürze, und da Teile des Ensembles breiten Wiener Dialekt sprechen, ist für ausreichend Fallhöhe zum hohen Ton der Götter gesorgt."
Außerdem: Wiebke Hüster berichtet in der FAZ von iranischen Choreografen und Tänzern, denen in ihrer Heimat die Ausübung ihres Berufes verboten wurde. Marco Frei schreibt in der NZZ über Querelen an der Bayerischen Staatsoper.
Besprochen werden ein gemixter Abend in der Frankfurter Alten Oper mit Stücken von unter anderem Peter Eötvös (FR), die Gob Squad-Aufführung "Dancing with our neighbours" im HAU Berlin (nachtkritik), eine "Peer Gynt"-Aufführung auf den Festpielen Bergen (FAZ), Sergej Prokofjews "Die Liebe zu den drei Orangen" am Theater Bremen (taz Nord) und Richard Strauss' "Elektra" am Theater Brandenburg (nmz).
In seinem eben in Frankreich erschienenen neuen Comic "Nous Vivrons" verarbeitet der französische ComiczeichnerJoannSfar seine Eindrücke vom jüdischenLebeninFrankreich nach dem 7. Oktober. Die aktuellen Entwicklungen rauben ihm den Schlaf, sagt er im Gespräch mit Léonardo Kahn für die SZ: "'Seit dreißig Jahren zeichne ich Juden, die wie Araber aussehen', sagt der Autor. Er zeichnet sie also so, wie er selbst und die meisten Juden in Frankreich tatsächlich aussehen. ... 'Es herrscht komplettes Unwissen über Israel und Gaza, die Menschen debattieren über eine Fantasieversion des Nahen Ostens.'" In den Neunzigern war er selbst propalästinensischer Aktivist gewesen, erzählt er. Seitdem "hat sich nicht nur der Konflikt im Nahen Osten zugespitzt, auch in Frankreich häuften sich die antisemitischen Angriffe. Das liege jedoch nicht an den Palästinensern, sondern an politischen Strömungen, die den Nahostkonflikt strategisch für sich nutzen wollen, so der Autor. 'Wären sie wirklich an Frieden interessiert, würden sie etwas gegen den Judenhass in ihren Reihen unternehmen', sagt Sfar, denn Antisemitismus sei der größte Feind der palästinensischen Sache."
"Unheimlich" findet es Reiner Stach in der SZ, dass Kafka auch auf Social Media "unter brennend bunten Scheinwerfern" steil geht. "Das kann auch nach hinten losgehen, war mein erster Reflex, als ich davon las." Das eine odere andere kleinere oder größere Scheißegewitter gab es auch schon, etwa in Brasilien, wo junge Social-Nutzer Kafka eine Vorliebe für Pornos andichten wollten. "Unschwer vorherzusehen, dass das Nachahmer finden wird auch auf anderen Kontinenten. Es ist das, was der Weltruhm heute mit Menschen und ihren Schöpfungen macht. Gelassen damit umzugehen, fällt schwer, obwohl wir doch allen Grund dazu haben. Denn der Shitstorm ist übermorgenvergessen, und Kafkas Werke leben seit einem Jahrhundert. 'Auch Du hast Waffen', lautet der letzte überlieferte Eintrag in seinem Tagebuch."
Außerdem: Für die Zeit spricht Volker Weidermann mit DonWinslow, der sich nach seinem aktuellen, heute auch in der SZ besprochenen Roman "City in Ruins" mit dem Schreiben aufhören möchte. Besprochen werden unter anderem NicoleHennebergs Biografie über die SchriftstellerinGabrieleTergit (JungleWorld), Jean-PierreAbrahams "Der Leuchtturm" (NZZ), FelicitasProkopetz' "Wir sitzen im Dickicht und weinen" (FR) und SašaStanišićs Erzählband "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Außerdem: Der Maler Frank Nitsche wehrt sich gegen den Rauswurf aus einer Ateliergemeinschaft, wie Birgit Rieger im Tagesspiegel nachzeichnet. Besprochen wird eine Retrospektive des Fotokünstlers Gregory Crewdson in der Wiener Albertina (Standard).
Auch die NZZbringt noch einen Text zur Ausstellung "Hin und Weg?" über den Palast der Republik an dessen ehemaligen Standort, dem Humboldt Forum (siehe hier und hier). Paul Jandl interessiert sich weniger für pro und contra, sondern rekonstruiert vor allem die Geschichte des Palastes: "Das Gebäude, dessen grosser Saal 5000 Menschen fasste, sollte für die Bürger zu einem öffentlichen Wohnzimmer werden. Eingerichtet mit piefiger Protzigkeit und durchweht vom Duft der Hyazinthen, die in den Blumenkübeln wuchsen, ist es dem Palast der Republik gelungen, sich vom Staat, der dahinterstand, ein Stück weit zu emanzipieren. Tatsächlich konnte man wohl unter den kulinarischen und popkulturellen Angeboten einer simulierten Freiheit die ungemütliche Präsenz des Hausherrn für ein paar Stunden vergessen. Das verschaffte dem Palast der Republik weit über sein Bestehen hinaus seinen Status als Nostalgie-Ort."
Helen Mirren als Golda Meir in "Golda" Timo Lindemann ist in der Jungle Worldsehr begeistert von GuyNattivs Biopic "Golda" über GoldaMeir, das vor allem auf den Yom-Kippur-Krieg 1973 fokussiert. "Es ist ein Verdienst von Nattivs Film, die Notwendigkeit der israelischen militärischen Stärke und ihrer konsequenten Anwendung gerade im Sinne eines Friedens, der den Namen verdient, ungebrochen zu zeigen - wider eine zeitgenössische internationale Öffentlichkeit, die sich bei Angriffen auf den jüdischen Staat lediglich zu halbherzigenBetroffenheitsfloskeln bequemt, um sodann im Angesicht einer israelischen Reaktion als Warner und Mahner über vermeintliche jüdische Aggression zu schwadronieren."
Philipp Stadelmaier in der SZ findet es indessen "nicht wirklich" naheliegend, den Film "als direkten Kommentar auf die Gegenwart Israels zu lesen. Im Gegenteil: Dieser Film, in dem die Innenräume praktisch nie verlassen werden, richtet sich in einem verstaubten, muffigen Museum der Vergangenheit ein, in dem Geschichte mehr erinnert als lebendig und 'gegenwärtig' gemacht wird. ... Diese Reduktion aufs Kammerspiel führt zu keiner tieferen Reflexion über das Geschehen, sondern zu einer oberflächlichenAusstattungsorgie: Hauptsache, die Telefone sind alt, die Frisuren akkurat, und man erkennt Helen Mirren unter ihrer Schminke kaum wieder." Der Film ist "im Grunde ein heroisierendes Historienspektakel, wie man es genauso über Churchill oder Bismarck drehen könnte oder gedreht hat, ein personalisiertes Gewissensdrama zwischen Entschlossenheit und Skrupeln", schreibt Thomas E. Schmidt in der Zeit. Außerdem erinnert in der Zeit Jan Ross an Meir als Mensch (unser Resümee in der Debattenrundschau).
Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit ToddHaynes über dessen neuen (heute auch in der FRbesprochenen) Film "May December" (mehr zu dem Film bereits hier). Ivona Jelčić führt im Standard durchs Programm des InternationalenFilmfestivalsInnsbruck. Marian Wilhelm stellt derweil im Standard Filme aus dem WienerKurzfilmfestival vor. In der FAZgratuliert Eva-Maria Magel ClaudiaDillmann, die von 1997 bis 2017 das Deutsche Filmmmuseum in Frankfurt geleitet hat, zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden AnjaSalomonowitz' Biopic "Mit einem Tiger schlafen" über die Künstlerin MariaLassnig (online nachgereicht von der FAZ), Dror Morehs Dokumentarfilm "Kulissen der Macht" über die US-Außenpolitik (FR), MichaelFetter Nathanskys "Alle die du bist" (Tsp) und die Netflix-Serie "Eric" mit BenedictCumberbatch (Presse). Außerdem informiert das Filmkritikerteam der SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.
AlinaBzhezhinskas und TonyKofis zwischen Ambient und Jazz pendelndes Album "Altera Vita" ist Balsam für wunde Seelen, schreibt Yelizaveta Landenberger in der taz. "Die Musik des Duos fühlt sich tatsächlich wie ein anderes Leben an, inmitten globaler Krisen. In den Genuss dieser kontemplativen Sounds kommen zu dürfen und die Aufmerksamkeit auf die schlichte, an keine bestimmte Zeit und Trends gebundene Schönheit des Zusammenspiels aus Harfe und Saxofon zu richten, tut gut." Die beiden Musiker "spielen nicht einfach zusammen, sie treten in einen suchenden Dialog, der in der eigenwilligen Formensprache ihrer Musik die grundlegenden Fragen menschlicher Existenz ergründet. ... Zum Tenorsaxofon von Kofi gesellen sich äußerst dynamische, ihn überlagernde positive Klänge von Bzhezhinskas Harfe, auch Percussion versprüht magischenDrive. Eine wunderbare Symbiose."
Weitere Artikel: Martin Fischer berichtet im Tagesanzeiger von Recherchen, dass offenbar zahlreiche ESC-Teilnehmer - darunter offenbar auch Nemo - planten, aus Protest gegen Israel ihre Teilnahme am Wettbewerb abzusagen. Das Oktoberfest verbietet GigiD'Agostinos Hit "L'amour toujours", nachdem Idioten ihn zu einem rassistischen Song umgetextet haben, berichtet Jonas Hermann in der NZZ. Frankreich begeistert sich für die Popsängerin ZahodeSagazan, schreibt Johanna Adorján in der SZ.
Besprochen werden ein Konzert des EnsembleModern in Frankfurt (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Slash mit Coverversionen ("hüftsteif und schreihalsig", winktStandard-Kritiker Karl Fluch ab).
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